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Die Gespenster – Zweiter Teil – Achtundvierzigste Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Zweiter Teil

Achtundvierzigste Erzählung

Zu Salzwedel entwindet sich eine Leiche ihrer Gruft.

Als der jetzige Amtmann zu Roskow bei Brandenburg, Herr Hartmann, dem ich diese Erzählung verdanke, und Herr Bürgermeister Göring zu Neuruppin, zur Fortsetzung ihres Studierens die Salzwedelsche Schule zu verlassen und die Universität zu beziehen im Begriff waren, gingen sie zu Salzwedel beim Untergang der Sonne an einem Sommertag zum Neuperbenschen Tor hinaus, um in den Kühlungen des angenehmen Abends zu lustwandeln. Noch zwei andere damalige Schüler, Frißer und Vogel, waren in ihrer Gesellschaft. Sie unterhielten sich auf diesem Spaziergang über scherz- und ernsthafte Gegenstände so gut, dass sie darüber das Umkehren fast vergessen hätten, denn es war bald Mitternacht, als sie durch das Lüchowische Tor in die Stadt zurückgekehrten. Die Straße vom Tor zu ihrer Wohnung ging zwar dem Katharinen- oder Neustädter Kirchhof zur Seite. Über den letzteren aber ging ein etwas näherer Fußsteig. Als junge Studierende, die über jenen kleinlichen Volkswahn längst hinweg waren, als sei es auf Begräbnisplätzen zur Stunde der Gespenster nicht geheuer, lenkten sie unwillkürlich und ohne den kleinsten Anstand zu nehmen, in diesen Richtsteig ein. Keiner von ihnen kümmerte sich anfangs um die Gräber rechts und links, zwischen welchen sie hin wandelten, bis plötzlich alle fast zu gleicher Zeit bemerkten, dass aus einem frischen Grabhügel die größere Hälfte einer weiß angezogenen Leiche hervorragte und nach der Bewegung zu urteilen, welche sie machte, sich gänzlich dem Grab entwinden zu wollen schien.

»Man kann leicht denken«, erzählte mir Herr Amtmann Hartmann, »dass wir, so frei wir auch von Gespensterfurcht zu sein glaubten, bei einem solchen Anblick doch gewaltig stutzten. Wie angenagelt standen wir einige Minuten auf dem Fleck still und beobachteten mit weit aufgerissenen Augen die Wundererscheinung. Indessen blieben unsere Wahrnehmungen dieselben, ohne dass unser höchstes Erstaunen durch dieses untersuchungslose Verweilen im Geringsten gemindert worden wäre. Die spukende Leiche steckte, so viel man in dem Halbdunkel der sternhellen Nacht auf etwa zwanzig Schritte Entfernung erkennen konnte, von Zeit zu Zeit den in die Höhe gehaltenen blendendweißen Arm aus der Erde weiter hervor, als wollte sie einen überirdischen Gegenstand ergreifen, um sich die Vollendung ihrer Auferstehung dadurch zu erleichtern. Unsere Pflicht war offenbar, ihr diese Erleichterung durch unsere Beihilfe zu gewähren. Das Wunderbare des Anblicks aber und aus Unentschlossenheit waren wir länger als fünf Minuten so pflichtvergessen, nicht hinzuzuheilen, unsere hilfreichen Hände nicht darzureichen.

Endlich wagte es Freund Göring mit mir, Hand in Hand auf den Grabhügel zuzugehen, um die unerhörte Erscheinung aus einem näheren Gesichtspunkt zu betrachten. Je näher unsere langsamen Schritte dem Ort des Spukens brachten, um so öfter streckte das stumme Gespenst den Arm nach uns aus, gleichsam, als wollte es die Beschleunigung unserer Hilfe erflehen. Die Empfindung, welche dadurch in uns erweckt wurde, war nichts weniger als mutmachend für uns. Wir stutzten vielmehr von Neuem. Es fehlte nicht viel, so wäre es um unsere Entschlossenheit geschehen gewesen. Zitternd traten wir dem Grabhügel näher und verscheuchten das Gespenst.

Eine weiße Gans übernachtete auf dem Hügel. Neugierig bei unserem Vorübergehen reckte sie den langen Hals aus, den wir für den Arm der Leiche hielten. Indem wir uns dem vermeintlichen Gespenst näherten, fürchtete die Gans beunruhigend zu werden. Sie wiederholte daher das Ausrecken und das Zurückziehen des Halses nun öfter, bis sie endlich davonlief und wir laut auflachten.«

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