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Der Alte vom Berge – Kapitel 9

C. F. Fröhlich
Der Alte vom Berge
Oder: Taten und Schicksale des tapferen Templers Hogo von Maltitz und seiner geliebten Mirza
Ein Gemälde aus den Zeiten der Kreuzzüge
Nordhausen, bei Ernst Friedrich Fürst, 1828

IX.

Das rege tätige Leben, die romantische Gegend, der Hafen mit seinen Masten, Wimpeln und Flaggen entlockten der christlichen Schar einen Ausruf der Freude. Nur Hugo blickte sinnend zur Erde, wünschte sich entbunden vom Gelübde und mit seiner Mirza ein freundliches stilles Plätzchen.

Der Wind war günstig. Die Galeote stachen mit der Schar in die See und pfeilschnell ging es nach Kahira zu.

Die Zeit verkürzte man sich durch kriegerische und abenteuerliche Erzählungen. Nach einigen Tagen trennten sich die beiden Galeoten, um einen weiten Strich des Meeres übersehen zu können.

»Hier auf dem stürmischen Ozean ist Linderung für dies heiße, glühende Herz«, seufzte der neue Waffenträger, »und so Allah will, finde ich hier die ewige Ruhe.«

»Ein junges Blut wie du«, meinte der herantretende Hugo, »muss nicht schwermütig sein. Wer weiß, wo dir die Freuden des Lebens noch blühen. Du errötest? Liebst du unglücklich?«

Diese Worte durchzuckten den Körper des Waffenträgers. Plötzlich aber richtete er die leuchtenden feurigen Augen auf den Pannerer und entgegnete langsam: »Ich kann auf dieser Erde nicht wieder glücklich werden, denn ich bin ein Sünder. Mein rasches feuriges Blut trug den Sieg über die Vernunft davon. Jetzt stehe ich allein auf der Welt, denn wagen darf ich es nicht, die zu lieben, die mein ganzes Herz besitzt. Doch ist es mir vielleicht von der Vorsehung vergönnt, mit ihr zu sterben!«

Diese letzten Worte mit Leidenschaft gesprochen, machten einen heftigen Eindruck auf Hugo. Sinnend schritt er auf dem Verdeck umher.

Von einem nicht zu heftigen Wind getrieben, durchschnitten die Galeoten die Fluten, als zwei Galeeren und eine Pinke nördlich herankamen, die man für feindliche erkannte. Obwohl Hugo es nicht wagen konnte, sich mit dem Feind in ein Gefecht einzulassen, so näherte er sich doch wieder der Galeote des Komturs, um im Notfall mit diesem vereint wirken zu können. Vergebens war aber ihr Bemühen, dem starken Feind auszuweichen. Man rüstete sich zur schrecklichsten Gegenwehr und bereitete sich nebenbei auf den Tod vor.

Eine feurige Rede entflammte den Mut der Christen bis zur Raserei. Der bedächtige Komtur wollte den Angriff des Feindes abwarten, während sich Hugo der einen feindlichen Galeere schon ganz genähert hatte. Auf dem Verdeck wimmelte es von kräftigen großen Sarazenen. Zu beiden Seiten Platz machend, wichen diese zurück, als ein alter großer Mann von einigen Assassinen umgeben erschien.

»Brüder, heute gilt es«, schrie Hugo, »dort ist der Alte vom Berge.«

Ein allgemeines Jauchzen war die Antwort. Die Enterhaken wurden angelegt, die Brücke fiel. Wie ein reißender Strom stürzten die Ritter zum feindlichen Verdeck. So

Heftig, wie der Andrang war, so kräftig wurde er zurückgewiesen. Der Alte winkte mit einem Stab und begeistert stürzten die Moslems den schon weichenden Christen auf der Brücke nach.

Mit einem Blick übersah Hugo die Gefahr, welche ihnen drohte und ließ die Ritter dicht zusammentreten, wodurch viele Sarazenen ins Meer gestürzt wurden. Diesen Augenblick der Verwirrung benutzte Hugo abermals, drang wieder auf das Verdeck und richtete ein schreckliches Blutbad unter den Feinden an.

Die Sarazenen in der Pinke hatten indessen die christliche Galeote, wo nur wenige Mann zur Verteidigung zurückgeblieben waren, erobert und rissen die Brücke und Enterhaken ab. Nun hatten die Templer nur unter Sieg, Tod oder Gefangenschaft zu wählen. Dieser Vorfall begeisterte sie zu den höchsten Taten.

Hugo an der Spitze durchbrach die Reihen der Sarazenen und stürmte gegen den Alten vor. Hier aber stieß er auf vier Assassinen, die den Alten verteidigten. Sein Schwert zuckte wie Blitze und zerschmetterte zwei Assassinen, aber in demselben Moment erhielt er einen Hieb auf den rechten Arm, dass er sein Schwert sinken ließ. Schon waren einige Schwerter gehoben, um ihm den Todesstoß zu geben, aber sein Waffenträger beschützte das Leben des Herrn. Ein heller Blutstrom, der zum Arm herablief, versetzte ihn in die höchste Raserei.

»Nieder mit den Heiden!«, schrie er. Die Templer wiederholten den Ruf.

Der Alte verschwand mit einem vornehmen Sarazenen vom Verdeck. Einige Feinde warfen die Waffen weg, andere stürzten sich ins Meer. Die wenigen, welche sich noch verteidigten, wurden niedergehauen.

Ein vollständiger Sieg, war auf der Galeere erfochten. Hugo traf in der Kajüte den Alten vom Berge und den Sohn des Paschas von Kahira, die freiwillig ihre Waffen ablegten.

Die angeschmiedeten christlichen Galeerensklaven wurden befreit und hieben noch manchen gefangenen Sarazenen nieder.

Der Komtur war nicht so glücklich gewesen, wie Hugo. Er hatte manchen braven Kämpfer verloren, weil er sich bemühte, dem Feind das Entern zu verwehren.

Auf der eroberten Galeere unternahm Hugo in Verbindung des Komturs einen Angriff auf die andere Galeere. Obwohl ihm noch das Blut heftig aus dem Arm quoll, stürmte er doch auf das feindliche Verdeck, welches mit Leichen bedeckt wurde. Da die Sarazenen der Pinke mit der eroberten Galeote entflohen, so waren die Feinde ganz verlassen. Ein Sieg war nicht mehr zu bezweifeln, aber Hugos Ungestüm trieb ihn zu weit vor. Vom Blutverlust erschöpft, war er einer Ohnmacht nahe. Er wankte und stürzte ohnmächtig nieder. Sein Waffenträger versuchte abermals, sein Leben zu verteidigen, aber eine Damaszenerklinge senkte sich tief in die Brust des getreuen Waffenträgers. Lautlos stürzte er zu Boden.

Die herbeieilenden Templer schützten Hugos Leben. Auch hier war ein Sieg erfochten, denn die meisten Feinde warfen die Waffen von sich oder stürzten sich ins Meer, ihren Propheten vergebens um Rettung anflehend.

Kaum war Hugos Wunde verbunden, befahl er, seine Galeere zu wenden, um dem Feind die Galeote wieder abzunehmen, aber der Komtur war dagegen.

»Der Zweck unserer Sendung ist erfüllt«, sprach er, »der gefährliche Alte und der Sohn des Paschas sind gefangen. Wir haben zwei herrliche Galeeren mit vielen kostbaren Waffen erbeutet und dagegen nur eine elende Galeote verloren. Wir sind sehr geschwächt, wie leicht könnten wir auf einen starken Feind stoßen, würden gefangen, der Alte und des Paschas Sohn befreit und uns die mit Blut errungenen Galeeren wieder abgenommen. Eine solche unbesonnene Tat könntet Ihr beim Orden nie verantworten, wenn Ihr wirklich wieder die Freiheit erhieltet!«

»Alter, Ihr habt recht«, entgegnete der Pannerer gutmütig.

»Was macht mein Waffenträger?«, fragte er einen in die Kajüte tretenden Ritter.

»Er will sich nicht verbinden lassen«, entgegnete der Befragte, »verlangt aber, Euch noch zu sprechen, denn der Tod wäre unvermeidlich.«

Hugo hatte den Getreuen in den wenigen Tagen recht lieb gewonnen. Bei seinem Eintritt in ein kleines Gemach verklärte eine freundliche Miene das Antlitz des Sterbenden. Totenblässe und Schweiß bedeckte bereits sein Gesicht. Ein umstehender Ritter musste auf seine Bitte Wasser bringen und sich dann entfernen.

»Es ist jetzt meine Sterbestunde«, sprach er mit matter Stimme, »Ihr sollt in aller Kürze meine Geschichte anhören. Ehe ich dies aber tue, weiht mich erst in das Christentum ein. Ich bin ein Sarazene!«

»Du ein Sarazene!«, schrie Hugo. Hastig ergriff er das Gefäß mit Wasser und weihte ihn durch die heilige Taufe zum Christen.

»Pannerer, Templer, Christ«, begann er nun mit leidenschaftlicher Stimme, »am Rande des Grabes fällt jeder Schleier, fällt jedes Geheimnis. Ich bin nicht das, wofür Ihr mich haltet. Ich bin ein Mädchen, wie Euch dieser jetzt blutige Busen zeigt. Unterbrecht mich nicht, denn ich habe nur noch Minuten zu leben. Mit vierzehn

Jahren raubte mich ein Aga, um seine Wollust zu befriedigen. Auch ich war feurig und gewährte ihm freiwillig, was er durch Gewalt auch erhalten konnte. Bald war mir jedoch dieser Verführer ganz verhasst. Ich floh nach Jerusalem, bot meine Reize feil und wurde dann die Geliebte des Turkopolen Brömser von Pleissenburg. Diesem Mann war ich nur aus Wollust, und weil er mich reichlich ernährte, gewogen. Aber seit jenem, mir unvergesslichen Abend, wo Ihr uns in der Laube überraschtet, wo ich Euch sah, wo ich Eure Worte ›Wenn Ihr Mut habt, so durchbohrt diese Brust‹, worauf Brömser verlegen und verstört dastand. Da erkannte ich, dass es etwas Höheres in der Welt gäbe, als gemeine Wollust. In Eurer Miene lag Unschuld und ein freudiges Vertrauen auf eine Belohnung jenseits. Euch bewunderte und liebte ich, während ich nur mit Abscheu an meine Lebensweise und an Brömser dachte. Ich wollte wieder gut, recht gut werden, aber die Bahn des Lasters ist leichter zu betreten, als davon abzukommen. Endlich reifte der Entschluss bei mir, als Waffenträger Dienste zu nehmen, um recht oft in Eurer Nähe zu sein. Jetzt, da schon dies Herz gebrochen ist, liebe ich Euch noch über alles. Jenseits sehen wir uns wieder, denn auch ich bin nun eine Christin. Glaubt mir, tapferer geliebter Templer, wenn jeder Christ so brav handelte wie Ihr, in wenigen Jahren würde es keine Mohammedaner mehr geben.« Tiefseufzend beendete sie ihre Erzählung.

Hugo ergriff ihre Hand und hielt sie fest in der seinen. Die Sterbende lächelte. Plötzlich richtete sie sich mit starren Augen in die Höhe. »Suleima, Suleima«, sprach sie, »empfängt dich an der goldenen Himmelspforte mit offenen Armen!« Röchelnd sank sie wieder zurück, warf noch einen wilden Blick auf Hugo und verschied.

Er war tief ergriffen, drückte ihr die schönen Augen zu und betete für das Heil ihrer Seele. Seinen weißen Mantel mit dem blutroten Kreuz deckte er über die Tote und gab Befehl, dass sein Waffenträger nicht in das Meer versenkt würde.

Die Rückfahrt wurde ziemlich still angetreten, denn die Ritter waren fast alle, teils schwer, teils leicht verwundet.

So sehr sich die an den Ruderbänken angeschmiedeten Sarazenen auch anstrengen mussten, um wieder im sicheren Hafen zu Joppe einzulaufen, so verstrichen wegen zu widrige Winde doch einige Tage mehr, als man glaubte.

Der Alte vom Berge und der Sohn des Paschas sprachen fast kein Wort. Hugo ging in ihre Kajüte und wendete sich an den Alten.

»Kennst du mich noch?«

»Wohl kenne ich dich«, war die Antwort,

»Du saßest bei mir in der Höhle als Gefangener, woraus du durch meine schändliche Tochter befreit wurdest. Auch bist du es, der mich in der Schlacht auf dem Libanon mit einem Bolzen auf der Brust hart verwundete, doch wurde ich durch Allahs Hilfe bald hergestellt. Als ich dich auf der elenden Galeote sah, da wusste ich schon, dass du Sieger würdest, denn in den Sternen steht es mit unauslöschlicher Schrift, dass du stets den Sieg über mich erringst!«

»Alter«, entgegnete der Pannerer, »du glaubst wohl, wegen deiner Sterndeuterei Kurzweil mit mir treiben zu wollen?«

»Sohn, frevle nicht«, rief feierlich der Alte, »wer von Allah auserwählt ist, die Sterne deuten zu können, der weiß jedes Menschen Schicksal.«

»Warum ließest du mich entfliehen, wenn du die Schicksale der Menschen weißt?«, fragte Hugo lächelnd.

»Was kümmern mich deine Schicksale«, polterte der Alte, »warst du doch damals in meiner sicheren Gewalt.«

»Wenn du in die Zukunft sehen kannst«, begann Hugo wieder, »warum gingst du zu Schiff?«

»Weil ich unter zwei Übeln das beste wählen wollte«, polterte der Alte. »Auf dem

Libanon harrte meiner ein grausamer Tod und hier nur Gefangenschaft. Erst sagte ich zwar, dass, als ich Euch in der Galeote gesehen hatte, Ihr Sieger würdet. Daher scheint es, als ob ich die Sterndeuterei nicht gut erlernt hätte. Um in allen Sachen richtig zu deuten, so muss man in der ersten Nacht jedes Monats die ganze Nacht hindurch observieren, denn oft verrücken sich die Sterne.«

»Gib mir bessere Beweise deiner Kunst«, meinte Hugo.

»Gut«, entgegnete jener etwas zürnend, »meine Tochter wird dich aus schwerer Sklaverei retten.«

»Ich will es mir merken«, lächelte Hugo.

»Wie viel Lösegeld verlangst du?«, fragte mit stolzer Miene der andere Gefangene.

»Ich habe darüber nicht zu bestimmen, sondern das Kapitel«, erwiderte Hugo. Indem ertönte der allgemeine freudige Ruf: »Land! Land!«

Auch Hugo eilte freudig auf das Verdeck und blickte mit Entzücken zur Küste.

Seine Wunde war unbedeutend, doch hatte ihn der Blutverlust sehr geschwächt.

Nachdem die Schiffe im Hafen von Joppe eingelaufen waren, ließ er den Leichnam der unglücklichen Suleima an Land bringen. Auf einem Hügel, von wo aus man eine herrliche Aussicht auf die Stadt und das Meer hat, ließ er ein Grab machen und sie beerdigen. Er weihte ihr eine heiße Träne und ließ Zypressen und Trauerweiden um das Grab pflanzen.

Aus verschiedenen Ursachen sahen sich die Templer genötigt, hier einige Tage zu verweilen. Am letzten Abend, als Hugo eben beim Grab Suleimas verweilte und die Zypressen und Trauerweiden seinen Schmerz zu teilen schienen, sprengte ein Templer mit einem Knaben unter dem weißen Mantel daher. Hugo erkannte bald in ihm den Turkopolier Brömser.

»Bruder Turkopolier«, rief ihm Hugo zu, »kommt doch herauf, ich habe Euch etwas zu zeigen!«

»Und was hat mir denn der Bruder Pannerer zu zeigen?«, fragte jener auf dem Hügel ankommend.

Hugo blickte ihn scharf an. »Ihr erratet es wohl nicht, wer hier schlummert?«, fragte er.

»Wollt Ihr mir weiter nichts als ein Grab zeigen, so konntet Ihr mir den kleinen Weg ersparen. Mir ist es einerlei, wer da ruht«, lautete die Antwort.

»Einerlei wird es Euch doch nicht sein«, beteuerte Hugo, »denn wisst, Suleima ruht hier!«

Brömser erblasste, fasste sich aber schnell und entgegnete: »Ich kenne keine Suleima, Valet!« Trällernd sprengte er fort.

»Elender Mensch!«, rief ihm Hugo nach, »du bist ganz zum Turkopolier geboren. Die Liebe einer Suleima verdienst du nicht, denn erst durch widrige Schicksale wich sie vom Weg der Tugend, den du noch nie gewandelt bist!«

Zum Glück hörte der wild fortjagende Brömser kein Wort davon.

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