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Allerhand Geister – Die harte Kur – Kapitel IV

Allerhand Geister
Geschichten von Edmund Hoefer
Stuttgart. Verlag der I. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1876

Die harte Kur

IV.

Der Anfall hinterließ auch dieses Mal nicht die geringsten, bedenklichen Folgen. Am nächsten Morgen war die Kranke kräftiger und, wenn man so will, frischer als je im Kreise der ihren. Sie redete sogar von Neuem über das gestrige Ereignis und gab von Neuem jene seltsame Erklärung ihres Zustandes. »Es ist rätselhaft«, fügte sie nun hinzu, »der Arzt glaubt mir nicht oder legt wenig Wert darauf, während ich es für das Qualvollste halten muss, was mir beschieden ist. Je stiller ich ruhe, je ferner mir …« Sie lächelte wehmütig. »… zuweilen alle Gedanken sind, desto sicherer kommt es. Dann mit einem Mal weiß ich wieder von mir. Dann fühle ich es leise, leise heranschleichen, sich zusammenziehen, sich gestalten, bis es schrecklich vor mir steht und auf mich einzudringen beginnt. Es ist grässlich!«

Diese Klagen, diese Gesprächigkeit über sich selbst, hätten ihrer Umgebung schon auffallen dürfen. Agnes hatte das bisher niemals getan. Allein für die Gegenwärtigen ging dies in feiner rechten Bedeutung dennoch verloren. Mit all unserer hochmütigen Einbildung und Prahlerei von Menschenkenntnis und Menschenbeobachtung bleiben wir hinter der Wahrheit gemeiniglich weit zurück, und es ist, als ob nach dem Sprichwort, ein blindes Huhn einmal eine Erbse fände, wenn wir zufällig das Richtige treffen. Zumal jene feinen, meistens nur flüchtig vorübergleitenden, kaum durchschimmernden Züge, in denen sich Wesen, Charakter und die augenblickliche innere Verfassung eines Menschen dem Erfahrenen noch am deutlichsten und sichersten verraten, bleiben von den meisten fast immer unbemerkt und unbenutzt.

Willmann war leider nicht zugegen, sondern schon am frühesten Morgen, da er die Gattin in guten Händen wusste, in die nächste Stadt gefahren, um »Geschäfte« zu besorgen. Doch hatte er versprochen, noch vor Mittag wieder daheim zu sein.

Agnes’ Zustand blieb nicht der günstige der ersten Morgenstunde. Es zeigte sich allmählich ein gewisses Nachlassen der geistigen Frische, als habe sie eben zu viel von sich verlangt. Sie versank allmählich wieder mehr und mehr in jene träumerische Stille, die sie der Unterhaltung der Übrigen entrückte und sie sozusagen nur für sich allein leben ließ. Man ergab sich, wenn auch mit Bedauern, darin und störte sie nicht. Als sie endlich, ohne Wort und Gruß, sich erhob und in die Steige des Gartens hineinging, ließ Sophie sie ruhig gewähren und beschwichtigte die Besorgnisse Louises.

»Sie geht sicher wieder zur sogenannten Moosbank, ihrem alten Lieblingsplatz«, sagte Sophie. »Es ist nicht fern und Gefahr kann es dort für sie nicht geben. Wir wollen nachher einmal bei ihr einsehen. Jetzt aber lasse sie. Sie ist ja leider, leider bei Weitem nicht wie unsereins. Sie bedurfte selbst früher, noch als Mädchen und in ihren erträglichsten Stunden solcher einsamen Ruhepausen. Wir haben es in den Tagen ihrer jetzigen Anwesenheit bei ihr ebenso gefunden. Sie geht fast jeden Tag einmal hinüber und mag dann selbst Willmann nicht in der Nähe haben.«

Agnes ging wirklich den vermuteten Weg, der sie durch den von der Sonne überglühten Garten und aus demselben hinaus, in das Gehölz führte, welches sich hier fast unmittelbar anschloss und von einigen mit Geschmack angelegten, wohlunterhaltenen Wegen durchschnitten war.

Die arme Frau atmete tief auf, als sie in den kühlen Schatten trat, denn der Tag war bereits sehr warm geworden. Die zurückgelegte Strecke war für ihre schwachen Kräfte eine anstrengende gewesen. Nach kurzem Anhalten ging sie aber langsam weiter und jenem, mehrfach erwähnten Lieblingsplätzchen zu. Es verdiente trotz seiner Einfachheit wirklich eine solche Liebe und das freundliche Andenken, das wir neulich Willmann ihm widmen hörten. Zwischen den Wurzeln einer gewaltigen alten Eiche, welche mit ihren knorrigen Zweigen und ihrem noch bräunlichen Laube einsam und wie ein Fürst zwischen den schlanken, lichtgrünen Buchen stand, erhob sich eine schlichte Moosbank zum bequemen Sitz. Ringsumher herrschte der tiefste Waldfriede, nur von dem Singen und Rufen der lustigen Vögel durchklungen, voll von dem wunderbaren Duft des frischen Laubes und all der Frühlingsblumen, welche in diesen Schatten noch üppig fortblühten – die Maiblumen, die Waldveilchen und Anemonen, die Erdbeerblüten, an den Ufern des Bachs, der durch den Waldgrund murmelte, das vielgeliebte Vergissmeinnicht.

Kurz, es war ein Platz, wie ihn in solcher Abgeschlossenheit und Ruhe, in solchem Duft und in so wohltuendem Schatten, ein träumerisches, nach Stille verlangendes Menschenkind sich nicht besser wünschen konnte. Alles umher lud zum Träumen ein, von allen Seiten her legte es sich weich und sanft, mit Milde und mit Frieden um den müden Kopf und das schwere Herz des einsam hier Weilenden.

Das bewährte sich auch an Agnes, obwohl dieselbe sicherlich nicht zum Träumen hierhergekommen war. Im Gegenteil, zuerst als sie auf den kleinen Platz trat und sich wirklich völlig allein und unbeobachtet fand, waren an ihr die Zeichen einer tiefen, fast leidenschaftlichen Erregung sichtbar geworden. Warum durfte der Gatte, warum durfte die Schwester sie so nicht sehen?

Ihre Hände klammerten sich ineinander, sie atmete rasch und kurz. In ihren Zügen erschien etwas, wie eine herbe, an Verzweiflung grenzende Trauer. Allein, als sie auf der Bank ruhte und alles umher so still blieb und so friedlich, da erlag sie, wenn auch ohne es zu wissen, mehr und mehr dem Zauber. Die Leidenschaft verschwand und die Verzweiflung, es wurde immer ruhiger in ihren Zügen. Aber – und wir müssen noch einmal fragen: Warum konnten die ihren dies nicht sehen!

Es war nun nicht jene sonstige, erschreckende, leblose Ruhe und Regungslosigkeit, sondern eine ganz andere, voll von tiefem Leben, voll von Bewegung. Auf der Stirn erschienen die Linien eines sehr ernsten, fast finsteren Nachdenkens. Die Augen schauten mit einem düsteren, aber auch entschlossenen Blick vor sich hin, und ihre ganze Erscheinung zeigte sich wirklich von einer Willenskraft durchdrungen und erhoben, die niemand außer dem Gatten in ihr suchte, an die niemand außer ihm glaubte.

Sie saß und dachte. Die Stirn wurde immer klarer, der Blick immer fester. Nichts störte sie. In der Entfernung von etwa zehn Minuten führte draußen ein Weg entlang, auf dem ein nicht ganz unbedeutender Verkehr herrschte. Zuweilen klang das Knarren von Rädern, der Zuruf eines Fuhrmanns an seine Gäule in die Waldeinsamkeit leise herüber. Allein es war immer nur der einzelne Laut, der nicht einmal die Vögel in ihrem Gesang und ihrem lustigen Treiben störte. Zu sehen war weit umher nichts als der Wald mit seinen schlanken, hochaufragenden Stämmen und dem üppig grünenden, dicht sich verschlingenden Gebüsch.

Mit einem Mal ließ sich ein anderer Ton vernehmen. Es hatte ein Fuß auf einen dürren Zweig getreten, wie solche abseits von den Wegen hier und da wohl zwischen dem wuchernden Kraut und Gerank unbeachtet geblieben waren. Der Laut kam nicht aus der Richtung, wo der Garten lag und die Freundinnen weilten oder sich vielleicht grade rüsteten, Agnes nachzugehen, sondern er klang von rückwärts, aus der einsamsten Waldtiefe.

Agnes’ Nachdenken war nicht so tief gewesen, dass sie dieses auffällige Geräusch nicht vernommen hätte. Sie sah mit einem Ausdruck der unangenehmsten Überraschung auf und sich um. Es kam ein Mann oder vielmehr ein Herr, denn er trug einen sauberen Reiseanzug, zwischen den Stämmen daher, eine große und zugleich starke Gestalt, mit einem verhältnismäßig kleinen Kopf, einem, anscheinend von der Anstrengung eines langen Weges geröteten, von einem starken, dunklen Bart umrahmten Gesicht und ebenso dunklen Augen, welche aufmerksam die Umgebung durchforschten. Nun fielen seine Blicke auf Agnes. Es brach wie ein Blitz aus seinen Augen hervor.

Die Wirkung dieser Erscheinung auf Agnes war eine erschreckende. Ihr Blick folgte, seit sie den Fremdling zuerst erblickt hatte, jeder seiner Bewegungen ersichtlich mit aller Kraft ihres Schauens. Auf ihren Wangen folgte dem ersten dunkel aufflammenden Erröten eine fahle Blässe. Statt des Nachdenkens und der Entschlossenheit erschien in ihren Zügen ein augenscheinlich furchtbarer Schrecken, der alsbald in ein – wir müssen sagen – lähmendes Entsetzen überging. Sie fuhr von ihrem Sitz auf und sank kraftlos zurück. Sie öffnete die Lippen zu einem Schrei, und es wurde nichts laut, als ein dumpfes Stöhnen. Es schien mit ihr, wie man zu sagen pflegt, völlig zu Ende zu sein.

Da war er mit ein paar Sätzen neben ihr und stand. Seine Augen ruhten auf ihr mit düsterem, bannendem Blick. »Den Teufel auch – das heiße ich Glück!«, sagte er mit tief gedämpfter, aber dennoch eigentümlich eindringlicher und verständlicher Stimme. »Da zerbreche ich mir den Kopf und mache Pläne über Pläne, wie ich zu dieser Dame kommen und eine kleine Unterredung mit ihr erlangen soll, und nun führt mein erster Schritt mich zu ihr, in so hübscher Einsamkeit!«

Sein Blick flog spürend über die gesamte Umgebung. Man sah es, dass ihm nicht das Geringste entging.

»Dahinaus liegt, glaube ich, der Garten, und zwar nahe«, sagte er im gleichen Ton und die Augen wieder auf Agnes heftend. Da sie, die regungslos, ja wie in einer Art von Bewusstlosigkeit, zurückgesunken am Stamm der Eiche ruhte, nichts zu erwidern vermochte, fügte er noch leiser, aber auch hörbar drohend hinzu: »Nun, wird’s bald? Raffen Sie sich auf! Zum Schwachsein und Komödienspielen haben wir keine Zeit – später mag es eher geben. Also – dort der Garten?«

Trotz des Schauders, der sie sichtbar erfasste, machte sie eine mühsame, kurze Bewegung mit dem Haupt.

»Also richtig. Und Leute darin, die hierherkommen könnten?«

Diese Mal seufzte Agnes nur.

»Nun also, dieser Platz ist entschieden zu exponiert für uns«, sprach er und erfasste zugleich ihre schlaff im Schoß ruhenden Hände und zog die anscheinend noch immer halb Bewusstlose mit einer raschen Bewegung vom Sitz auf. »Kommen Sie!«

Zum ersten Mal erhob sich ihr Auge mit einer Art von wirklichem, schauendem Blick. »Wollen Sie mich töten?«, stammelte sie mit einem Versuch, ihre Hände frei zu machen.

»Vorwärts, vorwärts!«, drängte er rau und versuchte sie fortzuziehen.

Aber mit dem zurückkehrenden Bewusstsein fing sie auch an, eine gewisse Fassung wiederzufinden, und statt nachzugeben, vermehrte sich ihr Widerstand.

»Was wollen Sie von mir?«, fragte sie mit einer Stimme, die kaum noch unsicher zu nennen war. »Was bezweckt dieser Überfall? Sie haben gesagt, mich in Frieden zu lassen …«

»Bah, bah!«, unterbrach er sie rau. »Sie haben doch von der kuriosen Entdeckung bei Wolfertshausen gehört? Da muss ich mir schon die Freiheit nehmen, von Ihnen neue und bessere Garantien des Schweigens zu verlangen! Und nun keine Silbe mehr! Kommen Sie!« Sein Auge traf sie mit finsterem, drohendem Blick, seine Finger umspannten ihre Hand. Er zog sie wirklich zwischen die ersten Stämme.

Allein, wenn er glaubte, ihren Widerstand durch einen solchen Angriff zu brechen, so war das ein ernster Irrtum. Agnes’ Natur war eine von jenen, welche die Angst vor der Gefahr lähmt, während die Gefahr selbst ihnen eine gewisse Fassung, und sei es auch nur jenen Trotz der Verzweiflung, wiedergibt, der sich, nach dem jeder Rückzug abgeschnitten zu sein scheint, bis zuletzt noch entgegenstemmt. Mit einer gewaltsamen Anstrengung war sie von ihm frei und sprang auf den Platz unter der Eiche zurück. Nun drohte auch ihr Blick.

»Noch einen Schritt, mein Herr«, rief sie tief aufatmend, »und ich rufe um Hilfe! Ich bin Gottlob nicht schutzlos!«

»Aha!« sagte er, »da bin ich also zur rechten Zeit gekommen, Schatz!« Indem hatte er ihre Hand mit festerem Griff wieder erfasst und riss sie zwischen die Stämme, hinter das nächste Gebüsch. »Keinen Laut, oder …!«

Der Angriff war so jäh und so unwiderstehlich, dass er sie im ersten Augenblick fast betäubte und sie widerstandslos wohl zwanzig Schritte weit ihm nachging. Da aber raffte sie sich noch einmal auf und stieß einen langen, verzweiflungsvollen, weithin gellenden Schrei aus.

Sie wurde mit eisernem Arm umfasst und zusammengepresst, dass sie fast den Atem verlor. Es legte sich etwas vor ihr Gesicht, das ihre Augen verhüllte und jeden Laut unmöglich machte. Dann fühlte sie sich aufgehoben und mit erschreckender Geschwindigkeit fortgetragen.

Aber ihre Ohren waren nicht verhüllt worden. Sie vernahm die rufenden Stimmen Sophies und der Freundin.

»Agnes … Agnes … wo bist du?«, klang es herüber. Sie machte eine furchtbare Anstrengung, ihre Hand aus der Umschlingung zu befreien. Allein es war umsonst. Sie konnte keine Bewegung machen. Indem vernahm sie eine Stimme von links herüber.

»Agnes, wo bist du? Agnes! Hier, hier! Ich komme!«

Das war die Stimme ihres Gatten, der also schon zurückgekehrt war und auf dem oben erwähnten Weg, der am Waldrand entlanglief, die Hilferufe gehört haben

musste. Aber was nützte es ihr? Ihr Träger eilte, wie schwer er auch keuchte, unaufhaltsam weiter.

Da stolperte er und stürzte nach ein paar taumelnden Schritten mit seiner Last auf den Waldboden, über Agnes’, seinem Arm entgleitenden Körper hin. Im nächsten Augenblick raffte er sich auf. Sie fühlte einen Stoß und Schmerz in der linken Seite. Dann vernahm sie das Rauschen eines Busches.

Sie fühlte es warm in der Seite werden und sich von jäher Schwäche übermannt. Mit einer letzten Anstrengung riss sie die Hülle vom Gesicht und schrie hell auf.

Gleich darauf sah sie wie durch einen Nebel Willmanns Gesicht sich über sie beugen, fühlte ihren Kopf erhoben. Ein dankbares Lächeln glitt durch ihre totenblassen Züge.

»Er war es«, flüsterte sie, »er … er … We…«

Sie vollendete das Wort nicht. Das Bewusstsein verließ sie.

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