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Die Gespenster – Zweiter Teil – Vierundvierzigste Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Zweiter Teil

Vierundvierzigste Erzählung

Ein boshafter Poltergeist zu Altenburg will eine Wöchnerin ermorden.

Vielleicht würde der wahrscheinliche Aufschluss mancher unentdeckten Spukgeschichte mehr Glauben finden, wenn man nicht aus einer gewisser Gutmütigkeit, die der Menschheit Ehre bringt, geneigt wäre, solche Erklärungen zu verwerfen, welche einen höheren Grad von Bosheit voraussetzen, als man menschlichen Kobolden gern zutrauen möchte. Nachfolgende Tatsache ist indessen leider ein redender Beweis, dass hier und da mitten unter Menschen auch wohl einmal ein eingefleischter, der Hölle entsprungener Teufel sein furchtbares Wesen treibt.

In der Herzoglichen Gotha’schen Stadt Altenburg kaufte ein Schuhmachermeister zu Ende des Januars 1794 aus dem städtischen Ratsforst einige Klafter Holz zu seinem Hausbedarf. Er ließ dieses Holz wie gewöhnlich sägen, spalten und im oberen Stock des Hauses, welches er bewohnte, regelmäßig und fest aufpacken. Nach den Gesetzen der Schwere war es unmöglich, dass diese gutgeschichteten Holzlagen von selbst hätten umfallen oder sonst die einzelnen Stücke Holzes hätten hinabstürzen können. Dessen ungeachtet ereignete sich spukenderweise beides und wohl noch etwas Wunderbareres.

Kaum befand sich das Holz auf dem Boden in gehöriger Ordnung, so polterte ein Stück nach dem anderen herab und erschreckte die Einwohner. Die im Erdgeschoss wohnenden Leute wurden zuerst aufmerksam darauf. Sie hatten die Holzkammer über ihren Köpfen und daher das Poltern gleichsam aus der ersten Hand. Auch vernahmen sie gleich anfangs unverkennbare Fußtritte eines galoppierenden Pferdes über sich. Der Schuster und seine Gesellen waren bemüht, die natürliche Ursache davon zu entdecken, allein es wollte ihnen durchaus nicht damit glücken. Dieser Umstand zog die Neugierigen aus der Nachbarschaft herbei. Da kam Jung und Alt, da kamen die Gevatterinnen, Muhmen, Basen und Nachbarleute von links und von rechts. Alle standen mit offenen Mäulern und vernahmen, sich bekreuzigend und unter tiefen Seufzern, die Wunder des Hauses. Ziemlich spät fiel es den Beherztesten unter den Gaffern ein, tun zu wollen, was man schon längst hätte tun sollen. Sie gingen auf den Holzboden, um es den Schustern in der Genauigkeit der Untersuchung zuvorzutun und des Poltergeistes, wo möglich, habhaft zu werden. Ihre Nachforschungen waren aber fruchtlos. Ihre Erwartungen schlugen fehl. Auch hatten sie so die Wut des Unholdes nur noch mehr angefacht, denn Letzterer erschwerte ihnen den Rückweg vom Boden sehr. Mehrere Stücke Holz flogen ihnen in den Rücken und um die Köpfe, sodass sie ungesegnet von der Treppe herabkamen. Unmittelbar darauf stürzte eine ganze Holzschicht nieder. Das Getöse, welches dadurch veranlasst wurde, war fürchterlich. Es war nicht anders, als ob das ganze Haus zusammenstürze. Alle im Haus erschraken heftig und zitterten am ganzen Leib. Niemand aber kam übler dabei weg, als die arme leidende Schusterfrau, welche tags zuvor entbunden worden war. In der Tat ist es ein größeres Wunder, als das spukhafte Poltern selbst, dass sie nicht auf der Stelle den Tod davon hatte, zumal da ihre Wochenstube unmittelbar an den Wohnsitz des unbegreiflichen Polterers grenzte.

Hier hieß es auch: Je länger, um so ärger!

Dem Hauskobold genügte es bald nicht mehr, große Stücke Holzes von der Treppe hinabzurollen und oben alles in die größte Unordnung zu bringen. Nein, sogar aus den Luken und Fenstern der Schusterwohnung schmiss er Holz auf die Straße hinab und neckte die Vorübergehenden, deren Köpfen es zu gelten schien.

So war nun das Gespenst – und wie hätte dies anders sein können – in den beiden Tagen seines boshaft genug geäußerten Daseins das Gespräch der ganzen Stadt geworden. Allgemein bedauerte und bemitleidete man die hilflose Wöchnerin wegen der Lebensgefahr, worin sie schwebte, indem der oft wiederkehrende Schrecken und die Angst vor dem Kobold ihr keine Ruhe ließen. Es konnte nicht fehlen, die Sache musste endlich die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich ziehen. Es fanden sich einige ungläubige Herren vom Magistrat ein, teils, um sich mit eigenen Sinnen von der Wahrheit des ihnen angezeigten wunderbaren Herganges zu überzeugen, teils, um womöglich gerichtlich auszumitteln, ob und welche Art des Betruges etwa stattfinden möchte. Sie durchsuchten mit einigen anderen denkenden und beherzten Männern den ganzen Wohnsitz des Poltergeistes. Ihr Spüren nach der natürlichen Ursache dessen, was man einem Geist zuschrieb, war, was man genau nennt, aber fruchtlos lief es dennoch ab. Sie fanden kein Gespenst, sie hörten nicht poltern, und das spukende Holz verhielt sich ruhig. Schon waren sie im Begriff, ihre Untersuchung als beendet anzusehen, schon hatten sie auf der Bodentreppe die Hälfte des Weges ins Erdgeschoss zurückgelegt, um heimzugehen – siehe, da polterte plötzlich das Holz wie geflügelt hinter sie her. Ihre Rippen und Köpfe wurden teils bedroht, teils wirklich verwundet. Man kehrte entschlossen auf der Stelle zurück, um den mordsüchtigen Unhold auf frischer Tat zu ertappen; allein da war an kein Ertappen zu denken. Man suchte ihn allenthalben, und entdeckte ihn nirgends.

Diejenigen in der Stadt, welche dem Gespensterglauben hold waren – und deren Anzahl soll nicht gering sein – bespöttelten laut die wohlweisen Herren, welche kopfschüttelnd mit einer langen Nase abziehen mussten. Ja, man sagte ihnen sogar nach, sie hätten einige Stücke des beflügelt- spukenden Holzes auf das Rathaus bringen lassen, um zu erfahren, ob sie auch dort dem Ofenloch der Sessionsstube entlaufen und von der Rathaustreppe hinabpoltern würden. Es habe sich indessen daselbst ganz ruhig verhalten, zum klaren Beweis, dass man es wenigstens dahingestellt sein lassen müsse, ob wirklich die mit den Seufzern der ärmeren Bürger beladene rastlose Seele eines längst verwesten Ratsmitgliedes sterbend in jenen Baum der Bürgerheide gefahren sei, welcher nun gefällt, zersägt und gespalten in jedem seiner Teile spuke.

Die Herren des Rats zuckten bei diesem Volksgeschwätz mitleidig die Achseln und überließen es ruhig der Zeit, den Trug, welchen sie nicht hatten entdecken können, ans Tageslicht zu bringen. Wirklich geschah dies auch schon am dritten Tag.

Der Wirt vom Haus begegnete auf der Bodentreppe einer Magd, die ihm durch ihr schüchternes, verlegenes Wesen verdächtig wurde. Sie war die nämliche, welche noch vor wenigen Wochen bei seinem Mietsmann, dem Schuster, gedient hatte, von dessen Ehefrau aber zu Weihnachten 1793 entlassen worden war, weil sie sich eines verbotenen Umgangs mit dem Schuster verdächtig gemacht hatte. Der Hausherr redete sie scharf an und befahl ihr, gleich auf der Stelle zu gestehen, wie sie auf den Boden gekommen sei, und was sie da zu tun gehabt habe. Anstatt ihm eine genügende Antwort zu erteilen, stotterte sie vielmehr in sichtbarer Verlegenheit einige unzusammenhängende Worte her. Auf diese Verdachtsäußerung schleppte er sie gewaltsam in seine Stube und hielt sie stundenlang gefangen. Man denke! Plötzlich war im Haus die lange vermisste Ruhe hergestellt und man hörte während ihrer Gefangenschaft nicht das geringste spukhafte Poltern, da es doch bis zum Augenblick, in welchem die Magd von der Treppe kam, ununterbrochen getobt hatte.

Der Hausherr überlieferte die Magd den Stadtgerichten und teilte ihnen seine Beobachtungen und Vermutungen mit. In der Tat bestätigten sie sich auch bald als vollkommen begründet. Mit einer gewissen frechen Unbefangenheit tat sie in den mit ihr angestellten Verhören folgendes merkwürdige Geständnis:

Der Schuhmachermeister, sagte sie aus, habe seit Jahr und Tag ein Auge auf sie gehabt und im Umgang mit ihr gestanden. Auch habe er versprochen, sie zu ehelichen, sobald seine Frau gestorben sein werde. Natürlich habe sie diesen Zeitpunkt sehnlich herbeigewünscht, aber nie gewagt, dem Gedanken Raum zu geben, das ihr im Wege stehende Weib gewaltsam ums Leben zu bringen. Da sie aber einmal gehört habe, dass Seelenangst und heftiger Schrecken einer Wöchnerin leicht den Tod zuziehe, und da sie es für keine große Sünde halten könne, durch dergleichen Mittel den Tod der Schusterin, mithin ihr eigenes Glück, zu beschleunigen. So habe sie sich an dem Tag der Niederkunft der Meisterin unbemerkt in deren Wohnung geschlichen und mit dem Holz fleißig gepoltert und geschmissen. Während der angestellten Untersuchungen, woher das Poltern käme, habe sie sich in einem finsteren Loch des altfränkisch gebauten Hauses, welches nur ihr und dem Meister bekannt sei, verborgen gehalten. Man untersuchte die Richtigkeit ihrer Aussage in Absicht des geheimen Loches und fand dieses auch wirklich so versteckt, dass es schwerlich ohne ihre eigene Anzeige würde entdeckt worden sein. Der Schuhmacher wurde zu einer starken Geld-, die Magd zur sechsjährigen Zuchthausstrafe verurteilt.

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