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Die drei Musketiere 27

Alexander Dumas d. Ä.
Die drei Musketiere
4. bis 6. Bändchen
Historischer Roman, aus dem Französischen von August Zoller, Stuttgart 1844, überarbeitet nach der neuen deutschen Rechtschreibung

XI.

Die Frau von Athos

»Wir müssen uns nun noch Kunde von Athos verschaffen«, sagte d’Artagnan dem munter gewordenen Aramis, als er ihn von dem, was seit ihrer Abreise in der Hauptstadt vorgefallen war, in Kenntnis gesetzt, und nachdem ein vortreffliches Mittagsbrot den einen seine These, den andern seine Müdigkeit vergessen gemacht hatte.

»Glaubt Ihr also, es könnte ihm ein Unglück widerfahren sein?«, fragte Aramis. »Athos ist so kaltblütig, so mutig und weiß seinen Degen so geschickt zu handhaben.«

»Allerdings, und niemand ist mehr geneigt, als ich, den Mut und die Geschicklichkeit von Athos anzuerkennen, aber ich lasse mich lieber mit Lanzen als mit Knitteln angreifen. Ich fürchte, Athos ist von dem Bedientenvolk gestriegelt worden. Die Knechte sind Leute, welche gewaltig schlagen und nicht so bald aufhören. Das ist der Grund, warum ich so schnell wie möglich abzureisen wünsche.«

»Ich werde es versuchen, Euch zu begleiten«, sagte Aramis, »obwohl ich mich kaum imstande fühle, zu Pferd zu steigen. Gestern versuchte ich die Geißel, welche Ihr dort an der Wand seht. Der Schmerz nötigte mich, diese fromme Übung zu unterbrechen.«

»Man hat auch noch nie gesehen, mein lieber Freund, dass Büchsenschüsse mit Geißelhieben geheilt werden. Aber Ihr wäret krank, und Krankheit schwächt, weshalb ich Euch entschuldige.«

»Und wann gedenkt Ihr abzureisen?«

»Morgen mit Tagesanbruch. Ruht diese Nacht so gut wie möglich, und morgen, wenn Ihr könnt, reisen wir mit Tagesanbruch.«

»Morgen also«, sagte Aramis, »denn so sehr Ihr auch von Eisen seid, so müsst Ihr doch wohl der Ruhe bedürfen.«

Als d’Artagnan am anderen Morgen bei Aramis eintrat, stand dieser an seinem Fenster.

»Was betrachtet Ihr da?«, fragte d’Artagnan.

»Meiner Treu! Ich bewundere diese drei prächtigen Pferde, welche die Stallknechte am Zaum halten. Es ist ein fürstliches Vergnügen, auf solchen Pferden zu reisen.«

»Nun, mein lieber Aramis, Ihr werdet Euch dieses Vergnügen machen, denn eines von den drei Pferden gehört Euch.«

»Ah! Ah! Und welches?«

»Dasjenige, welches Ihr auswählt. Ich gebe keinem den Vorzug.«

»Und die reiche Decke gehört auch mir?«

»Allerdings.«

»Ihr scherzt, d’Artagnan.«

»Ich scherze nicht mehr, seitdem Ihr wieder Französisch sprecht.«

»Also gehören mir diese vergoldeten Halfter, diese Sametschabracke, dieser silberbeschlagene Sattel?«

»Euch selbst, wie jenes sich bäumende Pferd mir, und das andere tänzelnde Athos gehört.«

»Teufel, das sind drei herrrliche Tiere!«

»Es freut mich, dass sie Eurem Geschmack entsprechen.«

»Also der König hat Euch dieses Geschenk gemacht?«

»Sicherlich nicht der Kardinal, aber kümmert Euch nicht darum, woher sie kommen, und denkt nur daran, dass eines derselben Euch gehört.«

»Ich nehme das, welches der rote Bediente hält.«

»Vortrefflich.«

»Bei Gott«, rief Aramis, »das befreit mich von dem Rest meines Schmerzes. Ich würde es mit dreißig Kugeln im Leib besteigen. Ah, bei meiner Seele, die schönen Steigbügel! Hollah! Bazin, komm hierher, sogleich!«

Bazin erschien trübe und lahm auf der Schwelle.

»Putze meinen Degen, stülpe meinen Hut auf, bürste meinen Mantel und lade meine Pistolen!«

»Letzteres ist unnötig«, unterbrach ihn d’Artagnan, »es sind geladene Pistolen in Euren Holstern.«

Bazin seufzte.

»Auf, Meister Bazin, beruhigt Euch. Man gewinnt das himmlische Reich in allen Lebenslagen.«

»Der gnädige Monsieur war ein so guter Theologe«, sagte Bazin weinerlich, »er wäre Bischof oder vielleicht Kardinal geworden.«

»Nun, mein armer Bazin, sieh und bedenke ein wenig: Ich bitte dich, wozu nützt es, ein Mann der Kirche zu sein? Man muss darum doch in den Krieg ziehen. Du siehst, dass der Kardinal den ersten Feldzug mit der Pickelhaube auf dem Kopf und mit der Partisane in der Faust macht, und Monsieur von Nogaret de la Valette – was sagst du von ihm? Er ist ebenfalls Kardinal. Frage seinen Lakaien, wie oft er Charpie für ihn gezupft hat.«

»Ach, ich weiß es, gnädiger Monsieur«, seufzte Bazin. »Alles ist heutzutage verkehrt in der Welt.«

Während dieser Zeit waren die zwei jungen Leute und der arme Lakai die Treppe hinabgegangen.

»Halte mir den Steigbügel, Bazin«, sprach Aramis.

Er sprang mit seiner gewöhnlichen Anmut und Leichtigkeit in den Sattel, aber nach einigen Volten und Kurbetten des edlen Tieres fühlte sein Reiter so unerträgliche Schmerzen, dass er erbleichte und wankte. D’Artagnan, der ihn in der Voraussicht dieses Unfalles nicht aus dem Blick verloren hatte, lief hinzu, fasste ihn in seinen Armen auf und führte ihn in sein Zimmer.

»Es ist gut, mein lieber Aramis, pflegt Euch«, sagte er, »und ich werde Athos allein aufsuchen.«

»Ihr seid ein eherner Mann«, erwiderte Aramis.

»Nein, ich habe Glück, das ist das Ganze. Aber wie wollt Ihr leben, bis ich zurückkomme? Keine These? Keine Glosse über die Finger und die Segnungen mehr, nicht wahr?«

Aramis lächelte.

»Ich werde Verse machen«, sprach er.

»Ja, Verse so duftend wie das Billett der Kammerjungfer der Frau von Chevreuse. Lehrt Bazin die Verskunst, das wird ihn beruhigen. Was Euer Pferd betrifft, so reitet es jeden Tag ein wenig, damit Ihr Euch an seine Manöver gewöhnt.«

»O, was das betrifft, seid unbesorgt«, sprach Aramis, »Ihr werdet mich bereit finden, Euch zu folgen.«

Sie nahmen Abschied, und zehn Minuten danach trabte d’Artagnan in der Richtung Amiens, nachdem er zuvor seinen Freund der Wirtin und Bazin empfohlen hatte.

Wie sollte er Athos wiederfinden und durfte er ihn überhaupt zu finden hoffen?

D’Artagnan hatte Athos in einer äußerst kritischen Lage zurückgelassen und er konnte wohl unterlegen sein. Dieser Gedanke verdüsterte d’Artagnan’s Stirn und veranlasste ihn zu ganz leisen Racheschwüren. Von allen seinen Freunden war Athos der Älteste und folglich derjenige, welcher ihm in Geschmack und Sympathien scheinbar am wenigsten nahestand. Er hegte jedoch für diesen Edelmann eine sichtbare Vorliebe. Das edle stolze Aussehen von Athos, diese Blitze von Größe, welche von Zeit zu Zeit aus den Schatten hervorsprangen, in denen er sich freiwillig eingeschlossen hielt, diese unveränderliche Gleichheit der Gemütsart, die ihn zum angenehmsten Kameraden von der Welt machte, und diese beißende Heiterkeit, dieser Mut, den man hätte blind nennen können, wenn er nicht das Resultat der seltensten Kaltblütigkeit gewesen wäre. All diese Eigenschaften nötigten d’Artagnan mehr als Achtung, mehr als Freundschaft, sie nötigten ihm volle Bewunderung ab.

Selbst Monsieur de Tréville, dem eleganten und edlen Hofmann gegenüber, konnte Athos in seinen Tagen schöner Laune mit Vorteil einen Vergleich standhalten. Er war von mittlerer Gestalt, aber diese Gestalt war so bewundernswürdig gebaut, so verhältnismäßig, dass er bei seinen Kämpfen mit Porthos diesen Riesen, dessen Körperkraft unter den Musketieren sprüchwörtlich geworden war, mehr als einmal bezwungen hatte. In seinem Kopf mit den blitzenden Augen, mit der Adlernase, mit dem Brutuskinn lag ein Charakter unbeschreiblicher Größe und Anmut. Seine Hände, auf die er keine Sorgfalt verwendete, brachten Aramis zur Verzweiflung, der die seinen mit Hilfe von sehr viel Mandelteig und wohlriechendem Öl pflegte. Der Ton seiner Stimme war zugleich durchdringend und melodisch, und dabei hatte Athos, der sich immer klein und dunkel machte, etwas ganz Unerklärliches an sich, diese genaue Vertrautheit mit der Welt und den Gebräuchen der guten Gesellschaft, diese Gewohnheit an ein vornehmes Leben, die sich ganz unwillkürlich selbst in seinen geringsten Handlungen kundgab.

Sollte ein Festmahl stattfinden, so vermochte es niemand in der Welt besser zu ordnen, als er, indem er jeden Gast an den Platz und nach dem Rang setzte, den er vermöge seiner Ahnen oder seines eigenen Verdienstes ansprechen durfte. War von heraldischer Wissenschaft die Rede, so kannte Athos alle edlen Familien des Königreichs, ihre Genealogie, ihre Verbindungen, ihre Wappen und den Ursprung ihrer Wappen. Die Etikette hatte keine, wenn auch noch so kleinliche Rücksichten, die ihm fremd gewesen wären. Er war vertraut mit den Rechten der großen Grundeigentümer, er besaß vollkommene Kenntnisse im Jagdwesen und in der Falknerei, und er hatte eines Tages, als er über diese große Kunst sprach, den König Ludwig XIII., der doch für einen Meister galt, in Erstaunen gesetzt. Wie alle große Messieurs dieser Zeit war er ein vollendeter Reiter und ein ausgezeichneter Fechter.

Mehr noch: Man hatte seine Erziehung sogar hinsichtlich der scholastischen Studien, welche damals unter Edelleuten so selten zu finden waren, so wenig vernachlässigt, dass er oft bei den lateinischen Brocken, welche Aramis zum Besten gab und Porthos verstehen wollte, sich eines Lächelns nicht enthalten konnte. Einige Male war es sogar zum großen Erstaunen seiner Freunde vorgekommen, dass er, wenn Aramis sich eines Fehlers in den Rudimenten schuldig machte, das Verbum in sein Tempus und das Nomen in seinen Casus setzte. Überdies war seine Redlichkeit unantastbar in einem Jahrhundert, wo es die Kriegsmänner mit ihrer Religion und ihrem Gewissen, die Liebenden mit dem strengen Zartgefühl und die Armen mit dem siebten Gebot des Herrn so leicht nahmen. Athos war also ein sehr ungewöhnlicher Mann.

Und doch sah man diese so ausgezeichnete Natur, dieses so schöne Geschöpf, dieses so gesund organisierte Wesen sich unmerklich dem materiellen Leben zuwenden, wie sich die Greise den körperlichen und geistigen Schwächen zuwenden. In seinen Mußestunden, und diese kamen sehr häufig vor, erlosch Athos ganz in seinem leuchtenden Teil und seine glänzende Seite verschwand in einer tiefen Nacht. Wenn dann der Halbgott unsichtbar wurde, blieb kaum noch ein Mensch übrig. Mit gesenktem Kopf, mattem Auge und schwerer Zunge schaute Athos Stunden lang seine Flasche, sein Glas oder Grimaud an, der gewöhnt war, ihm auf Zeichen zu gehorchen und im stummen Blick seines Gebieters sein geringstes Verlangen las, das er auch sogleich befriedigte. Fand in einem solchen Augenblick eine Zusammenkunft der vier Freunde statt, so war ein gewaltsam ausgestoßenes Wort das einzige Kontingent, das Athos zu ihrem Gespräch lieferte. Dagegen trank Athos ganz allein für vier, und zwar, ohne dass dies durch etwas anderes als durch ein stärkeres Runzeln der Stirn und durch eine tiefere Traurigkeit sichtbar wurde.

D’Artagnan, dessen forschenden durchdringenden Geist wir kennen, hatte bis jetzt, so sehr ihm daran lag, auch seine Neugierde in dieser Beziehung zu befriedigen, noch keinen Grund für diese seltsame Erscheinung aufzufinden, und die Ereignisse, die ihr vorangegangen sein mussten, noch nicht zu erforschen vermocht. Nie empfing Athos Briefe, nie tat er einen Schritt, der nicht all seinen Freunden bekannt gewesen wäre. Man konnte nicht sagen, der Wein versetzte ihn in diese Traurigkeit, denn er trank im Gegenteil nur, um diese Traurigkeit zu bekämpfen, welche sich, wie bemerkt, durch dieses Gegenmittel noch düsterer gestaltete. Man konnte dieses Übermaß von Missmut nicht dem Spiel zuschreiben, denn im Gegensatz zu Porthos, welcher alle Wechselfälle des Spieles mit seinen Flüchen oder Liedern begleitete, blieb Athos ebenso unempfindlich, wenn er sowohl gewonnen als auch verloren hatte. Man hat ihn in Gesellschaft der Musketiere an einem Abend dreitausend Pistolen gewinnen, sein Pferd, seine Waffen, ja sogar das goldgestickte Wehrgehänge für Galatage verlieren und später das alles und noch hundert Louisd’or dazu wieder gewinnen gesehen, ohne dass sich seine schönen schwarzen Augenbrauen auch nur um eine halbe Linie erhöht oder gesenkt hätten, ohne dass seine Hände ihre Perlmutterfarbe verloren, ohne dass seine Unterhaltung, welche an diesem Abend sehr angenehm war, aufgehört hätte, ruhig und freundlich zu sein.

Ebenso wenig war es, wie bei unseren Nachbarn, den Engländern, ein atmosphärischer Einfluss, der sein Gesicht verdüsterte, denn diese Traurigkeit nahm gewöhnlich in der schönen Jahreszeit überhand. Juni und Juli waren die furchtbarsten Monate von Athos.

Für die Gegenwart hatte er keinen Kummer. Er zuckte die Achseln, wenn man von der Zukunft mit ihm sprach. Sein Geheimnis lag also in der Vergangenheit, wie man dies auf eine unbestimmte Weise d’Artagnan gesagt hatte.

Diese geheimnisvolle, über seine ganze Person verbreitete Färbung machte den Mann noch viel interessanter, der nie, selbst nicht einmal im Zustand vollkommener Trunkenheit, weder mit den Augen noch mit dem Mund etwas verraten hatte, so geschickt auch die Fragen gestellt gewesen sein mochten, die man an ihn richtete.

Der arme Athos ist vielleicht schon tot, dachte d’Artagnan. »Tot durch meine Schuld, denn ich habe ihn in diese Angelegenheit verwickelt, deren Ursprung er nicht kannte, deren Erfolg er nicht erfahren und woraus er nicht den geringsten Nutzen ziehen wird.«

»Abgesehen davon, gnädiger Monsieur«, erwiderte Planchet, »dass wir ihm wahrscheinlich das Leben zu verdanken haben. Ihr erinnert Euch, wie er schrie: ›Fort, d’Artagnan, ich bin gefangen!‹ Und nachdem er seine zwei Pistolen abgefeuert hatte, was für einen furchtbaren Lärm machte er mit seinem Degen! Man hätte glauben sollen, es wären zwanzig Menschen oder vielmehr zwanzig rasende Teufel!«

Diese Worte verdoppelten den Eifer d’Artagnans, der sein Pferd antrieb, welches, keines Antriebs bedürftig, seinen Reiter im schnellsten Galopp forttrug. Gegen elf Uhr morgens erblickte man Amiens. Um halb zwölf Uhr war man vor der Tür des schlimmen Wirtshauses.

D’Artagnan hatte oft gegen den treulosen Wirt auf eine Rache gesonnen, deren Hoffnung den Menschen tröstet. Er trat also, den Hut in die Augen gedrückt, die linke Hand am Degengriff und die Reitpeitsche mit der Rechten schwingend, in den Gasthof ein.

»Erkennt Ihr mich?«, sprach er zum Wirt, der ihm begrüßend entgegentrat.

»Ich habe nicht die Ehre, gnädigster Monsieur«, antwortete der Wirt, dessen Auge noch von dem glänzenden Aufzuge d’Artagnans geblendet war.

»Ah, Ihr kennt mich nicht?«

»Nein, gnädiger Monsieur.«

»Gut. Zwei Worte sollen Euch das Gedächtnis zurückgeben. Was habt Ihr mit dem Edelmann gemacht, den Ihr vor vierzehn Tagen der Falschmünzerei zu bezichtigen die Frechheit hattet?«

Der Wirt erbleichte, denn d’Artagnan hatte seine drohendste Stellung angenommen und Planchet formte sich nach seinem Gebieter.

»Ach, gnädiger Monsieur, sprecht mir nicht hiervon!«, rief der Wirt mit äußerst kläglicher Stimme. »Ach, gnädiger Monsieur, wie teuer musste ich dieses Versehen bezahlen! Ach, ich bin ein unglücklicher Mann!«

»Sprecht, was ist aus diesem Edelmann geworden?«

»Hört mich gnädigst an und verfahrt glimpflich. Habt die Gnade, setzt Euch.«

Stumm vor Zorn und Aufregung setzte sich d’Artagnan drohend wie ein Richter. Planchet lehnte sich stolz an seinen Stuhl.

»Hört die ganze Geschichte, gnädiger Monsieur«, fuhr der Wirt zitternd fort, »denn jetzt erkenne ich Euch. Ihr seid weggeritten, als ich den unseligen Streit mit dem Edelmann hatte, von dem Ihr sprecht.«

»Ja, das war ich. Ihr seht also, dass Ihr keine Gnade zu erwarten habt, wenn Ihr nicht die volle Wahrheit bekennt.«

»Wollt mich gnädigst anhören, und Ihr sollt alles erfahren.«

»Ich höre.«

»Ich war von den Behörden in Kenntnis gesetzt worden, es würde ein berühmter Falschmünzer mit mehreren seiner Gefährten, die sich alle als Garden oder Musketiere verkleidet hätten, in meinen Gasthof kommen. Eure Pferde, Eure Lakaien, Eure Gesichter, gnädigster Monsieur, alles war mir genau bezeichnet worden.«

»Weiter, weiter«, sprach d’Artagnan, welcher alsbald erkannte, woher ein so scharfes Signalement gekommen war.

»Ich ergriff also auf Befehl der Behörde, die mir eine Verstärkung von sechs Mann zuschickte, diejenigen Maßregeln, die ich für zweckmäßig hielt, um mich der angeblichen Falschmünzer zu versichern.«

»Auch noch!«, rief d’Artagnan, dem der Ausdruck Falschmünzer furchtbar die Ohren erhitzte.

»Vergebt mir, gnädiger Monsieur, dass ich solche Dinge sage, aber sie dienen gerade zu meiner Rechtfertigung. Die Behörde hatte mir Bange gemacht, und Ihr wisst, dass ein Wirt der Behörde gehorchen muss.«

»Aber noch einmal, wo ist dieser Edelmann? Was ist aus ihm geworden? Ist er tot? Lebt er?«

»Geduld, gnädiger Monsieur, wir kommen sogleich daran. Es geschah, was Ihr wisst, und Eure schleunige Abreise schien zu dem Verfahren zu berechtigen«, fügte der Wirt mit einer Schlauheit bei, welche d’Artagnan nicht entging. »Dieser Edelmann, Euer Freund, verteidigte sich wie ein Verzweifelter. Sein Bedienter, der durch ein unvorhergesehenes Unglück Streit mit den Leuten von der Behörde gesucht hatte, welche als Stallknechte verkleidet waren …«

»Ha, Elender«, rief d’Artagnan, »Ihr wäret also einverstanden, und ich weiß nicht, warum ich Euch nicht sogleich alle umbringe?«

»Ach, nein, gnädiger Monsieur, wir waren nicht alle einverstanden, wie Ihr sehen werdet. Euer Monsieur … Freund … vergebt, dass ich ihn nicht bei dem ehrenwerten Namen nenne, den er ohne Zweifel führt, aber wir wissen diesen Namen nicht … Euer Monsieur Freund zog sich, nachdem er zwei Menschen mit seinen zwei Pistolenschüssen kampfunfähig gemacht hatte, fechtend zurück, indem er sich mit seinem Degen verteidigte, wobei er einen von meinen Leuten zum Krüppel hieb und mich durch einen Schlag mit der flachen Klinge betäubte.«

»He, Henkersknecht, wirst du bald zu Ende kommen?«, rief d’Artagnan. »Athos! Was geschah mit Athos?«

»Indem er sich fechtend zurückzog, wie ich dem gnädigen Monsieurn gesagt habe, fand er hinter sich die Kellertreppe. Da die Tür offen war, so sprang er hinein. Sobald er sich im Keller befand, zog er den Schlüssel ab und verrammelte sich von innen. Da man überzeugt war, dass man ihn hier wiederfinden konnte, so ließ man ihn frei.«

»Ja«, sprach d’Artagnan, »man kümmerte sich nicht darum, ihn zu töten, man suchte ihn nur einzukerkern.«

»Gerechter Gott! Ihn einzukerkern, gnädiger Monsieur? Er kerkerte sich selbst ein, das schwöre ich Euch. Er hatte zuvor ein tüchtiges Stück Arbeit gemacht. Ein Mann lag tot auf dem Platz, zwei andere waren schwer verwundet. Der Tote und die zwei Verwundeten wurden von ihren Kameraden weggebracht. Nie habe ich mehr von dem einen oder von den andern sprechen hören. Ich selbst, als ich wieder zu Bewusstsein kam, suchte den Monsieur Gouverneur auf, dem ich alles erzählte, was vorgefallen war. Ich fragte ihn, was ich mit dem Gefangenen machen sollte, aber der Gouverneur sah aus, als wäre er aus den Wolken gefallen. Er sagte mir, er verstehe gar nicht, was ich da spreche. Die Befehle, die ich erhalten hatte, seien nicht von ihm ausgegangen, und wenn ich so unglücklich wäre, gegen irgendjemand zu äußern, dass er den geringsten Anteil an diesem heillosen Streit gehabt habe, so würde er mich hängen lassen. Es scheint, ich hatte mich getäuscht, gnädiger Monsieur, und den einen für den anderen genommen. Derjenige, welcher verhaftet werden sollte, war gerettet.«

»Aber Athos?«, rief d’Artagnan, dessen Ungeduld sich noch durch die Art und Weise verdoppelte, wie die Behörde die ganze Sache von sich abgelehnt hatte, »was ist aus Athos geworden?«

»Da mir daran liegen musste, eiligst mein Unrecht gegen den Gefangenen gut zu machen«, antwortete der Wirt, »so lief ich in den Keller, um ihn wieder in Freiheit zu setzen. Ach, gnädiger Monsieur, das war kein Mensch mehr, das war ein Teufel. Bei meinem Freiheitsantrag erklärte er, es sei eine Falle, die man ihm stellen wolle, und ehe er herausgebe, werde er Bedingungen machen. Ich erwiderte ihm ganz demütig, denn ich verhehlte mir die schlimme Lage nicht, in die ich mich dadurch gebracht hatte, dass ich an einen Musketier Seiner Majestät Hand anlegte. Ich erwiderte ihm, ich sei bereit, mich allen seinen Bedingungen zu unterziehen. ›Vor allem‹, sprach er, ›verlange ich, dass man mir meinen Bedienten vollständig bewaffnet zurückgibt.‹ Man beeilte sich, diesem Befehl zu gehorchen, denn Ihr begreift wohl, gnädiger Monsieur, dass wir bereit waren, alles zu tun, was Euer Freund verlangte. Monsieur Grimaud – dieser hat seinen Namen genannt, obwohl er nicht viel spricht – Monsieur Grimaud wurde also, obwohl verwundet, in den Keller hinabgelassen. Sobald er sich bei seinem Herrnn befand, verrammelte dieser wieder die Tür und befahl uns, in unserer Schankstube zu bleiben.«

»Aber wo ist er denn?«, rief d’Artagnan, »wo ist Athos?«

»Im Keller, gnädiger Monsieur.«

»Wie, Unglücklicher? Ihr haltet ihn seit dieser Zeit im Keller fest?«

»Gütiger Gott! Nein, gnädiger Monsieur. Wir ihn im Keller festhalten! Ihr wisst also nicht, was er in dem Keller gemacht hat? Ach! Wenn Ihr ihn herausbringen könntet, ich wäre Euch mein ganzes Leben dankbar, ich würde Euch anbeten, wie meinen Schutzpatron!«

»Also ist er da? Ich finde ihn dort?«

»Allerdings, gnädiger Monsieur. Er besteht darauf, im Keller zu bleiben. Jeden Tag reicht man ihm durch das Luftloch Brot an einer Gabel und Fleisch, wenn er es verlangt. Aber sein stärkster Verbrauch besteht leider nicht in Brot und Fleisch. Einmal versuchte ich es, mit zwei von meinen Aufwärtern hinabzusteigen, aber er geriet in eine furchtbare Wut. Ich hörte das Geräusch seiner Pistolen, die er lud, und seiner Muskete, die sein Bedienter lud. Als wir sie sodann fragten, was sie beabsichtigten, so antwortete er, sie hätten zusammen noch vierzig Schüsse abzufeuern. Sie würden sie eher abfeuern, als dass sie einem von uns den Eintritt in den Keller gestatteten. Ich ging sodann zum Gouverneur, gnädiger Monsieur, um mich zu beklagen. Dieser aber erwiderte mir, es geschehe mir ganz recht, und das würde mich wohl lehren, in Zukunft ehrenwerte Edelleute, welche bei mir einkehren, nicht mehr zu beleidigen.«

»Und seit dieser Zeit …«, versetzte d’Artagnan, der sich eines lauten Lachens über das erbarmungswürdige Gesicht des Wirtes nicht enthalten konnte.

»Und seit dieser Zeit, gnädiger Monsieur«, sprach dieser, »führen wir das traurigste Leben, das man sich denken kann, denn Ihr müsst wissen, dass alle meine Vorräte im Keller aufbewahrt sind: unser Flaschen- und unser Fasswein, das Bier, das Öl und die Spezereien, der Speck und die Würste. Und da es uns verboten ist, hinabzusteigen, so sind wir genötigt, den Reisenden, die bei uns ankommen, Essen und Trinken zu verweigern, sodass unser Gasthof von Tag zu Tag abnimmt. Verweilt Euer Freund noch eine Woche in unserem Keller, so sind wir geschlagene Leute.«

»Und das wäre nicht mehr als billig. Schuft! Sagt, hat man uns nicht an unserer Miene angesehen, dass wir Leute von Stand und keine Falschmünzer waren?«

»Ja, gnädiger Monsieur, ja, Ihr habt recht. Aber hört, hört, wie er wütet!«

»Ohne Zweifel wird man ihn gestört haben.«

»Man muss ihn wohl stören«, rief der Wirt. »Es sind soeben zwei vornehme Engländer bei uns angekommen.«

»Was weiter?«

»Was weiter! Die Engländer lieben den guten Wein, wie Ihr wisst, und diese haben vom besten verlangt. Meine Frau wird von Eurem Freund sich die Erlaubnis erbeten haben, eintreten zu dürfen, um diese Messieurs befriedigen zu können. Er hat es wahrscheinlich wie gewöhnlich abgeschlagen. Ach, gütiger Gott! Der Teufelslärm verdoppelt sich!«

D’Artagnan hörte wirklich auf der Seite des Kellers ein gewaltiges Getöse. Er stand auf. Der Wirt schritt, die Hände ringend, vor ihm her. Planchet folgte ihm, das geladene Gewehr in der Hand. So näherte er sich dem Ort der Handlung.

Die zwei fremden Messieurs waren in Verzweiflung. Sie hatten einen langen Ritt gemacht und starben beinahe vor Hunger und Durst.

»Das ist eine wahre Tyrannei!«, riefen sie in sehr gutem Französisch, obwohl mit etwas fremdem Akzent. »Es ist eine wahre Tyrannei, dass dieser Hauptnarr die guten Leute nicht über ihren Wein verfügen lassen will. Aus! Treten wir die Tür ein, und wenn er zu wütend ist, so schlagen wir ihn tot.«

»Warum nicht gar, Messieurs«, sagte d’Artagnan, seine Pistolen aus dem Gürtel ziehend. »Ihr werdet niemand totschlagen, wenn’s beliebt.«

»Gut, gut«, sprach Athos ruhig hinter der Tür, »man lasse sie nur ein wenig eintreten, diese Kleinkinderfresser, und wir werden sehen.«

So mutig die beiden englischen Messieurs sich gebärdet hatten, so schauten sie doch nun zögernd einander an. Man hätte glauben sollen, im Keller befinde sich ein ausgehungerter Wehrwolf, einer jener riesigen Helden der Volkssage, in deren Höhle niemand ungestraft eindringt.

Nach einer kurzen Pause stieg der Händelsüchtigste von ihnen die fünf oder sechs Stufen der Treppe hinab und gab der Tür einen Fußtritt, dass eine Mauer hätte bersten müssen.

»Planchet«, sprach d’Artagnan, seine Pistolen rüstend, »ich übernehme den oberen, übernimm du den unteren. Ah! Messieurs, Ihr wollt eine Schlacht! Ganz gut, sie soll Euch geliefert werden.«

»Mein Gott«, rief Athos mit hohler Stimme, »ich höre d’Artagnan, wie es mir scheint.«

»In der Tat!«, schrie d’Artagnan, »ich bin es, mein Freund.«

»Ah, dann ist es gut«, sprach Athos, »wir wollen sie bearbeiten, diese Türenstürmer!«

Die Fremden hatten ihre Degen ergriffen, aber sie fanden sich zwischen zwei Feuer gestellt. Sie zögerten noch einen Augenblick. Doch der Stolz trug wie das erste Mal den Sieg davon. Ein zweiter Fußtritt machte die Tür in ihrer ganzen Höhe erkrachen.

»Halt dich fertig, d’Artagnan, halt dich fertig!«, brüllte Athos, »halt dich fertig! ich schieße!«

»Messieurs!«, rief d’Artagnan, den die Überlegung nie verließ, »Messieurs, bedenkt wohl! Geduld, Athos. Ihr fangt einen schlimmen Handel an, bei dem Ihr sicherlich den Kürzeren zieht. Ich und mein Bedienter, wir feuern dreimal, ebenso viele Kugeln werden Euch vom Keller aus zugeschleudert. Dann haben wir noch unsere Degen, mit denen mein Freund und ich ziemlich gut zu spielen wissen, das versichere ich Euch. Lasst mich Eure und meine Sache abmachen. Ihr werdet sogleich zu trinken bekommen, darauf gebe ich Euch mein Ehrenwort.«

»Wenn noch etwas übrig ist«, knurrte Athos mit spöttischer Stimme.

Dem Wirt lief der kalte Schweiß über den Rücken. »Wieso? Wenn noch etwas übrig ist!«, murmelte er.

»Der Teufel! Es wird wohl noch etwas übrig sein«, erwiderte d’Artagnan. »Seid unbesorgt, sie werden zu zweit nicht den ganzen Keller ausgetrunken haben. Messieurs, steckt Eure Degen in die Scheide!«

»Gut, aber steckt Ihr ebenfalls Eure Pistolen in den Gürtel!«

»Gern!«

D’Artagnan gab das Beispiel, wandte sich sodann zu Planchet um und deutete ihm durch ein Zeichen an, er solle seine Muskete abspannen.

Hierdurch überzeugt, steckten die Engländer ihre Degen brummend in die Scheide. Man erzählte ihnen die Geschichte der Einkerkerung von Athos. Da sie gute Edelleute waren, so gaben sie dem Wirt Unrecht.

»Nun, Messieurs«, sagte d’Artagnan, »geht in Eurr Zimmer hinauf, und in zehn Minuten sollt Ihr alles bekommen. Dafür stehe ich Euch, was Ihr nur wünscht.«

Die Engländer grüßten und entfernten sich.

»Da ich jetzt allein bin, mein lieber Athos«, sagte d’Artagnan, »so öffnet mir gefälligst die Tür.«

»Sogleich«, erwiderte Athos.

Dann vernahm man ein Geräusch von unter einandergeworfenen Reisigbündeln und knarrenden Balken. Dies waren die Contrescarpen und Basteien von Athos, welche der Belagerte selbst zerstörte. Nach einem Augenblick wankte die Tür und man sah den bleichen Kopf von Athos erscheinen, der mit raschem Blick das Terrain musterte.

D’Artagnan warf sich ihm an den Hals und umarmte ihn zärtlich, dann wollte er ihn aus seinem feuchten Aufenthalt herausziehen. Nun aber merkte er erst, dass sein Freund wankte.

»Ihr seid verwundet«, sprach er.

»Nicht im Geringsten, ich bin schwer betrunken, das ist das Ganze. Um dies zu bewerkstelligen, ist nie ein Mensch in der Welt besser verfahren. Bei Gott! Monsieur Wirt, ich habe für meinen Teil wenigstens hundertfünfzig Flaschen getrunken.«

»Barmherzigkeit!«, rief der Wirt, »wenn der Diener nur halb so viel getrunken hat, als der Monsieur, so bin ich zugrunde gerichtet.«

»Grimaud ist ein Lakai von gutem Hause, der sich nicht erlaubt haben würde, auf dieselbe Weise ein Tägliches zu sich zu nehmen, wie ich. Er trank nur aus dem Fass. Halt! Ich glaube, er hat vergessen, den Zapfen wieder hineinzustecken. Hört Ihr, das läuft!«

D’Artagnan brach in ein schallendes Gelächter aus, das den Schauder des Wirts in ein hitziges Fieber verwandelte.

In demselben Augenblick erschien auch Grimaud hinter seinem Herrn, die schwere Büchse auf der Schulter mit wackelndem Kopf, wie trunkene Satyrn auf den Gemälden von Rubens. Er war hinten und vorn mit einer fetten Flüssigkeit benetzt, worin der Wirt sein bestes Olivenöl erkannte.

Der Zug ging durch den großen Saal und verfügte sich in das schönste Zimmer des Gasthofes, welches d’Artagnan aus eigener Machtvollkommenheit in Beschlag nahm.

Während dieser Zeit stürzten der Wirt und seine Frau in den Keller, der für sie so lange verschlossen gewesen war. Hier aber harrte ihrer ein furchtbares Schauspiel.

Jenseits der Festungswerke, die aus Reisigbündeln, Brettern, Balken und leeren Fässern bestanden, welche Athos nach allen Regeln der Strategie aufgehäuft, nun aber eingerissen hatte, um herausgehen zu können, sah man in Teichen von Öl und Wein die Gebeine aller verspeisten Schinken schwimmen, während eine Masse zerbrochener Flaschen den linken Winkel des Kellers füllte, und ein Fass, dessen Hahn offen geblieben war, durch diese Öffnung die letzten Tropfen seines Blutes vergoss. Das Bild der Verwüstung und des Todes herrschte hier, nach den Worten eines alten Dichters, wie auf dem Schlachtfeld.

Von fünfzig an den Balken aufgehängten Würsten waren kaum noch zehn übrig.

Das Jammergeschrei des Wirtes und der Wirtin durchdrang nun das Kellergewölbe. Selbst d’Artagnan wurde von ihrem lauten Wehklagen bewegt. Athos wandte nicht einmal den Kopf um.

Auf den Schmerz folgte die Wut. Der Wirt bewaffnete sich mit einem Bratspieß und rannte in seiner Verzweiflung in das Zimmer, in das sich die zwei Freunde zurückgezogen hatten.

»Wein!«, sprach Athos, als er den Wirt erblickte.

»Wein!«, rief der Wirt ganz außer sich. »Wein! Ihr habt mir für mehr als hundert Pistolen getrunken, ich bin ein geschlagener, verlorener zugrunde gerichteter Mann!«

»Bah!«, sagte Athos, »unser Durst ist immer gleich geblieben.«

»Wenn Ihr Euch nur mit dem Trinken begnügt hättet, aber Ihr habt alle Flaschen zerbrochen.«

»Ei, warum musstet Ihr mich auf einen Haufen treiben, der herunterrumpelte? Das ist Euer Fehler.«

»All mein Öl ist zugrunde gegangen.«

»Das Öl ist ein vortrefflicher Balsam für die Wunden, und der arme Grimaud musste doch die, welche Ihr ihm beigebracht habt, ein wenig einschmieren.«

»Alle meine Würste sind aufgegessen.«

»Es gibt eine ungeheure Menge Ratten in diesem Keller.«

»Ihr werdet mir alles bezahlen«, rief der Wirt verzweiflungsvoll.

»Dreifacher Schurke«, sagte Athos aufstehend, aber er fiel sogleich wieder zurück und gab dadurch einen Maßstab von seinen Kräften. D’Artagnan kam ihm, die Reitpeitsche schwingend, zu Hilfe.

Der Wirt wich einen Schritt zurück und machte sich durch einen Tränenstrom Luft.

»Das wird Euch die Gäste, welche Euch Gott schickt, auf eine höflichere Weise behandeln lehren«, sprach d’Artagnan.

»Gott schickt? Sagt lieber der Teufel.«

»Mein lieber Freund«, erwiderte d’Artagnan, »wenn Ihr unsere Ohren noch länger peinigt, so schließen wir uns alle vier in den Keller ein. Wir werden dann sehen, ob der Schaden wirklich so groß ist, wie Ihr sagt.«

»Ja, ja«, sprach der Wirth, »ich gestehe, ich habe unrecht, aber es gibt Gnade und Barmherzigkeit für jede Sünde. Ihr seid vornehme Messieurs und ich bin ein armer Wirt. Ihr werdet Mitleid mit mir haben.«

»Ah! Wenn du so sprichst«, sagte Athos, »so zerreißt du mir das Herz und die Tränen entströmen meinen Augen, wie der Wein deinen Fässern entströmte. Man ist kein so eingefleischter Teufel, wie man aussieht. Komm her, schwatzen wir miteinander.«

Der Wirt trat unruhig näher.

»Komm her, sage ich dir, und fürchte dich nicht«, fuhr Athos fort. »In dem Augenblick, wo ich dich bezahlen wollte, hatte ich meine Börse auf den Tisch gelegt.«

»Ja, gnädiger Monsieur.«

»Diese Börse enthielt sechszig Pistolen. Wo ist sie!«

»In der Gerichtskanzlei deponiert. Man sagte, es sei falsche Münze.«

»Gut! Lass dir meine Börse zurückgeben und behalte die sechszig Pistolen.«

»Aber, der gnädige Monsieur weiß doch, dass die Gerichtskanzlei nichts mehr zurückgibt, was sie einmal in ihrer Kasse hat. Wenn es falsche Münze wäre, dann dürfte man noch hoffen, aber leider sind es gute Goldstücke.«

»Mach das mit der Kanzlei ab, mein braver Mann. Darum kümmere ich mich um so weniger, als mir kein Livre mehr übrigbleibt.«

»Hört«, sagte d’Artagnan, »wo ist das alte Pferd von Athos?«

»Im Stall.«

»Wie viel ist es wert?«

»Höchstens fünfzig Pistolen.«

»Es ist achtzig wert, nimm es und alles ist abgetan.«

»Wie, du verkaufst mein Pferd?«, sprach Athos, »du verkaufst meinen Bajazet? Auf was soll ich den Feldzug machen? Auf Grimaud?«

»Ich bringe dir ein anderes«, sagte d’Artagnan.

»Ein herrliches!«, rief der Wirt.

»Wenn ein schöneres und jüngeres für mich vorhanden ist, so nimm das alte, und – jetzt Wein her!«

»Von welchem?«, fragte der Wirthwieder erheitert.

»Von dem, welcher hinten bei den Latten liegt. Es sind noch fünfundzwanzig Flaschen davon übrig. Die anderen zerbrachen insgesamt bei meinem Sturz. Rasch hinab!«

»Das ist ein wahrer Teufelskerl von einem Menschen«, sagte der Wirt. »Bleibt er nur vierzehn Tage hier und bezahlt alles, was er trinkt, so bin ich wieder geborgen.«

»Und vergiss nicht«, fuhr d’Artagnan fort, »vier Flaschen von demselben zu den englischen Messieurs hinaufzutragen.«

»Nun, mein Freund«, sprach Athos, »während er den Wein holt, erzähle mir, was aus den anderen geworden ist. Lass hören.«

D’Artagnan teilte ihm mit, wie er Porthos mir einer Quetschung im Bett und Aramis an einem Tisch zwischen zwei Theologen gefunden hatte. Als er seine Erzählung beendete, erschien der Wirt mit den verlangten Flaschen und mit einem Schinken, der zu seinem Glück außerhalb des Kellers geblieben war.

»Das ist gut«, sagte Athos, sein und d’Artagnans Glas füllend, »so viel von Porthos und Aramis. Aber Ihr, mein Freund, was habt Ihr und was ist Euch persönlich begegnet? Ihr seht so trübselig aus.«

»Ach! Ich bin wahrlich der Unglücklichste von uns allen.«

»Du unglücklich, d’Artagnan?«, sprach Athos. »Lass hören, sprich, auf welche Art bist du unglücklich?«

»Später«, sagte d’Artagnan.

»Später, und warum später? Weil du glaubst, ich sei betrunken, d’Artagnan? Merke dir wohl, ich habe nie klarere Ideen, awenn ich im Wein schwimme. Sprich also, ich bin ganz Ohr.«

D’Artagnan erzählte sein Abenteuer mit Madame Bonacieux.

Athos hörte ihm zu, ohne eine Miene zu verändern. Als er vollendet hatte, rief der Musketier: »Erbärmlichkeiten, lauter Erbärmlichkeiten!«

»Erbärmlichkeiten! Das ist immer Euer Wort«, sprach d’Artagnan, »das steht Euch sehr schlecht. Euch, der Ihr nie geliebt habt.«

Das tote Auge von Athos flammte plötzlich, aber es war nur ein Blitz. Es wurde wieder matt, wie vorher.

»Das ist wahr«, sagte er ruhig, »ich habe nie geliebt.«

»Ihr seht also wohl, Marmorseele«, sprach d’Artagnan, »dass Ihr unrecht habt, gegen uns, die wir ein zärtliches Herz besitzen, hart zu sein.«

»Zärtliches Herz, durchlöchertes Herz.«

»Was sagt Ihr da?«

»Ich sage, dass die Liebe eine Lotterie ist, wo derjenige, welcher gewinnt, den Tod gewinnt. Glaubt mir, mein lieber d’Artagnan, Ihr seid sehr glücklich, dass Ihr verloren habt. Wenn ich Euch raten soll, so verliert immer.«

»Sie hatte das Ansehen, als liebte sie mich so sehr.«

»Sie hatte das Ansehen.«

»Oh! Sie liebte mich.«

»Kind! Es gibt keinen Menschen, der nicht geglaubt hätte, sein Liebchen liebe ihn, und der nicht von seiner Geliebten betrogen worden wäre.«

»Euch ausgenommen, Athos, der Ihr nie geliebt habt.«

»Das ist wahr«, sprach Athos nach kurzem Stillschweigen, »ich habe nie geliebt. Lass uns trinken.«

»Aber unterstützt mich, belehrt mich, Ihr, der Ihr ein Philosoph seid«, sprach d’Artagnan, »ich bedarf der Weisheit und des Trostes.«

»Des Trostes, worüber?«

»Über mein Unglück.«

»Euer Unglück macht mich lachen«, sagte Athos die Achseln zuckend, »ich möchte wohl wissen, was Ihr sagt, wenn ich Euch eine Liebesgeschichte erzählen würde.«

»Die Euch begegnet ist?«

»Oder einem von meinen Freunden, was ist daran gelegen?«

»Sprecht, Athos, sprecht.«

»Wir wollen trinken, das wird besser sein.«

»Trinkt und erzählt.«

»Wirklich, das lässt sich machen«, sagte Athos, sein Glas leerend und wieder füllend. »Diese zwei Dinge gehen vortrefflich zusammen.«

Athos sammelte sich, aber je mehr er sich sammelte, desto bleicher sah ihn d’Artagnan werden. Er hatte die Periode der Trunkenheit erreicht, wo gewöhnliche Trinker fallen und einschlafen.

»Ihr wollt es durchaus haben?«, fragte er.

»Ich bitte Euch darum«, sagte d’Artagnan.

»Eurem Wunsch soll willfahrt werden. Einer von meinen Freunden, hört Ihr wohl? Nicht ich«, sprach Athos, sich mit einem düsteren Lächeln unterbrechend. »Einer von den Grafen meiner Provinz, das heißt im Berry, hochgeboren wie ein Dandolo oder ein Montmorency, verliebte sich in seinem fünfundzwanzigsten Jahr in ein sechszehnjähriges Mädchen, das so schön war wie eine Liebesgöttin. Durch die Naivetät ihres Alters leuchtete ein glühender Geist, kein Frauengeist, sondern ein Dichtergeist. Sie gefiel nicht, sie berauschte. Sie lebte in einem kleinen Dorf bei ihrem Bruder, der Pfarrer war. Beide waren in die Gegend gekommen, ohne dass man wusste, woher. Aber wenn man sah, wie schön sie und wie fromm ihr Bruder waren, so dachte man nicht daran, sie zu fragen, woher sie kämen. Überdies behauptete man, sie seien von guter Herkunft. Mein Freund, welcher der Gebieter dieser Ländereien war, hätte sie nach seinem Belieben verführen oder mit Gewalt wegnehmen können, denn er war der Herr. Wer wäre zwei Fremden, zwei Unbekannten zu Hilfe gekommen? Zu seinem Unglück war er ein ehrlicher Mann und heiratete sie. Der Narr, der Dummkopf, der Tropf!«

»Aber warum dies, da er sie liebte?«, fragte d’Artagnan.

»Nur Geduld«, erwiderte Athos. »Er führte sie in sein Schloss und machte sie zur ersten Dame der Provinz. Man muß ihr hierin Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie wusste ihren Rang vortrefflich zu behaupten.«

»Nun?«, fragte d’Artagnan.

»Nun! Eines Tages, als sie mit ihm auf der Jagd war«, fuhr Athos mit gedämpfter Stimme und sehr schnell sprechend fort, »fiel sie vom Pferd und wurde ohnmächtig. Der Graf eilte ihr zu Hilfe. Da sie in ihren Kleidern beinahe erstickte, so schlitzte er diese mit seinem Dolch auf und entblößte ihre Schulter. Erratet, was sie auf ihrer Schulter hatte, d’Artagnan?«

»Kann ich es wissen?«

»Eine Lilie«, sprach Athos. »Sie war gebrandmarkt.« Und Athos leerte mit einem Zug das Glas aus, das er in der Hand hatte.

»Grässlich!«, rief d’Artagnan, »was erzählt Ihr mir da?«

»Die Wahrheit, mein Lieber. Der Engel war ein Teufel. Das arme Mädchen hatte gestohlen.«

»Und was tat der Graf?«

»Der Graf war ein hoher Herr. Er hatte auf seinen Gütern die hohe und die niedere Gerichtsbarkeit. Er zerriss die Kleider der Gräfin vollends, band ihr die Hände auf den Rücken und knüpfte sie an einem Baum auf.«

»Himmel! Athos, ein Mord!«, rief d’Artagnan.

»Ja, ein Mord, nicht mehr«, sprach Athos bleich wie der Tod. »Aber es scheint, es fehlt uns an Wein.«

Er ergriff die letzte Flasche, welche noch übrig war, am Hals, setzte sie an den Mund und leerte sie auf einen Zug, als wäre es ein gewöhnliches Glas gewesen.

Dann ließ er den Kopf zwischen seine beiden Hände sinken, d’Artagnan aber blieb stumm vor Schrecken.

»Das heilte mich von allen Frauen, von den schönen, von den poetischen und von den verliebten«, sprach Athos sich wieder erhebend und ohne daran zu denken, die Fabel vom Grafen fortzusetzen. »Gott gewähre Euch eben so viel! Trinken wir!«

»Sie ist also tot?«, stammelte d’Artagnan.

»Beim Teufel!«, erwiderte Athos. »Doch reicht mir Euer Glas. Schinken, Schuft!«, rief er. »Wir können nicht mehr trinken!«

»Aber ihr Bruder?«, fügte d’Artagnan schüchtern bei.

»Ihr Bruder?«, versetzte Athos.

»Ja, der Priester.«

»Ich schickte nach ihm, um ihn ebenfalls aufhängen zu lassen, aber er war mir zuvorgekommen und hatte seinen Pfarrhof am Abend zuvor verlassen.«

»Wusste man, wer der Elende war?«

»Er war der erste Liebhaber und der Mitschuldige der Schönen, ein würdiger Mann, der sich den Anschein gab, als wäre er Pfarrer, um sie zu verheiraten und ihr eine Zukunft zu sichern. Er wird hoffentlich geviertheilt worden sein.«

»Oh! Mein Gott! Mein Gott!«, rief d’Artagnan ganz betäubt von dieser furchtbaren Begebenheit.

»Esst doch von diesem Schinken, d’Artagnan, er ist vortrefflich«, sagte Athos und legte eine Schnitte auf den Teller des jungen Mannes. »Wie schade, dass nicht wenigstens nur vier wie dieser in dem Keller gewesen sind! Ich hätte fünfzig Flaschen mehr getrunken.«

D’Artagnan vermochte dieses Gespräch nicht länger zu ertragen, denn es hätte ihn toll gemacht. Er ließ den Kopf auf seine Hände sinken und stellte sich, als entschliefe er.

»Die jungen Leute können nicht mehr trinken«, sprach Athos und schaute ihn mitleidig an, »und doch ist dieser noch einer von den besten! …«

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