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Der Detektiv – Die Jagd auf einen Namen – 3. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Die Jagd auf einen Namen
3. Kapitel

Nach einer Stunde erschien der Sanitätsrat, ein mittelgroßer Herr mit graumeliertem Bart und goldenem Kneifer auf der etwas verdächtig rot schimmernden Nase. Harst empfing ihn in meiner Gegenwart im Bett.

»Herr Sanitätsrat, ich bin gesund wie ein Fisch im Wassers«, sagte er. »Ich brauche Sie aber, um ungesehen, besser unerkannt, das Haus verlassen zu können, das fraglos scharf bewacht wird. Auf Ihre Verschwiegenheit kann man Wolkenkratzer bauen, bester Doktor. Das weiß ich …«

Ich musste dann aus unserem Theaterschrank, wie Harst ihn nannte, alles Nötige herbeiholen. Harst zog Müllers Kleider an, setzte den Zylinder auf und nahm dessen Kneifer und Rock, nachdem er sich von mir Bart, Perücke und die sonstige Maske hatte anlegen lassen, wobei auch Schminke verwendet wurde. Dann ging er zur Probe zu seiner Mutter nach oben, verabschiedete sich auch gleich von ihr und ließ sich von mir nun bis an die Pforte des Vorgartens begleiten. Dort spielte er den Sanitätsrat mit aller Würde, griff leicht an den Zylinder und schritt die Blücherstraße hinab. 

Nach zwei Stunden kam ein Dienstmann mit einem großen Karton. Darin lagen Müllers Sachen. Und gleich darauf verließ ein zweiter Sanitätsrat das Haus, während der erste, der sich inzwischen – dies erzählte mir Harst später – in einem Kleiderladen neu ausgestattet hatte, bereits die Jagd auf den Namen eifrig betrieb.

Nun war es an mir, unbemerkt aus der Blücherstraße zu verschwinden. Ich ging in den Vorgarten und mähte den Rasen mit der Maschine. Dabei schaute ich scharf nach irgendwelchen Leuten aus, die vielleicht als Spione in Betracht kamen. Dem Harst’schen Grundstück gegenüber lag ein Bauplatz mit einem hohen Bretterzaun. Hinter diesem Zaun konnte sehr gut jemand verborgen sein, jemand, der im Auftrag Nemos handelte. Ich entschloss mich dann, einen alten Trick anzuwenden. Ich machte mich ohne Verkleidung auf den Weg, fuhr mit der Straßenbahn bis zum Kaufhaus des Westens, ging hinein und schlüpfte in einen sofort nach oben fahrenden Fahrstuhl, stieg im 2. Stock aus und eilte durch einen Seiteneingang wieder auf die Straße. Nun war ich sicher, dass niemand mehr hinter mir her sein konnte. Bei Wertheim in der Leipziger besorgte ich dann meine Einkäufe. Arbeiterbluse, billigen Anzug, Flanellhemd und so weiter. Auch eine Perücke und Bärte in verschiedener Farbe sowie einen billigen Koffer vergaß ich nicht. Als Umkleideraum diente mir eine Zelle des Waschraums des Potsdamer Bahnhofs. Als ich etwa um zwei Uhr nachmittags in der Berliner Straße in Wilmersdorf anlangte und mich nun in der Nähe der Speisewirtschaft der O. W. Schmidt nach einer Schlafstelle umsah, hätte selbst Harst mich wohl kaum erkannt. 

Ich hatte Glück. Gerade O. W. Schmidt gegenüber vermietete in einem älteren Haus eine schmierige Alte namens Runke möblierte Zimmer. Eins davon war noch halb frei, das größte. Es war durch zwei Schränke und einen Wandschirm in der Mitte geteilt. Links wohnte ein Straßenhändler, wie mir die Runke sagte, ein alter, ruhiger Mann. Die rechte Hälfte wurde mein Quartier. Ich hieß jetzt Karl Schulz und war Tischlergeselle, aus Stettin zugereist.

Um vier Uhr hatte ich die Mitzel glücklich in ihrer Wohnung allein vor mir. Da Zenta Brixen uns die Frau als durchaus vertrauenswürdig geschildert hatte, ging ich direkt auf mein Ziel los. Zwanzig Mark machten ihr Gedächtnis noch reger. So erfuhr ich denn so manches über Erwin Bruckner, das nicht gerade sehr für ihn sprach. Der Mitzel tat Zenta sehr leid, weil der Bildhauer sie mit allerlei fragwürdigen Damen betrog. Er sollte auch oft wüste Gelage in seinem Atelier veranstalten, verstand jedoch seinen Leichtsinn vor der Außenwelt schlau zu verbergen. Über die Rothaarige wusste die Mitzel nicht viel anzugeben. Immerhin konnte hier die mysteriöse Mutter Schmidt wieder einmal eine recht eigenartige Rolle gespielt haben – konnte! Sicher war es nicht. Dann führte die Mitzel mich ins Atelier. Ich wühlte dort alles durch. Ich fand in einer Schublade Verschiedenes, das darauf hindeutete, der Bildhauer hätte sich gleichfalls als Verkleidungskünstler versucht. Hierauf fuhr ich zum Zoologischen Garten. Dort sollte ich mich um sieben Uhr mit Karl Malke treffen, der aber erst mit einer halben Stunde Verspätung eintraf. Er hatte unser Haus in der Blücherstraße durch das Nachbargrundstück nach hinten verlassen und war gleichfalls im Kostüm – als Postaushelfer. Wir setzten uns in die Bauernschenke, aßen auf Harsts Kosten gut zu Abend und tauschten unsere Erlebnisse aus. Er war zuerst bei der Gesangslehrerin Mallinger in der Huttenstraße mit einem Brief des Papierladeninhabers Lehmann gewesen. Im Umschlag hatte auch ein 100-Mark-Schein gesteckt, wie ich wusste. Die Mallinger hatte daraufhin Karl die einzige Fotografie mitgegeben, die sie von Mutter Schmidt besaß, und hatte feierlich Schweigen wie das Grab gelobt. Von ihr war unser kleiner Gehilfe mit einem zweiten Brief zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz gefahren, fand jedoch den Harst recht gut bekannten Kriminalwachtmeister Schilling nicht an und musste zu dessen Privatwohnung. Schilling – wir hatten ja mit ihm im Fall Schmiedicke – Mord im Sonnenschein zusammengearbeitet – erklärte, er würde bis morgen die von Harst erbetene Auskunft fertigstellen. Karl sollte das versiegelte Schreiben dann abholen. 

Gegen neun verließen wir den Zoo. Karl begab sich dann heim, während ich in der Invalidenstraße ein mir von früher her noch recht vertrautes Café besuchte, wo sehr viele Vertreter der Gaunerzunft verkehrten, der auch ich mal leider angehört habe. Meine Hoffnung erfüllte sich. Ich saß bald mit einem ehemaligen Freund zusammen an einem Tisch und spielte den Noblen. Wir unternahmen später eine Bierreise, und ich landete schließlich mit dem bereits halb erledigten Gamaschen-Fritz – er trug stets hellgraue Gamaschen über den Lackstiefeln – in einer Taxe vor der Speisewirtschaft von O. W. Schmidt. Harst hatte mir nämlich geraten, mit einem früheren Kollegen und nicht allein dort einzukehren, das würde weniger auffallen, harmloser aussehen. 

Aber über dem Eingang von O. W. Schmidt hing jetzt ein Stück Pappe mit der blauen Aufschrift Vorläufig geschlossen.

Das war ein Reinfall! Das bestätigte meines Erachtens aber auch Harsts Annahme, dass zwischen der zählebigen Mutter Schmidt und dem Herrn Niemand recht nahe Beziehungen bestehen müssten. Heute war Nemos Drohbrief gekommen, heute früh hatte die Zeitung Harsts neue Aufgabe preisgegeben, und nachts ¾11 fand ich nun das Lokal geschlossen, das, als ich bei der Runke das halbe Zimmer belegte, noch offen gewesen war!

Das war fatal! Ich hatte ja gerade dort Stammgast werden sollen! Ich schickte den nun überflüssigen Gamaschen-Fritz heim und suchte meine neue Behausung auf. Mein Zimmergenosse war noch nicht da. Ich setzte mich an mein Tischchen und las bei der Petroleumlampe die drei Abendzeitungen, die ich mir gekauft hatte. Ich wollte mir den Mann, der mein Quartier teilte, doch erst ansehen, bevor ich schlafen ging. Um zwei Uhr morgens etwa nickte ich in meinem alten, aber bequemen Korbstuhl ein. Als ich erwachte, war es draußen bereits hell. Auf den Zeitungen lag ein mit Bleistift geschriebenen an mich gerichteter Brief, das heißt: an Herrn Tischler Karl Schulz. Es war Harsts Schrift. Und auf dem Briefbogen stand: Wecken Sie mich um acht. Weiter nichts. 

Wecken Sie mich! Ich überlegte. Konnte es denn sein, konnte mein Schlafgenosse drüben wirklich Harst sein? Harst wusste, dass ich die Fähigkeit besaß, gerade dann munter zu werden, wie ich es mir vorm Einschlafen vorgenommen hatte. Es musste Harst sein! Ich schlüpfte in das Bett, das sauberer war, als die schmierige Runke voraussehen ließ.

Und um acht Uhr morgens schlich ich um die Scheidewand herum und fand meinen Nachbar aufrecht im Bett sitzen. Er hatte ganz entfernte Ähnlichkeit mit Heinrich Hinkel, dem Diener Schrammels. Er legte den Finger auf die Lippen und deutete auf die verstellte Tür zum Nebenzimmer.

Wir flüsterten nur. Ich erstattete Bericht über den gestrigen Nachmittag und Abend. 

»Ich werde heute nicht ausgehen, jedenfalls nicht, bevor ich Schillings Schreiben gelesen habe«, meinte Harst. »Finden Sie sich dann gegen acht Uhr abends vor dem Haus Kalckreuthstraße 12 ein. Ich möchte feststellen, ob Zenta Brixen von irgendwelchen Leuten beobachtet wird.«

Dass dieses Beobachten Schwindel war, merkte ich dann abends, als Harst mit einer ganzen Leibwache anrückte.

Ich fragte, ob er wirklich gleichfalls erst gestern hier eingezogen wäre. Er nickte.

»Ich habe der Runke geraten, das vor Anwärtern auf die andere Zimmerhälfte zu verschweigen, lieber Schraut. Ich sah Sie nämlich die Straße entlangkommen, als ich gerade hier ins Haus wollte. Ich ahnte, dass Sie gleichfalls bei der Runke nachfragen würden. Und da sagte ich ihr, sie würde die zweite Hälfte leichter vermieten, wenn sie so täte, als wäre ich schon längere Zeit bei ihr.«

Dann langte er seine schäbige Jacke vom Stuhl, nahm eine Blechschachtel zur Hand und eine seiner Mirakulum heraus und legte das Portrait der Mutter Schmidt hinein, der er nur einen flüchtigen Blick geschenkt hatte, als ich sie ihm reichte. Er rauchte nun mit jenem Behagen, das nur ein so leidenschaftlicher Zigarettenraucher wie er empfinden kann.

Nach einer Weile bemerkte er: »Bis auf Kleinigkeiten ist ja nun überhaupt alles so ziemlich klar, lieber Schraut. Ich hätte nie gedacht, dass wir so viel Glück haben würden – mehr Glück als Verstand, könnte man sagen. Die Riesendummheit mit dem zweiten Zettel war am verhängnisvollsten. So, nun spielen wir wieder die einander Fremden. Ich werde nochmals einzuschlafen versuchen. Ich musste in der verflossenen Nacht zwei volle Stunden zusammengekrümmt wie ein sitzender Frosch dahocken. Alle Knochen tun mir weh. Also abends gegen acht Uhr – Wiedersehen, Schraut.«

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