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Review: Kinderwunsch

Sieglinde Breitschwerdt
Kinderwunsch
Erstveröffentlichung auf dem alten Geisterspiegel am 13. 10.2006

Konstanze kauerte auf der Couch und brütete stumpf vor sich. Seit Tagen quälten sie düstere Gedanken – waren gegangen und wieder aufgetaucht. Nervös nagte sie auf ihrer Unterlippe, immer wieder huschte ihr Blick zur Uhr. In einer Stunde war Mitternacht. Sollte sie Rokavo anrufen? Sollte sie ihm sagen, dass sie wirklich bereit war? In ihrer Verzweiflung hatte sie vor ein paar Wochen diesen Magier aufgesucht und ihn um Hilfe gebeten. Ein eisiger Finger strich über ihr Rückgrat, als sie zurückdachte – doch Einzelheiten dieser Begegnung waren ihr entfallen. Erst später, als sie längst zu Hause war, bemerkte sie eine kleine blutende Wunde auf ihrer linken Brust und ein merkwürdiges, fünfeckiges Symbol auf ihrem Unterleib. Heute war Vollmond. Um das Ritual zu vollenden, würde sie sich an die letzten Anweisungen Rokavos halten müssen. Sollte sie es wirklich tun? Würde es klappen? Und wenn nicht? Was steckte dahinter? Humbug? Oder gab es wirklich Dinge zwischen Himmel und Erde, die über ihre Begriffsfähigkeit gingen? Aber andererseits? Was konnte schon geschehen?

»Was soll‘s«, murmelte sie halblaut vor sich hin. Schwerfällig stand sie auf. »Mehr als schief gehen kann’s ja nicht!«

Verächtlich schürzte sie die Lippen und ignorierte die warnende, wispernde Stimme ihres Unterbewusstsein. Impulsiv griff sie zum Telefon. Schon nach dem ersten Rufzeichen wurde der Hörer abgenommen und das heisere Lachen Rokavos begrüßte sie.

»Du bist allein!«, kam er gleich zur Sache. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

»Ja! Simon musste…«

»Ich weiß«, schnitt er ihr das Wort ab. »Ich schickte einen Boten zu dir! Was zur Vollendung des Rituals noch fehlt, liegt vor deiner Tür. Halte dich genau an meine Gebote!«

Dann wurde der Hörer aufgelegt. Konstanze öffnete die Tür. Eine kleine, rötlich schimmernde Phiole und fünf schwarze Kerzen mit silbernen Ornamenten lagen auf der Fußmatte.

»Tu es nicht«, glaubte sie eine Stimme zu hören. Doch Konstanze achtete nicht darauf. Eine nie zuvor gespürte Erregung griff nach ihr und bestimmte ihr weiteres Handeln. Im Badezimmer ließ sie die Wanne volllaufen. Sie stellte die Kerzen auf den Wannenrand. Vorsichtig zog sie den Stöpsel aus der Phiole und goss die Flüssigkeit hinein, die in feinen Schleiern durch das Wasser kroch und dunkelrot färbte. Sieht aus wie Blut, schoss es ihr durch den Kopf. In atemloser Spannung ließ sie sich in die Wanne gleiten. Das warme Wasser umspülte ihre Glieder und prickelte auf ihrer Haut. Das Kerzenlicht spendete eine diffuse, fluoreszierende Helligkeit. Unheimliche Schatten huschten über die Wände. Jäh erklang ein monotoner Singsang. Ein eisiger Wind strich über ihre Brüste, kratzte wie Spinnenbeine über ihren Leib und verkroch sich wirbelnd in ihrem Schoß. Die raue Stimme eines Unsichtbaren flüsterte in ihr Ohr. Leidenschaftliche Worte umnebelten ihre Sinne und versetzten sie in eine orgastische Verfassung.

 

***

 

»Ich … ich bin wirklich schwanger?«, stammelte Konstanze überwältigt.

Impulsiv warf sie sich an die Brust ihres Frauenarztes, Dr. Roland.

Der alte Herr lächelte gerührt und streichelte ihr über den Rücken. »Tja, Sie sind es! Daran besteht kein Zweifel mehr!«, antwortete er. »Ihre Schwangerschaft ist mir zwar rätselhaft! … Ich … gebe nicht gerne zu, dass ich mich geirrt habe, aber in Ihrem Fall freut es mich ganz besonders. Trotzdem sollten Sie einen Fruchtwassertest durchführen lassen, um sicher zu gehen, dass bei Ihnen und Ihrem Kind alles in Ordnung ist!«

Konstanze nickte und tupfte sich die Tränen ab. »Jetzt weiß ich auch, warum ich so eigenartige Gelüste …«

»Das ist ganz normal!«, fiel ihr Dr. Roland ins Wort, verschrieb Konstanze noch Vitamin- und Mineraltabletten und vereinbarte mit ihr den nächsten Vorsorgetermin.

 

***

 

Konstanzes Glück schien vollkommen – und Simon las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Viele Male versuchte sie Rokavo anzurufen, um sich überschwänglich für seine Hilfe zu bedanken, doch permanent schien die Leitung besetzt zu sein. Aber nach einigen vergeblichen Versuchen dachte sie nicht weiter darüber nach. Ihr ganzes Dasein wurde von dem kleinen neuen Wesen beherrscht, das in ihr wuchs. Es veränderte ihr ganzes Leben. Konstanze nahm es gelassen hin, dass sich ihr Äußeres auf erschreckende Art und Weise veränderte. Ihre gesunde Hautfarbe wich einer wässernden Blässe, ihr feinsinniger Humor mutierte in launische Gereiztheit – und ihre sprühende Vitalität verschwand. Konstanze verbrachte die meiste Zeit im Bett – wurde völlig apathisch. Fast rituell stellte sie sich, wenn sie nach dem Duschen ihren Körper eincremte, vor den Spiegel. Behutsam streichelte sie ihren Bauch, der sich langsam zu wölben begann.

»Wie du wohl aussehen wirst?«, flüsterte sie zärtlich. »O mein Kleines, ich kann es kaum erwarten, dich in meinen Armen zu wiegen!«

 

***

 

In einer frühen, noch immer dunklen Morgenstunde, bevor der Tag endgültig aus den Tiefen der Nacht kroch, geschah es völlig unerwartet. Ein schmerzhaftes Ziehen und Stechen im Unterbauch riss Konstanze aus ihrem Schlaf. Ihr Puls hämmerte und das Blut rauschte in ihren Ohren. Saugend rang sie nach Luft.

»Si … Simon … hilf mir«, japste sie.

Mühsam richtete sie sich auf und tastete nach dem Bett neben ihr. Das Bett neben ihr war unberührt.

»Simon?«, röchelte sie. »Simon! Wo … wo bist du?«

Und wieder, wie ein zweischneidiges Messer, stieß der Schmerz erneut in ihren Leib. Panik und Entsetzen kroch in ihr hoch.

»Mein Baby«, wimmerte sie.

Die Furcht, eine Fehlgeburt zu erleiden, legte sich wie ein eisiger Hauch auf ihren Körper. Mit zitternden Händen knipste sie die Nachttischlampe an – doch das Licht erinnerte nicht an den warmen und sanften Schein. Es war diffus und fluoreszierend – ähnelte dem des nächtlichen Rituals bei Vollmond. Nur mit äußerster Kraftanstrengung gelang es Konstanze, sich zum Spiegel zu schleppen, um ihr Nightshirt hochzuziehen. Die Haut ihres Leibes färbte sich blutrot, wurde mit einem Mal durchsichtig. Ein Baby mit schweißverklebten rotblonden Löckchen, das in seiner Entwicklung und Gestalt an ein Putenengelchen erinnerte, blickte ihr entgegen. Gebannt starrte Konstanze in die schwarzen, feucht glänzenden Augen mit den rötlichen Rändern, sah, wie dieses engelgleiche Wesen sie blinzelnd beobachte. Ein winziges schwarzes Zünglein zuckte aus dem Mund, leckte sich über die vollen Lippen, lächelte breit und zeigte blitzende, rasiermesserscharfe Zähnchen.

»Durst!«, vernahm sie diesen telepathischen Befehl, der sich in ihr Bewusstsein bohrte, ohne dass sie ihn wirklich hörte. Instinktiv war ihr klar, dass dieser Durst nicht mit Milch und Saft zu stillen war. Entgeistert starrte sie auf das Wesen in ihrem Leib.

»Durst!«, wiederholte es seinen Gedankenbefehl. Wie in Trance ging Konstanze in die Küche, öffnete die Schublade und zog ein großes Schlachtermesser hervor. »Durst!«, wimmerte es in ihrem Unterbewusstsein, und gleichzeitig jagte Angst kalte Schauer über ihren Rücken. Sie spürte wie sich ihre Seele spaltete und das Dunkle, das Böse, die Herrschaft übernahm.

»Tu es nicht«, vernahm sie ein verzweifeltes Wispern, »oder willst du für immer verdammt sein?«

»Rette dein Kind!«, befahl eine andere Stimme, schwieg, kicherte hämisch und endete in einem grausigen Lachen.

Erschöpft lehnte sich Konstanze an den Küchenschrank, das Messer entglitt ihrer Hand und fiel klirrend auf die Fliesen. Zärtlich strich sie über ihren Bauch. Ihr Leib wölbte sich nach vorn. Es kam ihr vor, als wenn das Wesen, ihr Ungeborenes, sein Köpfchen in ihre Hand schmiegte, ihren Daumen umfasste und daran nuckelte. »Durst«, wimmerte es in ihren Gedanken.

»Es wird sterben!«, fauchte es unbeherrscht in ihren Ohren und versetzte sie aufs Neue in einen tranceähnlichen Zustand. Wie unter Zwang blickte sie auf den Fußboden. Die geschärfte Messerseite blitzte auf. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Entschlossen bückte sie sich, hob das Messer auf und ging ins Wohnzimmer. Auf der Couch döste Cindy, die alte Hündin. Erneut vernahm sie das telepathische Wimmern ihres Ungeborenen.

»Durst! Mami, ich habe so Durst!«

»Mami«, murmelte Konstanze überwältigt. Ihr Kind hatte Mami zu ihr gesagt. Ihr Baby war durstig. Und sie, sie würde dafür sorgen, dass es genug bekam. Sie hob das Messer! Eine nie zuvor gekannte Erregung erfüllte sie. Das Messer machte sie stark. Sie hatte die Macht, Leben auszulösen – Konstanze stach zu. Cindy heulte gepeinigt auf, doch auf sie wirkte es nur wie ein anfeuernder Schlachtruf. Wie besessen stach sie auf den Hund ein. Das Blut spritzte wie eine Fontäne in ihr Gesicht. Lächelnd leckte sie sich über die Lippen, kostete das Blut in ihrem Mund. In animalischer Gier stürzte sie sich auf den frischen Kadaver und hieb fauchend ihre Zähne hinein.

 

***

 

Schweißgebadet erwachte Konstanze. Nur ein Traum, dachte sie erleichtert. Ekel ergriff sie, als ihr Szenen dieses Traumes einfielen. Müde wischte sie sich über die Augen. Abrupt setzte sich Konstanz im Bett auf und knipste die Nachttischlampe an. Ihre Hand war blutverschmiert. Mit klopfendem Herzen zog sie die Bettdecke zur Seite. Entsetzen rollte durch ihre Kehle. Ihr Nightshirt war voll angetrockneten Blutes

»Lieber Gott«, entfuhr es ihr, »lass es nur ein Albtraum sein!«

Ein stechender Schmerz fuhr durch ihren Körper, der ihr fast das Bewusstsein nahm.

»Was willst du denn mit Gott?«, glaubte sie eine keifende Stimme zu hören, dem höhnisches Gelächter folgte. »Und wage nie wieder den Namen Gottes laut auszusprechen!«, befahl die Stimme. »Oder willst du dein Kind verlieren?«

»Nein, nein!«, stammelte Konstanze verwirrt und eilte ins Badezimmer. Aus dem Spiegel grinste ihr eine Horrorfratze entgegen. Angetrocknetes Blut klebte um ihren Mund, an ihrem Hals und in ihren Haaren. Hysterisch schrie sie auf und riss sich ihr Nightshirt vom Körper. Ermattet setzte sie sich auf den Badewannenrand. Wie konnte das passieren? Sie hatte Cindy nicht getötet, sie mit vielen Messerstichen zerfleischt, sich an ihrem Blut gelabt! Nein, das hatte sie nie und nimmer getan. Niemals!

»Ja«, beruhigte sie sich selbst. »Es war nur ein Traum. Ein perverser Albtraum!«

Aber wo kam das Blut her? Und Cindy? Gewiss schlief sie noch auf der Couch! Das Tier war alt und schwerhörig.

»Hallo, Liebling«, rief Simon, klopfte kurz an die Badezimmertür und machte die Tür auf. »Unterwegs hatte ich eine Panne, und weiß der Teufel, ich konnte dich nicht erreichen. Das Telefon war …« Abrupt hielt er inne und stürzte auf Konstanze zu. »O mein Gott, wer hat dir das angetan!«

 

***

 

»Wir fanden keine fremden Fingerabdrücke, nicht die geringste Spur weist darauf hin, dass ein Fremder in Ihr Haus eingedrungen ist und den Hund abgeschlachtet hat!«, erklärte Hauptkommissar Oliver Borner.

Fassungslos starrte Simon die Polizeibeamten an. »Soll das heißen, dass Conny … äh … dass meine Frau wie eine Besessene auf den Hund eingestochen hat und …« Abrupt brach er ab.

»Ich bin schon zwanzig Jahre Chefarzt in dieser Klinik«, begann Professor Ewald Mundt, »ich habe schon einige Schwangerschaftsabnormitäten erlebt. Manche stopften sich rohes Fleisch und blutende Leberstückchen rein! Doch dieses … dass eine werdende Mutter das Blut ihres Hundes aussaugt, wie … wie …«

»Wie ein Vampir!«, ergänzte Borner sarkastisch.

»Warum«, murmelte Simon erschüttert. »Meine Frau hat diesen Hund geliebt! Sie hat ihn aufgezogen, wegen jeder Kleinigkeit ist sie mit ihm zum Tierarzt gerannt! Nein! Das muss ein Irrtum sein!!«

»Das ist es leider nicht!«, seufzte der Professor. »Da meinerseits erhebliche Zweifel aufkamen, ließ ich die Tests mehrmals durchführen. Und außerdem …« Ewald Mundt hielt inne, nahm seine Brille ab, putzte sie umständlich und setzte sorgfältig das Gestell wieder auf. Er faltete die Hände, spreizte die Daumen ab und schwieg. Gebannt blickte Oliver den alten Mann an. »Und außerdem was?«, forschte er ungeduldig. »Was gibt es noch?«

Der Professor sah Simon an und suchte nach den passenden Worten. »Die weiteren Labortests ergaben, dass Ihre Frau an einer infektiösen Vergiftung leidet. Möglicherweise hervorgerufen durch diese … äh … Geschichte. Meines Erachtens sollte die Schwangerschaft schnellstens unterbrochen werden!«

»Was?« Wie von der Tarantel sprang Simon auf. Scheppernd fiel der Stuhl nach hinten. »Abtreibung?«, brüllte er wie von Sinnen. »Das lasse ich nicht zu! Meine Frau dreht sonst durch!«

»Aber sie ist doch schon …«, murmelte Oliver Borner, hob die Hände und ließ sie wieder sinken. »Sorry! Ich will Ihnen nicht zu nahetreten. Ich werde …«

»Sie werden gar nix!«, fiel ihm Simon ins Wort. »Ich nehme meine Frau mit! Es gibt noch andere Ärzte!«

»Aber ihre Frau ist gefährlich!«, warnte der Professor.

Doch Simon hörte ihn nicht mehr. Mit weit ausholenden Schritten verließ er den Raum Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss.

 

***

 

Unruhig wälzte Konstanze sich von einer Seite auf die andere, knuffte ihr Kopfkissen zusammen, doch der erlösende Schlaf kam nicht. Neben ihr lag Simon und schnarchte leise. Sie stand auf, ging in die Küche und bereitete sich eine Tasse Kamillentee zu. Kaum rann der erste Schluck durch ihre Kehle, glaubte sie keine Luft mehr zu bekommen. Ihr Puls hämmerte und das Blut rauschte in ihren Ohren. Saugend rang sie nach Luft.

»Si … Simon … hilf mir«, wimmerte sie.

Doch ihr Mann kam nicht. Mühsam richtete sie sich auf, wollte ins Schlafzimmer. Plötzlich spürte sie einen stechenden Schmerz in ihrem Unterleib.

»Simon?«, röchelte sie. »Simon! Wo … wo bist du?«

Und wieder, wie ein zweischneidiges Messer stieß der Schmerz erneut in ihren Leib. Eine unbändige Angst kroch in ihr hoch. Sie zog das Oberteil ihres Pyjamas hoch. »Mein Baby«, flüsterte sie andächtig.

Wie gebannt blickte sie in die dunkelglänzenden Augen mit den rötlichen Rändern. Das schwarze feuchte Zünglein zischelte aus dem Mund. Das engelgleiche Wesen in ihrem Leib grinste mitleidlos, ließ seine rasiermesserscharfen Zähnchen blitzen. »Töte ihn«, vernahm Konstanze einen telepathischen Befehl, ohne dass sie ihn wirklich hörte. Sie wusste instinktiv, wenn es meinte. Entgeistert sah sie das Wesen an.

»Aber Liebling«, murmelte sie erschüttert. »Ich kann deinen Vater nicht…«

»Töte ihn«, befahl es und trat ungehalten in ihren Bauch. »Töte ihn! Töte ihn! Töte ihn!«, kreischte es, hielt inne und erkundigte sich lauernd. »Oder liebst du mich nicht?«

»Aber natürlich«, wimmerte Konstanze. Tränen rannen über ihre Wangen.

»Dann töte ihn!«, forderte es ungehalten. Wie in Trance ging Konstanze in die Küche, öffnete die Schublade und zog ein großes Schlachtermesser hervor. Gleichzeitig jagte Angst kalte Schauer über ihren Rücken. Wieder spürte sie, wie sich ihre Seele spaltete und das Böse, das Dunkle sich in den Vordergrund drängte. Erschöpft lehnte sich Konstanze an den Küchenschrank. Zärtlich strich sie über ihren Bauch. Ihr Leib wölbte sich nach vorn und es kam ihr vor, als wenn das Wesen, ihr Ungeborenes sein Köpfchen in ihre Hand schmiegte.

»Er hasst mich! Und eines Tages wird er mich töten!«, wimmerte es in ihren Ohren und versetzte sie aufs Neue in einen Trancezustand. Die geschärfte Messerseite in ihrer Hand blitzte auf. Ein Ruck ging durch ihren Körper und entschlossen ging sie ins Schlafzimmer.

»O Mami, ich habe dich so lieb!«, vernahm sie die telepathische Schmeichelei des Ungeborenen.

Überwältigt schluchzte Konstanze auf. Ihr Baby liebte sie! Es hatte Angst vor Simon! Simon! Da lag er. Schnarchte! War eifersüchtig. Vielleicht war er es gewesen, der dem Professor vorschlug, die Schwangerschaft zu unterbrechen? Ein nie gekanntes Hassgefühl stieg in ihr hoch, ein verächtliches Zucken huschte über ihr Gesicht. Sie würde dafür sorgen, dass ihr Kind vor niemanden Angst haben musste – selbst wenn sie ihn töten musste. Simon, den Mann, denn sie einst über alles geliebt hatte. Sie hob das Messer. Sie fühlte diese bestialische Macht, die von diesem geschärften Metall ausging, fühlte sich als Herrin über Leben und Tod. Ihr Baby würde leben – Simon musste sterben. Mit einem Aufschrei stach Konstanze zu. Gepeinigt schrak Simon aus dem Schlaf hoch. Entsetzt sah er das Messer aufblitzen, das Blut tropfte an seiner geschärften Seite – und er begriff: Das war sein Blut, das von diesem Messer tropfte. Diese Frau mit dem Messer in der Hand war seine Frau.

»Conny!«, röchelte er. Wie von Sinnen stach sie auf ihn ein. Da war er wieder, dieser heiße Wunsch, dieser unbändige Durst. Das Messer fiel klirrend zu Boden. Mit einem faunischen Lächeln leckte sie sich die blutverschmierten Hände ab. Ihre Brust hob und senkte sich in Erwartung. Und dann überkam sie wieder diese Gier, diese animalische Lust. Sie stürzte sich auf Simon und hieb fauchend ihre Zähne in seinen Leib.

 

***

 

Als Oliver Borner den zerfetzten Kadaver im Leichenschauhaus zu sehen bekam, glaubte er, sich übergeben zu müssen.

»Genau wie alle anderen ist er buchstäblich ausgeblutet oder besser gesagt ausgesaugt worden!«, erklärte ihm der Gerichtspathologe, Dr. Mohr, kratzte sich am Kinn und murmelte: »Möchte bloß wissen, wer zu solch einer Bestialität fähig ist!« »Die Frau des ersten Opfers«, erwiderte Oliver Borner abwesend.

»Eine Frau?«, entfuhr es Dr. Mohr. »Dann muss sie aber über enorme Kräfte verfügen!«

Oliver Borner nickte, drehte sich um und verließ das Obduktionszimmer. Er wusste, dass Konstanze schon auf ihr nächstes Opfer lauerte.  

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