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Aus dem Wigwam – Der Fischmann

Karl Knortz
Aus dem Wigwam
Uralte und neue Märchen und Sagen der nordamerikanischen Indianer
Otto Spamer Verlag. Leipzig.1880

Der Fischmann

Vor langer Zeit wohnten die Schawanen auf der anderen Seite des großen Salzmeeres zwischen dem Aufgang der Sonne und den Abendstern. Es war ein kaltes und trauriges Land. Manche Monate vergingen, ohne dass ein einziger Sonnenstrahl darauf fiel. Alle sehen waren als dann erstarrt und der Schnee lag höher als die höchste Wigwamstange. Wenn die Sonne dann wieder erwachte, brannte sie mit solcher Macht, dass die meisten Menschen besinnungslos zusammenbrachen. Die Leute sehnten sich deshalb nach einem anderen Land, von welchem ihnen die Medizinmänner erzählt hatten, dass es jenseits des Salzmeeres läge, dass man da selbst keine Schneeschuhe brauche und die Sonne sich nie länger als die Dauer eines Kinderschlafes versteckte.

Einstmals, als die jungen Knospen wieder keimten und die jungen Vögel anfingen, zu zwitschern, schwamm ein merkwürdiges, menschenähnliches Geschöpf auf dem Rücken eines großen Fisches heran. Sein Haar schien aus langem Seegras gemacht zu sein, und sein an die Gestalt einer Schildkröte erinnerndes Gesicht hatte eine widerwärtige, schlammartige Farbe. Um seinen Hals hing eine lange Schnur aus großen Seemuscheln, seine Stirn schmückte ein Kranz aus den Zähnen des Kaiman. Als Stock diente ihm die Rippe eines Walfisches. Die Schawanen schlugen vor Verwunderung, dass ein Mensch wie ein Fisch oder eine Ente leben könne, die Hände über den Kopf zusammen. Doch je näher das Ungeheuer kam, desto größer war ihr Erstaunen, denn es war wirklich ein Fisch – ja, jedes seiner Beine war sogar ein Fisch für sich. Der Fischmarkt redete ihre Sprache. Als er anfing, mit helltönender Stimme ein bezauberndes Lied zu singen, glaubten sie, er käme aus dem Land der gesegneten Fischereien, und liefen vor Furcht in die Wälder.

Er kam ans Ufer und sang stundenlang von den vielen Freuden, die er beständig erlebte, von den merkwürdigen Dingen, die er in den Tiefen des Ozeans gesehen hatte, und schloss dann mit den weitschallenden Worten: »Folgt mir und seht, was ich euch zeigen werde!«

Täglich, wenn die Wellen schliefen und die Winde sich in ihre Schlafkammer zurückgezogen hatten, kam er hervor und erfreute sich am Anblick des grünbelaubten Waldes. Die Indianer aber fürchteten sich so sehr, dass keiner mehr zu fischen wagte. Nur aus sicherem Versteck sahen sie seinen sonderbaren Bewegungen zu und lauschten seiner Einladung, die er beständig wiederholte. Doch mit der Zeit schwand ihre Furcht. Da ihre Frauen und Kinder dem Hungertod nahe waren, weil sie keine Fische mehr hatten, so beschlossen einige Krieger, einen Ausflug auf den Ozean zu unternehmen.

Als sie eine kurze Strecke vom Ufer waren, erschien der fremde Fischmann dicht bei ihnen und sah ihnen aufmerksam zu. Wenn sie einen Fisch gefangen hatten und er ihren Händen wieder entglitt, lachte er laut auf, plätscherte lustig im Wasser und rief spöttisch: »Ha, ha! Es ist gut, dass er euch angeführt hat!« Speerten sie aber einen Fisch und warfen ihn glücklich ins Kanu, so wurde er böse und schallt wie ein altes Weib, wenn ihr Gemahl ohne Wildbret von der Jagd zurückkommt. Als sie so lange und geduldig gefischt hatten, ohne viel gefangen zu haben, und die Sonne sich hinter die Wolken der warmen Winde zurückziehen wollte, rief der Fischmann: »Folgt mir und seht, was ich euch zeigen werde!«

Kiskapokoke, der Häuptling jenes Stammes, bat ihn darauf, er möge sich doch näher erklären und sagte: »Glaubst du denn, dass ich so ein Narr bin, dem erstbesten Unbekannten mir nichts dir nichts zu folgen, ohne zu wissen, wohin?«

»Sieh nur, was ich dir zeigen werde«, war die einzige Antwort des Fischmannes. Danach schlug er mit seinem rechten Bein ins Wasser, dass Kiskapokoke keine trockene Stelle am ganzen Körper behielt.

»Kannst du uns bessere Dinge zeigen, was wir dort haben werden?«, fragte der Krieger und zeigte zum Ufer. »Gute Frauen, brave Kinder und treue Hunde?«

»Ja, und schreckliche Stürme in den Monaten des Blätterfallens und Eisschmelzens, Hunger und beständige Furcht vor Bären, Wölfen und bemalten Kriegern! Aber geht mit mir, und ihr werdet überall große Tierherden finden und die Sonne beständig auf blumenreiche Landschaften lächeln sehen. Dort quält euch keine Kälte. Die Leute sind so stattlich und schlank wie die Fichte und die Frauen so lieblich wie die Sterne der Nacht!«

Die Fischer fürchteten sich und sehnten sich nach dem Ufer, doch als sie zu rudern anfingen, schien es, als ob eine unsichtbare Hand ihr Kanu zurückzöge. Sie ruderten, dass ihnen der Schweiß aus allen Poren drang, aber sie kamen keine Handbreit vorwärts. Fische von allen Gestalten und Farben erschienen und bespritzten sie über und über mit Wasser. Zuletzt fragte Kiskapokoke seine Gefährtin, was sie tun sollten.

»Folgt mir!«, rief der Fischmann wieder.

Und die Fischer, denen kein anderer Ausweg blieb, taten es auch. Er schwamm beständig neben ihrem Kanu. Als es Nacht wurde, erhob sich plötzlich ein heftiger Sturm und das Zischen der großen Seeschlange wurde vernehmbar. Die armen Indianer erwarteten mit jedem Augenblick ihr Ende, aber der Fischmann sprach ihnen Mut zu und blieb nahe am Boot, bis die Sonne wieder aufging.

Als es ist Tag geworden war, sahen sie nichts mehr vom Ufer ihrer Heimat. Der Sturm tobte noch immer und die Wellen gingen baumhoch. Hätte ihnen der Fischmarkt nicht große Muscheln gegeben, womit sie das Wasser aus ihrem Kanu schöpfen konnten, so wären sie sicherlich alle ertrunken. Auch wurden sie allmählich hungrig und durstig.

Als ihm Kiskapokoke dies bemerkte, sagte er: »Gut, ich werde für euch sorgen und Speise und Trank holen. Bleibt nur ruhig, wo ihr seid, und wartet auf meine Rückkehr!« Danach tauchte er unter. Wie tief, mussten die Schawanen nicht. Als er wieder heraufkam, ließ er einen großen Wasserstrahl gleich einem Walfisch aus und sagte, er sei sehr müde. Er hatte einen großen Sack voll Mais, eine Muschelschale voll trinkbarem Wasser und ein dickes Stück gebackenen Fisches mitgebracht.

»Für meine schwere Arbeit«, sagte er, »wurde ich noch obendrein tüchtig geschimpft und ausgestalten. Aber so geht es einem, wenn man eine böse Frau hat!«

Nachdem sie sich satt gegessen und getrunken hatten, ruderten sie weiter und schwammen beinahe zwei und einen halben Monat lang auf den großen Salzmeerherum, bis eines Morgens der Fischmann ausrief: »Seht dorthin!«

Sie wischten sich die Augen aus. Als sie zu der angegebenen Stelle sahen, entdeckten sie zu ihrer größten Freude ein wunderschönes, mit stattlichen Bäumen bewachsenes Land, dessen Ufersand gleicht dem der Geisterinsel glänzte. Hinter dem Ufer waren große Berge, von welchen riesige Feuerstrahlen blitzgleich in den Himmel züngelten. Das Ufer des Salzmeeres wimmelte von spielenden Seehunden, und unabsehbare Schwärme wilder Enten ergingen sich in der milden Sonne.

Auch eine große Anzahl fremdaussehender Männer stand am Ufer, doch als diese die Schawanen und den merkwürdigen Fischmann herannahen sagen, flohen sie wie verscheuchtes Wild nach allen Himmelsgegenden und kamen nie mehr zum Vorschein. Als sie ausgestiegen waren, sagte ihnen der Führer, sie sollten ihr Kanu nur ruhig weitertreiben lassen, da sie es nicht mehr brauchten. Danach gingen sie eine kurze Strecke in den Wald, und der Fischmann teilte den Geist jenes Landes mit, dass er die versprochen Leute gebracht habe, wonach er in einer tiefen Höhle verschwand. Doch kurz danach kehrte er wieder zurück und brachte ein Geschöpf mit sich, dass noch viel merkwürdiger war als er. Seine Füße und Beine waren die eines Menschen und nach indianischem Gebrauch bekleidet, aber sein Kopf war der eines Ziegenbock mit großen Hörnern und langem Bart. Der obere Teil seines Körpers war mit moosähnlichem Haar bedeckt gleich dem der Ziegen, welche auf dem Rückgrat des Großen Geistes hausen. Die Stimme des Ziegenmannes entsprach seiner äußeren Erscheinung.

»Ihr geht zu dem schönsten Land der Erde«, sagte er. »Alles, was ihr euch nur wünscht, werdet ihr dort finden. Das Wild, dass ihr sehen werdet, ist fett und zahm. Die Mädchen sind munter und schön, und in den Tälern wächst schmackhafter Mais. Ihr habt klug getan, eure elende Heimat zu verlassen, um sie mit den Land des ewigen Sommers zu vertauschen!«

Danach schwamm der Fischmann zurück und holte die anderen Schawanen. Dieselben verheirateten sich mit den liebenswürdigen Mädchen des gesegneten Landes. Die Zahl ihrer Kinder wurde zuletzt so groß, dass sie niemand mehr zählen konnte.

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