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Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten – Teil 16

Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten, vorzüglich neuester Zeit
Erzählt und erklärt von Gottfried Immanuel Wenzel
Prag und Leipzig 1793

Der Geist mit der Kerze

Im Städtchen M. verlor plötzlich durch einen Schlagfluss ein dortiger Bürger seine Ehewirtin. Betrübt war der Mann über den unvermuteten Todesfall, froh hingegen die Tochter des Hauses, die so gerne den Amtsschreiber geheiratet hätte, auf keine Weise aber die Bewilligung dazu von der Mutter zu erhalten vermochte, die, wie sie sagte, aus gültigen und nur ihr allein bewussten Ursachen diese Heirat nicht gestatten konnte. War vor dem die Verstorbene dagegen, so war es nun der Vater nicht weniger, denn er brauchte das Mädchen zur Leitung der Hauswirtschaft. Vater und Tochter trauerten also, nur beide aus verschiedenen Beweggründen. Diese Betrübnis wurde noch mehr dadurch verstärkt, als bald nach dem Begräbnis sich oft ein nächtliches Gepolter im Haus hören und endlich gar eine weiße seufzende Gestalt am langen Gang im Hof sich sehen ließ, die in ihrer Rechten eine grün und blau brennende Kerze hielt. Eben auf diesem Gang war das Schlafzimmer des Vaters. Der Nachbar sah zuerst das Gespenst aus dem angrenzenden Haus herüber, dann die Hausleute und endlich selbst der verwitwete Bürger. Nur das Töchterchen wollte nichts gehört und nichts gesehen haben.

Bald wusste das ganze Städtchen um die Erscheinung und jedermann riet auf die Seele der Verstorbenen. Der Witwer grämte sich. Ein Mönch schlief mit ihm von nun an in der Stube, beide bereit, den Geist anzureden, wenn er wiederkäme.

Und siehe, der Geist mit dem grün und blau brennenden Licht kam und seufzte vor dem Fenster des Schlafgemachs.

Der Mönch: Alle guten Geister loben den Herrn.

Der Geist: Ich auch.

Der Mönch: Was ist dein Verlangen?

Der Geist: Dass meine Tochter den Amtsschreiber heirate, gegen welche Heirat ich mich im Leben ungerechterweise gesträubt habe und nun zur Strafe, der himmlischen Freuden beraubt, so lange herumgehen muss, bis dieses Ehebündnis vollzogen sei.

Der Witwer: Es soll geschehen.

Langsam schlich nun der Geist hinweg, seufzte nicht mehr und sein Licht verlosch im Gehen.

In wenigen Tagen war das Mädchen getraut und somit der Geist erlöst.

Aufklärung

Bald nach der Hochzeit entzweite sich das Ehepaar. Die junge Gattin erfuhr, dass ihr lieber Mann schon Vater von drei Söhnen sei und noch zur Stunde ein Liebchen unterhalte. Aufgebracht, und zornig, wie es nur Frauen sein können, lief die Betrogene zum getäuschten Vater und verriet das ganze Geheimnis. Da ergab es sich, dass der Amtsschreiber den Geist gespielt hatte, um den hartnäckigen Vater zur Einwilligung zu bewegen und die ein ansehnliches Heiratsgut besitzende Tochter zu erhalten. Ein weißes Betttuch machte die Hülle des Geistes. Das Licht war eine Wachskerze, die einen dreifachen Docht hatte, in der Mitte hohl, mit Salmiak und altem zerschnittenem Kupfer gefüllt war, und angezündet grün und blau brannte.

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