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Schinderhannes – Drittes Kapitel

Leben und Taten des berüchtigten Johann Bückler, genannt Schinderhannes
Für Jung und Alt zur Lehre und Warnung aufs Neue geschrieben von W. Fr. Wüst, Reutlingen 1870
Druck und Verlag von Fleischhauer & Spohn

Drittes Kapitel

Schinderhannes besucht die Gauner.

Schinderhannes sah recht wohl ein, dass er nun auf seine Sicherheit Bedacht zu nehmen genug Ursache habe. Darum verbarg er sich auch sorgfältig in den waldreichen Gegenden des Hunsrücks und hielt sich ganz einsam. Nach Kurzem kam er aber mit Leuten zusammen, aus deren Äußerem er bald erkannte, wessen Geistes Kinder sie seien. Eine seiner ersten Bekanntschaften war der berüchtigte Gauner Müllerhannes, mit welchem er auf einen benachbarten Hof ging, wo sich die Gauner dieser Gegend gewöhnlich versammelten.

Doch verließ er schon am anderen Morgen diese Gesellschaft wieder und begab sich in das Innerste des großen Hochwaldes auf dem Hunsrück. In einer Mühle fand er Aufnahme. Er bezahlte gleich alles, was er verzehrte, darum war er ein wohlgelittener Gast. Überdies wusste er sich auch durch sein sonstiges Betragen beliebt zu machen. Da aber sein Geld zur Neige ging, so musste er auf Mittel denken, wie er sich wieder welches verschaffen könne. Gleich in den ersten Tagen seines Aufenthalts hatte er sich mit der Gegend bekannt gemacht und ging nun darauf aus, einem Gerber in Meisenheim einen nächtlichen Besuch zu machen. Das Unternehmen gelang und er hatte die Frechheit, am anderen Morgen dem Gerber die gestohlene Ware zum Kauf anzubieten. Jener bezahlte ihm das Geld für sein eigenes Leder.

Einen noch verwegeneren Streich führte er im Magazin einer Tuchfabrik in Birkenfeld aus. Nachdem er unter dem Vorwand, Tuch zu kaufen, sich die Örtlichkeit genau angesehen und gemerkt hatte, machte er in der Nacht darauf einen Versuch, hineinzukommen. Er konnte es aber wegen einer in der Nähe befindlichen Schildwache nicht wagen. Dasselbe Hindernis stellte sich ihm auch in der folgenden Nacht entgegen. Der dritte Versuch aber gelang, indem Hans die Leiter auf einer anderen Seite anlegte. Da der Fensterladen offen war, so hob er nur ganz leise eine Fensterscheibe aus und schlüpfte hinein. Dass er im angrenzenden Zimmer einen Herrn emsig mit Schreiben beschäftigt sah, versetzte ihn zuerst in großen Schrecken. Doch bald erholte er sich von demselben, packte etwa vier Stücke Tuch zusammen, stieg die Leiter hinab und verbarg das Gestohlene in einem Gesträuch in der Nähe der Stadt. Am anderen Morgen holte und verhandelte er es an einen Mann, mit dem er schon mehrere Geschäfte der Art gehabt hatte. Ungeachtet die Obrigkeit sich alle Mühe gab, den verwegenen Dieb auszuforschen, konnte man doch nichts erfahren.

Bald darauf aber wurde er im Wald von einigen Jägern festgenommen, die ihn für verdächtig hielten. Er wusste sie übrigens so zutraulich zu machen, dass sie weniger auf ihn achteten und er so unvermerkt ins Gebüsch entspringen konnte.

Dieser Fall hatte ihn in eine solche Angst versetzt und einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, dass er abermals den Vorsatz fasste, dem Gaunerleben zu entsagen und ein ehrlicher Mann zu werden. Schnell ging er der Mühle zu, wo er sich seit einiger Zeit aufgehalten hatte, packte seine sieben Sachen zusammen und entfernte sich eilig.

Lange schlenderte er im Wald herum und entschloss sich dann, zu Verwandten seiner Mutter am rechten Ufer des Rheins zu gehen und dort ein anderes Leben anzufangen. Aber der schöne Entschluss wurde abermals zu Wasser. Denn in einer Waldschenke, dem sogenannten Hütgeswasen, kam er mit einem Paar Erzgauner zusammen, deren einen, den roten Fink, er schon von früher her kannte. Die beiden lachten ihn aus, als er ihnen seinen Entschluss sagte, und stellten ihm ihr schönes freies Leben vor Augen. Nun wurde gelacht, gescherzt und der gute Vorsatz hinuntergetrunken. Er versprach sogar dem roten Fink, ihn bei seinen Unternehmungen zu unterstützen. Diese Schenke besuchte Schinderhannes später noch oft und lernte da viele Gauner kennen. Denn es hatte sich, da die Polizei nicht ernstlich auftrat, nach und nach viel Gesindel auf dem Hunsrück zusammengezogen. Wirte, Müller und einsam wohnende Leute nahmen die Gauner in Schutz, entweder aus Furcht oder aus Eigennutz. Sie machten gleichsam einen Vertrag mit den Räubern, indem sie ihnen ihre Häuser und Schlupfwinkel darboten und dagegen Schutz für sich und ihre Nachbarn erhielten. Aber der Hehler ist wie der Stehler, sagt das Sprichwort. Diese Leute begünstigten und beförderten die Diebereien und waren darum auch strafbar. Doch sind manche unter den Hehlern wenigstens einigermaßen mit der Not zu entschuldigen, in welcher sie sich während der Zeit, in der beinahe beständige Kriegszüge stattfanden und alle Ordnung und alles bürgerliche Recht gleichsam aufgelöst war, befanden.

Ging nun die Polizei dem Gesindel wirklich einmal zu Leibe, so erleichterten jene Leute den Räubern die Flucht, sodass sie sich ungehindert nach allen Seiten hin zerstreuen konnten und sich erst wieder einfanden, nachdem es wieder ruhig geworden war.

Nun beging Schinderhannes nacheinander wieder viele Diebstähle und hatte dabei einen oder mehrere seiner Kameraden als Gehilfen bei sich. Besonders war er auf Pferde versessen und gestand später, er glaube, man könnte eine ganze Schwadron Reiter mit den Pferden beritten machen, die er nach und nach gestohlen habe. Durch diese Menge von Diebstählen kam die Polizei wieder in Tätigkeit. Als sich Schinderhannes eines Tages mit dem berüchtigten schwarzen Peter in eine Mühle begeben hatte, wurde diese unversehens von Landjägern umringt. Peter entkam glücklich; aber Schinderhannes wurde festgenommen.

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