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Der Detektiv – Der weiße Elefant des Singar Chani – 3. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der weiße Elefant des Singar Chani
3. Kapitel

Der Tierbändiger Shamana Driga

Ich tat es. Ein Blick geradeaus, einer nach links, einer nach rechts genügten.

Unser löchriges Zelt stand inmitten eines viereckigen Käfigs aus Eisenstäben, der den Mittelpunkt eines ganzen Raubtierhauses aus Käfigen bildete. Ich konnte ja nur einen Teil überschauen. Aber auch das genügte. Ich bemerkte vier Käfige; rechts und links als äußerste des quadratischen Raubtierhauses je eine größere Abteilung; darin je zwei ausgewachsene Tiger. Vor mir einen breiteren und einen schmäleren, langgestreckten Verschlag; darin je ein Tiger. Der schmalere Verschlag war offenbar gleichzeitig der Zugang zu unserem Mittelraum, wie die eingefügten Gittertüren bewiesen. Wahrscheinlich war der eine Tiger vorhin noch mit der anderen einzelnen Bestie zusammengesperrt und nun erst in diesen gangartigen Käfig hineingelassen worden, um uns jeden Fluchtversuch unmöglich zu machen.

Ein letzter Blick nach oben zeigte mir ein unten mit Zinkblech beschlagenes, weit überragendes Holzdach. Darauf kroch ich wieder auf unser Maisstrohlager zurück. Harst empfing mich mit den Worten: »Ich habe inzwischen dort durch den Riss die andere Hälfte des großen Käfigs mir angesehen. Auch dort gibt es vier Abteilungen, darin einen Tiger, zwei Panther, zwei Tiger, einen Tiger. Dass wir uns in dem Dressurkäfig eines Raubtierhauses befanden, sagte mir schon der Geruch, der bei diesem Abenteuer mit das Unangenehmste ist. Du kennst meine Abneigung gegen Tierausdünstungen.«

Harald Harsts oft geradezu unnatürliche Kaltblütigkeit hatte ich ja mehr als einmal anzustaunen Gelegenheit gehabt. Heute aber erschien sie mir gegenüber der verzweifelten Lage, in der wir uns befanden, geradezu frivol. Ganz besonders hielt ich seine Äußerung über seinen Widerwillen gegen Tiergerüche für ganz unangebracht angesichts des Schicksals, das uns bevorstand.

Ich schwieg daher. Ich bin nicht feige. Mein Mut ist der eines Durchschnittsmenschen, der die Gefahr ein wenig durch das Beispiel eines Harald Harst verachten gelernt hat. Ich schwieg und starrte vor mich hin.

Dann hörte ich draußen eine befehlende Stimme, das zornige Fauchen eines Tigers, das Klirren einer Gittertür und bald einer zweiten.

Der Inder trat gebückt ein, der uns vorher bewacht und den fast Schlafenden gespielt hatte. Er hatte einen prächtigen, langen schwarzen Vollbart, war hager, aber muskulös, und besaß jenen starren, festen Blick, der zum Beruf des Dresseurs notwendig sein soll.

Er setzte sich uns gegenüber und zog den Zeltvorhang auf, sodass das Tageslicht voll hereinfiel.

»Sahib Harst«, begann er in leidlichem Englisch »ich bin Shamana Driga, der Tierbändiger. Mein Name ist bis Hamburg bekannt. Ich habe für Hagenbeck schon oft Tiger, Panther und Elefanten geliefert. Ich stehe mit den Direktoren aller Tiergärten Indiens in geschäftlicher Verbindung. Ich habe durch den Umgang mit Europäern meinen Blick erweitert. Ich begreife durchaus, dass mein Freund Warbatty, den ich nun ein halbes Jahr kenne und der mir verschiedentlich gefällig gewesen ist, deinen und deines Gehilfen Tod wünscht. Hast du mal etwas von der Putra Rakisana gehört?«

»Ja, Shamana Driga. Ich weiß, dass, wie Brahmaputra Sohn des Brahma heißt, Putra Rakisana Bruder des Schwertes bedeutet. Die Schwertbrüder sind eine uralte Geheimsekte Indiens, waren einst erbitterte Gegner aller Weißen, sind jetzt aber zu einem Verbrecherbund herabgesunken. Ich nehme an, dass du ein Putra Rakisana bist. Sonst hättest du nicht diese Frage an mich gerichtet.«

»Es ist so, Sahib. Warbatty ist vorgestern in den Bund aufgenommen worden. Kennst du den unterirdischen Tempel im alten Fort?«

»Nein. Ich bin zum ersten Mal in Allahabad.«

»Die Tempelräume dort sind in die Felsen eingehauen. Die Brahmanen, die den Tempel bewachen, haben das Geheimnis verloren, wie man in die untersten Räume gelangt, in der noch vor fünfzig Jahren trotz aller Verbote der Engländer der blutigen Kali heimlich Menschenopfer dargebracht wurden. Übermorgen ist dort ein Fest. Zahlreiche Thugs befinden sich unter den Pilgern. Da sollt ihr beide der Kali zu Ehren geopfert werden.«

Er schaute Harst forschend an. Er hoffte wohl, der weiße Sahib würde vor Schreck erbleichen.

Aber Harst lächelte.

Und das brachte den Hindu in Verwirrung. Etwas ärgerlich rief er nun halblaut:

»Die Thugs sind eine Geheimsekte wie die Schwertbrüder, Sahib! Du scheinst das nicht zu wissen. Sie haben gelobt, die blutige Göttin Kali durch Erdrosselung von Menschen zu ehren. Die Engländer verfolgen die Thugs mit allen Mitteln. Und doch verschwinden noch heute zahlreiche Menschen, ohne dass man den Mördern auf die Spur kommt.«

Harst nickte. »Mir ist das alles sehr wohl bekannt, Shamana Driga. Die Engländer hängen jeden Thug auf. Auch du bist ein Thug. Du tust mir leid.«

 Der Inder wurde abermals verwirrt. »Ich tue dir leid?«, meinte er unsicher. »Was willst du damit …«

»Ich will damit sagen, dass du sehr bald öffentlich gehängt werden wirst. Weiter nichts.«

Shamana Driga kannte Harald Harst nicht. Wie sollte er ahnen, dass es Harst wie kein anderer verstand, menschliche Schwächen schnell zu ergründen und auszunutzen?

»Woher weißt du das?«, fragte der Bändiger stockend.

»Ich weiß es. Das genügt. Willst du dem Schicksal entgehen, dass dein Leib drei Tage am Galgen den Geiern zum Fraß angeboten wird und dass nur noch deine Gebeine von den heiligen Flammen des Scheiterhaufens geläutert werden, so rate ich dir, Warbatty nichts davon zu sagen, dass dir der Tod so nahe ist. Sonst entflieht Warbatty rechtzeitig, der bisher ja stets seine Verbündeten im Stich gelassen und seine eigene Haut in Sicherheit gebracht hat.«

Der Hindu hatte seine Gesichtszüge schlecht in der Gewalt. Etwas wie ungewisse Angst malte sich auf seinem braunen Antlitz. Er versuchte es mit einem höhnischen Lächeln. Aber dieses misslang genauso, wie der Ton seiner folgenden Worte zu deren Sinn in Widerspruch stand.

»Du willst mich ängstigen! Ich verlache dich! Du wirst sterben! Und ich werde leben …«

»Umgekehrt, Shamana Driga, umgekehrt! Doch was wolltest du eigentlich von uns? Uns nur die lächerliche Ankündigung unseres Opfertodes überbringen?«

»Nein.« Der Inder war zerstreut. »Nein, Sahib Harst. Warbatty lässt dir folgendes ausrichten: Er wird hier in Allahabad sich eine Beute aneignen, wie sie ihm noch nie zu erlangen vergönnt war. Er kennt dich als klug und listenreich. Er würde dir beweisen, dass du dieses Mal, wenn du frei wärest, ihm nicht schaden könntest. Du würdest das, was er plant, nicht verhindern können. Willst du ihm dein Wort geben, nach zwei Tagen genau um diese Stunde dich wieder hier einzufinden, ohne jemandem zu verraten, dass du dich in die Gefangenschaft zurückbegeben musst, dann will er dich freilassen. Er sagt, ihr Deutschen haltet Euer Ehrenwort ganz bestimmt. Er muss großes Vertrauen zu dir haben.«

»Mit Recht. Ich würde mein Wort nicht brechen, selbst wenn ich dem sicheren Tod entgegenliefe. Ich werde mir Warbattys Angebot überlegen. Warte eine Weile.«

Harst starrte durch den Zelteingang ins Freie hinaus.

Durch die Gitterstäbe sah auch ich ein Palmenwäldchen. Zwischen den Stämmen zog sich eine sehr hohe Mauer aus Lehmziegeln hin. Rechter Hand erblickte ich noch die eine Ecke eines größeren Gebäudes sowie einen vierräderigen plumpen Wagen mit großem, geschlossenem Holzkasten und drei weidende Zugochsen, die an die Nähe der Raubtiere offenbar vollständig gewöhnt waren.

Minuten verstrichen. Dann sagte Harst: »Ich nehme den Vorschlag unter folgenden Bedingungen an: Auch mein Freund Schraut muss auf sein Ehrenwort hin freigelassen werden. Es muss mir während der zwei Tage freistehen, gegen Warbatty vorzugehen, wie es mir geeignet erscheint. Nur die Kenntnis eurer, deiner und seiner Zusammengehörigkeit will ich in nichts ausnutzen. Falls ich Warbatty finde und seinen Plan vereitle oder ihm die Beute wieder abjage – alles in diesen zwei Tagen, bin ich der Verpflichtung, hierher zurückzukehren, überhoben.«

Der Inder nickte zustimmend. »Warbatty war auf diese Bedingungen vorbereitet, Sahib. Sie sind gewährt. Nur muss ich noch bemerken, dass auch er seinerseits alles tun kann, um dich unschädlich zu machen.«

»Selbstverständlich.«

»Weiter müsst ihr auch ohne Waffen euch hier wieder einfinden.«

»Ebenso selbstverständlich. Nur müssen wir jetzt sofort all das zurückerhalten, was ihr uns weggenommen habt. Ich gebe dir also mein Wort, genauso zu handeln, wie vereinbart. Schraut, tu dasselbe.«

Ich gehorchte widerwillig. Diese ganzen Abmachungen kamen mir wie ein freventliches Katz-und-Maus-Spiel vor, bei dem wir jedoch die Mäuse waren.

Shamana Driga löste unsere Fesseln. Dann führte er uns durch den schmalen Käfig ins Freie, hieß uns warten, betrat das Haus und kam mit unserem sämtlichen Tascheninhalt wieder, händigte uns die Sachen aus und führte uns an das Holztor der Lehmmauer, öffnete eine kleine Pforte daneben und sagte zum Abschied sehr kleinlaut und offenbar von einer unbestimmten Angst beseelt: »Sahib Harst, wenn du nun Glück haben solltest und Warbatty wirklich finden solltest, dann darfst du mich trotzdem nicht verraten. Dies ist in dein Versprechen mit einbegriffen.«

»So? Davon ist vorhin nichts erwähnt worden«, meinte Harst ernst und mit Nachdruck. »Wenn ich Warbatty beseitige, das heißt, ihn durch seine Festnahme unschädlich mache, sind auch seine Mitwisser verloren!«

Er hatte plötzlich den Revolver in der Hand, fügte drohend hinzu: »Lass deinen Dolch stecken, Shamana Driga! Du verdienst es, gehängt zu werden. Du fütterst deine Tiger und Panther mit menschlichen Leichen. Ich habe nicht weniger als drei zerbissene Schädel in den Käfigen bemerkt. Hüte dich vor mir! Deine Stunde hat geschlagen.«

Harst schritt von dannen. Und hinter uns her die Stimme des Hindu.

»Sahib, Sahib, ich will dir helfen …«

Doch Harst begann plötzlich zu traben, rief mir zu: »Es ist besser, wir suchen schleunigst bewohntere Gegenden auf, lieber Schraut. Der Kerl bekommt es fertig und schickt uns einen seiner Tiger nach …«

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