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Gold Band 3 – Kapitel 4.2

Friedrich Gerstäcker
Gold Band 3
Ein kalifornisches Lebensbild aus dem Jahre 1849
Kapitel 4.2

Dem Lauf des Baches folgend, wie ihm der Deutsche geraten hatte, richtete der Doktor nun seinen Weg, denn er vermutete nicht mit Unrecht, dass jener seine ihm doch nötigen Provisionen von dorther beziehen werde. Nach zwei Stunden eben nicht übereilten Marsches und einem ziemlich begangenen Pfad dabei folgend, erreichte er auch endlich ein kleines, von einem unternehmenden Yankee errichtetes Handelszelt. Dort erfuhr er denn, dass das Paradies noch etwa fünf Meilen entfernt läge und vom nächsten Bergrücken ein befahrener Weg hinüberführe.

Für heute war es ihm indessen zu spät geworden, noch dahin aufzubrechen, da er sich überhaupt etwas müde fühlte. Er blieb also die Nacht beim Yankee, wo er ein reinliches Bett und ziemlich gutes Abendbrot fand, und brach am anderen Frühmorgen wieder zu der bezeichneten Richtung auf.

Leute traf er sehr wenig unterwegs, ein paar Karren ausgenommen, die vom Paradies Lebensmittel in die benachbarten Berge führten, und einzelne Goldwäscher, die eben überall herumstreiften. Erst als er sich, wie er glaubte, ganz nahe seinem Ziel befinden musste, kamen ihm einzelne Mexikaner zu Pferd, dann andere in kleinen Trupps, alle bewaffnet, entgegen und schienen in großer Eile zu sein. Ein paar von ihnen sprach er an, aber sie standen ihm nicht Rede und ritten weiter in den Wald, einige die Straße verfolgend, andere geradezu in das Dickicht, einer nur ihnen bekannten Richtung zustrebend.

Er war die letzte halbe Stunde ziemlich scharf bergan gestiegen. Der hier sehr offene, mit fast keinem Unterholz bedeckte Wald gestattete ihm aber eine ziemliche Strecke vorauszusehen. An der vor ihm liegenden Lichtung erkannte er nun zu seiner Genugtuung, dass er sich dem Talkessel näherte, in welchem der Beschreibung nach das Paradies liegen sollte.

Als er den Kamm des Bergrückens erreichte, öffnete sich denn auch weit vor ihm das reizende Tal, da der Berg, der es an dieser Seite einschloss, an seinem Nordhang fast ganz kahl und nur hier und da auf seiner wellenförmigen Oberfläche mit einzelnen niederen Büschen besetzt war. Früher hatte hier allerdings wohl auch ein geringer Baumwuchs gestanden, teils aber war das Holz durch einen Waldbrand zerstört oder umgeworfen worden, teils hatten die Goldwäscher die noch gesunden schlanken Stämme ins Thal zu ihrem Hüttenbau geholt und dann das übrige, frisches wie trockenes, nachgeschleppt und verfeuert, sodass man nun den ganzen Hang hätte absuchen können, ohne noch einen einzigen Arm voll Reisig zu finden.

Für die Aussicht zum Paradies hinab war das aber natürlich nur zum Vorteil. Von dieser Stelle aus besser wie an irgendeiner anderen konnte man das ganze Tal bis in seine kleinsten Einzelheiten, mit allen zerstreuten Zelten, Büschen und Bäumen sowie dem ganzen regen Leben in der Flat überschauen.

Ganz entzückt von dem Anblick blieb der alte Mann stehen und bemerkte gar nicht, dass noch ein anderer Wanderer kaum zwanzig Schritt von ihm entfernt auf einem Steine saß und, eine Doppelflinte auf den Knien, stillschweigend das vor ihm ausgebreitete, unbeschreiblich schöne Panorama ebenfalls betrachtete. Erst als dessen hinter ihm grasendes Pferd beim Nahen des Maultiers wieherte, sah er ihn sitzen, ohne dass jedoch der Fremde die geringste Notiz von ihm genommen hätte.

Das ist etwas, dachte da der Doktor bei sich selbst, was ich noch nicht über mich gewinnen kann, mir aber jedenfalls in Kalifornien gleichfalls angewöhnen muss, denn es scheint mir eine höchst vortreffliche Eigenschaft, mich nämlich um niemanden, der mir begegnet oder den ich treffe, zu bekümmern. Rede ich jemanden an, der nicht hofft, irgendeinen Nutzen aus mir zu ziehen, so ist Zehn gegen Eins zu wetten, dass ich gar keine oder doch eine grobe Antwort bekomme. Betrachte ich mir so andere Leute, die nur ganz allein mit sich selbst beschäftigt durch die Welt ziehen, so muss ich gestehen, dass sie, in diesem Land wenigstens, die Vernunft auf ihrer Seite haben. Ich werde also gleich einmal den Anfang machen, diese neue Lebensregel durchzuführen.

Damit nahm er ohne Weiteres auf einem anderen Stein, von dem Fremden etwas entfernt, Platz. So schwer es ihm auch wurde, nicht wieder mit einem treuherzigen »Guten Morgen« herauszuplatzen, gewann er es doch über sich, gerade so zu tun, als ob sein Nachbar gar nicht da wäre, und in das Tal vor sich hinabzuschauen. Der Anblick fesselte ihn übrigens bald so sehr, dass er den anderen darüber wirklich vergaß und sich gar nicht an dem reizenden Bild satt sehen konnte.

Wohl eine gute halbe Stunde mochte er so gesessen haben, als plötzlich eine lachende Stimme ausrief: »Doktor!«

Rasch drehte er sich danach um, sprang aber auch im nächsten Augenblick mit einem Ausruf des Erstaunens empor und sagte: »Emil … Baron … zum Wetter, wo kommen Sie her?«

»Von San Francisco, Doktor«, antwortete der junge Mann, ihm freundlich die Hand entgegenstreckend, »und ungemein erfreut, Sie dürfen mir es glauben, dass Sie gerade der erste Bekannte sind, den ich hier treffe … aber … Sie wollen abreisen?«, setzte er fast bestürzt hinzu.

»Abreisen?«, fragte der Doktor. »Ich komme gerade erst an. Das ist aber nicht übel. Gerade habe ich mir vorgenommen, mit keinem Menschen an der Straße mehr ein Wort zu reden. Sie waren der Erste, an dem ich das probieren wollte. Ich kannte Sie aber gar nicht, wie Sie in dem blauwollenen Miner-Hemd da auf dem Stein saßen, und hielt Sie für einen Franzosen.«

»Und Sie sind noch gar nicht im Paradies gewesen? Wissen gar nichts von dort?«, fragte der junge Mann, ohne den Einwurf weiter zu beachten.

»Ich weiß«, gab der Doktor lächelnd zurück, »dass dieser vor uns liegende Ort Paradies heißt. Ob er aber ein solches für uns werden wird, haben wir beide erst noch zu erproben.«

Er blickte, während er sprach, seinen jungen Freund scharf an. Es konnte ihm nicht entgehen, dass derselbe leicht errötete. Vielleicht fühlte er das auch selbst, denn er brach das Gespräch kurz ab und sagte leichtherzig wieder wie vorher: »Nun sehen Sie einmal, bester Doktor, was dies für ein wahrhaft himmlisches Land ist. Das haben sich nun, mit all den unermesslichen Schätzen, die gleich bar in seinen Schubladen liegen, diese glücklichen Amerikaner weggeangelt.«

»Es ist ein freundlicher Anblick, das lässt sich nicht leugnen, Baron«, erwiderte der Doktor. »So wohl ich mich aber drin im Wald unter dieser reizenden Flora fühle, ein so unbehagliches Gefühl überkommt mich jedes Mal, wenn ich mich einer solchen Niederlassung nähere. Gold … Gold und immer nur Gold … man hört kein anderes Wort. Die Menschen denken an nichts weiter und reden deshalb also auch von nichts anderem. Die Qualität jeder ausgearbeiteten oder begonnenen Grube wird besprochen, die gefundenen Stücke oder Stückchen werden beschrieben, was der oder jener erbeutet, wie viel an einem Tag, wieviel in einer Woche zusammengehackt und gewaschen hat. Kurz und gut, die Geschichte wird einem, der nicht ebenfalls mit bis an die Ohren darin sitzt, so zum Ekel, dass man nur immer lieber gleich wieder aufpacken und davonlaufen möchte.«

»Ja lieber Gott, bester Doktor«, sagte der junge Mann, »dafür sind wir nun einmal in Kalifornien. Das ist etwa gerade, als ob ich in ein Fischerdorf zöge und wollte nicht von Fischen reden hören. Später wird das vielleicht einmal anders. Nun aber müssen wir die Sachen nehmen, wie sie wirklich sind. Und was mich selbst betrifft, so muss ich Ihnen gestehen, dass ich meine herzinnige Freude an dem tatkräftigen Land habe, ja – und was noch mehr sagen will – auch vor der Nation selbst Respekt bekomme. Nach manchem, was ich so früher über die Amerikaner gelesen habe, dachte ich sie mir nur als ein rohes tabakkauendes, immer bloß spekulierendes, krämerhaftes Volk und bin eigentlich, wenn ich aufrichtig sein will, mit dem Entschluss herübergekommen, sie ebenso zu finden, wie ich sie mir gedacht habe – aber allen Respekt vor den Leuten. Gesindel genug gibt es unter ihnen, das ist wahr – und vielleicht auch nicht mehr wie bei uns in Deutschland, nur dass es hier nicht in so feinen Röcken und mit Glanzstiefeln umherläuft. Aber ein Unternehmungsgeist steckt dafür in den Burschen, eine Kraft und Ausdauer, eine Zähigkeit in einmal Begonnenem, und ein Mut, das Tollköpfigste, Riskanteste zu unternehmen, vor dem man wirklich Respekt haben muss. Ich verlange nicht, dass wir ihnen ihr ekliges Tabakkauen nachmachen sollten, aber wenn wir uns ein Beispiel an ihrem nationalen Gefühl, an ihrem Nationalstolz nehmen und das nur erst einmal bei uns pflanzen wollten, dann könnte das ein großer Segen für uns werden. Wir gewönnen vielleicht auch einen Platz dabei, auf dem es wachsen möchte.«

»Aber es gibt doch auch entsetzlich viel und höchst bösartiges Gesindel unter ihnen«, sagte der Doktor, »was wir kaum in dieser Ausdehnung in Deutschland finden würden. Nehmen Sie jene Spieler.«

»Nicht so öffentlich und frech dort, da haben Sie recht, aber ebenso schlecht, und da sie im Geheimen wirken müssen, um so viel gefährlicher«, sagte der junge Mann. »Diese Spieler sind freilich der Auswurf der ganzen Nation, ja man könnte fast sagen, der Auswurf der Welt, indische Thugs und italienische Banditen nicht ausgenommen – apropos, von jenem Siftly habe ich doch seit dem Tag nichts wieder gesehen. Er war und blieb spurlos verschwunden. Ich hörte nur einmal, dass man behauptete, er sei seinem ihm durchgegangenen Kompagnon nachgefahren.«

»Möglich – ich sehne mich nicht nach seiner Bekanntschaft«, sagte der Doktor, »und will deshalb auch wünschen, dass wir uns nicht weiter begegnen mögen. Aber können Sie mir vielleicht sagen, mein junger Freund, weshalb da drüben zwei Flaggen an der hohen Stange wehen?«

»Ja, darüber habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen«, sagte Baron Lanzot. »Die obere scheint, so viel sich von hier erkennen lässt, denn sie weht gerade abwärts, die amerikanische zu sein, aber die untere bin ich nicht imstande auszumachen.«

»Auch eine eigene Unruhe herrscht in der Stadt selbst, wenn man diese einzige Zeltstraße wirklich mit dem Namen einer Stadt belegen darf. Ein sehr ruhiges Leben scheinen die Bewohner des Paradieses eben nicht zu führen.«

»Wer weiß, was sie haben«, sagte Baron Lanzot. »Wie wäre es, wenn wir hinunterstiegen?«

»Von Herzen gern. Aber was in aller Welt hat Sie jetzt, bester Baron, in die Minen geführt, denn den Titel Emil haben Sie doch hoffentlich in San Francisco zurückgelassen.«

»Der liegt bei den Servietten«, antwortete jener und lachte dabei, »aber noch früher, und zwar schon bei der Abfahrt aus der alten Heimat habe ich den Barontitel beiseite gelegt. Deshalb, mein lieber Doktor, ersuche ich Sie recht freundlich, mich hier nur einfach Lanzot zu nennen. Nur wenn Sie hartnäckig höflich sein wollen, so setzen Sie den Mister vor.«

»Sie haben da recht, mein lieber Mr. Lanzot oder Lanzot, wenn Sie das lieber hören«, sagte da der alte Mann. »Den Rang selbst mussten Sie zurücklassen, als Sie dieses wunderliche Land betraten, denn Rang ist ein höchst merkwürdiges Ding, das nur in der Masse und in der gehörigen Umgebung wirkt. Ein einzelner Soldat zwischen lauter Bürgern sieht auch sonderbar aus, und die grell abstechenden Farben von Kragen und Jacke wollen dem Auge nicht passen. In Reih und Glied macht er sich aber dafür desto besser. So lassen Sie den Namen fallen, bis Sie daheim wieder einmal in Reih und Glied einrücken. Die Spitzhacke und die Schaufel wird dann auch weniger auffällig.«

»Ach was«, gab Lanzot lachend zurück, »die würde weniger gegen den Barontitel abstechen wie Serviette und Teller.«

»Das ist allerdings wahr«, sagte der Doktor. »Was Sie um Gotteswillen dazu bewogen haben kann, den Broterwerb, und wenn auch nur für kurze Zeit zu ergreifen, wird mir es stets ein Rätsel bleiben. Sie haben es selbst jetzt satt bekommen, nicht wahr?«

Wieder war es fast, als ob der junge Mann leicht errötete, aber er sagte lachend: »Satt allerdings, ich habe meinem ›Capitaine‹, Sie kennen ja den kleinen ausgetrockneten Franzosen, neulich einen Satz Teller vor die Füße und ihn selber über den Tisch hinübergeworfen und bin dann in aller Freundschaft von ihm geschieden. Ich glaube auch überzeugt zu sein, dass wir beide gleich froh waren, einander loszuwerden. Dann bin ich aufs Geratewohl, mein Glück einmal in den Bergen zu versuchen, von San Francisco fortgegangen. Da ich wusste, dass Sie hier herum steckten, und der Name ›das Paradies‹ mir so verlockend in die Ohren klang, lenkte ich meinen Kurs hierher.«

»Also meinetwegen«, sprach der Doktor vergnügt vor sich hin lächelnd. Dann aber, als ob ihm etwas anderes durch den Sinn fahre, setzte er ernster, wenn auch immer freundlich hinzu: »Nehmen Sie sich aber in Acht, lieber Lanzot, und lassen Sie sich die Verbindung mit Monsieur Rigault oder wie der Bursche hieß, eine Warnung sein. Derlei Verhältnisse passen nicht für Sie, wenigstens nicht für die Zukunft, die Ihrer noch im alten Vaterland wartet. Denken Sie immer an die und halten Sie sich stets den Rücken so frei, dass Sie Ihren Kompagnon mit gutem Gewissen über einen Tisch werfen können. Ich brauche Ihnen wohl nicht mehr zu sagen.«

»Nein, lieber Doktor«, sprach der junge Mann, »ich werde Ihres Rates eingedenk sein. Aber jetzt wollen wir machen, dass wir ins Thal kommen, denn ich bin heute Morgen noch nüchtern und möchte mich vor allen Dingen etwas frisch machen. Komm, Grauschimmel, mein braver alter Bursche, hier magst du dich ein paar Tage ausruhen, wenn wir nicht vielleicht morgen schon wieder weiterziehen. Also vorwärts, wenn es Ihnen gefällig ist.«

Der Doktor hatte nichts dagegen. Beide Männer nahmen ihre Tiere am Zügel, um mit ihnen in das Tal hinabzusteigen.

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