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Die Gespenster – Zweiter Teil – Achtunddreißigste Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Zweiter Teil

Achtunddreißigste Erzählung

Beweis, dass die sichtbaren Gespenster zwar nicht unkörperlich sind, aber doch keinen gewöhnlichen Körper haben

Der königliche Zollkontrolleur zu Rathenow, Herr Liegeard, wohnte im Jahre 1788 bei dem verstorbenen Bäckermeister Köppen in der Friedrichsstraße zu Berlin. Sein Wirt, ein offener Kopf und geselliger Mann, unterhielt sich mit ihm an langen Winterabenden gern über allerlei Gegenstände fürs Haus. Auch Spukgeschichten gaben zuweilen den Stoff zu ihren Gesprächen her. Beide waren überzeugt, dass wo nicht alle, doch gewiss die meisten Spukereien dem Betrug und sinnlichen Täuschungen zuzuschreiben wären. Nur die Frau Meisterin, die den Unterhaltungen zuweilen aufmerksam zuhörte, war anderer Meinung und wollte an dem Unglauben jener Herren keinen Anteil nehmen. Eine ihrer Freundinnen, meinte sie, habe eine zuverlässige und höchst wunderbare Geistergeschichte erlebt, die alle Gespensterleugner mit allen Klügeleien der kalten Vernunft zu Schanden mache. Wer mag es ihr also verargen, wenn sie seitdem eine eifrige Schutzrednerin von verkörperten Geistern höherer Natur war?

Einst spielte der Zufall ihrem Mann folgenden argen Streich: Kurz vor Pfingsten, wo Meister Köppen mit dem Backen der Festkuchen alle Hände voll zu tun hatte, kam er des Mittags eilfertig und ganz erschrocken auf Herrn Liegeards Zimmer. »Kommen Sie geschwind«, rief er, »und überzeugen auch Sie sich, dass meine Frau recht hat, wir aber unrecht haben. Wir sahen diesen Augenblick auf dem Boden unter dem Dach ein Gespenst, genauso punktiert, wie im Orbispictus die menschliche Seele versinnlicht ist. Meine Frau sah es schaudernd zuerst. Sie kreischte vor Schrecken laut auf und wäre in der Angst fast von der Treppe gefallen. Wie ich ihr zu Hilfe eilte, erblickte auch ich den Geist. Ich hatte eben aus einem dortigen Vorratskasten Mehl ausgemessen und wollte in meinem Unglauben der Erscheinung eins mit dem Streichholz versetzen, welches mir auf dem ersten Griff zur Hand lag. Aber nun machte ich im Ernst die sonderbare Erfahrung, dass spukende Wesen keinen Körper wie wir haben. Mich durchschauderte eine ganz eigene Empfindung, wie mein Streichholz durch die Gestalt hindurchfuhr, ohne sie selbst im Geringsten zu verletzen; denn sie blieb, was und wo sie war. Eilen Sie, vielleicht ist sie noch da und bekehrt auch Sie zum Glauben an Gespenster.«

Herr Liegeard eilte die Treppe hinauf, als ob ihm bevorstünde, die angenehmste aller Bekanntschaften zu machen. Einige Hausgenossen folgten ihm von Ferne. Er sah im Hinaufgehen mit gespannter Erwartung vor sich hin und erblickte da und zu beiden Seiten nichts. Aber kaum war er ganz oben, kaum wandte er das Gesicht zu der Gegend hin, welcher er bisher den Rücken zugekehrt hatte: Hu! Da schwebte leibhaftig im finstersten Winkel des Dachbodens eine Koboldine im hellsten Lichtglanz vor ihm. Sie hatte den Kopf mit einem Tuch umwunden. Die Gesichtszüge waren verworren und nicht erkennbar. Den Hals bedeckte ein weißes Tuch, die Arme waren übereinandergelegt, und in der einen Hand schien sie etwas zu halten. Am Rock, den sie anhatte, erkannte man deutlich jede einzelne Falte. Übrigens war die Erscheinung kein Schattenspiel an der Wand, sondern schien, wie schon gesagt, im finsteren Raum zu schweben. Sie stand aber nicht gerade aufrecht, sondern in einer etwas schiefen Haltung.

»Ich staunte«, sagte Hr. Liegeard, »das sonderbare, unbegreifliche Wesen eine Zeitlang an und wusste nicht, was ich dazu denken sollte. Als meine etwas zurückgebliebene Begleitung sah, dass ich vor dem Geist nicht die Flucht ergriff, so folgten mir einige von den Hausgenossen bis in den Gesichtskreis der Orbispictus-Seele. Nun, dachte ich, ist es Zeit, der Erscheinung zu Leibe zu gehen. Ja näher ich ihr trat, umso mehr überzeugte ich mich von ihrer ganz eigenen Natur. Unmöglich konnte sie einem gewöhnlichen Zufall das spukhafte Dasein verdanken. Denn, man denke sich mein Erstaunen, als ich bemerkte, dass die Gestalt, ohne von der Stelle zu weichen, sich in sich selbst bewegte, indem jeder einzelner Teil des Raumes, den sie erfüllte, wirbelförmig um die benachbarten Teile kreiste. Ich redete sie an, aber da war an keine Antwort zu denken. Ich drohte mit Züchtigung für etwaige Gaukeleien. Sie schwieg. Ich wollte mit der Hand nach ihr greifen, stolperte aber in diesem Augenblick über einen Mehlsack, der zu meinen Füßen lag, und fiel der Schauder erregenden Koboldine auf den Leib. Was ich umarmte, war eine dem Mehlkasten entschwebte Staubwolke. Zufällig war neben dem Schornstein eine ganz kleine Dachöffnung vom Umriss der vorhin beschriebenen Koboldine entstanden. Ein durchfallender, gebrochener und gemilderter Sonnenstrahl erleuchtete und bildete diesen wirbelnden Staub zu jener Spukgestalt, bei deren unerwartetem Anblick die ausmalende Einbildungskraft natürlich auch nicht ganz müßig gewesen sein mag. Wer jemals einzelne, besonders durch belaubte Bäume gemilderte Sonnenstrahlen in ein finsteres Gemach einfallen und die Staubteilchen sich wirbeln sah, der wird jenen Sinnesbetrug, welchen so seltene Zufälligkeiten bewirkten, sehr natürlich finden.«

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