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Rübezahl, der Herr des Gebirges – Folge 32

Rübezahl, der Herr des Gebirges
Volkssagen aus dem Riesengebirge
Für Jung und Alt erzählt vom Kräuterklauber
Verlag Carl Gustav Naumann, Leipzig, 1845

32. Wie Rübezahl einen verruchten Gastwirt bestraft.

Eines Tages kam in Seydorf die Rede darauf, dass, wer in Rübezahls Lustgarten Glücksmännlein pflücken kann, sein Glück in der Welt machen werde, aber das müsse nur in der Johannisnacht geschehen, denn außer dieser Zeit breche Rübezahl einem jeden den Hals.

»Ihr wisst es aber doch nicht recht«, versetzte der Franzel, »denn nur eine Waise kann das und mit anderen ist es nicht sicher, funzemol – er war unten aus dem Land herauf, – »funzemol, wenn sie Werg am Rocken haben.«

In der Stube war ein munteres, herzhaftes Büblein, das der Bauer als eine Waise nebst seiner Schwester zu sich genommen hatte. Das hörte das und dachte: Ich versuche es. Also ging es, wie es zu Mittag gegessen hatte, ganz still davon, ohne jemanden ein Wort zu sagen und steckt sich ein Stück Brot ein, damit es unterwegs zu essen habe. Wie es zum Seiffenberg hinaufkam, wo es heute die Hampelbaude heißt, fragten es die Leute, wohin es so allein wolle. Das Büblein erzählte treuherzig, worauf es ausging. Indem es so erzählt, kam ein Mann in die Stube und hörte vollends mit an, was der Knabe erzählte.

»Da können wir Gefährtschaft machen«, sprach der Mann, »denn ich gedenke auch zur Nacht in Rübezahls Lustgärtlein zu sein.«

Zwar versuchte es ihnen der alte Tanla auszureden, indem er ihnen die Gefahr vorstellte, aber der Knabe hatte guten Mut und der Mann beharrte auch auf seinem Sinn. Dieser war nämlich ein Gerichtskretschmar aus dem Warmbad, ein gar lieber, feiner Mann, rund und aufgeblasen, wiewohl meist vom Wind und im Übrigen vom Hochmut, war alle Tage toll und voll und eitel Lug und Trug. Wenn er nicht in liederlichen Häusern zubrachte, so war er nur bemüht, allen Verdienst im Dorf an sich zu reißen, wenn auch die anderen alle zugrunde gehen sollten. Den warnte der Alte noch ganz besonders, aber es half alles nichts.

So gingen sie fort. Es war noch hell am Abend, da kamen sie schon zum Lustgärtlein und warten auf den Einbruch der Nacht. Die Nacht war lieblich und still, der Mond schien freundlich vom Himmel nieder. Das Knäblein betete still vor sich hin und hoffte, weil es immer gehört hat, dass Gott das Gebet frommer Kinder erhöre. Da trug der Nachthauch den Schall der Mitternachtsglocke aus dem stillen Tal von Aupe herauf.

Das Büblein sagte: »So lasst uns mit Gott gehen.«

Der Mann brummte etwas vor sich hin und folgte ihm. Als sie nun im Lustgarten waren und die leuchtenden Blüten des Glücksmännleins erkannten, so fiel der Kretschmar gierig über sie her, raufte ganze Hände voll aus und wollte sich eben damit schleunig entfernen.

Da kam auf einmal ein Greis mit einem langen Bart hinter der Bergwand hervor und rief ihm ein lautes »Halt!« zu. Der Mann zitterte am ganzen Leib und blieb wie gefesselt stehen. Der Knabe aber ging ruhig und mit gehobenen Händen auf den Greis zu und bat ihn, dass er ihm doch erlauben möge, zwei Glücksmännlein mitzunehmen. Der Greis schaut ihn freundlich an und fragte, wozu er denn die Glücksmännlein pflücken wolle. Das Büblein sagt ihm alles, dass er und seine Schwester Waisen seien und wie sie gern glücklich werden möchten, damit sie nicht nötig hätten, anderen Leuten zur Last zu fallen. Nur deshalb bat es um zwei Blümlein. Der Greis wurde während der Rede des Knaben immer freundlicher, pflückte hierauf mit eigener Hand einen großen Strauß Glücksmännlein, gab ihm den in die Hand und steckte ihm obendrein noch alle Taschen voll, indem er ihn ermahnte, wohl aufzusehen, dass er nichts verliere. So weit ging die Sache gut, aber das Schlimmste kam noch. Selbst der Kräuterklauber ärgerte sich über den elenden Kretschmar und musste sich erst ausärgern, ehe er weitererzählen konnte.

Nachdem sich der Greis dem Knaben so freundlich bezeigt hatte, wandte er sich mit zornigem Gesicht zu dessen Begleiter: »Und wer bist du?«

Der Mann sagte, wer er sei, und wie er hierher gekommen sei, um ebenfalls sein Glück zu machen.

»Nichtswürdiger«, fuhr ihn der Greis an, »du, der du ein Abschaum der Menschen bist, glaubst, ich würde dich zu einem Glücklichen machen? Hebe dich weg von hier und danke es meiner Gnade, dass du mit heiler Haut davonkommst. Nur unschuldigen Waisen ist das Glück beschert, das sie hier suchen.«

Unter diesen Worten stand der Wirth zitternd vor dem Greis, wollte aber doch nicht umsonst dagewesen sein und sagte, dass auch er eine Waise sei, indem sein Vater in seinem 12. Jahr von den Moskowitern mit fortgeschleppt worden sei, und hätten sie seit der Zeit nichts wieder von ihm erfahren. Er hatte das aber kaum heraus, da ergrimmte der Greis, verwandelte sich plötzlich und stand in Gestalt des leibhaftigen Teufels vor ihm.

Hierauf fasste er den Gastwirt bei der Gurgel und rief mit furchtbarer Stimme: »Nichtswürdiger Lügner, fahre zur Hölle!«  Der Greis schleuderte ihn hinunter in den Abgrund. Der Knabe war zitternd auf seine Knie gesunken und hatte die Händchen zum Gebet erhoben. Da ergriff ihn die Hand des Greises, der seine vorige Gestalt indessen wieder angenommen. Indem er ihm freundlich zusprach, führte er ihn wieder aus seinem Gehege heraus, erteilte ihm noch manche gute Lehre und ließ ihn dann seines Weges ziehen.

Indessen war man in Seydorf wegen des Bübleins in großen Sorgen gewesen. Als dieses aber nun in Seydorf ankam, die ganze Sache erzählte und nun seinem Brotherrn und jedem in seiner Familie ein Glücksmännlein aus seinem Strauß reichte, da wurden alle lange Gesichter rund. Denn jedes Pflänzchen verwandelte sich in der Hand in lauter Gold. Der arme Bube war, als er alle Taschen ausgeräumt hatte, ein reicher Mann. Er teilte aber alles redlich mit seinem Schwesterlein und wurde ein reicher Bauer, der niemals das Ende des nichtswürdigen Gastwirts und die Ermahnungen Rübezahls vergaß.

So hatte Rübezahl wieder einmal ein Exempel statuiert und den Leser freut es, denn …

Merke: Strafe will sein funzemol

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