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Elbsagen 09

Elbsagen
Die schönsten Sagen von der Elbe und den anliegenden Landschaften und Städten
Für die Jugend ausgewählt von Prof. Dr. Oskar Ebermann
Verlag Hegel & Schade, Leipzig

9. Das Mauerschiner Försterhaus

In einem Wald zwischen Saubernitz und Krünitz stand vor mehreren Jahren ein altes Försterhaus, das im Volksmund das Mauerschiner Försterhaus genannt wurde. Da der Förster schon alt und kränklich war und den Dienst nicht mehr recht versehen konnte, nahm er einen Forstgehilfen zu sich, der aber nach kurzer Zeit im Walde erschossen aufgefunden wurde. Ebenso erging es einem Zweiten und Dritten. Jedes Mal auf derselben Stelle wurden sie gleich in den ersten Tagen nach dem Dienstantritt in der Nähe eines großen Eichenstockes tot aufgefunden.

Der alte Förster war darüber sehr traurig und sagte zu seinem Weib: »Ich werde mir keinen Gehilfen mehr nehmen. Es wäre jammerschade um die jungen Leute, es würde doch einem jeden das Leben kosten, denn das geht nicht mit rechten Dingen zu. Das kann nur jemand verübt haben, der den Freischuss kann. Es wird ein Wilderer sein, dem die jungen Gehilfen im Wege sind.«

Während er noch mit seiner Frau darüber redete, klopfte es an die Tür. Auf des Försters »Herein!« trat ein junger Forstgehilfe in die Stube, der fragte nach der ersten Begrüßung den Förster, ob er keinen Gehilfen brauche.

Der Förster erzählte nun dem Fremden, wie er schon um drei Gehilfen gekommen sei, und sagte zum Schluss: »Geradeso würde es dir auch ergehen!«

Der Fremde erwiderte darauf, der Förster solle ihn nur behalten und ganz außer Sorge sein. Was andere Leute könnten, das könne er auch. Er sei ein paar Jahre auf der Wanderschaft gewesen und habe da so manches gelernt. Auch sein Großvater, der in Welschland Förster sei, habe ihn in mancher Kunst unterwiesen. Er solle ihn nur behalten und ihm die Stelle zeigen, wo die früheren Gehilfen erschossen worden wären. Um das Weitere brauche er sich nicht zu kümmern.

Auf Zureden seiner Frau wollte es nun der Förster noch mit ihm versuchen, und so blieb der Gehilfe im Försterhaus. Am nächsten Tag zeigte ihm der Förster das ganze Revier und machte ihn auch auf die Stelle aufmerksam, wo die früheren Gehilfen erschossen worden waren. Der Forstgehilfe machte sich ein Zeichen auf den Eichenstock, um ihn, wie er sagte, ganz genau zu erkennen. Am dritten Tag ging der Gehilfe allein ins Revier, und der Förster ermahnte ihn beim Abschied, ja die verhängnisvolle Stelle zu meiden. Der Gehilfe erwiderte, dass er ganz ohne Sorgen sein könne, und ging lächelnd dem Wald zu. Als er eine Strecke gegangen war, schlug er die Richtung zum Eichenstock ein. Dort angekommen, nahm er seinen Hut vom Kopf, murmelte ein paar Worte und legte den Hut auf den Stock. Er selbst lehnte sich seitwärts an einen Baumstamm und verharrte in dieser Stellung. Auf einmal hörte er, wie eine Kugel geflogen kam und in seinen Hut hineinfuhr. Er ging zum Stock, nahm die Kugel aus dem Hut und stellte sich wieder an seinen Posten. Nach einem kurzen Zeitraum wiederholte sich der Schuss. Er nahm wieder die Kugel aus dem Hut und steckte sie in die Tasche. Endlich, wieder in kurzer Zeit, kam eine dritte Kugel, die wieder wie die beiden ersten im Hut stecken blieb. Als er nun zum Stock kam und die Kugel aus dem Hut nahm, sah er, dass es dieses Mal eine gläserne war.

»Nun ist es mit deiner Kunst zu Ende«, sagte er, murmelte ein paar Worte, lud die gläserne Kugel in sein Gewehr und schoss in die Richtung, aus der die Schüsse gekommen waren, aufs Geratewohl, ohne zu zielen, in den Wald hinein. Dann setzte er seinen Hut auf und ging dem Forsthaus zu.

Der Förster fragte gleich beim Eintritt des Gehilfen, ob nichts Außergewöhnliches vorgekommen sei.

Nun erzählte der Forstgehilfe alles, was er im Wald erlebt hatte, und sagte zum Schluss: »Hoffentlich ist nun Ruhe im Revier, denn dieser erschießt niemand mehr.«

Dann zeigte er die beiden ersten Kugeln, die er noch in der Tasche hatte, und der Förster erkannte sofort, dass es eben solche waren, wie man bei den erschossenen Gehilfen gefunden hatte, denn jeder Kugel war eine Toteneule eingeprägt.

Als nun der Förster fragte, was es mit den Freikugeln für eine Bewandtnis habe, erklärte ihm der Gehilfe: »Wer diese treffsicheren Todesgeschosse erlangen will, der muss sie in der Walpurgisnacht um zwölf Uhr bei Vollmondschein im Wald gießen. Dabei muss er den Teufel anrufen und verschiedene Zauberformeln murmeln. Eine so gegossene Kugel trifft ihr Ziel auf die größte Entfernung und tötet Tiere und Menschen selbst dann, wenn sie der Schütze gar nicht sieht. Und das nennt man den Freischuss.«

Der Förster war über die Erzählung sehr erstaunt und noch mehr darüber erfreut, dass nun in seinem Revier wieder Ruhe einkehren sollte.

Am Nachmittag kam aus dem nächsten Ort ein Bote, der brachte dem Förster eine Aufforderung des Richters, sogleich zu ihm zu kommen. Im Dorf erfuhr der Förster, dass man im Keller eines Hauses einen berüchtigten Wilderer erschossen aufgefunden hatte. Es war kein Zweifel, dass dies der Freischütz war. Als er merkte, dass seine Kugeln alle gefehlt hatten, hatte er sich im Keller eines Hauses versteckt, wo ihn die von ihm selbst hergestellte Kugel ereilte. Fortan aber war Ruhe im Revier.

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