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Die Gespenster – Zweiter Teil – Fünfunddreißigste Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Zweiter Teil

Fünfunddreißigste Erzählung

Die spukende Jüdin bei Friesack

Im Gehölz bei dem Städtchen Friesack in der Mittelmark Brandenburg wurde vor vielen Jahren eine reisende Jüdin gewaltsam überfallen und ermordet. Seitdem ist diese Gegend in aller Hinsicht übel berüchtigt und nicht ein jeder reist hier gern um Mitternacht. Indessen fürchtete man sich in jenen Tagen der landespolizeilichen guten Ordnung, hier nicht sowohl vor Straßenräubern, als vielmehr vor dem spukenden Geist jener Erschlagenen, die sich hier noch je zuweilen im blutigen Gewand den Reisenden zeigen soll. Zwar tut sie keinem etwas zuleide, allein wer sieht gern Schreckbilder und Geister.

Herr Rittmeister von Zieten, Königl. Preuß. Leib-Carabinier- Regiment, kehrte im Sommer 1795 von seinem Gut Wildberg bei Ruppin zum Stab nach Rathenow zurück. Sein Weg führte ihn über Friesack. Es war Mitternacht, als er in die Gegend ankam, wo der Sage nach die ermordete Jüdin spukend umgeht.

»Dieses Volksgeschwätz«, erzählte Herr von Zieten, »war mir bekannt. Und wenn ich gleich an Märchen dieser Gattung nie geglaubt habe, so beschäftigte mich doch das Andenken in jener Nacht, ich glaube aus Langerweile, mehr als sonst daran. Plötzlich sah ich neben mir eine ganz weiße, riesenartige Erscheinung. Ich erschrak heftig und der Seitensprung, welchen das eigentlich nicht scheue Pferd mit mir machte, gab mir hinlänglich zu erkennen, dass dieses ebenfalls ein ganz außerordentliches Etwas erblickt haben müsse. Ich weiß nicht, ob mir der Anblick des Gespenstes selbst oder der Satz des Pferdes das Blut zum Kopf trieb. Soviel ist indessen gewiss, ich befand mich nicht im Zustand der Ruhe. Ich fühlte die Wahrheit der Lessing’schen Behauptung, dass beim Anblick eines fürchterlichen Phantoms die Haare sowohl dem ungläubigen, als auch dem gläubigen Hirnschädel zu Berge stehen. Das Herz klopfte mir und ich war nicht weniger unzufrieden mit mir selbst, als mit dem Pferd. Indem ich das Letztere gar unsanft zusammennahm und strafte, tat ich auch mir selbst Gewalt an und ließ die unbegreifliche Erscheinung ebenso lange nicht aus den Augen, als das ungestüme Pferd mich in dem Gesichtskreise derselben ließ. Allein wenige Augenblicke, und die Bäume am Weg hinderten mich, den Riesengeist ferner zu beobachten.

Pfui, dachte ich, mich jagt ein Gespenst?

Im nämlichen Augenblick war auch der Engländer unter mir schon herumgeschmissen. Ich ritt gerade auf den Ort zu, wo ich die Erscheinung erblickt hatte, und fand sie da wieder. Je unbändiger und unfolgsamer das Pferd beim außerordentlichen Anblick sich aufs Neue zeigte, desto vorsichtiger war ich, um Herr über dasselbe zu bleiben. Alles Trotzen, alles Schnauben und Bäumen vor der Schreckensgestalt half ihm nichts. Mir selbst war das Pochen unter dem dritten Knopfloch nur ein verstärkter Antrieb, die seltene Gelegenheit, mutmaßlich mit einem Wesen höherer Natur nähere Bekanntschaft zu machen, nicht unbenutzt zu lassen.

Das Pferd, mit besseren Sehwerkzeugen, als der Mensch ausgerüstet, fing nun an, sich zu beruhigen. Ich nahm das für einen belehrenden Wink zur Nachfolge und entdeckte nun, dass wahrscheinlich ein holzarmer Frisackischer Einwohner während meiner letzten Durchreise durch diese Gegend das Stammende einer Eiche entborkt und dadurch die weiße Riesengestalt geschaffen hatte.«

So bewirkt eine Kleinigkeit, die man am hellen Tag kaum eines Blickes gewürdigt haben würde, in der Nacht eine ernstliche Untersuchung. Und der nämliche Soldat, der im ärgsten Schlachtgetümmel dem Tod selbst mit einer gewissen Ruhe gleichsam ins Auge sieht, bekommt Herzklopfen beim flüchtigsten Anblick eines vermeintlichen Geistes!

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