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Rübezahl, der Herr des Gebirges – Folge 31

Rübezahl, der Herr des Gebirges
Volkssagen aus dem Riesengebirge
Für Jung und Alt erzählt vom Kräuterklauber
Verlag Carl Gustav Naumann, Leipzig, 1845

31. Wie Rübezahl einen lockeren und ungeschliffenen Gastwirt bedient.

Also jeder soll gegen den anderen höflich, freundlich und bescheiden sein. Ich kenne aber viele, besonders junges Volk, die da meinen, man müsse gegen jedermann unhöflich oder gar grob sein, Je gröber man sei, desto mehr gelte man, und denke jeder, man sei was Rechtes, wenn man gleich noch gar nichts ist.

Nun, der letzteren Meinung ist kein guter und verständiger Mensch und höchstens nur ein schwacher Vater und eine hochmütige oder verzärtelnde Mutter, denen an dem lieben Söhnlein alles vortrefflich vorkommt. Aber darin sind die meisten Menschen einig, dass es sich anmutiger in der Welt lebt, wo die Leute freundlich und höflich, als wo sie kalt, finster und grob gegeneinander sind. Also grob und ungeschliffen soll niemand gegen andere sein, am wenigsten ein Gastwirt, der vom Vertrauen der Menschen lebt und am Ende davon fett wird. Ist er es, so ist es schlimm, und noch schlimmer, wenn er zugleich obendrein ein Leckermaul ist, wie der folgende.

So einen leckeren und ungeschliffenen Gastwirt gab es nämlich damals zu Marschendorf. Rübezahl hatte gar oft von den Vorbeireisenden gehört, wie dieser Gastwirt sich bei den Fremden selbst zu Gast bitte, wenn sie sich etwas Gutes zum Essen bei ihm bestellt hätten.

Er dachte also: Den musst du kurieren. Da er sich vorgenommen hatte, den Jahrmarkt in Königgrätz zu besuchen, so sprach er beim Wirt ein. Es waren noch andere Reisende bei ihm, die unter seinem Schutz glücklich übers Gebirge gekommen waren.

Es war eben Mittag und schlug auf der Marschendorfer Kirche. Der Herr Schulmeister stand unter der Tür, denn die Schule war gerade aus, und vermerkte sich die Buben, wo einer den anderen auf dem Schulweg etwas verwamste. Rübezahl, so wie er in die Gaststube getreten war, wandte sich gleich zur Wirtin und sagte ihr, sie solle ihm 20 Eier in einer Pfanne rühren und sie recht fett mit Butter und Speck machen, denn so etwas esse er gern. Im Stillen dachte er aber, dass er am Wirt gewiss einen Gast bekommen werde. Da möge es wohl gut sein, ihn so zu bewirten, dass er zeitlebens den Reisenden im Andenken behalte. Und eben darum bestellte er so viel.

Wie gedacht, so geschehen. Denn sowie die Wirtin die Eier auf den Tisch setzte und sagte »ich wünsche guten Appetit«, so kam der Wirt auch herbei, schaute unverwandt auf den Teller und wischte sich den Mund, denn er lief ihm voll Wasser.

Endlich sagte er: »Ich sehe, dass der Herr da ein feines Gericht hat und unmöglich alles wird bezwingen können, denn das ist nicht gesund und macht einen scharfen, hungrigen Magen. Ich will ein wenig mithelfen.« Damit setzte er sich ohne alle Umstände mit an den Tisch, sagte nicht einmal »mit Verlaub« und haute rein. Rübezahl schaute ihn lächelnd an und sagte: »Nun, wenn es einen scharfen, hungrigen Magen macht, so ist es ja auch Euch nicht gesund.«

»Nein«, sprach der, »mir schadet es nichts, denn ich habe schon einen.«

»Und was das Bezwingen anlangt, Freund«, antwortet Rübezahl, »so habe ich eine gute Nummer und wird es nicht leicht einen geben, der einen so guten Magen hätte wie ich. Aber Ihr, Ihr werdet die Eier nicht vertragen, denn wenn es mir schmecken soll, so muss ich allerlei dran tun, zum Beispiel Teufelsdreck, Otternfett, Wanzenöl und Pulver von einem verbrannten Husarenzopf.« Damit langte er jedes Mal in die Tasche, brachte etwas heraus und streute es auf das Essen. »Und«, fuhr er fort, »wenn man noch etwas geröstetes Hühnerauge von einem Gehenkten hinzutut, so kann in der ganzen Welt nichts schöner schmecken.«

Der Wirt, der das alles für Spaß hielt, lächelte und meinte, dies tue gar nichts und so was sei gerade sein Gusto.

»Nun, meinetwegen«, versetzte Rübezahl, »so esst frisch darauf los, aber schiebt ja nichts auf mich, wenn es schief geht.«

Es ging also mit dem Essen los. Aß der eine mit Weile, so trieb es der andere mit Eile, nämlich der Wirt.

Währenddessen kam die Wirtin in die Stube und sah ihren Mann, wie er im Amtseifer auf die Eier losging und Hören und Sehen darüber verloren hatte. »O, du gottloser Mann«, eiferte sie, »du wirst doch dem Herrn die Eier nicht wegessen!«

Der Mann aber lachte, schabte ihm das Letzte aus der Pfanne und sagte: »Was tut es? Schmeckt es doch gut.« Damit wischte er den Mund, stand auf ohne Spruch und Dank, ging an den anderen Tisch und lachte aus Herzensgrund.

Rübezahl aber dachte: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Nach einer Weile setzte sich der Wirt in eine Ecke und wurde still. Darauf stand er auf und wollte hinausgehen, aber er setzte sich doch wieder und wurde weiß wie eine Kalkwand und immer weißer. Die Gäste sahen einander an und lächelten.

Nur Rübezahl tat sich keinen Zwang an und lachte, dass ihm der Bauch wackelte, denn er hatte einen, und fragt doch noch obendrein: »Gell, die Eier sind Euch zu fett gewesen?«

Der Wirt hätte gern geantwortet, aber er konnte nicht. Er verzog nur das Gesicht, konnte nicht leben und nicht sterben. Endlich sagte er: »Ich wollte, Rübezahl hätte die Eier gefressen.«

»Freilich wäre es besser«, entgegnete Rübezahl und wollte sich vor Lachen ausschütten.

Währenddessen lief dem Wirt das Wasser aus dem Mund. Endlich fing er an, mit den Füßen zu trampeln und zu gackern wie ein kranker Hahn. Ehe es sich jemand versah, legte er unter lauter Gackern ein Ei. Was ist ein Ei, ein Ei ist nicht viel, mochte er denken. Er setzte also das Gackern fort und folglich auch das Eierlegen, bis es so viele waren, wie er gegessen hatte. Die Eier waren jedoch lauter Windeier.

Die arme Wirtin war bei alledem mit am schlimmsten dran. Denn was eine rechte Ehefrau ist, die gönnt zwar dem Hausherrn manchmal gern etwas, aber es darf doch nicht zu bunt sein, sonst wird gleich das Mitgefühl rege. So war es nun auch mit der Wirtin, nur ganz anders. Denn sie hätte wohl gern bei ihres Mannes Unglück ein paar Stunden gejammert, aber sie konnte es nicht zur Perfektion bringen. Wenn der Mann anfing zu gackern und legte ein Ei, so musste sie lachen, so gut wie die anderen. Soviel aber merkte sie, dass ihrem Mann der Schabernack von dem Fremden, der indessen abgezogen war, absichtlich gespielt worden sei. Und insofern, dachte sie, ist es schon gut.

Sie machte also im Beisein der Gäste ihren Mann etwas herunter und sagte: »Dir ist gar recht geschehen, du Leckermaul, denn du denkst wunder wie klug du es angefangen hast, wenn du den Gästen die Mahlzeit weggegessen und die Zeche sie hast bezahlen lassen. Lass du das nur in Zukunft hübsch bleiben.«

Der Mann, so noch immer presshaft war und sich kaum das Maul zu öffnen getraute, weil er nicht wusste, wie weit es mit dem Eierstock gehen könnte, sagte nur »nimmer wieder« und hat seitdem den Fremden ihre Mahlzeit nie mehr weggegessen.

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