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Der Spion – Kapitel 20

Balduin Möllhausen
Der Spion
Roman aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, Suttgart 1893

Kapitel 20

Auf der Insel

Die Insel, welche zunächst die Zufluchtsstätte der Flüchtlinge bilden sollte, besaß einen Umfang von höchstens sechs Morgen. Weidendickicht und vierzig- bis fünfzigjährige Bäume bedeckten sie in ihrer ganzen Ausdehnung. Als Bollwerk gegen den tückischen Strom, dem es sonst vielleicht längst gefallen hätte, den mühsamen Bau vieler Jahrzehnte wieder auseinanderzureißen, dienten gestrandete Treibholzmassen, die sich gerade vor der Insel übereinander türmten und das Landen eines unlenksamen Floßes erschwerten. So hatten die Flüchtlinge große Mühe, das ihre an die durch Holzklippen unzugänglichen Spitze des Eilandes vorbeizusteuern und dem Ufer so nahe zu bringen, dass Lydia es trockenen Fußes zu erreichen vermochte. Dort, wo sie sich vorläufig als gesichert betrachten durften, fanden sie nach kurzem Umherschweifen aus dem stromabwärts weisenden Ende eine Fläche, welche sich zum Aufschlagen des Lagers eignete. In der Voraussicht, dass die unzweifelhaft von Quinch entsendete Bande die Gegend nicht verlassen würde, ohne wenigstens den Versuch zur Gewinnung der in Lydias Person sich bietenden kostbaren Beute unternommen zu haben, gelangten sie zu dem Schluss, ohne fremde Hilfe die Council Bluffs und damit die Mission nicht erreichen zu können. Außerdem galt es, durch Herumbugsieren des Floßes zum unteren Ende des Eilandes die Möglichkeit offen zu halten, im äußersten Notfall die Flucht stromabwärts zu jeder Stunde antreten zu können. Es tagte bereits, als Schinges mehrere zusammengeschnürte Holzblöcke mit seinen Kleidern und Waffen belud und, das kleine Floß vor sich hinschiebend, in den Fluss hineinschritt. Von der Strömung mit fortgerissen, erreichte er schwimmend das linke Ufer, wo er bald im Gebüsch verschwand.

Die Sonne war um diese Zeit über die östliche Waldung aufgestiegen. Ein gewisses Sicherheitsgefühl hatte sich aller bemächtigt. Zugleich aber machte sich der Rückschlag nach so viel überstandener Gefahr und Aufregung geltend. Den fast übermenschlichen Anstrengungen folgte Abspannung. Lydia war so erschöpft, dass der Gedanke, mit ihr auf dem vom jungen Otoe eingeschlagenen Weg zu fliehen, schon bei seinem Entstehen aufgegeben wurde. Waltete doch auch die Gefahr, dass die erbitterten Verfolger in ähnlicher Weise den Strom kreuzten, um wie eine Meute heißhungriger Wölfe sich an ihre Fersen zu heften. Nun schlief sie in der von Nestor gewohnter Weise errichteten Laube. In ihrer Nachbarschaft gaben Maurus, Schahoka, Nestor und Eva sich ebenfalls der Rast hin. Nur Kit Andrieux, dessen Sehnen wie sein Wille aus Stahl gewebt zu sein schienen, blieb munter. Auf dem entgegengesetzten Ende der Insel, auf einer Stelle, von welcher aus er den Missouri bis weit über die Mündung des Nebraska hinaus überblickte, saß er gemächlich zwischen dem gebleichten Treibholz. Wohlgemut seine Pfeife rauchend, behielt er die Richtung im Blick, in welcher allein sich abermals Gefahren vorbereiten konnten. Nichts entdeckte er, worauf sein Argwohn neue Nahrung gezogen hätte. Die Nachbarschaft der Nebraska-Mündung lag so still und öde, wie das jenseitige Missouriufer. Nirgends zeigte sich Leben. Hin und wieder strich wohl eine Kette wilder Enten mit pfeifendem Flügelschlag über den breiten Wasserspiegel hin oder ein weißer Reiher spähte, wie mit dem ihn tragenden gestrandeten Treibholzblock aus einem Stück bestehend, regungslos vor sich in die Fluten hinab. Allein um die weithin absehbare Landschaft zu beleben, hätte es anderer Mittel bedurft. Misstrauisch betrachtete er dagegen mehrere Geier, die nahe der Mündung des Nebraska oberhalb der Waldung kreisten. Was sie anlockte, war ihm nicht fremd. Es verriet sich in seinem eigentümlich schadenfroh befriedigten Blick. Weniger gefiel ihm, dass die hässlichen Vögel nicht den Mut besaßen, sich zu der in ihrem Bereich befindlichen Beute niederzulassen, ein sicheres Zeichen, dass sie gestört wurden. Doch was ihrer Scheu zugrunde liegen mochte, ob die Anwesenheit von Wölfen oder Menschen: Die Erklärung dafür verheimlichte die Waldung mit ihrem Schatten.

In seiner Wache wurde er zur festgelegten Zeit durch Schahoka abgelöst. Diesem folgten in bestimmten Zwischenräumen Maurus und Nestor. Peinlich aufmerksam versah jeder seinen Dienst, allein nirgends begegneten ihre Blicke einem Merkmal, welches von der Nähe, wenn auch nur vereinzelter Mitglieder der Raubbande gezeugt hätte.

Wie der Tag verstrich auch der Abend ohne jegliche Störung. Es folgte die sich durch den späten Aufgang des Mondes klärende Nacht. Trotz der verschärften Wachsamkeit gewahrten die das Eiland abwechselnd umkreisenden Gefährten nichts, wodurch sie an ihre gefährliche Lage erinnert worden wären. Das Krachen, mit welchem, wie sie wähnten, die vor der Mündung des Nebraska von der Strömung herumgewirbelten Treibholzstämme gelegentlich aufeinanderprallten, drang wohl dumpf herüber, allein sie waren zu vertraut mit dieser Art von Geräusch, um hinter demselben andere Ursachen zu suchen. Verdächtig erschien dem misstrauischen Fallensteller nur, dass es sich häufiger wiederholte, wie es bei dem niedrigen Wasserstand gewissermaßen gerechtfertigt gewesen wäre. Es klang, als ob man auf einem Zimmererplatz Bauhölzer übereinandergeschichtet habe.

 

Der neue Tag zeigte kein anderes Gepräge, als der vorhergehende; auch heute verstrichen die Stunden bei unverminderter Wachsamkeit träge. Sie schienen endlos zu sein.

Der Abend hatte sich längst auf die stille Landschaft gesenkt. Ein fahler Schein verriet die Stelle, auf welcher der Mond der östlichen Waldung entsteigen sollte, als Maurus die Wache vor dem natürlichen Bollwerk übernahm. Bei ihm befand sich Lydia. Dringend hatte sie gebeten, ihn begleiten zu dürfen. Vergeblich den Schlaf herbeisehnend und in Vorahnung neuer Gefahren widerstrebte es ihr, vor dem Lagerfeuer zurückzubleiben, wo sie, eingeengt durch dichte Vegetation, nicht um sich zu blicken vermochte, ihre Fantasie, durch nichts abgelenkt, fortgesetzt mit Bildern sich beschäftigte, die ihr Grauen einflößten.

Ungern gab Maurus ihrem Wunsch nach. Und dennoch gewährte es ihm eine gewisse Beruhigung, sie an seiner Seite zu wissen, sie zu beobachten, während sie zu ihm sprach, ihn zu immer neuen Kundgebungen trieb, aus welchen sie, wenn auch zagend, freundlichere Hoffnungen auf die nächste Zukunft schöpfte. Vor sich das verworrene Holzgerüst, saßen sie hoch genug, um über dasselbe hinwegzusehen. Träumerische Ruhe lagerte auf Wald und Strom. Träumerisch klang das Gurgeln, mit welchem die regsamen Fluten ihren gewundenen hindernisreichen Weg zwischen dem Geäst des mächtigen Holzriffs hindurch verfolgten. Es war wie geschaffen, die Fantasie milder anzuregen und endlich einzuschläfern. Bald von dem einen Ufer, bald von dem anderen drang das Kläffen und jauchzende Heulen der Präriewölfe herüber. Dazwischen ertönte zuweilen das Schnattern auf stillem Wasser übernachtender Enten, beantwortet von dem heiseren Ruf eines wachsamen Reihers. Wie Träume des paradiesischen Friedens schwebte es in der klaren Atmosphäre. Wie tosende Träume ewiger holder Eintracht umwebte es das Eiland inmitten des heftig strömenden Wassers. Lispelnd und flüsternd strich eine sanfte Luftströmung durch die Wipfel der Bäume. Unmöglich erschien es, dass die herrschende Ruhe durch Szenen wilden Kampfes gestört werden könne, unmöglich, dass die von den östlichen und südlichen Schlachtfeldern ausgehenden Erschütterungen, ähnlich den Schallwellen in geringerem Umkreis, über Hunderte von Meilen hinweg sich bis in diese abgelegenen Wildnis fortpflanzten.

Der sich dem Osten entwindende Mond befand sich im Gesichtskreis der beiden. Schwermütigen Betrachtungen hingegeben überwachte Lydia die bereits zur Sichelform hinneigende Scheibe, wie sie, den nahe dem Erdboden lagernden Dunstschichten sich rotglühend entwindend, allmählich ihre Farbe veränderte.

»Ich lebe wie in einer anderen Welt. Der Unterschied zwischen dem Früher und dem Jetzt ist zu unermesslich groß«, sprach Lydia, ihren trüben Gedanken Ausdruck verleihend. »Wohin ist es gekommen, dass die Kinder desselben Landes in solch entsetzlicher Weise sich gegenseitig verfolgen. Alle Bande, selbst die des gleichgültigen Nebeneinandergehens, sind gelöst. Verrat und Tücke schleichen überall einher. Sogar in diesen öden Landesteilen weiß man nicht mehr, wem man trauen darf, ob es ein Gesinnungsgenosse, mit dem man vom Zufall zusammengeführt wird, oder ein erbitterter Feind, der unter der Maske höflichen Entgegenkommens über Unheil brütet. Das ist gewiss genug, das Leben zu vergällen.«

Aufmerksam lauschend ließ Maurus die liebliche Gefährtin zu Ende sprechen. Schmerzlich bewegt überwachte er das schöne Antlitz, welches in der Beleuchtung des Mondes wie weißer Marmor schimmerte.

»Das ist der Fluch des Bürgerkrieges«, hob er an, »Unbarmherzig trennt und zerreißt er, was zueinander gehört. Hass keimt unter seinem Einfluss auf den Grabstätten vernichteten irdischen Glücks. Es schwelgt das Auge im Anblick fremden Leids, der verbrecherischen Werte entfesselter schrecklicher Rohheit nicht zu gedenken. Ja, das ist der Fluch eines Bürgerkrieges. Doch auch das wird sein Ende erreichen und voraussichtlich ein baldiges. Es nahen die Tage, in welchen man der Ereignisse, deren Augenzeugen wir jetzt sind, kaum noch beiläufig gedenkt, sie wohl gar bezweifelt, oder in das Reich der Übertreibungen verweist. Es ist das kein Unglück. Es erinnert vielmehr an das Verharschen schwerer Wunden. Wie aber für eine ganze Nation ein neuer Frühling anbricht, wird ein solcher auch dem Einzelnen mehr oder minder erblühen und mit umso größerer Dankbarkeit, mit umso zuversichtlicherer Hoffnung auf eine freundliche Zukunft begrüßt werden. Das sollen wir bedenken und Trost daraus schöpfen, wenn, wie heute, Trübsal, Angst und Not uns zu übermannen drohen.«

»Mein Vater wusste sehr wohl, wem er mich anvertraute, als er Sie an mich abordnete«, versetzte Lydia ergriffen, »möge es ihm nur vergönnt sein …« Sie brach ab, als sie gewahrte, dass Maurus wieder scharf nach der in nächtlichem Duft verschwimmenden Nebraska-Mündung hinüber spähte. Sie folgte seinem Beispiel. Doch so sehr sie ihre Sinne anspannen mochten, nichts ereignete sich, wodurch der nimmer schlummernde Argwohn neue Nahrung erhalten hätte.

 

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander, als Kit Andrieux plötzlich hinter ihnen stand. Erschrocken drehten sie sich nach ihm um, als er sie mit den Worten anredete: »Habe eine Zeitlang die an dem Eiland hingleitende Strömung beobachtet, und des Henkers will ich sein, wenn die Schurken nicht eine kleine Einleitung zum Angriff getroffen haben.«

Maurus fuhr auf.

»Eine Einleitung? Was meinen Sie damit?«, fragte er erregt. »Bei der gespanntesten Aufmerksamkeit gelang es mir nicht, Verdächtiges zu entdecken.«

Andrieux lachte in seiner gutmütig spöttischen Weise vor sich hin und bemerkte leichtfertig: »Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass der Stromkanal mehr Holz fortschleppt, als im Lauf des Tages?«

Maurus ließ seine Blicke über den breiten Wasserspiegel schweifen. Was er bisher nicht beobachtete, unterschied er jetzt freilich. Nicht nur einzelne Stämme strandeten vor dem Bollwerk oder trieben an der Insel vorbei, sondern auch mit den Wurzeln und Ästen floßartig ineinander verschränkte.

»Ich erkenne es an, erstaunend, dass es mir so lange entging«, antwortete er nach einer Pause, »doch welche Deutung legen Sie diesem Umstand bei?«

Andrieux setzte sich neben Maurus auf den von ihm gewählten Baumstamm. Nachdem er einen langen Blick stromaufwärts gesandt hatte, hob er in sorglosem Erzählerton an: »Das Holz, welches mit so viel Pünktlichkeit die Mitte der Hauptströmung hält, kommt nicht von weit her. Es wäre sonst vom Wasser durchzogen und schwarz, wogegen das da vor uns sich im Mondlicht so weiß ausnimmt, wie die geschälten Weiden in einer Korbmacherwerkstatt. Und dann noch eins, Captain. Der Missouri führt zurzeit zu wenig Wasser, um viel gestrandetes Holz loszureißen. Um Bäume, wie der da drüben, aus ihrem Lager zu heben, müsste er so hochgehen, dass wir hier bis an den Hals im Wasser säßen. Da kalkuliere ich: Menschenhände haben gerade da, wo wir das Floß bauten, Stück für Stück flottgemacht, nebenbei keine schwere Arbeit, und ihm auf den Weg geholfen.« Hier lachte Kit Andrieux abermals spöttisch, entlockte seiner Pfeife einige qualmigere Rauchwolken und fuhr fort: »Das Lumpengesindel glaubt, es habe einfältige Kinder vor sich, und möchte uns an den Anblick einer größeren Menge Treibholz gewöhnen. Es geht ihm dabei im Kopf herum, dass wir nicht darauf achten, wenn ein paar größere Flöße irgendwo hier herum stranden und uns ein anderthalb Dutzend Schurken auf den Hals bringen.«

»So würden wir sie mit unseren Kugeln am Landen hindern«, versetzte Maurus erregt.

»Nicht gesagt«, meinte Andrieux, wie an dem ihm kindlich erscheinenden Vorschlag sich ergötzend, »und es ginge auch, hätten wir den eisernen Mark und ein halbes Dutzend Männer derselben Sorte hier bei uns. Die aber werden schwerlich vor Tagesanbruch heran sein. Da müssen wir die Angelegenheit, so gut es gehen will, allein besorgen, und zwar ohne uns zu lange mit Schießen aufzuhalten, es sei denn, jeder von uns vermöchte ein anderthalb Dutzendmal zu feuern, ohne dazwischen zu laden. Auch fehlt es an dem richtigen Licht, um das Ziel ordentlich ins Auge zu fassen.«

»Welchen Rat erteilen Sie für den Fall eines hinterlistigen Angriffs?«

»Als letzter Ausweg bleibt, an Bord unseres Floßes zu gehen, und das Weitere dem Missouri anheimzugeben. Das eilt nicht. Mein Rat aber wäre, dass unsere liebliche junge Lady zum Lager ginge …«

»Ich möchte bleiben«, fiel Lydia entschlossen ein. Ihr Mut wuchs unverkennbar in demselben Maß, in welchem sich neue Gefahren vor ihr auftürmten. »Hier kann ich um mich sehen …«

»Recht so, Miss Lydia«, unterbrach Andrieux sie nunmehr mit ernster Entschiedenheit, »Ihren Mut habe ich noch nicht bezweifelt. Dagegen sollen Sie ihn jetzt beweisen, anstatt mit Reden viel Zeit zu verlieren, solange es Notwendigeres zu tun gibt.«

Lydia hatte sich erhoben.

»Sagen Sie, was ich tun soll«, sprach sie ruhig, »ich bin zu allem bereit, was meine Kräfte nicht übersteigt.«

»Eine richtige Soldatentochter«, versetzte Andrieux förmlich zärtlich, »doch jetzt hören Sie: Den Weg zum Feuer können Sie auf diesem Fetzen Erdboden nicht verfehlen. Eilen Sie also hinüber und vermelden Sie dem schwarzen Gentleman und dem Otoe, sie möchten schleunigst mit ihren Büchsen hierherkommen. Sie selbst und die braune Hexe mögen unterdessen so viel Sachen aufs Floß schaffen, wie Sie zu tragen vermögen. Den Bau selbst schieben Sie ein wenig weiter zum Wasser hinauf, sodass wir nur die Leine durchzuschneiden brauchen, um schnell in die Strömung hinein zu gelangen. Selbstverständlich gehen Sie mit samt der braunen Hexe an Bord, und wenn Sie hören, dass es hier knallt, was übrigens noch nicht ausgemacht ist, so erfreuen Sie sich an dem Gedanken, dass mit jedem Schuss ein verdammter Schurke zur Hölle gesendet wurde.«

»Auf Wiedersehen«, sprach Lydia gefasst, indem sie Maurus die Hand reichte. Sich hastig umkehrend, schritt sie davon. Sie befand sich noch in Hörweite, als Andrieux sich, gleichsam entschuldigend, Maurus mit den Worten zuwendete.

»Ich musste das arme Ding hart anreden, um es loszuwerden. Hätte sonst nur zu rufen brauchen, und die beiden wären zur Hand in einer Minute und einer halben. Verdammt! Sie wäre uns nämlich hinderlich hier gewesen; denn des Teufels will ich sein, wenn nicht Unheil in der Luft schwebt, binnen kurzer Frist uns nicht mehr Blei um die Ohren fliegt, als einem gesunden Christenmenschen zuträglich und angenehm.«

»Für so nahe halten Sie die Gefahr?«, fragte Maurus, im Geist noch immer mit Lydia und deren mit so viel inniger Wärme gesprochenen Scheidegruß beschäftigt.

»Ob nah oder fern, das mag der Henker wissen, Captain«, erwiderte Kit Andrieux eigentümlich rau, »denn auf dem Floß, welches da vorübertreibt, hätten ebenso gut vier, fünf Männer verborgen sein können, wie es sich jetzt als ungefährlich ausweist.«

»Wäre es nicht vorzuziehen, um Miss Lydias Willen uns dem Wasser sogleich wieder anzuvertrauen?«, fragte Maurus nach einer Pause.

»Ihr Bruder, der eiserne Mark, würde nicht so fragen«, erklärte Andrieux ungeduldig, ein Zeichen, dass er ihre Lage für bedenklich hielt. »Nein, Captain, nichts ist vorzuziehen, dessen Folgen man nicht durchschaut. Ratsam ist dagegen, dass jeder von uns einen Posten einnimmt, wo er, ohne sich selbst viel preiszugeben, über einen festen Baumstamm hinweg feuern mag. Ferner dürfen wir nicht vergessen, dass jede richtig entsendete Kugel die Zahl der Feinde um einen vermindert. Verdammt! Wäre der Mark nur hier, da sollten Sie eine wahre Lust an Ihrem Bruder haben, wie der die Büchse hantiert.«

 

Das Gespräch wurde durch Schahoka und Nestor unterbrochen, die flüchtigen Schrittes herbeieilten. Wenige Worte genügten, um sie mit ihrer Aufgabe vertraut zu machen, namentlich eine Reihenfolge zu vereinbaren, in welcher die Schüsse nur abgegeben werden durften, um nicht plötzlich einmal ganz wehrlos dazustehen. Dann ließen sie sich ebenfalls auf Stellen nieder, von welchen aus sie strandende oder vorbeitreibende Flöße mit ihren Kugeln zu bestreichen vermochten. Das Schweigen, welches nunmehr eintrat, wurde in der nächsten halben Stunde durch nichts gestört. Auffällig erschien nur, dass die Zahl der schwimmenden Stämme und Äste sich plötzlich verringerte.

Mitternacht war vorüber und noch immer spähten die vier Männer angestrengt über den Stromkanal hin. Maurus neigte bereits zu der Hoffnung hin, dass die heimtückischen Feinde von ferneren Angriffen wenigstens in dieser Nacht abstehen würden, als Kit Andrieux ihn anrief, mit dem Büchsenlauf über den als Brustwehr dienenden Stamm hinüber wies und auf eine in ihrem Gesichtskreis treibende Holzanhäufung aufmerksam machte. Dieselbe war groß genug, um mindestens zehn Männer tragen zu können. Aus ihren Bewegungen ging hervor, dass sie nicht gesteuert wurde. In mäßiger Entfernung vor dem die Insel schützenden Riss, wo der Stromkanal sich teilte, schien sie zum Stillstand zu gelangen. Wie unentschieden, auf welcher Seite sie vorübergleiten sollte, drehte sie sich einmal um sich selbst, dann setzte sie ihren Weg auf der Westseite mit einem Abstand von etwa dreißig Ellen an dem Eiland hin fort.

»Das ist das Probefloß«, erklärte Andrieux dem Gefährten, »verdammt schlau ausgedacht, jedoch nicht schlau genug, um eine alte Haut zu täuschen. Es soll über die Strömung Auskunft erteilen und zugleich die Täuschung vervollständigen. Es ist zum Erstaunen, mit welchem Eifer die Hunde ihre Vorbereitungen getroffen haben. Muss ihnen doch viel an des Colonels Tochter gelegen sein. Wie der Mond das Ding beleuchtet. Befände sich eine Katze an Bord, so würden wir sie entdecken.«

Kurze Zeit verstrich und abermals tauchten in mäßiger Entfernung zwei größere schwimmende Riffs auf, die den Eindruck erzeugten, als ob sie in einem mit der Strömung nicht ganz übereinstimmenden Kurs erhalten worden wären.

»Da sind sie«, sprach Andrieux gedämpft zu den Gefährten hinüber, »jetzt heißt es beweisen, was man gelernt hat. Kein Schuss darf abgefeuert werden, ohne des Ziels sicher zu sein.« Dann herrschte wieder Totenstille. Nur das Gurgeln und Sprudeln innerhalb des verschlungenen Holzwerks, wo die Flinten zwischen dem Geäst hindurch spielten, war vernehmbar, sonst hatte man die Atemzüge jedes Einzelnen beinahe zählen können. Durchdringender hefteten alle Blicke sich auf das vordere, in seinen Formen sich immer deutlicher entwickelnde Floß, welchem das zweite in einem Abstand von mehreren hundert Ellen folgte. Zugleich umklammerten die Fäuste die Büchsen mit festerem Griff. Mit allen Sinnen die Bewegungen der mutmaßlichen Feinde überwachend, achtete keiner des östlichen Stromufers, welches seine Schatten noch eine Strecke zum wirbelreichen Wasserspiegel hinaus sandte. Selbst bei argwöhnischem Hinüberspähen wäre allen vielleicht entgangen, dass es auch von dorther, vorsichtig den Schutz der Uferwand suchend, einem dritten Floß ähnlich, schwarz und geheimnisvoll herbei schlich. Gegen die beiden verdächtigen Flöße hatte Letzteres einen erheblichen Vorsprung und befand sich bereits in gleicher Höhe mit dem natürlichen Bollwerk, als jene noch in der Ferne mit der Strömung kämpften. Bald darauf aber wurde es durch die Insel selbst den vielleicht noch möglichen Blicken sowohl der Angreifer als auch der Verteidiger entzogen.

Noch immer bezweifelte Maurus, dass die misstrauisch überwachten Flöße von Feinden bemannt seien. Erst nachdem das Vordere in guter Schussweite vor dem Riff eingetroffen war, entdeckte er, dass die emporragenden gebleichten Äste sich über schwarze Schatten hinneigten, wie sie von ihnen selbst nicht geworfen werden konnten. Und abermals legte das Floß eine kurze Strecke zurück, als aus demselben eine menschliche Gestalt sich behutsam aufrichtete. Offenbar durch die auf der Insel herrschende Totenstille zu dem Glauben verleitet, dass die Wachsamkeit der Flüchtlinge, die vermeintlich überhaupt keinen Angriff mehr erwarteten, eingeschläfert worden, lugte der Führer nach einer geeigneten Landungsstätte aus. Doch nur wenige Ellen legte er in der kauernden Stellung zurück, als Kit Andrieux, seines Zieles sicher, Feuer gab. Zum Laden der Büchse sich anschickend, sah er, dass der Getroffene emporsprang, sich um sich selbst drehte und auf das Gesicht niederschlug. Dann hatte er nur noch Sinne für die in den Lauf hinabgleitende Kugel. Auf dem unwiderstehlich nach vorn drängenden Floß ertönten zu derselben Zeit Ausbrüche des Erschreckens, wildes Fluchen und Verwünschungen.

 

»Haltet euch bereit!«, brüllte einer, der an Stelle des Gefallenen den Befehl übernahm. Bedachtsamer als sein Vorgänger tauchte er, das Gewehr an der Schulter, nur mit dem Kopf hinter einem aus Geäst hergestellten Schutzwall hervor. Er hatte kaum ausgesprochen, als Schahokas Geschoss ihn tödlich traf und vom Floß in die Fluten hinunterfiel.

Die beiden wohlgezielten Schüsse, welche von Gegnern zeugten, deren Sicherheit durch die nächtliche Beleuchtung nur wenig beeinträchtigt wurde, hatte unter den Angreifern eine heillose Verwirrung verbreitet. Das Bewusstsein, den versteckten Schüssen unaufhaltsam näher getragen zu werden und hinter dem Deckung gewährenden Holzwerk hervor sich nur zeigen zu brauchen, um sofort nieder geschossen zu werden, bewirkte, dass selbst dann, nachdem das Floß krachend auf das Bollwerk gestoßen war, sich keiner mehr zu erheben wagte. Andererseits hatte das Aufblitzen der Schüsse sie belehrt, wohin sie selbst, wenn auch mit wenig Aussicht auf Erfolg, ihre Kugeln zu entsenden haben würden. Zwischen Stämmen und Ästen hindurch schoben sie die Musketenläufe. Als Schahoka das Laden seiner Büchse eben beendet hatte, erfolgte eine unregelmäßige Salve von mindestens sechs Schüssen. Ringsum schlugen die Kugeln in der Nachbarschaft der Verteidiger ein, jedoch ohne jemand zu verletzen. Auf dem Floß aber überstiegen jetzt Wut und Rachedurst jede andere Regung, selbst die der Vorsicht.

»Fertig zum Handgemenge!«, hieß es gellend in Begleitung grauenhafter Flüche und Verwünschungen. »Mehr als ihrer fünf können es nicht sein! Vorwärts alle zugleich in des Satans Namen! Gebt ihnen die Hölle! Schlagt ihnen die Schädel ein! Fünfzehntausend Dollars stehen auf dem Spiel! Hallo, Jungens! Drauf jetzt in des Satans Namen! Wer fällt, den beerben die Kameraden!« Mit dem letzten Wort tauchte hinter dem Holzwerk ein verworrenes Knäuel regsamer Gestalten empor, in welches Maurus und Nestor ihre Kugeln mitten hinein sandten.

Durch den Fall oder das Zurückprallen der Getroffenen in ihren Bewegungen behindert, zögerten die Angreifer abermals. Zu derselben Zeit trieb das andere Floß herbei. Anstatt neben dem ersteren anzulegen, trachtete dessen Bemannung mit allen ihr zu Gebot stehenden Mitteln, die an der Insel vorbeistehende Strömung auszunutzen, offenbar um weiter unterhalb festen Boden zu gewinnen und von dort aus den Verteidigern in den Rücken zu fallen.

Schneller, als sie zu schildern möglich, folgten nunmehr die Ereignisse aufeinander. Aufs Neue von ihrem Führer angefeuert und angesichts der pünktlich eingetroffenen Verstärkung verließen die ersten Angreifer nunmehr das gestrandete Floß, stießen aber zwischen den hohlliegenden Holzmassen auf so viel Hindernisse, dass sie nicht schnell genug vorzudringen vermochten. Trotzdem gab bald dieser, bald jener einen Schuss ab, jedoch ohne ein sichtbares Ziel ins Auge zu fassen, während die Männer des zweiten Floßes, sobald sie in gleiche Höhe mit den kämpfenden Gefährten getreten waren und von der Strömung langsam weitergetragen wurden, ihre Kugeln ebenfalls in der Richtung zu den verborgenen Schützen entsendeten.

»Nestor«, rief Andrieux dem Negriden zu, »feure noch einen Schuss auf die Hunde da drüben auf dem Wasser und liefere ein feines Stück Arbeit, oder du sollst verdammt sein!« Zu Maurus gewendet, indem er die Büchse vor sich über den Baumstamm schob: »Einen möchte ich noch unschädlich machen! Hei! Wie die Schurken sich zwischen dem Geäst verrannt haben! Noch einen Schuss, und dann fort mit uns. Bevor das Gesindel den Weg zum anderen Ende der Insel hinüber findet, sind wir zehnmal flott und außerhalb des Bereichs ihrer Kugeln.« Indem er das Haupt über den Büchsenschaft neigte, schadenfroh: »Bei Gott! Die schießen wie alte Weiber, denen der Unterkiefer zittert wie die Blätter an einer Pappelweide.«

Nur Sekunden waren mit diesen Ratschlägen hingegangen. Dann knallte Nestors Büchse in der Richtung zu dem vorübertreibenden Floß, beantwortet von dem grässlichen Aufschrei eines in den Fluten Versinkenden. Wie als Echo darauf entlud sich Andrieux‘ Büchse, welche den noch kaum dreißig Ellen entfernten Anführer der gelandeten Rotte zwischen dem schwer zugänglichen Holzwerk zu Fall brachte. Maurus aber und die Gefährten waren eben im Begriff, aus ihrem sicheren Versteck in das hinter demselben sich aufbauende Gebüsch zu schlüpfen, als der Kampf aufs Neue und heftiger entbrannte.

In der grenzenlosen Verwirrung, dadurch erzeugt, dass die Angreifer gerade da auf heftigen Widerstand stießen, wo sie es am wenigsten erwarteten, und daher gewissermaßen als bequeme Zielscheiben dienten, während sie selbst in dem tiefen Schatten vergeblich nach den Verteidigern suchten; ferner bei dem Knallen der Schüsse, dem Fluchen und anfeuernden Brüllen war allen unbemerkt geblieben, dass auf der Ostseite der Insel und hart an deren Ufer das allerdings nur wenig auffällige Plätschern vernehmbar wurde, mit welchem sechs Paar kräftige Arme kurze indianische Schaufelruder im schnellsten Takt in die Fluten stießen und unter Aufbietung der äußersten Kräfte ein leichtes Boot durch das sich dort stauende und daher stillere Wasser trieben. Erst als die Bemannung des gestrandeten Floßes, fortgesetzt Deckung suchend, ungefähr die Hälfte des hindernisreichen Wegs überwunden hatte, wurde man allerseits des geheimnisvollen Bootes ansichtig, wie es in der Nähe des Bollwerks anlegte und gleich darauf sieben oder acht Männer im Ufergebüsch verschwanden. Dann aber krachten aus allen Richtungen Schüsse, sowohl auf die zwischen dem Treibholz förmlich wehrlos Gewordenen, wie auf das von der Strömung entführte Floß, welches augenscheinlich freieres Fahrwasser zu gewinnen trachtete.

Im Ungewissen über die Stärke der wie aus der Erde gewachsenen neuen Gegner, erfüllte die Angreifer jetzt nur noch das einzige Bestreben, einem sicheren Tod zu entrinnen. Der Selbsterhaltungstrieb war erwacht. Von panischem Schrecken ergriffen, dachte keiner mehr an Widerstand. Von Baumstamm zu Baumstamm, von Geäst zu Geäst krochen sie, um sich gegen die ringsum einschlagenden Kugeln zu schützen und endlich zum Floß hinauf. Vergeblich aber versuchten sie, dasselbe flott zu machen. Nur das offene Wasser stand ihnen noch zu Gebot. In ihrem Entsetzen vor den Feinden, von welchen keine Gnade zu erwarten war, und vor die Wahl gestellt, entweder nach ihrer Habhaftwerdung sofort gehangen oder, wenn flüchtend, vom reißenden Strom verschlungen zu werden, entschieden sie sich für Letzteres. Vollständig kopflos das nächste Treibholzstück ergreifend, um einen notdürftigen Halt an demselben zu finden, stürzte sich einer nach dem anderen in die Fluten. Es beseelte sie die trügerische Hoffnung, schwimmend das andere Floß oder das rechtsseitige Ufer zu erreichen. So entkamen von den vierzehn Angreifern kaum die Hälfte, und auch von diesen sollte vielleicht die Mehrzahl im Kampf mit der heftigen Strömung erlahmen und untergehen. Wer sich rettete, hatte es allein der nächtlichen Beleuchtung zu verdanken, welche die Sicherheit der jagdgewohnten Schützen dennoch beeinträchtigte. An deren Willen lag es wenigstens nicht, wenn auch nur ein Einziger der verruchten Horde mit dem Leben davonkam. Denn solange man noch einen mit der Strömung Enteilenden zu unterscheiden vermochte, krachten Schüsse hinter ihm her.

 

Nachdem die drohende Gefahr als endgültig abgewendet betrachtet werden durfte, war Schinges der Erste, der sich Maurus und Kit Andrieux zugesellte. Ihm zur Seite schritt ein hochgewachsener, breitschultriger Mann im verschlissenen Lederanzug.

»Das war Hilfe zur rechten Zeit«, wendete dieser sich mit gleichsam frohlockender Stimme an Maurus, indem er ihm die Hand entgegenstreckte. »Nur zehn Minuten später …«

»Markolf! Du selbst!«, rief Maurus freudig erstaunt aus, »wer hätte geahnt, dass wir uns noch einmal unter solchen Verhältnissen wiedersehen würden!«

»Ja, ich selbst«, bestätigte Markolf lachend, als wäre alles Vorhergegangene nur ein harmloses Jagdereignis gewesen. Er schüttelte seinem alten Freund Kit Andrieux kräftig die Hand. »Ihr mögt euch vorstellen, wie ich mich beeilte, als der junge Otoe die Nachricht überbrachte, ihr befändet euch in Nöten. Keine Stunde war nach seinem Eintreffen verstrichen, als wir mit unserem Boot losmachten. Zum Glück waren brauchbare Leute zur Hand, zumal es galt, die Nachbarschaft von den berüchtigten Guerillaschurken zu säubern. Doch willkommen hier im Westen, doppelt willkommen, wenn du Erfreuliches über Margaretha mitzuteilen weißt.«

»So viel Gutes, wie mir durch unseren Freund Kit Andrieux übermittelt wurde. Der traf vor einigen Wochen erst mit ihr unter dem Dach des wunderlichen Onkels Findegern zusammen«, versetzte Maurus, und weiter, indem er seinen Arm unter den Markolfs schob und ihn mit sich fortzog. »Jetzt ist keine Zeit zu ausführlicheren Mitteilungen; komm, komm mit. Ich will deinen Triumph noch erhöhen und dich jemand vorstellen …«

»Der Tochter des Colonels Rutherfield«, warf Markolf sorglos ein. »Ich hörte von ihr. Sie soll ein bildschönes Mädchen sein, und aufrichtig freue ich mich, sie kennenzulernen. Nie aber hätte ich geglaubt, dass ihr zuliebe eine meiner Kugeln noch einmal, und zwar zum ersten Mal in meinem Leben, sich in warmes Menschenfleisch einbohren würde. Wie sie übereinander stürzten, die Elenden. Nebenbei schade am jedes Geschoss, das an der Brut vorbeiging.« In der überschwänglichen Freude des Wiedersehens mit einer gewissen Überstürzung zueinander sprechend, bahnten die beiden Brüder sich ihren Weg durch das Dickicht dem anderen Ende der Insel zu.

Die zurückbleibenden Jäger, unter diesen Kit Andrieux und die beiden Otoe, begaben sich zunächst ans Werk, die Waffen nebst Schießbedarf der gefallenen Feinde als gute Beute unter sich zu verteilen, worauf sie Erschossene wie Verwundete gleichmütig der Strömung übergaben. Ein wenig später, da brannte in der Nähe des Bootes ein Feuer. Es regten sich alle Hände, um von den mitgeführten Vorräten ein Mahl zu bereiten. Obwohl erschöpft nach der ununterbrochenen Arbeit des Ruderns, lauschten die alten Gefährten aufmerksam den lebhaften Schilderungen Kit Andrieux‘, der des Erzählens seiner abenteuerlichen Erlebnisse in der großen Stadt kein Ende wusste.

 

Als die Brüder bei Lydia eintrafen, war diese bereits durch Nestor, welchen Maurus entsendete, über die jüngsten Ereignisse unterrichtet worden. Nur noch mit Mühe hielt sie sich aufrecht. Nachdem sie gemeinschaftlich mit Eva, dem Rat Andrieux‘ gemäß, alle Vorbereitungen zur schleunigen Flucht getroffen und auf dem Floß ihre Zuflucht gesucht hatte, war ihr Entsetzen in demselben Maß gestiegen, in welchem sie bei jedem neuen herüber dröhnenden Schuss sich die möglichen Folgen des Kampfes ihrer Freunde gegen eine vielfache Übermacht vergegenwärtigte. Wohl hatte sie das Geräusch vernommen, mit welchem ein flink gerudertes Boot den Schatten des jenseitigen Ufers verließ, auf die Insel zuglitt und an derselben hinaus dem Kampfplatz zueilte, allein welche andere Deutung hätte sie dafür haben können. Verzweiflung ergriff sie bei diesem Gedanken – als dass die in demselben befindlichen Männer eine hinterlistig heranschleichende Abteilung der erbitterten Feinde. Wenn aber gleichsam betäubende Freude sie bei der ersten Kunde von dem glücklichen Ausgang des Zusammenstoßes beseelte, so gelangte dieselbe in ergreifender Weise zum Ausdruck, als sie in Maurus‘ Begleiter dessen Bruder begrüßte und, der Sprache kaum mächtig, beide ihre Retter nannte.

Von Maurus geleitet, begab sie sich zu der verlassenen Lagerstätte zurück, wo unter Nestors und Evas Händen das vernachlässigte Feuer bald wieder aufflackerte und die beiden Brüder in dessen Beleuchtung den ersten freien Anblick voneinander gewannen. Beide hatten sich seit ihrer Trennung sehr verändert. Zeichnete aber in Maurus ganzer Erscheinung der kriegsgewohnte Feldsoldat sich aus, so bot Markolf von dem, sein gebräuntes bärtiges Antlitz beschattenden, lang gedienten grauen Filzhut bis zu den mit indianischen Mokassins bekleideten Füßen herunter das charakteristische Bild eines verwegenen sorglosen Fallenstellers und Pelztauschers. Seine Manieren waren dagegen dieselben zuversichtlichen, beweglichen, gewissermaßen bestechenden geblieben. Unter Beschwerden und Entbehrungen gereift, leuchtete aus seinen ehrlichen Augen heitere Zufriedenheit.

An Schlaf dachte in dieser Nacht keiner mehr. Es belebten sich die über das Feuer hin ausgetauschten heiteren Mitteilungen in demselben Maß, in welchem Lydia teilnehmender für dieselben wurde und sich endlich, wie im Kreis langjähriger Freunde an der Unterhaltung beteiligte.

Bis um die Mittagszeit des folgenden Tages verweilte man auf der Insel. Dann erfolgte das Übersetzen zum rechtsseitigen Ufer, welches durch das Boot erleichtert wurde. Wo man landete, wurde auch das Lager aufgeschlagen. Als der Abend sich wieder auf die stille Landschaft senkte, da reihten sich um zwei nachbarlich voneinander geschürte Feuer im freundschaftlichen Verkehr alle, die im Lauf der vorhergehenden Nacht zusammengeführt worden waren. Von der Guerillabande hatte man auch im weiteren Umkreis nichts mehr entdeckt. Dagegen war es den beiden Otoe unter Beihilfe Andrieux‘ und der an dem Streifzug beteiligten braunen Jäger gelungen, die zu Maurus‘ Gesellschaft gehörenden Pferde wieder herbeizuschaffen. Es konnte daher am folgenden Morgen die Weiterreise wieder in gewohnter Ordnung angetreten werden.

 

Bis an die Furt gaben die in dem Boot herunter gekommenen Männer das Sicherheitsgeleit. Auch dort fand man nur kalte Feuerstellen, welche von der Anwesenheit der gesetzlosen Bande zeugten. Nach den erlittenen schweren Verlusten hatten sie es für ratsam gehalten, sich schleunigst aus einer Gegend zu entfernen, in welcher jedes einzelne Mitglied als vogelfrei galt.

Nachdem Markolf das Durchschreiten der Furt überwacht hatte, begab er sich mit seinen Leuten an die Mündung des Nebraska zurück, wo sie in ihrem Boot die Fahrt stromaufwärts unverweilt antraten. In der folgenden Nacht lagerten sie noch einmal nachbarlich mit ihren Freunden am Ufer des Missouri. Von der Mission trennte sie dort eine Reise von nur noch wenigen Stunden.

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