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Diane Teil 2 – Kapitel 4

Alexander von Ungern-Sternberg
Diane
Ein Kriminalgemälde der modernen Gesellschaft
Berlin, 1842, Buchhandlung des Berliner Lesekabinetts
Zweiter Teil

Viertes Kapitel

Das Haus der Witwe

In einer der kleinen, engen und düsteren Quergassen des ältesten Stadtviertels von Königsberg stand ein Mann im Mantel um elf Uhr in der Nacht vor der Haustür eines unscheinbaren und halbverfallenen Gebäudes. Der Mond, hinter dem Giebel des gegenüber stehenden Hauses aufgehend, warf eine scharfe Schattenspitze auf die unebene Fläche des altertümlichen Bauwerks und rief einen schwachen schimmernden Glanz auf den trüben Scheiben eines Fensters hervor, das gerade über der Tür angebracht war und von einem kleinen Schirmdach beschützt wurde, welches, in seiner Bekleidung von zerbrochenen Ziegeln, sich in eben demselben baufälligen Zustand befand, wie das Fenster, das es schützen sollte. Auf dem Gesims des Letzteren stand ein bauchiges Gefäß aus Ton, das früher zu einem Trinkgeschirr gedient haben mochte, nun aber mit Erde gefüllt, einer kümmerlichen Pflanze Schutz gewährte, die ihre verdorrten blüten- und blätterlosen Ranken im Nachtwind, der die enge Straße scharf durchstrich, flattern ließ. Den Mann im Mantel verdross sichtlich das lange Warten. Indem er kleine ungeduldige Schritte auf den morschen Steinen der Treppe machte, wiederholte er in sehr kurzen Zwischenräumen sein Klopfen und versuchte endlich mit dem goldenen Knopf seines zierlichen Stockes das Fenster zu erreichen, um hier wirksamer sein Verlangen, ins Haus eingelassen zu werden, auszudrücken. Die Tür öffnete sich endlich langsam und knarrend. Der späte Besucher verschwand in das Dunkel eines engen unsauberen und durch Treppen und Kellertüren verbauten Vorsaals. Seine Führerin war eine alte Frau in einem kurzen Mäntelchen aus verblichenem Kattun. Sie schützte mit ihrer mageren Hand die Flamme des Lichts vor dem Zugwind, der am Eingang der Treppe herrschte, die sie den Gast hinaufzugehen nötigte. Dieses Unternehmen hatte jedoch seine Schwierigkeiten. Die Stiege war ausnehmend eng und die Stufen baufällig, dennoch erkletterte sie der Fremde mit großer Geduld, ohne auch nur das leiseste Murren des Unwillens laut werden zu lassen. Im oberen Stockwerk angelangt, blieb er vor einer Tür stehen, aus der ein sanfter melancholischer, doch dabei sehr vollendeter Gesang erklang. Eine andere Tür, dicht neben dieser, war geöffnet. Eine Frau zeigte sich auf der Schwelle des Eingangs. Sie war von ungewöhnlicher Größe, die Züge ihres ernsten blassen Antlitzes hatten etwas Ehrfurchtgebietendes, ihre ganze Gestalt, wie sie in ein weißes schleppendes Gewand gekleidet im dunklen Rahmen der Tür stand, konnte, wenn man unvorbereitet auf sie traf, sogar erschrecken. Der Fremde schien etwas von diesem unheimlichen Einfluss an sich zu verspüren. Er trat einige Schritte zurück, als er die Blicke der dunklen Augen starr auf sich geheftet sah. Sogleich jedoch fasste er sich und ging mit einem freundlichen und zuvorkommenden Lächeln auf sie zu. »Teure Eulalie«, sagte er, die Hand der Dame ergreifend und sie küssend, »ich komme heute spät, doch hoffentlich nicht zu spät. Die Wohnung unserer guten Mutter Therese ist etwas abgelegen. Ich hatte Mühe, mich hierherzufinden, und dann, aufrichtig gesagt, ich wünschte, dass wir für unsere Zusammenkünfte ein günstigeres Lokal aufsuchten.«

»Sie wollen wohl mit ihrem Wagen hier vorfahren; allein dazu ist die Straße zu eng«, erwiderte die Dame mit einem kalten und fast strengen Ton.

»Nicht das, teure Eulalie, nicht das. Sie verkennen mich. Es ist gewiss nicht Eitelkeit, nicht weltliche Bequemlichkeit, die mich zu dem Wunsch veranlasst, sondern die Vorsicht meines Arztes. Der Zugwind, das lange Warten.«

»Ich konnte nicht früher öffnen lassen«, bemerkte die Dame, »obwohl ich wohl denken konnte, dass Sie es waren, der Einlass begehrte, denn unsere gute Magdalena sang eben einen Psalm.«

»Ach! Dann ist es was anderes!«, stammelte der Fremde. Er zitterte sichtlich, als er diese Worte sprach. Die Dienerin, die ihm den Mantel, den Hut und die Handschuhe abnahm, enthüllte eine magere, schlanke, äußerst zarte Gestalt, deren Inhaber noch nicht volle zweiundzwanzig Jahre zählte. Er war auf das Sorgfältigste gekleidet, und die Art, wie er der Dame, die wir Eulalie genannt haben, den Arm bot und sie in die Versammlung führte, zeigte die feine und ungezwungene Haltung eines Weltmannes. Das Zimmer, in welches dieses Paar nun eintrat, war ein sehr kunstloses und dürftiges. Die Tragbalken der Decke spannten sich in ihrer ganzen Länge sichtbar über die Wände aus, die die einfache Kalktünche zeigten, nur hier und da mit einem elenden Kupferstich und einem plumpen Möbel verziert. Desto mehr kontrastierte gegen diese bettelhafte Simplizität ein herrlicher Flügel, der mit Bronze und Gold ausgelegt war und in der Mitte dieser scheunenartigen Halle stand. Vor ihm saß ein weibliches Wesen und präludierte, in tiefe Gedanken verloren, einzelne Akkorde und unzusammenhängende Melodien angebend, und war so mit ihren Eingebungen beschäftigt, dass sie die Eintretenden nicht bemerkte. In einem Halbkreis um sie her saßen Männer und Frauen stillschweigend und jenen regellosen musikalischen Phantasien lauschend. Die neu Hinzugekommenen nahmen ebenfalls in tiefer ehrfurchtsvoller Stille ihren Platz ein.

Wir führen den geehrten Leser hier in eine Gesellschaft von Frommen, aber es sind nicht die Karikaturen, die man gewöhnlich erwartet, wenn diese Bezeichnung angegeben ist, keine alte hexenartige Weiber, mit wackelnden Häuptern und verdrehten Augen, keine stammelnde, schielende und in Lumpen gehüllte Heuchler, keine Gauner mit Galgenphysiognomien, die die Heiligen ebenso plump wie albern spielen. Man hört hier nicht jene heulenden gurgelnden Töne, jene Seufzer, die Lichter auszublasen imstande sind, jene ekelerregende Gebärden und jene zum Teil hingewinselten, zum Teil abgebrüllten Lieder von einem konfusen mystischen Inhalt, nichts von allem dem, was man gewöhnlich unter dem Bild frommer Konventikel sucht. Hier ist eine Gesellschaft eleganter Frommen versammelt, Fromme, die dadurch nicht aufhören, schön, geistvoll und liebenswürdig zu sein und die das allgemeine Kennzeichen ihrer Gattung so sorgfältig selbst einer vor dem anderen verbergen, dass nur das sehr geübte Auge des Beobachters es zu entdecken vermag. Es saßen hier Damen, die gewohnt waren, Juwelen zu tragen und sich in indische Stoffe zu hüllen, Herren, die eine prachtvolle Tafel führten und kostbare Equipagen hielten. Diese Kinder einer vornehmen und verwöhnten Welt kamen hier bei der Witwe eines Schuhmachers zusammen, der, als er noch lebte, seine Kunden in der Kaserne und den ärmlichen Vorstadtwinkeln suchte. Nie hatte die grobe Hand des Ehrenmannes ruhen dürfen an dem seinen eleganten Fuß dieser Herren. Aber seiner Witwe küssten dieselben Herren die Hand und schätzten sich glücklich, in ihrer ärmlichen Wohnung aus- und eingehen zu dürfen, denn Mutter Therese hatte die Gabe der Prophezeiung und war begnadigt durch mysteriöse Zusammenkünfte mit verstorbenen und Heiligen. Sie war die Auserwählte, und jene Herren und Damen, die da suchten, versammelten sich in dem baufälligen alten Haus der Witwe.

Die Zusammenkünfte hatten einen sehr sinnigen Charakter. Die fromme Schwester am Piano war musikalisch und poetisch zugleich. Wenn sie es gewürdigt hätte, weltlich aufzutreten, so hätte sie durch ihre Lieder entzückt. Es war in ihnen der herrlichste Wohlklang, das glühendste Gefühl, die wahrste Begeisterung, aber sie verbarg ihr Pfund vor der Welt und ließ es nur im Geheimen wuchern, um in den Stunden der Weihe dem Erlöser süße Opfer der Seele zu bringen. Auch jetzt saß sie und dichtete. Der Geist beseelte die schöne Frau und alsbald quellen die schönsten und heiligsten Melodien unter ihren zarten, schmalen mageren Händen hervor. Es war ein rezitativähnlicher Gesang, eine Unterredung der Seele mit Gott, die sich immer mehr verklärte und mit einer hinreißend schönen Liebeshymne schloss. Als die Töne verhallt waren, sank die Dichterin gebrochen auf die Tasten hin und lag wie tot.

Die Frauen erhoben sich und eilten ihr zu Hilfe. Der junge Mann, den wir zuletzt haben kommen sehen, wurde bei diesem Anblick bleich, brachte sein Tuch an die Augen und weinte mit der Erschütterung des Körpers, wie ein Kind zu weinen pflegt. Sein Nachbar, ein korpulenter Sechziger mit grauem Haar, das in zierliche Locken gelegt war, heftete einen Blick des Mitleids auf den jungen Mann und sagte, indem er eine Prise nahm: »Mais, mon ami, calmez vous! Vraiement vous soignez très mal pour votre santé.«

Der Angeredete suchte sich zu fassen, er erwiderte nichts. Als er aber das Tuch von den Augen nahm, war er bleich wie der Tod, und seine Augen hatten einen erloschenen Blick. Als die Ohnmächtige sich erholt hatte, gingen die Frauen auf und ab. Gespräche heiligen Inhalts führend, andere standen abgesondert, ihre Blicke waren mit dem Ausdruck schwärmender Sybillen nach oben gerichtet. Nur eine Gruppe alter Herren hatte ein etwas beruhigendes Ansehen. Man sah sie häufig die Uhr hervorziehen und hörte sie etwas murmeln, das durchaus nicht wie ein Gebet klang.

Der Aufbruch wurde bald allgemein. Die Witwe des Schuhmachers, in ihrem Lehnstuhl sitzend, empfing die ehrerbietigen Grüße jener eleganten Frauen, die gewohnt waren, in den prachtvollen Salons, wo sie herrschten, diese huldigenden Verbeugungen nur entgegenzunehmen, nie zu geben. Eulalia nahm den Arm Magdalenes, so hieß die Psalmensängerin, und beide verließen vereint das Zimmer. Draußen in der engen Gasse traten wieder die Artigkeitsformeln der Welt in ihre Geltung. Die schlanken, in ihre Mäntel und Schals gehüllten Gestalten der Damen, von den Männern geführt, verschwanden, indem der Sturm in ihren Gewändern wühlte und die weißen langen Federn der Hüte wirbeln machte. Man zerstreute sich absichtlich, als man in die bewohnteren Gegenden kam und die hier wartenden Wagen bestieg. Der bleiche Jüngling und der korpulente Herr mit dem gelockten grauen Haar nahmen zusammen in einem Kabriolett Platz. Der Morgenwind war kühl, und das Gespräch einsilbig.

»Fühlen Sie sich jetzt etwas besser, lieber Graf?«, fragte der Letztere seinen Nachbarn.

»Sagen Sie vielmehr, schlimmer«, entgegnete dieser. »Die Erhebung verlässt mich wieder, und die heilige Zerknirschung, die bis in den innersten Kern meiner Seele drang, gibt wieder jener geheimen Nüchternheit Platz, die der Morgen mit sich bringt. O, wenn es doch ewig Nacht sein könnte! Wenn ich diesen Tag, seine hellen Lichter, seine prosaischen Gesichter und Geschäfte nur nicht mehr zu sehen brauchte!«

Der dicke Herr erwiderte hierauf nichts. Er blickte aus dem Wagen hinauf auf die noch geschlossenen Fensterläden der Häuser.

»Wie himmlisch sie heute wieder sang!«, setzte der junge Mann seine Rede fort. »Welche Worte, welche Töne! Die ersten Christen in ihren heimlichen, begeisterten Versammlungen können unmöglich heiligere Engelsstimmen unter sich vernommen haben. Hörten Sie jene Verse, die von der Seligkeit des Sterbens handelten?«

»Armer Mann«, murmelte der dicke Herr vor sich hin, »ich fürchte, du bist dieser Seligkeit sehr nahe.«

»Was ist diese Welt, was sind ihre Schätze?«, rief der Jüngere, indem er einen matten Blick auf die in grauen Morgennebel gehüllte Straße warf. »Wie kann es Toren geben, die noch an diesem Dasein haften!«

Der dicke Herr zog seine Lorgnette hervor und betrachtete einen Gegenstand in der Ferne. Der Wagen bog in einen Torweg ein. Fieberfrost schüttelte den jungen Mann, als er die nahe Haustür sah, in derselben einen Diener in Livree.

»Was willst du, Franz?«, rief er im Ton der höchsten Abspannung, als der Wagenschlag geöffnet wurde. »Was stehst du und überfällst mich schon so früh? Nun, sprich, was gibt es wieder?«

»Seine Exzellenz, der Herr Minister, sind aus Berlin angekommen und wünschen Eure Gnaden zu sprechen.«

»Dachte ich es doch! Ich soll nicht Ruhe haben, ich soll keinen Frieden finden!« Diese Worte waren an den dicken Herrn gerichtet.

Dieser erwiderte sie, indem er mit einer sehr ausdrucksvollen Pantomime den Finger auf den Mund legte, und auf die Umstehenden zeigte. Dann fügte er laut hinzu: »Leben Sie wohl, lieber Graf, ich wünsche, dass Ihnen die Jagdpartie gut bekommen mag.«

Hiermit entließ der dicke Herr seinen Begleiter und fuhr allein zum Hoftor hinaus.

»Jagdpartie!«, murmelte der Jüngling, indem er die Treppe seines Hauses emporstieg. »Immer Lüge, und nichts als Lüge. Und wir sind Christen. Wenn wir unserem Gott dienen wollen, müssen wir uns in Nacht und Nebel, unter Lügen und Heimlichkeit verstecken.«

Er sandte ein Bewillkommensbillett ab, in welchem er nach Verlauf einer Stunde zu kommen versprach. Es war fünf Uhr, bis sechs Uhr hatte er Zeit. Er warf sich aufs Sofa, indem er seine Augen bedeckte und in einer regungslosen Starrheit lag. Dann erhob er sich und ging in den bezeichneten Gasthof.

»Seine Exzellenz warten schon lange«, sagte der Kammerdiener, welcher den Ankommenden empfing. »Nummer 5, Herr Graf, wenn Sie die Güte haben.«

Die Tür flog auf. Ein Mann mit heiteren, freundlichen Zügen saß auf dem Sofa und wühlte eben in der weichen Seidenwolle eines Bologneser Hündchens. Er streckte die Hand dem Eintretenden entgegen, und Oheim und Neffe begrüßten sich.

»Es ist mir lieb, das du so früh schon zu sprechen bist, lieber Bonifaz«, sagte der Minister. »Du führst tatsächlich das Leben eines rüstigen Geschäftsmannes. Mit den ersten Morgenstrahlen auf und an den Arbeitstisch. Das ist mir lieb zu sehen. Bei mir ist es nichts eben Rühmenswertes, mich hält meine ewige Schlaflosigkeit in diesen musterhaften Schranken. Du aber bist jung, und der Schlaf ist für dich ein Bedürfnis. Komm, setze dich zu mir.«

Der Neffe setzte sich, aber in seinem Antlitz lag Abspannung und ein gewisser Grad von Unbehagen, das er nicht zu verbergen strebte.

Der Oheim fuhr fort, sein Hündchen zu liebkosen, indem er einen lauernden Blick auf den jungen Mann warf. Nach einer Pause sagte er: »Bonifaz, du errätst den Grund meines Kommens?«

»Ich glaube, ihn zu erraten«, sagte der Neffe.

»Es ist kein anderer, kannst du mir glauben«, fuhr der Minister seufzend fort, »als die fatale Geschichte. Wir müssen einen Entschluss fassen, oder vielmehr, du musst einen Entschluss fassen.«

»Lieber Onkel, Sie wissen bereits …«

»Halt, habe die Güte und schließe die Tür dort. In Gasthäusern kann man nicht genug Vorsicht brauchen. Ich habe deshalb drei Zimmer genommen, um völlig sicher vor lästigen Nachbarn zu sein. Nun, was weiß ich bereits?«

»Dass ich meiner Schwester ihr Erbe zurückgebe, dass ich keinen Pfennig eines Vermögens besitzen will, auf dem ein Fluch lastet.«

Der junge Mann hatte diese Worte mit großer Anstrengung gesprochen. Als sie über seine Lippen waren, schien eine Last von seiner Brust zu sinken. Der Minister fuhr fort, sich mit seinem Hund zu beschäftigen. Er zerbröckelte eine Semmel in einer Schale mit Milch und bereitete seinem Liebling das gewohnte Frühstück mit einer lächelnden und ruhigen Miene.

»Das heißt also mit anderen Worten, du willst ein Bettler werden«, sagte er und wandte sich, um in das verstörte bleiche Gesicht seines Neffen zu sehen.

»Lieber Onkel …«

»Bonifaz …«

»Meine Mutter war …«

»Meine Schwester«, sagte der Minister rasch, indem er die Reste der Semmel in die Tasse warf. »Ich hoffe, dass du nie diesen Umstand vergessen wirst. Ich kann und werde nicht einwilligen in Torheiten, die das Andenken meiner Schwester beschimpfen.«

Ein verborgenes Feuer leuchtete plötzlich in den Augen des Neffen. Seine Stimme war bewegt, als er fragte: »Was nennen Sie hier Torheit?«

Der Minister ergriff die Hand des jungen Mannes, lehnte sich in die Polster des Sofas zurück und sprach mit freundlicher Miene: »Lass uns offen miteinander reden. Als Margarethe, meine teure Schwester, in ihrer letzten schweren Krankheit, von der sie nie völlig wieder genas, dich meiner Obhut vertraute, verhehlte sie mir nicht die guten, wie die schlimmen Eigenschaften deines Charakters. Zu den Letzteren gehört eine an Schwachheit grenzende Hingebung an die Einwirkungen anderer. Sie nannte es: Weichheit des Gefühls. Ich aber nenne es: unmännliche Schwäche. Antworte mir nicht, höre mich erst zu Ende! Es gibt ein gewisses Rechtsideal, nach dem Schwärmer und Toren handeln, das jedoch im Verkehr mit der Welt nichts gilt und niemals etwas gegolten hat. Mit Bedauern sehe ich dich, diese schädliche Maxime adoptieren, ja, ich kann sagen, mit Schrecken bemerke ich, dass du sie hier in Anwendung bringen willst, wo es sich um dein Glück, die Ehre der Familie und deine Zukunft handelt. Bonifaz, du machst mich zittern. Trittst du mit solchen Gesinnungen die Jahre deiner Volljährigkeit an? Doch nein. Ich kenne meinen guten, meinen braven Jungen. Man kann ihn zu einer Torheit verleiten, doch zu einer Unwürdigkeit nie.«

»Gewiss nie!«, antwortete Bonifaz.

»Und eine Unwürdigkeit wäre es«, fuhr der Minister mit erhöhter Stimme fort, »wenn du littest, dass man deine Mutter eines Betruges zeihte.«

»Großer Gott!«, rief der Neffe.

Der Minister sah die Wirkung seiner Worte mit großer Zufriedenheit. »Nichts anderes«, sagte er. »Jenes Kind kann nur durch einen schändlichen Betrug deiner Mutter, meiner Schwester, noch leben.«

Eine dunkle Röte übergoss die bleichen Wangen des Jünglings. Er zitterte sichtlich und rang nach Fassung. Der Oheim beobachtete mit lauernder Miene diesen Kampf, ohne etwas zu tun, ihn zu lindern oder zu beenden. Bonifaz lenkte seine Blicke gen Himmel.

Er schien die Gegenwart eines Zeugen vergessen zu haben und brach in die Worte aus, die wie ein Gebet klangen: »Vergib, mein Heiland und Erretter, wenn du hier einen Sohn siehst, der seine Mutter anklagt. Ja, ich bin überzeugt, dass sie das Verbrechen beging, ich bin überzeugt, dass ich es sühnen muss, dass ich durch meine Gebete den Quell des Versöhnungsblutes öffnen muss, dass er auf sie und auf mich, den gleich großen Sünder, herabströme. Aus Liebe zu mir sündigte sie, und Liebe muss diese Tat sühnen!« Er ließ seine Hände, die er erhoben hatte, wieder in den Schoß sinken und saß stumm und regungslos da.

Der Minister stand auf und ging einige Schritte im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor seinem Neffen stehen, den er mit einem Blick der tiefsten Verachtung betrachtete. Er wollte etwas sagen, unterdrückte es aber und setzte seine Spaziergänge wieder fort. Es herrschte eine Stille im Zimmer, dass man die Wagen in einer entfernten Straße rasseln hören konnte.

»Mein Freund«, sagte der Minister in einem kalten und ruhigen Ton. »Ein Unglück für mich und für dich ist es, dass dieser gehässige Fall eintritt, gerade jetzt, wo meine Vormundschaftsführung ihr Ende erreicht, sonst würde ich dir und mir diese unangenehme Stunde erspart haben. Jetzt aber muss ich fragen: Erlaubst du, dass ich für dich in dieser Sache handle?«

»Ich werde Sie darum bitten, teurer Onkel. Sie glauben nicht, was ich gelitten habe und was ich noch leide seit der unseligen Stunde, als diese Nachricht zuerst mein Ohr traf.«

»Und zu was bist du entschlossen zu tun?«

»Das Erbe ihr auszuzahlen und sie als meine Schwester anzuerkennen.«

»Vierzigtausend Taler Renten gibst du hin?«

»Und wenn es eine Million wäre, ich gäbe sie hin.«

»Du warst früher der reichste Edelmann in der Provinz, du wirst künftig der ärmste sein.«

Bonifaz schloss seine Hände und sah dankend gen Himmel. »Gott sieht in mein Herz, ich habe nie nach dem Mammon getrachtet. Ich werfe ihn hin und werde arm und glücklich sein.«

»Gibst du mir unbedingte Vollmacht?«, fragte der Oheim weiter.

»Wenn Sie in diesem Sinne, den ich eben bezeichnet, handeln wollen …«

»Dass ich ein … wäre!« murmelte der Minister. »Höre mich«, setzte er laut hinzu. »Es schmerzt mich, dass unsere Ansichten über den Charakter deiner Mutter so verschieden sind. Ich hätte viel darum gegeben, diese Worte nie aus deinem Mund hören zu müssen. Allein, was du oder ich über diese Sache denken, ist fürs Erste gleichgültig. Es kommt alles auf die Schritte an, die wir hier der Welt gegenüber tun müssen …«

»Bekennen müssen wir, teurer Onkel! Bekennen …«

»Bist du verrückt!«, rief der Minister. Zum ersten Mal flammte ein wilder Zorn in seinem Gesicht. »Ich selbst soll meine Schwester öffentlich anklagen?«

»Wir müssen uns vor Christum demütigen und sein Kreuz auf uns nehmen«, rief Bonifaz.

»Grand dieu! Ich habe es mit einem ausgemachten Pinsel zu tun!«, seufzte der Minister. Allein sich gleich darauf fassend, sagte er in einem Ton voll Freundlichkeit und Milde: »Nein, nein, mein Kind, das geht nicht, im Geheimen können wir büßen, öffentlich nicht. Ich erkenne die volle Würde deines versöhnungsreichen Gemüts. Glaube mir, es tut mir leid, dass ich dir widersprechen muss. Ich sympathisiere mit dir, mein teurer Neffe, ja, ja, ich sympathisiere mit dir.«

Bonifaz sah ihn erstaunt und betroffen an. Der Minister setzte sich dicht neben ihn und schlang seinen Arm schmeichelnd um den Nacken des jungen Mannes.

»Du begreifst, dass die frivole Welt, in der ich lebe, mich notwendig verhärtet haben muss. Allein ich freue mich, dich so weich und herzlich zu finden. Unwillkürlich schmilzt auch das Eis von meinem Herzen. Ja, ja, wie gesagt, im Grunde meiner Seele sympathisiere ich mit dir.«

»So darf ich hoffen?«, rief der Jüngling freudig.

»Dass ich in deinem Sinn wirke? Gewiss. Allein, meine Erfahrung, mein Sohn, muss mit deinem zärtlichen Herzen den Gang zusammen machen. Setze mir die Punkte auf, die du beachtet haben willst, und ich eile dann, sie meinem Advokaten mitzuteilen. Geh jetzt nach Hause, teurer Sohn. Die Unterredung hat dich erschüttert, du bedarfst der Ruhe. Sei nochmals versichert, dass ich alles tun werde, deinem Sinn gemäß zu handeln.«

»Geben Sie mir Ihr Wort darauf, Oheim!«, rief der junge Mann.

»Hier hast du meine Hand. Armer Bonifaz! Es ist aber auch grausam vom Himmel, gerade dich in eine solche Situation zu stellen.«

»Grausam? Nein, teurer Onkel! Nein, grausam ist es nicht. Es ist eine Gnade meines Erlösers, der mich prüfen wollte, wie weit meine Liebe für ihn reicht.«

»Willst du nicht meinen Pelzüberrock nehmen, armer Junge? Die Morgen sind sehr frisch, und du bist erhitzt, aufgeregt. Nur Ruhe, Ruhe, teurer Sohn. Die Angelegenheit wird sich zu unserer beider Zufriedenheit abtun lassen.«

Der Minister, nachdem er seinem Gast die wärmere Bekleidung aufgenötigt hatte, sah ihm durchs Fenster nach, nickte ihm noch freundlich zu und ergriff dann die Klingel. Auf das heftig gegebene Zeichen trat der Kammerdiener herein.

»Stephan, hast du deine Nachforschungen angestellt?«

»Ja, gnädiger Herr. Der Graf besucht die Versammlung regelmäßig, und heute Nacht ist er bis vier Uhr dort gewesen.«

Der Minister lachte laut auf: »Und ich war der Meinung, er hätte seine Akten studiert!«

»Das Büro«, fuhr Stephan fort, »besucht der Herr Graf gar nicht mehr. Für gewöhnlich schläft er bis elf Uhr vormittags, dann macht er Toilette und geht in die Vormittagsbetstunde. Zu Mittag speist er mit einigen Freunden, und, wie man sagt, bei sehr auserwählter Tafel. Bis neun Uhr schreibt und liest er, und nachts geht er in die verschiedenen Zusammenkünfte, die bald hier, bald dort sind.«

»Deine Nachrichten sind sehr genau, Stephan!«, sagte der Minister. »Fahre fort, dich noch mehr zu unterrichten. Forsche besonders, ob der Graf keine Liebschaft hat.«

»Geistige Liebschaften viele«, entgegnete Stephan mit einem unverschämten und boshaften Lächeln, das sein Herr nicht zu bemerken schien.

»Geistige Liebschaften«, sagte der Minister für sich, »zerrütten auch den Körper, und Schwärmerei macht unser Haar vor der Zeit grau. Er sieht so verstört aus, dass ich für sein Leben fürchten möchte. Doch er hatte immer dieses Aussehen. Schon als Knabe war er stets nervös erregt, und doch dabei welk.«

Er unterbrach sich hier, indem er Stephan winkte, sich zu entfernen. Als der Diener fort war, rief er laut und mit einem sarkastischen Lächeln: »Trefflich! Ich und dieser Narr! Wahrlich, wir passen herrlich zusammen. Das Schicksal gefällt sich in Gegensätzen. Ich gebe es auf, ihn zu bewegen. Lächerlich wäre es, solchen Geschöpfen Vernunft zu predigen. Ich spreche ihm von vierzigtausend Taler Renten, und er antwortet mir: Christus. Hahaha! Auf diese Weise können wir Jahre lang miteinander höchst amüsant verkehren. Aber nein, ich will ihn völlig aus dem Spiel lassen. Menschen wie er passen nicht zu meinem Wortschatz. Ich bin es meiner Schwester schuldig, ich werde handeln und retten, was noch zu retten ist.«

Einige Gänge durchs Zimmer folgten diesem Selbstgespräch, dann stand er wieder still und rief: »Wie leicht es ihm wurde, seine Mutter anzuklagen! Ja, solche Frommen machen alles möglich. Die Ordnung der Welt existiert nicht für sie. Ich darf ihm keine Zeit lassen, sich mit seinen Freunden zu beraten – oder vielleicht wäre gerade eine solche Beratung meinen Zwecken förderlich? Sie werden nicht wollen, dass er sich arm mache! Hm, es gilt, auch diese Umgebung zu erforschen.«

Zum zweiten Mal erscholl die Klingel, und der Diener trat wieder ein. »Hast du nichts gehört, Stephan, von den näheren Vertrauten und Bekannten des Grafen?«

Stephan sann nach und brachte den Namen des Geheimrats Basilius zu Tage.

»Der?«, sprach der Minister, »der gehört zu den meinen. Basilius ist kein Schwärmer, ich verstehe seine Sprache, wie er die meine. Ich sehe ihn heute beim Diner des Präsidenten und will ein Wort im Geheimen mit diesem alten Knaben sprechen. Weiter, Stephan.«

»Frau von Lablas, die von dem Herrn Grafen heimlich besucht wird.«

»Ja wie, Stephan, und ich fragte dich, ob mein Neffe eine Liebschaft habe …?«

»O, wie Eure Exzellenz meinen!« rief Stephan, der seinen Herrn kopierte, »doch sollte ich meinen, das ist eine überirdische, eine Himmelsliebschaft.«

»Die Frommen werden schlecht bedient«, bemerkte der Minister, »mein armer Neffe muss einen wahren Schurken von Bedienten haben.«

»Es ist die treueste, ehrlichste Seele«, entgegnete Stephan, »allein er widersteht einem Glas Danziger Goldwasser nicht.«

»Frau von Lablas«, murmelte der Minister, »ich habe nie ihren Namen gehört. Gleichviel, ich muss ihre Bekanntschaft machen. Die Zeit ist zu kurz, um die üblichen Formen der Welt anzuwenden. Ich werde diese Fromme überfallen, ja, überfallen – hahaha!«

Diese letzte Vorstellung hatte so etwas Ergötzliches für den Mann der Geschäfte, dass er sich in der besten Laune auf das Sofa warf, eine Prise nahm, mit einem triumphierenden Blick Stephan ansah, eine Opernarie trällerte, wobei er mit seiner goldenen Dose auf den Knien den Takt schlug, und endlich seinen Schoßhund aufnahm, das weiche Fell desselben mit tausend zärtlichen Ausrufungen streichelte und ihm einen Kuss gab. Ein rührendes Bild der Einigkeit eines Ministers mit seinem Schoßhündchen.

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