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Die Gespenster – Zweiter Teil – Sechsunddreißigste Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Zweiter Teil

Sechsunddreißigste Erzählung

Herr Amtmann Bree wird spukend in Zolchow und Hohengörne zugleich gesehen.

Man hat zwar die Möglichkeit des Doppelterscheinens ein und derselben Person bestreiten wollen, allein Herr Amtmann Bree zu Zolchow, unweit Genthin, hat vor einiger Zeit diese Streitfrage über alle Zweifel erhoben. Er selbst in eigener Person war, besage nachfolgender Tatsache, ein solcher Wundermann, welcher zuweilen an zwei verschiedenen Orten zugleich sichtbar wurde.

An einem schönen Wintertag des Jahres 1795 besuchte Herr Amtmann Fleischmann vom Hohengörneschen Damm, unweit Tangermünde, seinen Freund, Herrn Bree, und verspätete sich bei demselben bis in die Nacht hinein. Indessen war Mondlicht und ohnedies würde Herrn Fleischmanns Reitpferd den oft betretenen Weg auch im Finstern zurückgefunden haben. Herr Bree lag zu Bett. Ungeachtet seine unbedeutende Krankheit nicht im Geringsten gefährlich zu sein schien, sprach er doch ganz wider seinen sonstigen Geschmack ungemein viel vom Tod und fand es im ahnenden Vorgefühl sehr wahrscheinlich, dass er den folgenden Tag nicht erleben werde. Herr Fleischmann gab sich alle Mühe, seinen Freund zu überzeugen, dass ihn ein lächerliches und unzeitiges Besorgnis quäle. Da aber seine Beredsamkeit die angestrebten Wirkungen nicht hervorbringen wollte, so schwang er sich aufs Pferd und ritt nach Hause.

Da es eine schöne helle Winternacht und ziemlich kalt war, so fand er keinen Beruf, seinem Rappen etwas zu schenken. Indessen musste er doch bei aller Eile viel an seinen kranken Freund denken. Es kam nachher sogar ihm selbst bedenklich vor, dass dieser so bestimmt von seinem die Nacht erfolgenden Tod gesprochen hatte. Ja der Gedanke, jener Todesfall sei bei aller Unwahrscheinlichkeit doch wenigstens möglich, lag schwer auf seinem Herzen. Endlich lief ihm unterwegs in der nächtlichen Einsamkeit der Tod über das Grab. Er war daher recht froh, wie er noch vor dem völligen Ablauf der Spukstunde seine Wohnung glücklich erreichte, ohne irgendein Abenteuer erlebt zu haben.

Herr Fleischmann, ziemlich durchgefroren, fand keine warme Stube vor, weil seine Haushälterin ihn so spät nicht mehr zurückerwartet hatte. Er eilte daher zu Bett, um sich da wieder zu erwärmen. Beim Eintritt in seine Schlafkammer sieht er zu seinem größten Erstaunen auf dem Tisch vor dem Bett drei feierlich brennende Lichter, eine Klistierspritze, ein aufgeschlagenes Gebetsbuch und zwei Zitronen. Letztere pflegte man hier den Gestorbenen in die Hand und mit ins Grab zu geben. Er trat dem Tisch näher. Nun erst bemerkte er im Bett selbst einen ächzenden Sterbenden, der das Gesicht zur Wand hingewendet hatte.

Herr Fleischmann erschrak heftig und eilte mit zitternden Knien in das Gemach der Haushälterin.

Fleischmann: »Aber wie kann Sie sich unterstehen, mir einen fremden Menschen ins Haus zu lassen?«

Haushälterin: »Einen fremden Menschen? Seit wann ist Ihnen denn Ihr alter Freund, Herr Amtmann Bree aus Zolchow, so fremd geworden?«

Fleischmann (stutzt heftig). »Träumt Sie schon oder ist Sie toll geworden? Ich komme ja in diesem Augenblick von Bree her. Es sind kaum zwei Stunden her, als ich von ihm ritt.«

Haushälterin: »Wie ist das möglich? Er liegt ja bald so lange hier im Bett und bedauerte, als er krank ankam, nichts mehr, als dass er Sie nicht zu Hause fand.«

Fleischmann: »Höre Sie! Einer von uns beiden muss seinen Verstand verloren haben. Komme Sie mit mir zu dem Kranken.«

Sie gingen. Der sterbende Bree hatte nun das Gesicht dem schüchtern in die Kammer Eintretenden zugewandt.

Bree: »Ach! … Ich sterbe! … Lebe wohl … bester Freund!«

Fleischmann, der aus dem Gesicht und der Stimme deutlich Herrn Bree erkennt und fast in die Knie sank: »Ach Herr Jesus Christus! Kinder! Bree! Du spukst.«

Bree: »Ich … spuke nicht … Was du hier … siehst … ist nicht … mein Geist … ich … Bree aus Zolchow … bin es selbst!«

Herr Fleischmann konnte vor Entsetzen und Grausen der Haut nichts mehr antworten, schwankte zur Kammer hinaus und fiel hilflos der laut auflachenden Wirtschafterin in die Arme. Auch das Gespenst im Bett brach nun in ein überlautes Gelächter aus. Diese Töne waren Balsam für des Geängstigten beklommenes Herz. Halb bewusstlos, wie er war, ließ ihn doch dieses doppelte Gelächter etwas von dem Betrug ahnen, der ihm gespielt worden war.

Herr Bree Nr. 1. in Zolchow war vollkommen gesund. Seine vorgebliche Krankheit gehörte mit in den Täuschungsplan. Er lag völlig angekleidet im Bett. Um die Zeit, als sein Freund nach Hause reiten wollte, stand vor dem Hof sein schnellstes Pferd gesattelt und aufgezäumt in Bereitschaft. In dem nämlichen Augenblick, in welchem Herr Fleischmann aus dem Zimmer ging, um fortzureiten, sprang Herr Bree aus dem Bett und zu einer Seitentür hinaus, schwang sich aufs Pferd und jagte Hals über Kopf zum Hohengörneschen Damm. In der Tat kam er auch hier viel früher an, als der Herr vom Hause selbst, ungeachtet dieser doch auch nichts weniger langsam ritt. Indessen hatte auch Hr. Bree dafür gesorgt, dass sein Freund beim Satteln des Rappen am Hauptgestell etwas Wesentliches zerrissen finden musste, dessen Wiederherstellung wenigstens eine viertelstündige Verzögerung veranlasste. Die einverstandene Ausgeberin half übrigens den gut angelegten Betrug vollenden.

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