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Das schwarze Buch vom Teufel, Hexen, Gespenstern … Teil 21

Das schwarze Buch vom Teufel, Hexen, Gespenstern, Zauberern und Gaunern
Dem Ende des philosophischen Jahrhunderts gewidmet
Adam Friedrich Böhme, Leipzig, 1796

Der Hexenmeister

Der Glaube, dass gewisse Menschen, vorzüglich alte Weiber, die man auf dem Brocken oder Blocksberg zu Hexen graduiert, durch die Gewalt des Teufels Donnerwetter, Regengüsse, und tausend andere Wunderdinge hervorbringen können, herrscht ungeachtet unseres philosophischen und aufgeklärten Jahrhunderts noch so ziemlich unter uns Adamssöhnen und besonders unter den Töchtern Evas. Ich kenne Amtleute und Ökonomen, die sich recht ordentlich bekreuzigen, wenn ihnen von ungefähr ein Mütterlein begegnet, das so ein dreiviertel Sekulum auf dem Rücken trägt und unglücklicherweise ein spitzes Kinn, zahnlose Kiefer und triefende Augen hat. Ich kenne Gutsbesitzerinnen in Menge, die mir übel mitspielen würden, wenn ich dreist genug wäre, die Verteidigung triefäugiger Ranunkel über mich zu nehmen, oder gar die Gottlosigkeit beginge, so ein Wetterweib in den Kuhstall Ihrer Gnaden zu führen. Nein, das werde ich nie tun, so lange ich meine Augen gesund und brauchbar erhalten will.

Ich schreite zur Geschichte meines Hexenmeisters:

Irgendwo im Heiligen römischen Reich lebte noch vor Kurzem ein Mann, der, er mochte wollen oder nicht, den Rang eines Hexenmeisters behaupten musste. Still und ruhig brachte er seine Tage in den Armen der Musen zu, erhielt mit jeder Leipziger Messe eine Kiste blau gebundener Bücher und nicht selten auch physikalische Instrumente, besuchte nie jemand, außer Notleidende, Kranke und Dürftige, denen er Wohltäter und Arzt war, stieg zu jeder Jahreszeit auf hohe Gebirge und kehrte mit Pflanzen beladen zurück, kletterte auf Felsen herum, und Steine klapperten in seiner Tasche. Wenn Sturmwinde am bemoosten Kirchturm heulten, Blitze niederstürzten und fürchterlich die Donner krachten, verließ er Hütte und Matte und wandelte ruhigen Geistes im offenen Feld umher.

Dies alles zusammengenommen erhob ihn in den Augen des vornehmen und biederen Pöbels zu der schon erwähnten Würde. Man fand sich davon völlig überzeugt, als man einst, von Neugierde angetrieben, den Mann unbemerkt in seiner Wohnung beobachtet und gesehen hatte, dass es in seiner Stube blitze und knalle, dass er in Büchern lese, in denen man Hexenzeichen, Kreise und andere Figuren entdeckte, selbst mit Ruß und Kohle dergleichen Zeichen, dass er nie gesehene Tiere, wahrscheinlich junge Teufel, in Gläsern aufbewahre, Totenköpfe und Gebeine um sein Bett herumliegen habe, usw.

Ungeachtet dieser Mann unendlich viel Gutes in der Gegend wirkte, jeder Unglückliche sichere Hilfe, jeder Trauerende Trost und beinahe jeder Kranke sich Genesung bei ihm holte, so drang man doch schon öfter bei der Obrigkeit darauf, diesen Wohltäter der Menschen aus dem Ort zu schaffen; zum Glück aber für die Leidenden immer vergebens.

Hätte das Volk nicht geglaubt, dass er mit Satanas und Appendix im Bündnis stehe, es würde sich sicher an seine Person gewagt haben. Allein so traute es dem Landfrieden nicht und ließ somit den Philosophen unangetastet.

Besonders war es dem Einwohner, der sorgfältig jeden seiner Tritte, jede seiner Handlungen beobachtete, unbegreiflich, woher der Mann sein Geld erhalte. Der Amtmann wollte einen schwarzen Pudel bemerkt haben, der am Walpurgisvorabend einen vollen Geldsack zur Wohnung des Hexenmeisters trug. Die Frau Bürgermeisterin des nahen Städtchens schwor darauf, dass es ihm oft ein feuriger Drache gebracht habe, welchen sie mit eigenen Augen gesehen zu haben vorgab.

Der Pastor des Ortes hatte sich Tag und Stunde aufgezeichnet, wo er ihn mit Beelzebub sprechen hörte, als er eben des Abends an seiner Wohnung vorübergegangen war.

Richter und Geschworene beteuerten, dass er einmal in der Schmiede ein glühendes Eisen aus der Esse mit bloßer Hand, ohne sich zu verletzen, genommen und nach Hause getragen habe. Ein ganzer Trupp Bauern versicherte, Luzifer habe ihn in seinen Karren in Lüften geführt und wieder ganz sachte herabgelassen.

Die Maierin, Schäferin bei uns, fand ein Ei vor seiner Tür, das die Größe eines Turmknopfs hatte. Doch als Hexenwerk verbrannte sie es zu Asche im Backofen.

Die Frau Pastorin hörte einst mit Tagesanbruch böse Geister bei seinem Bett singen. »Wäre der Mann kein Hexenmeister gewesen, ich glaubte Engel hätten gesungen«, sagte sie selbst meinem Freund, von dem ich diese Geschichte habe.

Der Küster verpfändete sein Leben, dass der Teufelsbanner einen kleinen Turm besessen habe, worin sich Glocken befanden, die zwar von selbst zu läuten schienen, im Grunde aber von dienstbaren Geistern gezogen wurden.

Ein von ihm geheilter Kranker erzählte öffentlich, dass er ihm auf dringendes Bitten seinen abwesenden und in Kriegsdiensten stehenden Sohn mit der Wunde am rechten Arm aus der Ferne hergezaubert hätte.

Alle diese Anekdoten hatten Pfarrer und Amtmann genau gesammelt, und war schon im Begriff ein förmliches Klaglibell, von welchem eine getreue Abschrift, man weiß nicht wie, in die Hände des Philosophen gekommen, gegen den guten Alten unmittelbar dem Fürsten selbst zu überreichen, als er soeben erkrankte, und verlassen von Menschen, nur von seinem Pudel nicht, der nach dem Hinscheiden seines Herrn Leute herbeibellte und mit Gewalt in die Stube zog, in jene bessere Welt hinüberschlummerte. Den Pudel fand man nach einigen Tagen tot an der Grube liegen, in die man den Abgeschiedenen verscharrt hatte. Man hielt ihn für einen dienenden Teufel des Verstorbenen und verbrannte ihn.

Der Amtmann versiegelte die Wohnstube des Verblichenen und erstattete das Klaglibell mit beiliegendem Bericht an die Ortsobrigkeit. Der Gutsherr, der den Verstorbenen genau kannte, und selbst in physikalischen Wissenschaften arbeitete, schickte sogleich eine Kommission aufs Landgut.

Mein Freund war mit unter den Kommissaren.

Man entsiegelte die Wohnung des Seligen und inventierte Gerätschaften, Instrumente und Bücher. Auf einer Kommode lag ein Bogen mit der Aufschrift Mein Nachlass. Da diese Schrift zugleich die Erklärung vorstehender Sonderbarkeiten enthält, so sehen sie hier als

Aufschluss

Ich sterbe, sterbe mit dem Bewusstsein des rechtschaffenen Mannes. Meine Verlassenschaft erbt mein Neffe in der Hauptstadt.

Dem Besitzer dieses Guts danke ich, dass er mich hier geduldet und vor Verfolgung geschützt hat. Die Einwohner des Ortes bitte ich um Verzeihung, wenn ich ihnen Ärgernis gegeben habe, bitte sie, mein Gedächtnis nicht zu brandmarken mit Schmach.

Ihr habt mich verkannt, ihr guten Leute! Ich weiß, was euch an mir wunderbar und eben darum verdächtig vorkommt.

Meine abnehmenden Kräfte erlauben mir nicht weitläufig zu sein. Daher gebe ich euch nur kurze, allgemeine Erklärungen und bitte jeden Verständigen, euch hierüber weiter zu belehren.

Ich heilte Kranke glücklich, weil ich die Heilkunde verstand, Kräuter und Metalle kannte, Körper und Seele genau studiert hatte.

Ich hatte Geld, und ihr wusstet nicht, woher. Es war verdientes Geld für meine Schriften, die ich unter erdichtetem Namen in die Welt schickte. Es kam mit den Büchern, die ihr oft bringen sahet, in meine Hände.

Der feurige Drache war ein künstlicher, mit Johanneswürmchen, die im Finstern leuchten, besetzter Drache, den ich zum Vergnügen eines Abends dem Wind preisgab. Ich machte es auch mit Phosphorus.

Mein Pudel, für den ich euch bitte zu sorgen, brachte mir kein Geld. Es war Fleisch, das er oft in einem Sack vom Fleischer holte.

Ich sprach mit Beelzebub nie. Ich redete leise in einen Hohlspiegel, und ein ihm entgegenstehender gab die Worte zurück, der sich unter der Büste auf der Kommode befindet; und diese Büste hieltet ihr für den Beelzebub.

Ein glühendes Eisen verbrannte mich nicht, weil ich eine Salbe bereite, die des Feuers Wirkung von der Hand abhält.

Ich bin in die Luft aufgeflogen, schwang mich zur Probe mittelst eines mit Feuerluft gefüllten Luftballons empor und ließ mich eben durch Hilfe dieser Maschine wieder sanft nieder.

Ich machte ungewöhnlich große Eier; ein Kunststück, dessen Beschreibung in den meisten Kunstbüchern zu finden ist.

Es sangen böse Geister an meinem, nein! Weder böse noch gute Geister; es war der Gesang, das Spiel der Harmonika.

Es blitzte und knallte oft auf meiner Stube, und Glocken läuteten von selbst. Wer mit der elektrischen Maschine umzugehen weiß, wird diese und noch andere ungleich auffallendere Wirkungen hervorbringen.

Ich zeigte einen abwesenden und verwundeten Soldaten seinem Vater. Richtig! Ein Gemälde, die Zauberlaterne, und meine Hohlspiegel, dann die erhitzte Einbildungskraft des Vaters, der seinen Sohn sehen wollte, bewirkten die Erscheinung.

Was ihr übrigens für junge Teufelsbrut in den Gläsern ansehet, sind Würmer, Insekten, und Embryonen im Weingeist, die ich der Seltenheit wegen aufbewahrte.«

Diesen Nachlass las mein Freund dem Pastor, Amtmann und der versammelten Gemeinde vor, machte zur Probe einige Experimente und erklärte, was den Leuten noch dunkel war, verwies ihnen mit Sanftmut ihr unchristliches Betragen gegen den guten Mann und rührte sie wirklich.

Man grub den Toten aus und gab ihm ein ehrsames Begräbnis.

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