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Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten – Teil 3

Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten, vorzüglich neuester Zeit
Erzählt und erklärt von Gottfried Immanuel Wenzel
Prag und Leipzig 1793

Die redenden Büsten

Lieber Freund!

Endlich einmal erhalten Sie ein Briefchen von mir, worauf ich nicht wenig stolz bin; ein Briefchen mit einem Beitrag zu Ihrem Buch. Hören Sie!

Verflossenen Sommer lud mich mein alter lieber Spießgeselle, der wackere Rennsdorf auf sein Landgütchen. Christian und des Mannes zwei muntere Knaben, und ich, waren recht herzlich froh, doch einmal Gelegenheit gefunden zu haben, uns auslüftern zu können. Wir reisten, und es versteht sich von selbst, nicht ohne magischen Apparat. Sie wissen, dass ich Christian und die Knaben gleichfalls dazu zähle.

Rennsdorf besitzt in der Tat ein Paradies. Die Natur hat hier alles zu einem Ganzen vereinigt, was sie Schönes, Reizendes und Großes im Einzelnen und zerstreut aufzuweisen hat. Die Kunst bot all ihre Kräfte auf, sich von jener nicht beschämen zu lassen. Jetzt stehen Sie auf einer Ebene, die Ihr Auge nicht ermüdet, und bewundern die Schätze, der mütterlich sorgenden Ceres. Jetzt winken Ihnen fette Triften, und Sie folgen dem Wink. Zufrieden treibt der musikalische Hirt die gehörnte Herde bei Ihnen vorüber. Froh und mit jugendlichem Leichtsinn springt das muntere Kalb um die bedächtliche Mutter, und schüchtern schmiegt sich das furchtsame Lamm an seine wollige Alte, indem der ernste Phylax dem Mutwillen bellend steuert. Bäume, deren Äste wie Arme ineinander sich schlingen, laden Sie in ihren schattigen Gang, der Sie zu einem Gebüsch führt, das, friedlich vom Wild bewohnt, ein Beispiel brüderlicher Eintracht und bürgerlicher Verträglichkeit gibt. Stolz und ernst schreitet da der majestätische Hirsch einher und misst stehend mit seinem Blick Sie. Dort hüpft das leichtfüßige Reh unbesorgt um sein weiteres Schicksal. Hier streiten Pfau und Fasan um des Gefieders größere Schönheit, mutige Rammler machen Männchen am Hügel und spitzen die Ohren, indes im Dickicht dort des Kuckucks Kehle schallt. Ein rieselnder Bach weckt Sie mit sanftem Gemurmel aus Ihrer Extase. Ihr Fuß wandelt am blumigen Ufer hinauf und ruht bald im arkadischen Tal, das Pomone zum Tempel geweiht ist. Die fleischige Aprikose scheint Sie zu bitten, sie zu brechen vom Stiel, und die saftige Birne wird böse, dass Sie ihrer nicht achten. Die kühlende Beere, pochend auf ihr Rot und Größe, freuet sich, dass Sie ihre Kühlung nicht verschmähen.

Ein geschmackvolles Landhaus ziert der Anhöhe Gipfel. Sie bewundern die Kunst, die sich im Einfachen verliert und doch laut ihr Dasein verkündet dem Kenner.

Hier haben Sie, mein Lieber, ein schwaches Bild von den Seligkeiten meines Freundes. Und wollen Sie ihn kennenlernen – o! Es ist ein Mann, dem nur wenige gleichen! Tugend ohne Prahlerei, Verstand ohne Hochmut, Gelehrsamkeit ohne Pedanterie, Freundlichkeit ohne Grimassen und Weisheit ohne Stolz haben sich verabredet, den Charakter des Mannes zu bilden.

Veredlung seiner selbst, Beglückung anderer ist sein Tagewerk.

O wie glücklich lebt der Weise, der, dem großen Pöbel unbekannt, in lachenden Gefilden jede Wollust genießt, welche die bescheidene Natur fordert und gibt und unbemerkt größere Taten tut, als der Eroberer und der angegaffte Fürst!

Nun, mein Teurer, bei diesem Mann war ich; ich, Christian und des Redlichen gutartige Knaben. Jeder Tag war uns ein Festtag, denn mit jeder Sonne gingen uns neue Schönheiten der Natur auf, und wir feierten diese Stunde. So lebten wir gleich den Bewohnern Edens im Schoß reiner Freuden und ruhten im Arm der Weisheit.

Doch des Menschen Loos ist es nicht, nur stets auf Rosenblättern zu wandeln, Nektar zu trinken, und Ambrosien zu kauen. Auch Dornen sind sein Weg und Wermut seine Nahrung. Unsere Freuden werden uns vergällt.

Ungeladene Gäste kamen aus der Stadt. Gnädige Herren mit leeren Köpfen, aufgedunsenen Backen und dicken Bäuchen, Damen mit aufgestülpten Nasen, koketten Blicken und Verleumdung atmender Züge, die Fräulein klug wie die Gänse des Kapitols und dahertrabend wie die Truthühner Rennsdorfs, Jungen schon im Werden verhunzt, hirnlos und mit ledernen Herzen.

Denken Sie sich diese löbliche Gesellschaft, setzen Sie noch ein Paar Gottesleugner und starke Geister, die sich Philosophen nannten, hinzu, und Sie haben eine Gruppe, vor deren Anblick die verträgliche Natur selbst zurückschaudert.

Ich mag Sie nicht mit dem Unsinn ihrer Gespräche, nicht dem Törichten ihres Betragens, nicht mit der Schändlichkeit ihrer Sitten, nicht mit dem Höllischen ihrer Grundsätze aufhalten. Genug, wenn ich ihnen sage, dass mir eines Abends Rennsdorf um den Hals fiel und aus tiefem Gefühl die Worte sprach: »Freund, schaffen Sie mir das Volk vom Hals oder ich brauche Gewalt.« Schnell wie der Blitz fuhr mir ein Gedanke durch die Seele und ich versprach die Luft zu reinigen, die uns dieses Geschmeiß zu verpesten schien.

Des anderen Tages leitete ich absichtlich das Gespräch auf wichtige, heilige Wahrheiten. Aus voller Kehle lachte die fremde Gesellschaft. Die Gottesleugner und Philosophen spotteten meiner, als ich mit Ehrfurcht von Dingen sprach, die jedem Rechtschaffenen nahe liegen, und Grundsätze äußerte, denen Völker ihr Glück verdanken.

Man lästerte den Ewigen und sprach ihm Hohn. »Wir fürchten Millionen Teufel nicht!«, raunten mir die Philosophen höhnisch ins Ohr. Ich schwieg und entfernte mich.

Es war ein schwüler Sommerabend. Ich bat Rennsdorf, einen Spaziergang im Schlossgarten vorzuschlagen. Man ging es ein und promenierte. Die Gottesleugner und Philosophen waren um mich versammelt und neckten mich auf die ausgesuchteste Weise, bedauerten meinen Verstand, hatten Mitleid mit meinen Grundsätzen usw.

Wir kamen an eine Ruine. In derselben waren auf beiden Seiten der Mauer Nischen angebracht, die Büsten und römische Köpfe ausfüllten. Hier stand ich ruhig und redete meine mutwilligen Begleiter an: »Meine Herren! Beinahe bin ich Ihres tollen Betragens überdrüssig und könnte mich, wenn ich wollte, sehr empfindlich an Ihnen rächen; rächen, dass jedes Haar auf Ihrem Haupt sich emporsträuben müsste, doch Sie schonten heute des Allerheiligsten nicht … ich verachte Sie.«

»Poltronerie! Poltronerie!«, schrien alle, dass es widerhallte.

»Vielleicht auf Ihrer Seite«, versetzte ich und hob mit diesen Worten meinen Stock auf, machte einen Kreis um mich herum, und Feuerflammen entsprangen der Erde.

»Zittert, Bösewichter!«, sprach eine der Büsten.

»Strafe des Frevlers werde Euch!«, tönte es fürchterlich von der anderen Seite.

Die Philosophen bebten wie Espenlaub und liefen.

Die Damen schrien laut auf, und sanken halb ohnmächtig in die Arme ihrer Männer, die sie keuchend hinwegschleppten.

Rennsdorf stand wie versteinert da. Ich ergriff seine Hand und führte ihn ins Schloss.

Noch selbige Nacht verließen uns die Gäste.

Des Morgens kam Rennsdorf freudig auf meine Stube und dankte mir für den ihm erwiesenen Dienst. Auf seine Frage, wie ich bei der Sache zu Werke gegangen, gab ich ihm folgenden Aufschluß:

Untersuchen Sie meinen Stock. Dieser, der hohl ist, aus verschiedenen Abteilungen besteht, Kapseln, Klappen, Stahlfedern, brennenden Weingeist und Wurmsamen enthält; dann Christians zwei Knaben sind der Talisman, mit dem ich das Wunder gewirkt habe. Ein Druck und Schwung mit dem Stock brachten die Flammen zum Vorschein, die der Erde zu entspringen schienen.

Die Knaben, aufmerksam auf dieses Zeichen, standen schon lange vorher hinter den Statuen und erwarteten nur das Signal, unterrichtet, was und wie sie reden sollten.

Das Gespräch an der Mittagstafel war die Einleitung zum bevorstehenden Zauberwerk. Meine Abwesenheit am Nachmittag war nötig, um die Anstalten alle zu treffen, die meine Absicht notwendig machte, um die lästige Gesellschaft zu beschämen, zu erschüttern und vielleicht auch zu bessern.

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