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Zerrissene Erde

N. K. Jemisin
Zerrissene Erde
Originaltitel: The Fifth Season, Orbit, New York, 2015

Fantasy, Taschenbuch, Knaur, Münschen, August 2018, 494 Seiten, €14,99, ISBN: 9783426521786, Übersetzung: Susanne Gerold, Covergestaltung: Guter Punkt, München, Coverabbildung: Markus Weber, Guter Punkt, unter Verwendung von Motiven von Thinkstock

Inmitten einer sterbenden Welt hat die verzweifelte Essun nur ein Ziel: ihre Tochter aus den Händen eines Mörders zu befreien, den sie nur zu gut kennt.

Seit sich im Herzen des Landes Sansia ein gewaltiger Riss voll brodelnder Lava aufgetan hat, dessen Asche den Himmel verdüstert, scheinen immer mehr Menschen dem Wahnsinn zu verfallen. So lässt der Herrscher seine eigenen Bürger ermorden. Doch nicht Soldaten haben Essuns kleinen Sohn erschlagen und ihre Tochter entführt – sondern ihr eigener Ehemann! Essun folgt den beiden durch ein Land, das zur Todesfalle geworden ist. Und der Krieg um das nackte Überleben steht erst noch bevor.

In N. K. Jemisins Roman Zerrissene Erde ist das Ergebnis ein erstaunliches. Sicher, am Ende des Buches gibt es ein umfangreiches Glossar, welches unterstreicht, wie viel Detailreichtum und Dimensionalität die Autorin in ihr Werk gepackt hat. Die Geschichte spielt in einem Land namens » Die Stille«, einem tragisch paradoxen Namen, da die Geografie in einem ständigen, heftigen Fluss ist. Die ganze Welt erfährt auf periodischer Basis Apokalypsen, so regelmäßig wie Wettermuster. In der zerklüfteten Landschaft, in der sich die weitläufige Stadt Yumenes befindet, hat diese Instabilität der Zivilisation eine ebenso unbeständige Realität gegeben. Eine Kastenordnung macht ihr Angst. Wissenschaft und Magie haben sich unbehaglich vermischt. Und mittendrin befindet sich Essun, eine Kleinstadtlehrerin, deren Familie brutal auseinandergerissen wurde.

N. K. Jemisin hat zuvor ähnlich komplexe Welten errichtet, vor allem in ihrer mehrfach preisgekrönten Trilogie Das Erbe der GötterZerrissene Erde ist das erste Buch in Jemisins neuester Serie gleichnamigen Titels und bereits jetzt ein vielversprechender Opener. Essun, voller Trauer, nachdem ihr Ehemann plötzlich ihren kleinen Sohn getötet hat und mit ihrer Tochter flieht, beginnt eine Suche, die als Rettung beginnt, aber etwas ganz anderes wird, während eine schreckliche neue Katastrophe »die Stille« durchbricht.

Ob vulkanisch, seismisch, atmosphärisch, geomagnetisch oder von Menschen gemacht, jedes neue Desaster wird als Staffel bezeichnet, und die nächste droht die verheerendste in der jüngeren Geschichte zu sein. Die Geschichte selbst hat zahlreiche Brüche durchgemacht und eine Zweideutigkeit in Bezug auf die antike Ära geschaffen, die auf Essuns eigene, von Schatten umhüllte Vergangenheit und Gegenwart einwirkt. Ganz zu schweigen von Syens und Damayas, Figuren aus verschiedenen Kasten, deren Handlung sich mit Essun auf eine äußerst kluge und ergreifende Weise überschneidet, welche die Mechanismen von Macht und Unterdrückung bei der Arbeit im unermesslichen Hintergrund »der Stille« antreibt. Zerrissene Erde ist kein einfaches Buch, aber ein optimistisches, ein sich verdichtender Roman. Die Autorin baut einen ergreifenden Spannungsbogen auf und behält in diesem einen mit Emotionen vollgespickten roten Faden bei, der nicht nur die Geschichte durch seine komplizierte Umgebung trägt, sondern auch für weitere atemberaubende Enthüllungen sorgt, die in folgenden Romanen sicherlich zum Tragen kommen werden.

Sowohl eine der Stärken des vorliegenden Romans als auch ein Beweis dafür, dass die Autorin ihr Handwerk beherrscht, ist die Tatsache, dass die Erzählperspektive der Handlungsträger erhalten bleibt. Es ist eine clevere Demonstration von Struktur und Spannung, aber auch eine durchdachte Metapher für das Wesen »der Stille«, ein mystifizierender Fluss von Geografie und Gesellschaft, den auch das zu Beginn erwähnte Glossar nicht vollständig definieren kann. »Das Ende der einen Geschichte ist nur der Beginn einer anderen«, schreibt sie frühzeitig. Das ist nur einer von vielen routinierten Bruchstücken, die vorwegnehmen, dass sich das Buch am Ende des Buches fundiert anfühlt.

Fazit:
Die »Stille« kann man als eine Betrachtung eines erdgeschichtlichen Umbruchs sowohl ihres eigenen als auch der Menschheit betrachten. Mit Zerrissene Erde tritt die Autorin in hervorragenden Art und Weise den Beweis an, dass der Glaube an ein imaginäres Weltkonstrukt ein Element unserer ureigenen Phantasie darstellt und die darin agierenden Charaktere eine Welt für sich sind.

(wb)