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Marshal Crown – Band 35

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Sir Henry Morgan – Der Bukanier 18

Kapitän Marryat
Sir Henry Morgan – Der Bukanier
Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb
Adolf Krabbe Verlag, Stuttgart 1845

Achtzehntes Kapitel

Unser Held schließt sich einem verrufenen alten Seeräuber an, verrichtet einige sehr glänzende Taten mit ihm, wird ehrgeizig und hat, wie Sancho ehrlichen Andenkens, ein Auge auf eine Insel.

Um dieselbe Zeit lag ein alter Erzpirat, namens Mansfeld, im Hafen und stattete eine bedeutende Flotte aus, um irgendeinen großartigen Versuch zu machen. Dieser graue Verkenner der Eigentumsrechte warf, als er Morgan mit so vielen Schiffen zurückkehren sah, ein liebevolles Auge auf ihn, denn er hielt ihn ganz für einen Mann nach seinem Herzen – unerschrocken, kaltblütig, schlau und nicht bedenklich inunkto des Gewissens. Mansfeld, welcher fühlte, dass sich die Zeit mit seiner Person Freiheiten genommen hatte, welche dieser grimmige Niedermäher der Menschen nicht auch auf sein Geist auszudehnen vermochte, suchte unseren Freund und seine Begleiterin auf, um unserem Helden, da er ihm ausnehmend wohl gefiel, ohne viel nutzlose Formen und Umschweife die Stelle seines Vizeadmirals und dem weiblichen Sekretär das Kommando eines seiner schönsten Schiffe anzubieten.

Morgan ließ sich diesen Antrag ohne Weiteres gefallen, obwohl Mr. John Smith (Zoabindas, Schiffsname) achtungsvoll den Befehl über die Wasserschlange ablehnte, da er es vorzog, beim neuen Vizeadmiral als Sekretär zu bleiben.

Die beiden Admirale hatten bald eine Flotte von fünfzehn Segeln, darunter einige ziemlich große Schiffe, zusammengebracht, und bemannten sie mit mehr als fünfhundert tollkühnen Kerlen, die hauptsächlich aus Wallonen und Franzosen bestanden. Wohlgemut und voll Vertrauen auf den Erfolg segelten sie zur Insel St. Catharina, unfern des spanischen Festlands und ungefähr fünfunddreißig Stunden von der Mündung des Flusses Chagre.

Sie landeten ohne Verlust und hatten sich bald der ganzen Insel mit allen ihren Forts und Schlössern bemächtigt. Diese Verteidigungswerke zerstörten sie bis auf ein einziges starkes Fort, welches sie mit hundert Mann von ihren eigenen Leuten besetzten, um daselbst alle den Spaniern abgenommenen Sklaven und die sehr wertvolle Beute unterbringen zu können. Sie nahmen auch eine kleine anliegende Insel, welche der anderen so nahe war, dass eine Brücke die Verbindung herstellte. Nachdem sie beide Inseln verwüstet und das Kommando der Garnison einem Franzosen, namens Simon, übergeben hatten, segelten sie auf das Festland von Südamerika zu.

So kurz auch dieser Feldzug war, legte doch Morgan so entschiedene Beweise von Geschicklichkeit, Besonnenheit und überlegtem Mut ab, dass er mit einem Mal die rauen Herzen der Abenteurer gewann. Mansfeld verließ sich so ganz und gar auf ihn, dass die ganze Obhut über die Flotte eigentlich ausschließlich seiner Wachsamkeit und geistigen Ueberlegenheit belassen blieb.

Die Amazone Zoabinda war an Bord geblieben, ohne an den Kämpfen teilzunehmen, denn Morgan wünschte ihr so viel wie möglich den Hang abzugewöhnen, sich in das Getümmel des wirklichen Blutvergießens zu mischen, weil er es vorzog, sich nur ihrer geistigen Hilfsquellen und der wollüstigen Tröstung ihrer Zärtlichkeit zu bedienen.

Von diesem ersten Erfolge gehoben, verteilten die wilden Küstenbrüder, welche sich selbst der strengsten Manneszucht unterwarfen, ihre kleine Flotte über die liebliche See und näherten sich allmählich der Küste des spanischen Festlands. Sie schwelgten in einem tollen Glück, das, obwohl es bloß tierisch war, doch einen gewaltigen Reiz besaß, denn die Abenteuerlust ist eine höchst berückende Leidenschaft. Wer sich ihr einmal von ganzer Seele hingegeben hat, kann später nie wieder Gefallen an den ruhigen Vergnügungen des häuslichen Lebens finden.

Wie ganz anders war nun der welsche Knabe geworden, der zwar jeder schnellen Leidenschaft zum Opfer wurde und bald scheu, bald keck war, aber doch ein wohlwollendes, edelmütiges Herz besaß! Er stand jetzt da als das Leben und die Seele eines großen Unternehmens – ruhig, kalt und unbeugsam, mit Menschenblut rechnend und vor allem in seinem Inneren die gewaltige Gier einer neu erwachten Habsucht tragend. Von Rechten und Gesetzen wollte er nichts mehr wissen, denn er hatte sie schon längst verachtet. Weder die Gesetze Gottes, noch die der Menschen konnten seine Mittel und seine Zwecke rechtfertigen. Sein unbeugsamer Wille hatte bloß den Erfolg im Auge und errang ihn. Er war vom echten Urstoff, aus welchem Helden gebildet werden, wenn anders die Menschen so verständig sind, eine derartige Entwickelung zu gestatten.

Als sich die Flotte der spanischen Küste näherte, schienen die Piraten auf wenig anderes zu sinnen, als auf den gewöhnlichen Brauch, an Land zu plündern und zu sengen – eine Taktik, die mit weit mehr Gefahr als Vorteil begleitet war. Endlich langten sie an dem Colla-Fluss auf dem Costa-Rica-Gestade an, wo sie stromaufwärts fahren und die ziemlich beträchtliche Stadt Nata plündern wollten.

Aber dieses Verschwenden von Zeit und Kräften in kleinen Versuchen führte bald die natürliche Folge des Schwankens mit sich. Die Spanier zeigten sich mit einem Mal sehr tätig, und der Präsident von Panama, welcher von den Bewegungen des Feindes unterrichtet war, brachte eine bedeutende, wohlorganisierte Mannschaft zusammen, um mit ungewöhnlicher Entschiedenheit den schonungslosen Räubern entgegenzutreten. Sein Herannahen reichte zu, denn Mansfeld und Morgan, welche die Schwäche ihrer eigenen Streitkräfte kannten, lehnten weislich den Kampf ab und schifften sich mit aller Eile, welche sich mit der Vorsicht vertrug, wieder ein.

Obwohl sie bei diesem Feldzug keine sonderlichen Reichtümer gewonnen hatten, so war doch ihre Mannszucht und ihre Fähigkeit, im Einklang zu handeln, viel geregelter geworden. Sie segelten nach ihrer kürzlichen Eroberung der Insel St. Catharina, zurück und waren wohl zufrieden mit der Aufregung ihrer Fahrt.

Unter der Garnison, die sie unter dem sogenannten Sieur Simon zurückgelassen hatten, fanden sie alles nach Wunsch, denn dieser Kommandant hatte in Abwesenheit seiner Gefährten die Zeit gut genutzt. Die große Insel war in einer trefflichen Wehrverfassung und die kleine von seiner Mannschaft so gut angebaut worden, dass man die rückkehrende Flotte nicht nur für die augenblickliche Erfrischung mit Mundvorräten, Früchten und Vegetabilien versehen, sondern auch noch hinreichend für eine neue Reise aufbewahren konnte; so groß war die Fruchtbarkeit des Bodens.

Morgan erkannte den Wert dieser Maßregeln wohl, und Mansfeld teilte seine Ansicht, dass diese wertvollen Inseln als ausschließliche Appanage unter der Souveränität der Piraten verbleiben sollten – wenn wir sie anders Piraten nennen müssen. Um diese Periode war die Insel voll Wild und durch vier Bäche, von denen zwei in der größten Hitze auszutrocknen pflegten, gut bewässert. Die Bewohner bestanden aus weißen Verbrechern, welche von den spanischen Ansiedelungen zu diesem Teil der Welt verwiesen worden waren, denn die Insel war die Botany Bay jener Periode. Nun pflanzte diese Gentry more suo nur so viel, wie für ihren eigenen Unterhalt nötig war, und führte ein träges, glückliches Leben, welches sie nie in gegenseitigen Streit brachte, da sie kein Eigentum erwarben. Die unermesslichen Hilfsquellen des Platzes waren daher nie gehörig benutzt worden.

Es war ein gut befestigter Hafen vorhanden, der durch wenige Personen gegen jede Streitkraft, welche die Spanier gegen sie auf zubringen vermochten, verteidigt werden konnte; dazu noch ein Hafen, der in der Nähe der wertvollsten spanischen Besitzungen lag und folglich gut berechnet war, den Verkehr derselben abzuschneiden.

Wenn das Gebiet dichter bevölkert und zweckmäßig angebaut wurde, so musste es eine sehr gewinnbringende Besitzung werden, da sie nicht nur Einkünfte abwarf, sondern auch den Schiffen der Brüder Rekruten stellen konnte. In der Tat sah Morgan darin den Kern einer künftigen Souveränität, die er sich seiner Zeit zu erringen beschlossen hatte.

Unter der Verabredung, dass die Insel für ewige Zeiten ihr Eigentum bleiben sollte, kehrten die beiden selbst geschaffenen Admirale nach Jamaika zurück, um Verstärkung für den Platz zu holen und Leute anzuwerben, welche denselben gegen jeden Angriff der Spanier militärisch verteidigten. Dies konnte nicht wohl geschehen ohne die Genehmigung des Obristen Modiford, denn es war eine kühne Maßregel, mitten in Westindien ein neues Reich zu gründen. Morgans Einfluss auf seinen alten und treuen Freund war vergeblich, denn der Obrist fürchtete das Missfallen des neu eingesetzten Karls II., seines Königs, auf sich zu ziehen.

Abgesehen davon hätten auch die Streitkräfte von Jamaika genommen werden müssen, welches damals selbst nicht sonderlich mit Verteidigern versehen war, und die Spanier behaupteten stets eine sehr drohende Haltung gegen das neue Gouvernement. Zwar unter liegt es keinem Zweifel, dass das Herz des Obristen voll in den Entwurf einging; indes erklärte er ihn doch für zu gefährlich, als dass er demselben in der gegenwärtigen Periode Vorschub oder auch nur Duldung gestatten konnte. So segelten Mansfeld und Morgan, nachdem sie viel wertvolle Zeit in Bitten verschwendet hatten, mit ihrer Flotte nach Tortuga, um etwa dort zu erzielen, was ihnen auf Jamaika verweigert worden war.

Mansfeld war jedoch kaum zu Tortuga, einer kleinen Insel an der Nordküste von San Domingo, angelangt, als er eines plötzlichen Todes starb. Er war zwar schon weit in Jahren vorgerückt und hatte ein sehr ausschweifendes Leben geführt. Indes regte sich doch großer Argwohn, der junge Kapitän oder Zahlmeister John Smith habe seinen Hintritt vor den ewigen Richter beschleunigt, denn der Admiral hatte kaum dessen Wohnung in der Stadt verlassen, als er taumelte, zusammenbrach und augenblicklich seinen Geist aufgab. Man trug sich mit dem Gerücht, er habe sie wegen ihrer Ähnlichkeit mit dem, was sie wirklich war, mit einem Weib verhöhnt.

Dieser Mansfeld war ein großer Schurke gewesen. Die Schaudertaten, die er begangen hatte, hatten ihn sogar zum Abscheu seiner eigenen Mannschaft gemacht. Man verließ sich jedoch auf seine Haltung und seinen Mut, denn die Piraten würden dem Satan in propria persona Folge geleistet haben, wenn er die gleichen Fähigkeiten entfaltet und sich herabgelassen hätte, sie zu kommandieren.

Der Tod des Admirals brachte für eine Weile alles in große Verwirrung, und Sieur Simon kam dadurch in eine sehr unangenehme Lage. Er war als Gouverneur auf der Insel St. Catharina geblieben. Da er weder von Mansfeld noch von Morgan Kunde erhielt, so wurde er sehr ungeduldig und unruhig, wozu allerdings, wie man bald sehen wird, hinrechender Grund vorhanden war.

Das ganze Costa Rica war dem Kommando eines neuen und als neu natürlich auch tätigen Gouverneurs, namens Don Perez de Guzman, untergeordnet worden, der sich durch irgendeine glänzende Heldenthat auszuzeichnen sehnte – und die Piraten hatten ihm dazu Gelegenheit bereitet. Er hielt es nicht nur für unverträglich mit den Interessen, sondern auch für einen Schimpf gegen die Ehre des Königs von Spanien, dass die Bukkanier im Bann seines Gouvernements die schöne Insel St. Catharina besitzen sollten.

Indes war es dem Don nicht sehr darum zu tun, seine eigene Tapferkeit zu erproben oder die Truppen unter seinem Kommando allzu scharf ins Feuer rücken zu lassen, weshalb er es zuvörderst sehr weislich mit Unterhandlungen versuchte. Er schickte an den Sieur Simon ein Schreiben, in welchem er demselben andeutete, wenn er die Insel ruhig an Se. katholische Majestät abgebe, so solle er gut belohnt werden. Im Weigerungsfall aber stehe ihm die schärfste Strafe bevor, denn er, der Don, könne und wolle den Platz nehmen.

Der hohe Ton dieses Sendschreibens focht den Sieur Simon nicht sonderlich an. Dagegen fühlte er sich furchtbar beunruhigt durch das Ausbleiben allen Succurses von Mansfeld, denn er sah nicht ein, was ihm oder seinen Leuten auch die hartnäckigste Gegenwehrnützen sollte. Indes forderte seine eigene Ehre einigen Widerstand. Nachdem er diesen zur Schau gestellt hatte, übergab er den Platz unter denselben Bedingungen, welche die Spanier von den Seeräubern erhalten hatten, als Letztere ihre Eroberung machten.

Don Perez setzte einen höchst bombastischen Bericht über diese Wegnahme auf, mit dem wir hier weiter nichts zu tun haben, obwohl wir uns nicht enthalten können, anzugeben, dass er eine der lächerlichsten Fanfaronaden war, mit denen je eine Regierung behelligt wurde.

Obrist Modiford erlitt gleichfalls eine gebührende Strafe für sein Abgehen vom streng rechtlichen Benehmen, das bisher seinen Charakter bezeichnet hatte. Mit einer Zweideutigkeit, die seiner Freundschaft zu Morgan ganz unwürdig war, wünschte er sich die Ehre zu sichern, dass er seinem königlichen Gebieter diese Insel zugeeignet habe. Als er fand, dass die Piraten außer Weges waren, schickte er heimlich ein Schiff ab, welches nach St. Catharina einen neuen Gouverneur, eine reichliche Anzahl von Truppen und einen guten Vorrat von Männern und Frauen bringen sollte, damit die Insel mit englischen Untertanen bevölkert werde. Einige Tage, nachdem die Spanier den Platz wieder in Besitz genommen hatten, erschien dieses Schiff unter englischen Farben vor dem Hafen. Der Sieur Simon erfuhr durch ein Boot desselben, welches nach einem Piloten an Land gekommen und zurückgehalten worden war, den Plan der Engländer, ihn zu verdrängen. Da er den Angehörigen dieser Nation nicht sehr geneigt war, so ließ er sich von den Spaniern leicht bereden, selbst an Bord zu gehen und das Schiff in den Hafen zu führen. Er tat dies mit bewunderungswürdiger Verstellungskunst. So wurde das Schiff samt all seinen Leuten eine Prise der Spanier.

Der Leser muss nun wissen, dass damals die Unternehmungen der Bukkanier gegen die Spanier von allen Nationen gern gesehen und im Geheimen unterstützt wurden, obwohl sie dies öffentlich in Abrede zogen. Wie immer die Verhältnisse der Regierungen in Europa sein mochten, ob friedlich oder kriegerisch – ihre Untertanen wurden, wenn sie in Ostindien zusammentrafen, Brüder und verbündeten sich in gleicher Weise gegen die Spanier. Letztere waren der allgemeine Feind und verdienten auch als solcher betrachtet zu werden. Ihre Grausamkeit gegen die Indianer, ihre Anmaßung, ihre Bemühungen, alle Nationen sogar von der Annäherung an die Küsten der Neuen Welt auszuschließen, und ihr bigotter Stolz machte sie zum gemeinsamen Gegenstand des Hasses. Einige Abenteurer begannen sogar, aufgeregt durch die allgemeine Erbitterung, einen fanatischen Kreuzzug gegen sie, in welchem sie sich nicht Ruhm oder Gewinn, sondern bloß Rache zum Ziele steckten. So wurden dann die Grausamkeiten, welche Pizarro und andere Barbaren begingen, hundertfältig in Mord und Foltern an Tausenden ihrer Landsleute gerächt, welche in Vergleichung mit ihnen unschuldig waren.

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