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Der Mythos Tempelritter – Teil 3.17

Mythos-Tempelritter

Einst waren sie im Hochmittelalter die mächtigste Organisation auf Gottes Erden. Sie waren führend im Bankwesen, sie besaßen die größte Flotte des Abendlandes. Zeugen ihrer schier übermächtigen Größe und ihres Reichtums findet man noch heute: Der Newport Tower in Newport, Rhode Island, der als Leuchtturm der Templer gilt; Santa Mariá de Eunate in Spanien, welche die Templer nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem erbauten; Temple Church in London, die den Templern als englisches Hauptquartier diente; die Klagemauer sowie der Tempelberg in Jerusalem, wobei aufgrund der derzeitigen religiösen und politischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Palästina es dort unmöglich erscheint, umfangreiche Ausgrabungen durchführen zu können. Die Liste der noch existierenden zeitgenössischen Sachzeugen und Bauwerke ist groß und würde den hiesigen Rahmen sprengen.
Wer waren die Templer? Wie waren sie organisiert? Wer waren ihre Führer? Gingen die geheimnisvollen Templer am Freitag, den 13. Oktober 1307 tatsächlich unter? Oder gibt es heute noch Nachfahren der Templer? Fragen über Fragen.
In einer losen Folge möchte ich versuchen, den Mythos der Tempelritter ein wenig zu beleuchten.


Die Großmeister des Tempelordens


Guillaume de Chartres 1210 -1219

Guillaume, Vizdom von Chartres, war schon vor Jahren (1203) mit französischen Kreuzfahrern nach Syrien gekommen. Sein Vater, Milo IV., Graf von Bar-sur-Seine, kam mit ihm 1218 zur Belagerung von Damiette, wodurch sein Großmeistertum dokumentiert wird.

Im August 1217 hatte König Andreas von Ungarn einen Kreuzzug angetreten und sollte bereits im September nach Verordnung des Papstes mit dem König und Patriarchen von Jerusalem und beiden Großmeistern zu Zypern zusammentreffen und mit dem dortigen König eine Beratung über die Angelegenheiten des Heiligen Landes halten. Ob diese Zusammenkunft stattgefunden hat, ist ungewiss, aber König Hugo von Zypern und der Erzbischof von Nikosia kamen mit Andreas zu Akkon an. Dem König Johann von Jerusalem fehlte es an allen Mitteln, den Kampf gegen die Heiden aufzunehmen, gleichwohl pflichtete auch der neue Templermeister Guillaume der bisherigen Politik des Konvents bei und schrieb bald nach seiner Erlangung der Meisterwürde einen Brief an den Papst Honorius III. über die syrischen Verhältnisse, wo er sich sehr angelegen sein lässt, dieselben als friedfertig zu schildern, um keinen Kreuzzug zu erregen, während König Johann das Gegenteil berichtet. Allgemeine Mutlosigkeit herrschte im Land, die bei Ankunft des Königs von Ungarn in einen regeren Geist überging. Darum sagt der Großmeister Guillaume in jenem Schreiben, es sei dieses Kreuzheer eine wesentliche Hilfe, weil es reichliche Lebensmittel und tüchtige Rösser mit sich führe, an welchen beiden Hilfsmitteln Syrien Mangel litte. Er bat den Papst, alle folgende Pilgerscharen zu gleichem Verfahren veranlassen zu wollen.

Auch jetzt störte die leidige Zwietracht jede tüchtige Unternehmung. Am 2. November zogen die Könige Andreas, und die von Jerusalem und Zypern, beide Großmeister und alle Pilgerfürsten an der Spitze von 15.000 Kriegern zum Jordan, wo bei Baisan Malek al Adel lagerte, aber alsbald zurückwich. Wäre unter den Christen ein entschlossener Mann gewesen, so hätte etwas Rechtes ausgeführt werden können. Da jedoch beiden Großmeistern an einer Förderung der syrischen Zustände nichts gelegen war, als dass das Heer einige heilige Orte, den Jordan, Bethsaida, Kapernaum besuchte, so kehrte es hierauf nach Akkon zurück. Einige Tage danach zog man vor das auf dem Tabor von den Sarazenen erbaute Kastell und schlug am 30. November am Fuß des Berges das Lager auf. Bei der steilen Höhe schien der Angriff schwierig, doch ein sarazenischer Knabe aus der Burg berichtete über die Beschaffenheit der Feste, sodass man hoffte, sie zu erobern. Der Templermeister Guillaume lag mittlerweile zu Akkon krank. Er hatte es dem Meister der Hospitaliter, Guarin von Montaigu anheimgestellt, zu verfahren, wie ihm gutdünke. Viele Barone, selbst König Johann, waren gegen die Unternehmung, so auch der Graf von Tripolis, weil man das Heer, indem der eine Teil den Berg erstieg, teilen müsse. Dessen ungeachtet erstiegen die Christen am 3. Dezember die Höhe glücklich, aber die Besatzung machte mutig einen Ausfall, trieb sie zurück und erschwerte ihnen den Rückzug auf der steilen Höhe sehr. Am 5. Dezember unternahmen die Pilger einen neuen Angriff, bei welchem viele Templer und Hospitaliter von den Sarazenen verwundet wurden, sodass man am 7. Dezember unverrichteter Sache nach Akkon zurückkehrte. Bald darauf löste sich das Pilgerheer auf, König Andreas kehrte im Januar 1218 in seine Heimat zurück und das Heilige Land blieb sich wieder selbst überlassen.

König Johann verwendete die Zeit der Ruhe auf Erbauung des Schlosses zu Cäsarea. Zwischen Cäsarea und Chaifa liegt ein hohes, weit in das Meer hinausragendes Vorgebirge, gegen Norden, Westen und Süden durch Felsen umbaut und eine fruchtbare an Fischen, Salz, Holz, Getreide, Wein, Öl und allerhand Früchten reiche Ebene beherrschend, mit einem trefflichen Hafen versehen. An der Ostseite hatten die Tempelherren schon früher eine Befestigung, die jetzt zerstört war, angelegt, um den durch die Ebene am Meer laufenden Weg vor Räubern, welche die Pilger aus den naheliegenden Bergklüften anfielen, zu schützen. Jetzt erbauten sie mithilfe Gautier II. d’Avesnes, der Deutschherren und anderer Pilger eine feste Burg und nannten sie das Pilgerschloss. Es war ein stattlicher, kostbarer Bau. Man konnte nicht begreifen, woher die Templer die ungeheuren Kosten genommen hatten, weil man vergaß, wie diese Ritter bei den Sammlungen für das Heilige Land beteiligt waren. Die Burg war ungemein fest auf dem von drei Seiten felsumtürmten Vorgebirge aufgebaut. Nach siebenwöchentlicher Arbeit kam man beim Graben auf eine lange und starke Mauer und fand alte, gänzlich unbekannte, wahrscheinlich jüdische Münzen, welche, wie Jacques de Vitry meint, Gott seinen Söhnen, den Tempelrittern zu diesem Bau beschert habe. Als man noch tiefer in Kies grub und den Schutt wegschaffte, fand sich eine kürzere Mauer, auch Quellen süßen Wassers, welche man in den Burgzwinger einschloss. Die Gegend bot Steine und Mörtel in Menge dar, sodass es mit dem Bau rasch voranging. Zwei mächtige Bollwerke von gewaltigen Felsblöcken wurden an der offenen Ostseite aufgetürmt, jedes 100 Fuß hoch und 74 breit. Beide Bastionen verband eine hohe, breite Mauer, sodass ein bewaffneter Ritter auf ihr Raum hatte. Sie war mit trefflichen Brustwehren versehen, zu deren jeder vom Hof aus eine Treppe führte. Ein Palast, eine Kapelle und viele Gebäude für Menschen, Rösser und jeglichen Gebrauch fanden sich in dieser Feste, welche nicht bloß zum Schutz der Pilger und Akkons diente, sondern fortan der Aufenthaltsort und mithin der Hauptsitz des Ordens wurde, welcher von 1118 bis 1187 zu Jerusalem, von da bis 1191 zu Antiochien, dann bis 1211 zu Akkon und nun bis 1291, also bis zum Verlust des Heiligen Landes, auf dem Pilgerschloss residiert hat.

Dieses wunderbare Schloss, welches sechs Meilen vom Berg Tabor entfernt lag, nannten die Araber Atslits. Es glich an Lage, Festigkeit und Umfang dem sächsischen Königstein, übertraf diesen aber weit an Baulichkeiten und an Pracht. In seinem Bezirk fanden sich Fischteiche, eine Anstalt zur Gewinnung des Seesalzes, Holzungen, Wiesen, Gärten, Weinberge. In den zahlreichen Gebäuden wohnte der Konvent mit seinen vielen Rittern und Servienten. Große Generalkapitel wurden hier gehalten. Die Burg beherrschte mit ihren gewaltigen Felsenzinnen die Ebene von Akkon bis zum Berg Tabor nebst der Meeresküste und ist der Mittelpunkt des gewaltigen Templervereins in den Zeiten seiner Blüte gewesen. Mächtig brachen sich am Fuß des Berges die Meereswellen. Brausender Wogendrang umrauschte den seltsamen Ordensbau, dessen einfachen Grund Hugues de Payens gegründet, Bertrand de Blanquefort, vornämlich Eudes de Saint-Amand und Gérard de Ridefort weitergeführt, die folgenden Großmeister mehr oder minder vollendet haben. Unerschütterlich stand das Pilgerschloss an der tobenden Brandung des Meeres, sie fürchtete nicht der über Akkons lachende Ebene oder über das weite Meer hinausschauende Ordensgewaltige, ihn kräftigte, durchströmte und belebte die herrliche Größe des Templertums. Doch als die Zeit erfüllt war, sanken die Mauren der Burg und der gewaltige Ordensband die furchtbare Woge des Missgeschicks riss ihn in den Abgrund eines grausen Verderbens.

Der Bau des Pilgerschlosses war noch nicht vollendet, als Gautier II. d’Avesnes und die meisten Pilger im Frühjahr 1218 in ihre Heimat zurückkehrten, sie wurden aber durch viele kölnische, friesische und niederländische Pilger, welche am 24. April zu Akkon ankamen, ersetzt. Diese hatten schon im Juni 1217 ihr Vaterland verlassen, waren aber durch mancherlei Umstände von früherer Ankunft abgehalten worden. Als sie nämlich am 21. Juli zu Lissabon landeten, bat sie der dortige Bischof Severius am Kampf gegen die Mauren teilzunehmen, in welche Bitte die portugiesischen Templer und Hospitaliter einstimmten, indem man den Mauren die Burg Alkazar zu entreißen gedachte. Die Niederländer willigten teils aus Kampflust, teils aus Besorgnis, sie möchten bei so langsam fortgesetzter Fahrt Syrien nicht mehr in diesem Jahr erreichen, ein. Die Friesen jedoch setzten ihre Meerfahrt fort. Am 30. Juli lagerten sich die Pilger vor Alkazar, so auch die portugiesischen Scharen, der Templermeister von Portugal, Peter von Montaigu mit seiner Ritterschaft. Auf der anderen Seite kamen die maurischen Könige von Sevilla, Córdoba, Jaén und Badajoz mit zahlreichen Truppen der bedrängten Feste zu Hilfe und am 10. September gerieten beide Heere aneinander. Den ersten Angriff unternahm der Komtur Martin mit der Ritterschaft St. Jacobi de la Spatha, ihm folgte der Meister der Templer, Peter, dann die Übrigen. Die Schlacht wurde gewonnen, 14.000 Mauren bedeckten das Schlachtfeld, unter ihnen die Könige von Córdoba und von Jaén. Bald darauf ergab sich die Burg Alkazar. Die Friesen überwinterten, nachdem sie mehrere maurische Küstenstädte verwüstet hatten, im Kirchenstaat und vereinigten sich im Mai 1218 mit den übrigen Pilgern vor Damiette.

Hier begannen die syrischen und abendländischen Christen eine Belagerung, welche ihrer Dauer, der aufgewandten Kräfte und der großen Fortifikationsmittel wegen, welche von beiden Seiten angewendet wurden, die Bewunderung ihrer Zeit auf sich zog. Sie verdient in mehr als einer Hinsicht mit der berühmten Belagerung von Antwerpen durch den Herzog von Parma 1585 verglichen zu werden. Beide belagerten Städte liegen an einem großen Strom, hier wie dort kommt es wesentlich auf dessen Sperrung an. Diese kostet Zeit und gewaltige Anstrengungen, bei beiden feiert Nautik, Mechanik Triumph. Große Tapferkeit wird angewendet, vieler Leben aufgeopfert, beide haben fast gleiche Zeitdauer. Waren die Holländer in Antwerpen unglückliche Verteidiger, so waren sie und die Friesen bei Damiette glückliche Eroberer. Bei beiden Belagerungen lag die erste Ursache im Glaubenshass beider Parteien.

Schon bei den früheren Kreuzzügen war die Notwendigkeit der Eroberung Ägyptens anerkannt, wenn anders der Besitz Syriens ein dauernder sein sollte, denn Ägypten war der Hauptsitz der sarazenischen Macht namentlich in Beziehung auf den Kampf gegen das Reich Jerusalem. Auf der vierten großen Lateransynode 1215 fasste man endlich den Entschluss, Ägypten zu erobern, aber leider zu spät, da die glühende Begeisterung für das Gelobte Land geschwunden war. Eine Flotte aus englischen, friesischen, deutschen und holländischen Schiffen bestehend, sammelte sich vor Akkon, das Landheer beim Pilgerschloss. Die Flotte stand unter Befehl der beiden Ritterorden. Am 24. Mai zog das Landheer von Akkon ab, am 26. fuhren mit einem günstigen Nordwind die deutschen und niederländischen Schiffe aus dem Hafen des Pilgerschlosses der syrischen Küste entlang und warfen am 29. vor Damiette Anker. Am 7. Juni kam der übrige Teil der Flotte mit dem König Johann, dem Patriarchen von Jerusalem, den syrischen Bischöfen, dem Herzog von Österreich und den drei geistlichen Ritterschaften. Die beiden großen Orden hegten den Wunsch, was sie in Syrien verloren hatten, in Ägypten wieder zu gewinnen. Bevor man an Land stieg, wurde auf einem Schiff der Tempelherren Kriegsrat gehalten und dann vor Damiette ausgestiegen.

Damiette lag damals nicht fern von der westlichen Mündung des Nils, auf dem Raum, welcher westwärts vom Strom und ostwärts vom See Mensaleh eingeschlossen wird. Die Gegend war wasserreich, morastig, von vielen Kanälen durchschnitten. Die Stadt hatte eine von der Natur gebildete feste Lage, welche durch die Kunst noch erhöht war. Dreifache an der Landseite durch einen tiefen Graben geschützte, an der Flussseite vom Nil bespülte Mauern mit 28 hohen und vielen kleinen Türmen versehen, umgaben die Stadt, bei welcher der Fluss einen trefflichen Hafen bildete, der von einem starken Kastell mitten im Nil verteidigt, dieser aber durch zwei starke Ketten, von einem Turm der Stadtmauer (Turm des Sultans genannt) zum Nilturm, von da zum linken Nilufer übergehend, gesperrt wurde, sodass die Flotte nicht einlaufen konnte. Zwischen Fluss- und Meeresküste setzten die Christen ihre Truppen an Land. Die Gegend, wo die Christen landeten, war eine drei Stunden lange sandige Ebene von der Meeresküste bis Damiette. Weiterhin kam die Fruchtbarkeit der Nilaue zum Vorschein, dichte Gebüsche hoher Papyrusstanden, Palmenwälder und eine reiche Pflanzenwelt überhaupt.

Das Pilgerheer vereinigte sich mit der Flotte. Weil der Stadt von der Landseite nicht eher etwas anzuhaben war, bis der Fluss gesperrt und der Eingang in den Hafen erzwungen, so beschloss man, nachdem man das Lager durch Gräben und Wälle befestigt hatte, das Nilkastell zu erstürmen, welches ringsum von Wellen umspült, keinen Landungspunkt darbot, unten keinen Zugang hatte und nur zu Schiff in beträchtlicher Höhe angegriffen werden konnte. Siebzig gewölbte Gemächer enthielt dieses Kastell, jedes mit drei Schießscharten. Mit Wurfgeschützen, Lebensmitteln und einer Besatzung von 300 Mann unter einem Emir war die Feste versehen. Die Friesen versuchten, sie vergebens im leichten Anlauf zu nehmen. Nun trafen die christlichen Anführer die sorgsamsten Zurüstungen, um des Turmes Meister zu werden. Sie verboten, das jenseitige Ufer zu betreten, solange nicht derselbe genommen sei. Der Herzog von Österreich und die Hospitaliter versahen zwei Schiffe mit Sturmleitern, griffen an, allein die Besatzung wehrte sich tapfer. Auch die Tempelritter rüsteten ein Schiff mit mancherlei Angriffsmitteln aus. Deutsche und Friesen versahen ein großes Schiff mit Brustwehren, errichteten auf dem Mast ein kleines Kastell, von welchem aus sie den Turm zu bedrängen gedachten. Dieses Schiff befehligte der tapfere Graf Adolf von Berg. Am 1. Juli unternahmen diese vier Schiffe einen gemeinsamen Angriff, allein die des Herzogs von Österreich und der Hospitaliter zerbrachen ihre Fallbrücken, sodass über 100 Ritter im Nil ertranken. Das Schiff der Deutschen und Friesen leistete am meisten. Es lag zwischen Stadt und Turm vor Anker und schädigte durch sein Wurfgeschütz nicht bloß den Turm, sondern auch namentlich die zahlreiche feindliche Mannschaft auf der Brücke, die den Turm mit der Stadt verband, welche Besatzung die Sprengung der Brücke verhindern sollte. Dem griechischen Feuer, welches von Turm, Brücke und Stadt aus auf das Schiff geschleudert wurde, musste es sowie das am Turm liegende der Templer weichen, sodass man beschloss, die Belagerung des Turms vor der Hand auszusetzen, denn da er nur von vorn angegriffen werden konnte, war der Angriff ungemein schwierig.

Allmählich unterlag die Brücke den Wurfgeschossen der Christen. Der Meister Oliverius aus Köln, welcher uns den besten Bericht von dieser Belagerung geliefert hat, erbaute mithilfe eines Kriegsbaumeisters auf Kosten der Deutschen und Friesen ein Kriegsfahrzeug, indem sie durch Balken und Taue zwei große Schiffe miteinander verbanden. Auf diesen Schiffen errichteten sie vier hohe Masten und auf deren Spitzen ein hohes turmähnliches Gebälk, über welches sich ein netzartiges Pfahlwerk zum Schutz gegen die Wurfmaschinen ausbreitete. Vor dem griechischen Feuer versuchte man es durch nasse Häute zu wahren. Unter diesem Turm brachte man eine mit Tauen befestigte leiterartige Fallbrücke an, welche ebenfalls durch Netzwerk geschützt, 40 Ellen über das Schiff hinausreichte. Auch im Turm befand sich eine kleine Fallbrücke. Dieses Werk kostete 2000 Mark Silber und wurde unter schweren Heimsuchungen von Mangel an Lebensmitteln und heftigen Ruhrkrankheiten vollendet. Die Führer des Heeres besahen es, erklärten es für tüchtig und zweckmäßig und befahlen, mit demselben den Kettenturm anzugreifen. Um jeder Nation Teil an Ehre und Gefahr dieses Angriffs zu gewähren, wurde von allen einige Mannschaft zur Besetzung dieser Schiffsfeste gegeben.

Am 23. August bestiegen nach feierlicher Prozession die auserwählten Streiter das Fahrzeug, welches am 24. mit vieler Mühe bei großer Strömung stromaufwärts am Schlepptau eines leichten Segelschiffs gebracht wurde. Langsam durchschnitt diese schwimmende Batterie die rauschenden Fluten, während die Geistlichkeit in Prozession am Ufer dahin schritt. Mit vieler Mühe gelang es, nordwärts am Kettenturm Anker zu werfen. Der Kampf begann, indem die Sarazenen vom Turm und der Stadt aus, von der Letzteren mit fünf großen Wurfgeschützen das Schiff beschossen und einen Strom griechischen Feuers warfen, welches durch Sand mit Essig gedämpft wurde. Am Ufer lag der Patriarch vor dem heiligen Kreuz im Staub. Um ihn stand die Geistlichkeit barfuß, sonst im kirchlichen Schmuck, Gott um Hilfe anrufend. Da gelang es den Sarazenen, durch lange vorn mit Öl getränkte Lanzen den vorderen Teil der am Turm angelegten Fallbrücke zu bestreichen, sodass hier griechisches Feuer fasste und wirkte. Der Anblick der brennenden Fallbrücke erschien den am Ufer zuschauenden Rittern so fürchterlich, dass sie vom Pferd stiegen, sich auf die Erde warfen und laut zum Himmel um Erbarmen schrien. Die christlichen Streiter auf der Fallbrücke versuchten der Flamme Einhalt zu gebieten, drängten deshalb in Masse vorwärts, sodass das vordere Ende sich bog und man fürchten musste, es werde brechen. Viele stürzten in diesem Kampfgewirr hinab in die Fluten. Der Fahnenträger des Herzogs von Österreich fiel mit dem Panier mitten unter die Sarazenen und somit in Gefangenschaft. Nach einer peinvollen Stunde wurde unter unsäglichen Anstrengungen das Feuer gelöscht. Nun begann ein wütender Kampf.

Mutig drangen Deutsche und Friesen auf der Fallbrücke vorwärts, das längst ersehnte Handgemenge begann. Mit Schwertern, Lanzen, eisernen Haken, Keulen, Ankern, Eisenstangen oder was sonst das Ungefähr in die Hand gibt, begann eine grässliche Metzelei. Ein junger Ritter aus dem Bistum Lüttich sprang zuerst hinüber auf den Turm. Ein friesischer Jüngling, Hajo Feveling, schlug mit einem Dreschflegel den Fahnenträger des Sultans zu Boden und erbeutete dessen gelbe Fahne. Andere Pilger drangen mutig nach, das Panier des Kreuzes wurde auf dem Turm aufgepflanzt und vom Ufer ertönte das Te Deum laudamus des christlichen Heeres.

Doch die Arbeit war noch nicht getan, denn die Sarazenen setzten sich in den unteren Stadtwerken, zündeten ein mächtiges Feuer an, sodass Rauch, Hitze und Flamme die Christen zum Rückzug auf das Schiff nötigten. Durch das eilfertige Gedränge brach die Fallbrücke am äußeren Ende und viele stürzten in die Fluten hinab. Hierauf wurde die kleinere Brücke vom Schiff zum Turm ausgeworfen und der untere Teil des Kettenturms mit Brecheisen und Hämmern angegriffen. Hier war der Eingang schmal, man kämpfte mit Äxten, fand aber einen verzweifelten Feind, der nur die Wahl zwischen Gefangenschaft und Tod hatte. Die große Fallbrücke konnte nicht wieder benutzt werden. Da Kastell und Netzwerk unbeschädigt blieben, stellten sich unter besten Schutz die Schleuderer auf. Auch die Wurfmaschinen wirkten von hier aus sicher, viele Menschen blieben von beiden Seiten. In der nun eintretenden Dunkelheit versuchte ein Teil der Besatzung zu entrinnen, ließ sich an Seilen ins Wasser, doch entkamen nur wenige. Die meisten ertranken oder wurden von den Christen getötet. Fünfundzwanzig Stunden hatte der mühselige und gefahrvolle Kampf gedauert, da übergab die auf hundert Mann geschwächte Besatzung den Turm an den Herzog Leopold von Österreich. Nun zersprengten die Christen die Kette, räumten die Trümmer der Schiffbrücke weg, um so in den Hafen der Stadt einzudringen. Der Fall des Kettenturms verbreitete Schrecken in ganz Ägypten. Die Nachricht tötete den greisen Sultan Al-Malik al-Adil am 31. August. Ihm folgte in Ägypten Al-Kamil Muhammad al-Malik, in Damaskus Malek al Moaddhem. Im September kamen viele französische Pilger in das Lager, unter ihnen Milo, Graf von Bar und sein Sohn, der Templermeister Guillaume de Chartres, dessen frühere Ankunft wahrscheinlich seine Krankheit verhindert hatte. Dagegen hatte die langwierige und beschwerliche Belagerung des Kettenturms den Eifer in vielen erkaltet, sodass die meisten deutschen und friesischen Pilger noch im Herbst nach Hause zurückkehrten.

Auch Papst Honorius III. ließ es sich wie seine Vorgänger angelegen sein, einen Kreuzzug zustande zu bringen. Aber der Argwohn wurde laut, König Johann von Jerusalem und beide große Ritterorden hätten das im Abendland gesammelte Geld zu fremden Zwecken verwendet, was Honorius öffentlich in Abrede stellte. Er empfahl vielmehr den König nebst beiden Orden der ferneren Wohltätigkeit des Abendlandes. Gegründet war, dass König und Orden nach Eroberung des Kettenturms sich sehr lässig zeigten, als wäre ihnen an der Eroberung Ägyptens nichts gelegen.

Nun musste man auf die östliche Seite des Nils übersetzen, um Damiette von der Landseite einzuschließen, doch die Kreuzfahrer zögerten hiermit so lange, bis Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik Zeit fand, dort ein mächtiges Lager zu errichten. Durch die Ankunft des päpstlichen Legaten Pelagius, Bischofs von Albano, eines hierarchischen und herrschsüchtigen Mannes, welcher die Oberleitung aller Unternehmungen begehrte, zerfiel das Heer in Parteien. Die Templer standen zum Legaten. Alle Unternehmungen kamen ohne Energie, Nutzen und nur mit Schwierigkeiten zustande. Die so heilsame Eintracht schwand, die um so nötiger war, da Malek al Moaddhem in Syrien Fortschritte machte. Er brachte den Templern in der Gegend von Al-Ramlah eine schwere Niederlage bei, indem er 100 Ritter und Servienten gefangen nahm und nach Jerusalem führte. Darauf rückte er vor das Pilgerschloss. Nur schlimme Nachrichten aus Ägypten vermochten ihn, von der Belagerung abzustehen.

Das Lager vor Damiette griff Malek al Kamel im Oktober zweimal an, und namentlich das zweite Mal (20. Oktober) bestürmte er in der Morgendämmerung das Lager der Tempelherren, doch wurden beide Angriffe mit großem Verlust der Heiden zurückgewiesen. Namentlich fügten die Templer dem Feind großen Schaden zu. Mit der rauen Jahreszeit kamen große Beschwerden über das christliche Lager. Am 24. November erhob sich ein starker Nordwind und wehrte dem Abfluss des Nils. Hierdurch und durch dreitägigen Regen wurde das Lager überschwemmt, sodass in den Zelten Menschen und Fische beisammen sich fanden. Alle Lebensmittel verdarben, die Lastschiffe rissen vom Anker und scheiterten. Vier mit Belagerungszeug beladene Schiffsflöße gerieten an das östliche Ufer, wo sie von den Sarazenen durch griechisches Feuer vernichtet wurden. Menschen, Tiere, Zelte, Lebensmittel, Kriegsmaterial, alles, was sich außerhalb des Lagers befand, führten die Fluten hinweg. Mit genauer Not wurde der Wall des Lagers durch Bretter, Segel, tote Tiere und andere Sachen verstopft. Ein Glück, dass die Christen am Beginn ihrer Landung den versandeten Westkanal Asrak hergestellt hatten, wodurch viel Wasser abgeleitet, die Gewalt des Stroms gebrochen wurde. Dieser Umstand rettete das Lager vor dem Untergang. Drei Tage lang währte diese Flut. Durch Feuchtigkeit und Kälte sowie durch mangelhafte und verdorbene Nahrung breiteten sich böse Seuchen im Lager aus. Namentlich wütete der Aussatz, gegen welchen die Ärzte kein Mittel kannten. Ein plötzlicher Schmerz entstand in den Füßen, stieg dann in Beine und Schenkel. Das Zahnfleisch faulte an, sodass die Zähne ausfielen, Hüften und Schienbeine wurden ganz schwarz, faulten. Nach langen unsäglichen Schmerzen starb der Kranke eines sanften Todes. Erst die warme Frühlingsluft brach die Kraft dieser Krankheit, von welcher fast ein Sechstel des Kreuzheeres hingerafft wurde. Unter den Gestorbenen befand sich wahrscheinlich auch der Großmeister Guillaume de Chartres, der erst vor wenigen Monaten von schwerer Krankheit genesen, dieser Seuche nicht zu widerstehen vermochte.

Die Christen gedachten noch im Dezember 1218, um in der rauen Jahreszeit nicht einer ähnlichen Flut ausgesetzt zu werden, an das östliche Nilufer überzusetzen. Dies konnte nur in möglichster Nähe der Stadt bewerkstelligt werden, weil der Fluss, je näher dem Meer, um so breiter und tiefer, die Ufer um so morastiger waren. Man richtete den ersten Angriff auf die oberhalb des Hafens vom Sultan gebaute Schiffbrücke. Allein die christlichen Schiffe hatten von der Stadt aus von Wurfgeschossen und griechischem Feuer sehr zu leiden. Ein großes Schiff der Templer wurde vom Strom an das Stadtufer gerissen, die Feinde drängten mit Übermacht herbei, bedienten sich, um Schiff und Einzelne der Mannschaft an Land zu ziehen, eiserner Haken und Stangen, töteten viele Pilger durch griechisches Feuer und Steinwürfe, konnten aber wegen der ausgezeichneten Tapferkeit der Templer des Schiffs nicht habhaft werden. Damit es nicht entrinnen konnte, wurde es von einer sarazenischen Galeere geentert. Die Heiden stürzten haufenweise auf das Schiff, ein blutiger Kampf entspann sich, als es mitten im blutigsten Handgemenge Wasser schöpfte und mit Templern und Sarazenen sank, sodass kaum die Spitze des Mastes noch aus dem Wasser ragte. Die Kämpfer würgten sich noch im Wasser. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Templer ihr Schiff angebohrt hatten, da jeder Ausweg zum Entrinnen abgeschnitten war.

Nachdem dieser und andere Angriffe misslungen waren, die Seuche auch fortwütete, trat auf einige Zeit bei den Christen Lässigkeit ein. So gelang es den Sarazenen, den Nil durch Herstellung der Schiffbrücke wieder zu sperren, sodass die Stadt noch nicht angegriffen werden konnte. Die zurückgebliebenen Deutschen und Friesen griffen mit dem kleinen Segelschiff, welches das große Kastellschiff im Schlepptau gehabt hatte, die Brücke an. Die Franzosen nannten dieses Schiff den heiligen Märtyrer, weil sie ihm den sicheren Untergang weissagten. Zehn tapfere Deutsche und Friesen sprangen im Angesicht beider Heere, welche sich gegenseitig bewachten, auf die Brücke, zerstörten sie und führten die vier Schiffe, auf welchen die Brücke ruhte, unter lautem Jubel des christlichen Heeres davon. Nun war die Fahrt zur Stadt wieder frei. Allein die wütende Seuche lähmte den Mut der Christen und ließ den Sarazenen Zeit, den Hafen zu befestigen, indem sie am Ufer längs der Stadt Schanzen aufwarfen, diese mit hohen, starken, hölzernen Brustwehren versahen, sie mit Wurfgeschütz besetzten und dort ein Pfahlwerk errichteten, sodass der Fluss aufs Neue gesperrt wurde. Bei einem Meierhof, eine Stunde unterhalb der Stadt, wo die Verschanzungen endeten, wurden Schiffe, Baumstämme in den Nil versenkt, Balken eingerammt. Die Christen blieben bis zum Februar untätig, denn die Seuche raffte viele tüchtige Führer hinweg, so wie schon angegeben auch den Meister der Templer, Guillaume de Chartres, welcher bei seiner kurzen Regierung nur wenig für den Orden hatte tun können.

Quelle:
Ferdinand Wilcke: Geschichte des Ordens der Tempelherren. Erster Band. Halle. 1860

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