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Die Fahrten und Abenteuer des kleinen Jacob Fingerlang 28

Die Fahrten und Abenteuer des kleinen Jacob Fingerlang
Ein Märchen von Gotthold Kurz
Nürnberg, bei Gottlieb Bäumler 1837

Achtundzwanzigstes Kapitel

Jacobs Erwachen im neuen Leben

Kaum dass dieser Auftritt vorüber war, so fand eine neue Aufregung in der versammelten Menge statt. Die wackeren Männer, welche Jacob in die Berge begleitet hatten und Zeugen seines Kampfes, Sieges und Unterganges gewesen waren, kehrten nun zurück und gaben vollständigen Aufschluss über den Vorgang, indem sie den glorreichen Kampf und Tod des unbekannten tapferen Ritters aufs Höchste priesen. Erstaunen, Bewunderung und Bedauern bemächtigten sich aller Gemüter.

»Wer mag der Unbekannte sein, unser Retter, unser Wohltäter?«, so ging die Frage von Mund zu Mund.

Aber nun trat Gottlieb hervor, verneigte sich vor dem König und sprach: »Erhabener Herrscher! Der Mann, der Euch durch seine Heldentat befreite, ist lange mein Freund gewesen, obwohl auch mir seine Herkunft unbekannt ist. Er hat mir aber, bevor er sein Heldenwerk unternommen hatte, hier dieses versiegelte Päckchen übergeben, an dessen Öffnung nun kein Umstand mehr hindern kann.« Somit riss er Schnur und Papier entzwei, und heraus zu den Füßen der beiden königlichen Familien stürzten die Kleidungsstücke, welche der betrauerte Prinz einst getragen hatte, als er von dem Adler entführt worden war. Auf den Schoß der Prinzessin fiel das Kleinod, das sie ihm als seine Verlobte, als Kind einst um den Hals gehängt hatte. Welch ein Augenblick! Lautes Schluchzen war das Erste, was das Schweigen der ganzen Versammlung unterbrach, und ging von einem auf den anderen über! Die Eltern, die den Totgeglaubten so unerkannt nun wieder gesehen hatten, und nur gesehen hatten, um ihn sogleich danach als Helden zu bewundern und abermals und für immer zu beklagen! Die Prinzessin, deren Herzen er als Fremdling alles gewesen war, und die ihn nun als ihren Verlobten dem Tod verfallen sah!

Der treuherzige Freund, der mit verschränkten Händen zu Boden blickte, indes eine Träne um die andere sich über die sonnenverbrannte Wange schlich! Die ganze Menge von Rührung ergriffen, über den, der edelmütig sein Leben für ihre Rettung eingesetzt hatte!

Eher als zu erwarten war, ermannte sich die Prinzessin. »Lasst uns aufbrechen«, rief sie begeistert aus, »die heilige Stätte des Kampfes und den erblassten Helden aufsuchen! Musste er für unsere Rettung sterben, so soll er wenigstens auch eine seiner würdige Bestattung finden!«

Schnell wurden Wagen herbeigeschasst, die den königlichen Hof an Ort und Stelle bringen sollten. Das ganze Volk begab sich auf den Weg, ohne Rang und Wahl, wie jeden das Herz trieb, den sterblichen Überresten des großmütigen Retters die letzte Ehre zu erweisen. Ein unübersehbarer Menschenstrom, der schweigend und in sich gekehrt die große Straße zum Gebirge füllte.

Jacob aber schlummerte sanft auf dem Bett der Ehren, das ihm geworden war, das Antlitz von Sieg und Frieden verklärt. Kein starrer finsterer Todesschlaf entstellte diese Züge. Er hatte mit der rauen gigantischen Welt abgeschlossen, die seine zarten Glieder, wie seine Seele gleich unsanft gedrückt hatte. Er schlummerte einem neuem schöneren Zustand entgegen. Und immer süßer und leichter wurde sein Schlummer, liebliche Träume flatterten auf und nieder, holde Friedensklänge wogten hin und her, ein magisches Licht drang durch die geschlossenen Augenlider, von Stufe zu Stufe heller schimmernd, wie Strahlen himmlischer Glorie.

»O, wenn ich wirklich gestorben bin«, so sprach es in seiner Seele, »wie sanft ist dieser Tod, wie selig dies Erwachen!«

Das war es, obwohl noch diesseits, hier unten auf der Erde!

Sie waren herbeigekommen, die den Helden bestatten wollten, und hatten ihn mit zerbrochenen Waffen gefunden, die tote Schwalbe neben ihm. Doch schien er unverletzt zu sein. Sein Tod glich einer Ohnmacht. Die Mutter ließ sich auf die Stätte nieder, alles aufbietend, als ob sie ihm zum zweiten Mal das Leben geben wollte. Die Prinzessin kniete neben ihr und benetzte ihm mit köstlichem Balsam Stirn und Schläfe. Allmählich schien auch Wärme und Leben zurückzukehren. Ein leichter Seufzer hob die Brust, ein seliges Lächeln spielte um seinen Mund, nun fühlte sie seine Hand, in der ihren zuckte, und nun, nun schlug er die Augen auf, sein Blick begegnete dem ihren, und …

»Er lebt!«, riefen beide gleichzeitig.

»Er lebt!«, wiederholten die Umstehenden.

»Er lebt!«, hallte es nach wie ein brausender Strom, in der versammelten Menge.

Und noch einmal schloss er die Augen, öffnete sie wieder und schaute verwundert zu der hohen Frau hinauf.

Diese hielt ihn umfangen und rief mit gebrochener Stimme: »Mein Sohn, mein Sohn!«

Dann blickte er zur Prinzessin hinüber, die mit bebender Hand die seine drückte und lispelnd zu ihm sagte: »Mein Verlobter!«

Der Vater, der so lange ersehnte Vater, näherte sich ihm und breitete seine Arme aus. Der Jüngling sprang auf und stürzte an seine Brust, das schluchzende Angesicht am väterlichen Busen verbergend.

Eine feierliche Pause; ein und dieselbe rein menschliche Empfindung zuckte durch tausend Herzen und schwamm in tausend Augen.

»Vater … Mutter … Braut … Vaterland!«, so stammelte der Wiedergefundene, Wiedererstandene unter wechselnden Umarmungen, »o kann ich die Wonne alle fassen in meiner Brust?« Er raffte sich auf und hielt die Augen und Hände zum Himmel empor. »O du,

der du im Unglück mich emporgehalten hast, gib mir Kraft, dass ich diesem Glück nicht unterliege! O seid mir gesegnet«, fuhr er nach einer kurzen Sammlung fort, »seid mir gesegnet, ihr, von denen mich das Schicksal so lange fern hielt, nach denen mein Herz im Stillen so unaufhörlich verlangte! Vater … Mutter … und du geliebte Braut, du Engel meiner Träume … und du mein teures Volk, an dessen Wohl mein Glück, mein Leben, von nun an unauflöslich geknüpft sein soll!«

Da erhob sich ein Gemurmel des Beifalls unter dem versammelten Volk, wuchs und schwoll zum Sturm an. »Heil!«, erscholl es an allen Enden. »Heil unserem Königssohn! Heil unserem Retter! Heil für immer!«

In den hellen Jubel schmetterten Zinken und Trompeten hinauf in die Lüfte. Die Sonne trat aus den Wolken hervor und sank strahlend herab hinter den fernen Bergen, die ganze Gegend verklärend Aber in seligem Schweigen brachen die Wiedervereinigten nun auf und fuhren ihres Weges dahin, mitten durch den lustbewegten Zug der Hunderttausende, der noch lange hinter ihnen wie ein ferner Strom durch die Nacht herbrauste.