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Anne Boleyn Band 1 – Kapitel 10

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Erster Band

10.

Annes heimliche Verlobung mit Lord Henry Percy

Die Zweifel, welche Heinrich über die Gültigkeit seiner Ehe erhoben und bereits in einem weiten heimischen Kreis bekannt gemacht hatte, seine große Vorliebe für den unehelichen Sohn Fitzhenry Richmond, und endlich die Trennung der Ehegatten von Tisch und Bett, welche dem König von einigen gewissenlosen Ratgebern anempfohlen wurde, noch mehr jedoch die Angst und Sorge um die Zukunft ihres geliebten Kindes Maria, hatten die arme Königin in kurzer Zeit zu einer Greisin in Kraft und in Aussehen verwandelt. Hatte sie von Anfang an nur wenig Freude an den geräuschvollen Hoffesten empfunden, welche Heinrichs Entzücken waren, und in ihren religiösen Übungen die Strenge und Selbstverleugnung einer Nonne geübt, so widmete sie sich jetzt derselben mit verdoppeltem Eifer, in der Hoffnung, dadurch vom erzürnten Himmel Vergebung und eine günstige Lösung ihres Schicksals zu erstehen.

Annes erstes Erscheinen bei der Königin, welche ihr Ehrenfräulein huldreich empfing, erregte ungeteilte Bewunderung. Schon an den folgenden Tagen fanden ihre weiten, hängenden Ärmel sowie ihr anmutiger Kopfputz zahlreiche Nachahmerinnen. Man verglich sie mit Mary, sprach aber der älteren Schwester den Preis der Schönheit zu. Ihr freundliches und heiteres Benehmen, verbunden noch mit Würde und Majestät, gewann ihr alle Herzen, bis auf eins, das der Königin, welche stets eine auffallende Zurückhaltung gegen sie zeigte. Als Lady Elvira Willoughby sie nach dem Grund befragte, antwortete Katharina mit sinnigem Blick.

»Ich weiß es nicht, meine Liebe, aber immer durchzuckt mich bei ihrem Anblick, bei dem Ton ihrer Stimme ein Gefühl, als ob das Mädchen einst schmerzlich sich in mein Schicksal eindrängen werde. Sie gleicht ihrer Schwester Mary nicht. Wenn sie am französischen Hof tugendhaft geblieben ist, geschah es nicht aus Frömmigkeit, sondern aus Stolz und Eigenliebe. Anne wird vielleicht nie sich zur Geliebten eines Königs erniedrigen, aber glaubt nur, sie würde kein Mittel scheuen, um seine Gemahlin zu werden.«

»Mein Gott! Teure Hoheit, welch traurige Gedanken!«

»Ich bin krank und sehe dem Tod ins Angesicht, Elvira«, sprach Katharina, »und wünsche auch nicht zu leben, denn mein Tod würde Heinrich die Freiheit zu einer zweiten Ehe einräumen, nach der er verlangt. Wenn ich jetzt stürbe, würde ich noch betrauert werden«, fügte sie weinend hinzu. »Ich sehe die Stunde kommen, wo Heinrich sich darüber freuen wird.«

»Ihr täuscht Euch, hohe Freundin, gewiss, der König hat Euch nicht aus seinem Herzen verdrängt, und die Liebe, welche er Euch verweigern zu müssen glaubt, widmet er keiner anderen Frau. Nicht einmal der schönen Boleyn, die alle Männerherzen verwirrt und entzündet, schenkt er die geringste Aufmerksamkeit, welche die Treue gegen Euch verletzen könnte.«

»Möglich, dass dem noch so ist, Elvira, aber ich kenne Heinrich – es wird nicht lange so bleiben. Er wird sich nach Liebe sehnen; dann wehe mir und meinem Kind!«

Die Königin schwieg.

Auch Elvira senkte nun die tränenschweren Blicke zu Boden, denn sie war weit entfernt, die Tröstungen zu empfinden, welche sie der Trauernden einsprechen wollte. Wohl ahnte sie ebenfalls das über ihr schwebende Unwetter, obwohl sie noch nicht die volle Schwärze und Wut desselben voraussah.

»Man weicht mir aus«, nahm Katharina wiederum das Wort, »aber ich durchschaue klar die Absicht und Tücke Wolseys und Heinrichs falscher, feiler Höflinge, die sich seine Freunde nennen. Man will uns trennen, Elvira, der Vorwand dazu wird sich finden lassen. Glaubst du, dass Wolsey umsonst mir neuerdings in so lebendigen Farben die Seligkeit des Klosterlebens vorgemalt und dass ich wahre Freuden nur in Entsagung irdischer Wünsche und Liebe finden würde. Oh, ich verstehe ihn, den Heuchler, nur zu gut. In ein Kloster möchten sie mich stecken – dann wäre Heinrich frei! Aber so wahr ich lebe, nie werde ich freiwillig meinen Rechten entsagen, um meiner Tochter willen, und wenn ich schwaches Weib den Feinden weichen muss, so will ich ihre Namen der ewigen Schande preisgeben.«

Heinrich, welcher so sorgfältig seine neue Flamme vor den Augen seiner Gattin und anderer, sogar vor Anne selbst verbarg, tat dies keineswegs aus Achtung vor Katharina, sondern um seiner, im Geheimen betriebenen Forderung einer Scheidung in den Augen der Welt, namentlich den fremden Höfen gegenüber, einen Schein des tiefsten Kummers und der Moralität zu verleihen. Diese Selbstüberwindung mag dem leidenschaftlichen Mann keine geringe Mühe gekostet haben. Er trieb sogar die Heuchelei so weit gegen Wolsey, zu erklären, dass Mary Carey ungleich schöner, zarter und weiblicher sei als Anne, und dass er lieber Letztere vermählt hätte, als Mary.

Die Schwestern hatten sich mit großer Freude begrüßt und in inniger Liebe ihr Zusammenleben genossen, bis Marys Hoffnungen auf einen Erben die Entfernung desselben vom Hof veranlasste.

Marys reiner, sittsam weiblicher Charakter war nicht ohne Einfluss auf Anne geblieben und machte sie eine Zeit lang unempfindlich gegen die Bewunderung der Hofkavaliere. Sie betrieb eifrig ihre musikalischen Studien und erreichte sowohl auf der Flöte als auch auf der Laute und dem Rebe1 eine seltene Vollkommenheit. Wyatt, ihr junger und vieljähriger Verehrer, befand sich auch am Hof, und mit ihm betrieb Anne die Dichtung. Er war sich in seinem Gefühl gleich geblieben – für ihn war Anne immer noch sein Ideal, obwohl er nicht wagte, um ihre Hand anzuhalten. Mit Marys Abschied schien Annes guter Geist von ihrer Seite gewichen zu sein. Ungeachtet aller Huldigungen war ihre Seele leer und kalt. Das 22-jährige Mädchen mit dem glühenden Herzen sehnte sich nach Mitgefühl und Liebe. Aufrichtig betrauerte sie ihre gewaltsame Entfernung vom französischen Hof, wo sie sich die Erste in dem Herzen des liebenswürdigen, geistreichen Königs wusste. Wie frei und heimisch bewegte man sich auch am französischen Hof, wie grell stach diese Freiheit gegen die Unterwürfigkeit des englischen Hofes und dessen Missstimmung ab. Die peinlichste Etikette2 hatte Heinrich wiederum eingeführt. Niemand durfte anders mit ihm reden, als auf den Knien. Bei Tisch musste die von ihm angeredete Person sich erheben und auf den Boden niederknien. Beim Eintritt in das Gemach, wo er sich befand, musste eine dreimalige Kniebeugung stattfinden. Die Damen waren von dieser Sklaverei nicht ausgeschlossen. Bei großen Festen oder öffentlichen Tafeln wurde nur dem Königspaar der Luxus eines Sessels zuteil. Alle übrigen Anwesenden, sogar die Mitglieder der königlichen Familie, mussten sich mit Taburetten ohne Lehne begnügen. Die derbe englische Kost sagte ebenso wenig dem an die feinen Leckerbissen der französischen Küche gewöhnten Mädchen zu. Von der Vollziehung ihrer Verlobung oder Vermählung war nicht mehr die Rede. Der Bräutigam Pierce Butler blieb im Westen Englands und schien durchaus nicht ungeduldig auf die Bekanntschaft seiner Verlobten zu sein.

Mit nur mühsam unterdrückter Verdrossenheit saß die schöne Anne Boleyn eines Tages beim Frühstück in Gesellschaft der anderen Ehrenfräulein, welche ziemlich zahlreich waren. Wir müssen uns jedoch bei dem Wort Frühstück nicht unseren modernen Tee und Kaffee, nebst zierlichen Weißbrötchen vorstellen, und ein elegantes Porzellanservice, aus dessen kleinen Tassen eine Schöne des 19. Jahrhunderts nippen würde. Die jungen Damen an Heinrichs Hof hatten kräftigeren Appetit und minder ästhetische Ansichten vom reellen Leben. Einem jeden Fräulein wurde zum Frühstück ein Pfund Ochsenfleisch, ein Pudding und ein Laib Brot vorgesetzt, nebst einem Maß Bier. Hiervon musste jedoch auch die Zofe und ein Schoßhündchen erhalten werden. Das Bier durfte nach königlichem Verbot weder Hopfen noch Schwefel enthalten. Bei der Mittagstafel fügte man Obst, Wein, Hühner, Tauben und wilde Kaninchen hinzu. An den Festtagen wurden mehrerlei Gattungen Fisch aufgetragen.

Die Unterhaltung war lebhaft und drehte sich um die Reformation, deren Riesenfortschritte Gläubige und Ungläubige beschäftigte. Eine der jungen Mädchen wandte sich an Anne mit der Bitte, ihnen Näheres darüber zu sagen, da sie wohl mehr davon in Frankreich gehört haben müsse.

»Ich bekümmerte mich nicht darum«, sagte Anne verdrießlich, »meine Religion gefiel mir und ich fühlte mich sehr glücklich!«

»Es gefällt Euch bei uns nicht, Lady Anne«, sagte Lady Grey. »Ich begreife es wohl, denn nach den Berichten unserer Freunde muss es in Frankreich gar lebhaft zugehen. Auch hattet Ihr einen gar vornehmen Bewunderer, wie man sagt.« Anne lächelte.

»Ist denn der König Franz wirklich so bezaubernd?«, fragte eine andere Dame.

»Ja, das ist er«, war Annes Antwort, »ein Fürst, der seines Gleichen in Europa nicht hat! Er ist minder schön von Person, aber sein Geist, sein Witz, seine Liebenswürdigkeit geben ihm den Sieg über die größte Schönheit.«

»Lady Anne«, fiel die Grey ihr lächelnd ins Wort, »wahrt Eure Zunge. Ihr wisst, unter den Königen will jeder der Erste, der Schönste sein. Dann möchte auch Sir Percy durch Eure glühende Beschreibung sich nicht angenehm berührt fühlen.«

Anne errötete, indem sie erwiderte: »Zwischen mir und Sir Percy herrscht nur eine warme Freundschaft, denn ich selbst bin verlobt, und Sir Percy ebenfalls mit der Tochter des Herzogs von Shrewsbury.«

Sie erhob sich von der Tafel, lockte ihr kleines Schoßhündchen, das sie über alles liebte, da sie es aus Paris mitgebracht hatte, und begab sich in das Vorzimmer der Königin, wo sie die Wache hatte.

Noch bin ich allein, dachte Anne, als sie eintrat, die anderen werden im Garten lustwandeln. Wenn nur Percy käme. Es ist die Stunde, in welcher er seinen Herrn, den Kardinal, zum Kabinett des Königs begleitet. Was er mir wohl so dringend zu sagen haben mag, dass ich mein Frühstück beschleunigen sollte! Ha! Wenn er mir seine Hand anböte! Liebe ich ihn denn genug, um seine Gattin zu werden? Auch wenn er nicht der Erbe des Herzogs von Northumberland wäre, der älteste Sohn des größten Adelshauses in England?

Die schlanke, reich gekleidete Gestalt eines vornehmen jungen Kavaliers trat hier geräuschlos ins Zimmer und eilte, nachdem sie sich vorsichtig umgesehen hatte, auf Anne zu, welche in den Garten schaute.

»Percy!«, rief Anne erschrocken aus, als sie sich sanft umfasst fühlte und ein Paar warmem frische Lippen sich auf die ihren drückten.

»Meine süße Geliebte, endlich wird mir das Glück zuteil, Euch allein zu sehen und mein Herz gegen Euch auszusprechen. Anne, holde Blume, ich liebe Euch warm und ehrenhaft! O, macht mich selig mit dem Versprechen, dass Ihr meine Gattin werden wollt!«

Annes schöne Augen leuchteten herrlich im Glanz des befriedigten Stolzes und der erwiderten Liebe, denn der Erbe des reichen Hauses hatte ihr schwärmerisches Gefühl für König Franz in den Hintergrund treten lassen.

»Teurer Percy«, erwiderte sie zärtlich, »wie mögt Ihr nur noch fragen, ob ich die Eure werden wolle. Habt Ihr mir ja schon das Geständnis entrissen, dass ich Euch gut sei. Aber wird Euer edler Vater, wird der meine in unseren Bund einwilligen, da beide doch anders über ihre Kinder verfügt haben?«

»Mein Vater hat für mich gewählt«, sagte Percy heftig, »mich aber nicht gefragt, sonst würde ich ihm gesagt haben, dass ich die mir zugedachte Braut nicht liebe! Auch Euer Bräutigam, meine Anne, scheint Euch nicht zu lieben wie ich.«

»Ich kann mir nicht erklären, warum es so ist«, sagte Anne sinnend. »Niemand spricht davon, auch Wolsey weicht mir aus. Sir Pierce hat nur sich selbst Vorwürfe zu machen, wenn ich meine Treue an den edlen Percy verschenke.«

Sie streckte ihm die Hand entgegen. Der Jüngling ergriff sie, zog einen Diamantring von seinem eigenen Finger und schob ihn an den Annes.

»Seht Ihr«, fügte er schelmisch hinzu, indem er die Braut fest an sich zog, »dass ich sicher war, ein Ja zu erhalten, denn ich brachte den Ring schon mit. Ach, ich bin so unaussprechlich glücklich! Die schönste, die beste der Damen gehört mir! Wie freue ich mich, einst ein Diadem in Eurem schönen dunklen Haar zu sehen! Denn an jenem Tag ist Anne Herzogin von Northumberland!«

»Wollt Ihr sogleich Eurem Vater unsere Liebe entdecken?«, fragte Anne.

»Nein, schönster Engel, denn ich bin noch unmündig; aber nur ein Jahr Geduld, Anne, dann darf ich meinen eigenen Willen haben und werde meine Gattin mir selbst wählen. Bis dahin vertraut mir!«

»Bis dahin und durchs ganze Leben!«, rief Anne, an seine Brust sinkend.

»Mylord«, unterbrach nun der Diener Percys, welcher an der Tür Wache gestanden hatte. »Die Damen kommen hierher und der Kardinal verlässt das Kabinett.«

»Lebt wohl denn«, rief Percy zärtlich aus, küsste Annes Hand und eilte durch den Korridor, der zum Privatzimmer des Königs führte. Der Kardinal war bereits halb durch den Gang geschritten, als Percy ihm mit hochgeröteten Wangen und glühenden Blicken begegnete. Der Kardinal warf seinem jungen Sekretär einen strengen Blick zu und sagte, indem er ihm eine Mappe übergab.

»Ihr wart nicht auf Eurem Posten.«

Percy senkte das Auge und trat schweigend hinter den Kardinal, den er zu dessen schöner Wohnung Yorkhouse begleitete.

Show 2 footnotes

  1. Eine kleine Violine mil drei Saiten
  2. Die Etikette muss sehr peinlich gewesen sein, namentlich die Kniebeugung bei jeder Antwort, da die Prinzessin Mary später diesen Umstand anführt, um ihr Zurückziehem vom Hof Eduards VI. zu rechtfertigen.

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