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Deutsche Märchen und Sagen 13

Johann Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

13. Der Zwergenberg

Ein Müller hatte drei Söhne und die konnte er in der Seele nicht ausstehen, und eine Tochter und das war sein Augapfel.

Als die Söhne nun so viel von ihrem Vater leiden mussten, da sprach der Älteste zu seinen Brüdern: »Ich gehe zum Zwergenberg und wenn ich da ein Zwergenmützchen erfassen kann, dann sind wir alle glücklich und brauchen unseren Vater nicht mehr.«

Da sprachen die beiden anderen: »Tu das, Brüderchen!«

Der tat es, machte sich auf die Reise und ging weit, weit fort bis an den Zwergenberg, wo er sah, wie die Zwerge eben ihre Mützchen in die Höhe warfen und sie wieder erschnappten. Ganz still legte er sich auf den Bauch und schlich durch das Gras bis an den Berg. Kaum war er da, als ein Mützchen neben ihn herabfiel. Schnell griff er danach, aber der Zwerg, dem das Mützchen gehörte, war noch schneller als er, bekam sein Mützchen wieder und rief zugleich all die anderen Zwerge herbei, welche über den Ältesten herfielen und ihn tot machten.

Als der Älteste nun nicht wiederkehrte, sprach der Mittlere zum Jüngsten: »Ich gehe zum Zwergenberg. Wenn ich da ein Zwergenmützchen erfassen kann, dann sind wir glücklich und brauchen unseren Vater nicht mehr.«

Da sprach der Jüngste: »Tu das, Brüderchen!«

Der tat es, machte sich auf die Reise und ging weit, weit fort, bis er zum Zwergenberg kam, wo die Zwerge eben wieder mit ihren Mützchen warfen. Auf

Hand und Fuß kroch er durch das Gras. Als er am Berg war, da fiel ein Mützchen neben ihn hin. Er griff danach, aber der Zwerg war schneller, bekam sein Mützchen wieder, schrie die anderen zusammen und sie machten auch den Mittlern tot.

Als der nun auch nicht wiederkehrte, da sprach der Jüngste zu sich: »Ich will zum Zwergenberg gehen und sehen, ob ich ein Zwergenmützchen erfassen kann. Dann bin ich glücklich und brauche meinen Vater nicht mehr.« Das tat er auch, schlich ganz, ganz leise zum Berg und legte sich da still hin. Kaum lag er da, als ein Mützchen neben ihn zur Erde fiel. Er hütete sich aber, danach zu greifen und ließ den Zwerg es wieder nehmen. Einen Augenblick danach fiel ein zweites zu seiner Seite nieder, aber er ließ es wieder liegen und den Zwerg es nehmen. Gleich darauf fiel ein drittes, das fasste er schnell, ehe der Zwerg noch hinzugeschossen war, und steckte es in die Tasche.

Da kamen die Zwerge, alle bittend und jammernd, zu ihm und weinten und flehten: »Ach, gib uns das Mützchen wieder; ach, gib uns doch das Mützchen wieder.«

Das tat er aber nicht, sondern er befahl den Zwergen, dass sie ihn in den Berg führten. Sie gehorchten ihm alsbald und brachten ihn in den Berg und in einen schönen Saal, dessen Wände von lauter Karfunkelstein glänzten und in

dessen Mitte ein prächtiger Leuchter, aus einem einzigen Edelstein gemacht, stand.

Da sprach er: »Wenn ihr mir den Leuchter schenkt und drei Karren Goldes grabt, dann will ich euch euer Mützchen wiedergeben.«

Dessen mussten die Zwerge zufrieden sein. Sie gruben ihm drei Karren Goldes und trugen den Leuchter vor den Berg und da gab er ihnen das Mützchen wieder. Das Gold und den Leuchter fuhr er mit sich, wurde ein reicher Mann, baute sich ein schönes Haus und war der glücklichste Mensch auf der Welt.

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