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Des Teufels Sohn

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Anne Boleyn Band 1 – Kapitel 8

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Erster Band

8.

Annas Liebe zu Franz I. Ihre Rückkehr nach England.

»So müssen wir Euch verlieren, ma belle Anna«, sagte König Franz mit aufrichtigem Bedauern zu der jungen Ehrendame. »Ihr wisst, wie bitterlich ich Euren holden Anblick vermissen würde – und doch zeigt Ihr keine Traurigkeit?«

»Sire«, antwortete Anna mit niedergeschlagenem Blick, »was bleibt mir anderes übrig, als dem Befehl meines Königs zu folgen. Glaubt mir, auch ich empfinde Schmerz, aber die argwöhnischen, giftigen Blicke, die auf mir ruhen, gebieten Vorsicht.«

»Es kostet Euch nur ein Wort, so huldigt diese feile Menge der Königin von Franz’ Herz«, bat der König flehentlich.

»Es ist zu spät, Sire«, erwiderte Anna mit wohl erkünstelter Verschämtheit, »denn mein Vater hat über meine Hand verfügt, oder vielmehr König Heinrich.«

»Wie soll ich Euch verstehen, Anna?«

»Es herrscht seit Jahren ein heftiger Streit, Sire, zwischen meinem Vater und den Erben des Grafen von Wiltshire, meines Urgroßvaters. Sie haben den König als Schiedsrichter erwählt, der eine Verbindung zwischen mir und dem ältesten Sohn der Butler’schen Familie, Sir Pierce, als Versöhnungsmittel vorgeschlagen hat. Beide Parteien sind mit dem Spruch einverstanden, und ich bin einem Mann verlobt, der mir völlig unbekannt ist.«

»Glücklicher Pierce«, seufzte Franz.

»Ich weiß nicht, ob man ihn so heißen kann, Sire, da seine Gattin ihm keine Liebe zubringt.«

»Euer Herz ist frei, habt Ihr mir gesagt, da könnt Ihr glücklich werden.«

»Ob, Sire! Ihr redet nicht im Ernst«, entgegnete Anna und ließ ihr großes feuriges Auge mit einem Ausdruck auf dem König ruhen, der ihm alles Blut zu Stirn und Wange trieb.

»Verstehe ich Euch recht!«, rief er entzückt aus und schloss die willenlos sich Hingebende in seine Arme. »Anna, Anna, mon ange! Sagt es mir, dass Ihr mich liebt, endlich meine Liebe krönen wollt! Sagt nur dies einzige Wort, und ich trete gegen ganz England um Euren Besitz in die Schranken!«

»Sire«, antwortete Anna zärtlich, jedoch mit Würde, »ich schäme mich nicht, Euch zu gestehen, dass ich nicht unempfindlich gegen Eure Liebe gewesen bin. Ihr seid die einzige Seele an diesem Hof, die mir wirklich ergeben ist! Wäret Ihr kein König oder ich eine Fürstin, kein anderer würde je meine Hand und meine Liebe besitzen. Ich bin nicht mehr frei, Sire, meine Treue und meine Ehre muss ich dem Gatten bewahren. Nur die Hoffnung, dass ich wieder hierher zurückkehren darf, mildert den Schmerz der Trennung.«

»Anna, nur eine Stunde ungetrübter Seligkeit gönnt mir in Euren Armen!«, rief der König vor ihr niedersinkend.

»Ich darf nicht«, flüsterte das Mädchen bebend. »Lebt wohl, Sire, gedenkt mein – und beklagt mich.« Sie küsste leidenschaftlich seine Stirn und verschwand.

Sinnend und betroffen lag der König noch auf den Knien, das Gesicht in beide Hände gelegt. Da trat seine Schwester, Margarethe d’Alençon, welche diese Zusammenkunft veranstaltet hatte, ins Gemach und berührte leicht seine Schulter. »Mon frère, es ist Zeit, dass wir im Salon erscheinen. Fasst Euch, denn alle Blicke werden auf Euch haften.«

»Ich werde mich diesen Abend nicht mehr sehen lassen, Margarethe«, antwortete düster der König. »Ich bitte Euch, entschuldigt mich.«

»Das dürft Ihr nicht, Sire, um Annas willen nicht, denn jedermann weiß, dass dieser Ball ihr zu Ehren angeordnet ist. Es wäre ein Triumph für Annas Feinde, wolltet Ihr dabei fehlen. Kommt mit mir. Annas Beispiel wird Euch lehren, wie man den Schmerz abschütteln kann.«

»Ihr kennt sie nicht, Margarethe, unter der angenommenen Kälte birgt sie eine warme Seele. Sie liebt mich wahr und innig.«

»Erlaubt mir, Sire, daran zu zweifeln«, entgegnete Margarethe spöttisch. »Glaubt mir, ein Weib, das den Mann liebt, bleibt nicht unerbittlich für seine Wünsche.«

»So denkt eine Französin«, sagte der König, »Albions Töchter nicht; bei Anna steht die Tugend höher als die Liebe. Sie ist einer Krone würdig. Wollte Gott, ich wäre frei, ihr meine Hand anzutragen.«

»Bruder, Ihr schwärmt«, rief Margarethe aus. »Es ist um so nötiger, dass Ihr mit mir kommt. Die zärtlichen, koketten Blicke Eures tugendhaften Ideals mit anderen Kavalieren werden Euch zur Besinnung bringen.«

Sie legte bei diesen Worten ihre mit Juwelen bedeckte Hand auf seinen Arm und zog ihn in den großen, festlich erleuchteten Saal.

Wie der Komet in seiner Größe alle übrigen Gestirne am Firmament in den Schatten wirft und ein heller Lichtschimmer seine Bahn bezeichnet, so zog Anna Boleyn an diesem Abend die Aufmerksamkeit aller auf sich. Man meinte sie noch nie so strahlend, so anziehend gesehen zu haben. Ihre Wangen glühten, das schöne Auge leuchtete wie ein Strahl der Sonne, der reizende Mund mit den küsslichen frischen Lippen lächelte anmutig jeden an und hatte für jeden eine witzige oder geistreiche Bemerkung. Mit der vollendetsten Gefallsucht war ihr Anzug gewählt oder vielmehr nach Laune erfunden worden und riss die Kavaliere zu unverhohlenem Lob hin, während die französischen Schönheiten sich wenig Mühe gaben, ihre Eifersucht zu verbergen. Sie wenigstens grämten sich nicht über den Abschied der schönen Engländerin.

Anna trug einen kleinen Kragen von dunkelrotem Samt, mit breiten Spitzen besetzt, an deren Zacken kleine Glöckchen oder Quasten von Silber hingen. Das Mieder bestand ebenfalls aus rotem Samt, reich mit Silber gestickt. Über demselben trug sie einen Überwurf von weißer Seide mit herrlicher Verbrämung und weiten, bis über die Hände herabhängenden Ärmeln, eine Mode, welche die schöne Kokette erfunden hatte, um ihre Hände den Blicken der Hofleute zu entziehen.1 Ihre kleinen, zierlichen Füße waren in leichte Brodequins von blauem Samt eingehüllt, auf denen ein wertvoller Diamant glänzte. Ihren Haarputz bildete ein Turban von goldfarbiger, durchsichtiger Seidengaze, während ihre Haare in langen Locken auf die wohlgeformten Schultern herabhingen. Ihr Schmuck bestand in einer doppelten Reihe wertvoller Perlen mit einem Diamantkreuz.

»Lasst uns aufbrechen«, flüsterte der König mit bewegter Stimme seiner Schwester zu, indem er sich über die Rücklehne ihres hohen Sessels beugte, »ich ertrage diese Qual, diesen Anblick nicht länger.«

»Sire, vous êtes ensorcelé«, erwiderte Margarethe, besorgt sich nach ihm umwendend. »Es ist wohl besser, denn Annas sehnsüchtige, schmachtende Blicke verraten, daß auch sie die peinliche Rolle nicht länger fort zu spielen wünscht. Seht nur, wie sie bleich an jenem Fenster lehnt und zu Euch herüberblickt? Allons, Sire, courage!«

Sie stand bei diesen Worten auf, der König trat neben sie hin, und die Musik schwieg. Erstaunt blickten die Hofleute auf das hohe Paar.

»Messieurs et Mesdames!«, sprach der König mit der ihm eigenen huldreichen Würde, »meine viel geliebte Schwester fühlt sich unwohl, wir werden uns daher zurückziehen. Zuvörderst jedoch wollen wir hiermit uns von der reizenden Dame verabschieden, welche seit fünf Jahren unseren Hof durch ihre Gegenwart verschönert hat.«

Er hielt inne und Anna trat langsam zum Thron hin und ließ sich mit bezaubernder Anmut vor dem hohen Paar nieder.

Franz ergriff hastig ihre Hände und hob sie auf, denn am feingebildeten französischen Hof war die fast sklavische Unterwürfigkeit verbannt, welche am Tudor-Hof herrschte.

»Nehmt unsere besten Wünsche für Eure glückliche Reise und Euer künftiges Glück mit Euch, Lady Anna«, sagte er weich, »und vergesst nicht, dass zu jeder Zeit, so lange wir König von Frankreich sind, wir Euch von Herzen wieder willkommen heißen werden. Wir entlassen Euch mit Huld. Gedenkt auch unser freundlich in der Ferne.«

Anna hob ihre Augen, in denen ernste Tränen schimmerten, einen Augenblick zu ihm empor, und in des Königs edlem Antlitz zuckte es schmerzlich, als er in den dunklen Sternen die stumme, aber beredte Sprache einer Welt von Liebe las.

Die Bewegung dauerte jedoch äußerlich nur einen Augenblick, dann grüßte er anmutig die Gesellschaft, bot seiner Schwester die Hand und verließ mit ihr den Saal.

Zwei Tage später schied Anna aus der königlichen Residenz, wo ihr so viele Huldigungen zuteilgeworden waren.

Als sie in Boulogne an Bord des Schiffes gegangen war, die Anker gelichtet wurden und das Schiff sich vom Ufer entfernte, trat sie an den Rand desselben und warf einen sehnsüchtigen Blick zum Land hinüber. Dann zog sie ein Medaillon aus ihrer Brust hervor, das ein feines Miniaturbild des Königs in sich fasste, und küsste es.

»O, Franz!«, murmelte sie leise, »warum bist du ein König und ich nur ein Edelfräulein? Warum hat das Schicksal uns durch eine so unüberwindbare Kluft getrennt? Wer wird mir künftig deine Liebe ersetzen?«2

Show 2 footnotes

  1. Der kleine Finger der rechten Hand hatte einen Auswuchs, der einem sechsten Finger glich. Übrigens waren ihre Hände weiß und schön geformt.
  2. Mehrere Historiker jener Zeit erwähnen König Franz’ Liebe zur schönen Anna, und einige werfen einen starken Schatten auf ihre Tugend. Da jedoch keine Beweise vorliegen, dürfen wir annehmen, dass Anna sich nur jene Gefallsucht erlaubte, von welcher auch unsere jugendlichen Schönheilen nicht frei sind.

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