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Der Spion – Kapitel 10

Balduin Möllhausen
Der Spion
Roman aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, Suttgart 1893

Kapitel 10

Der Gast

Houston war gegangen, und die drei Hausgenossen saßen noch in ernstem Gespräch in Martins Zimmer, als Hobel auf der Veranda durch Knurren und kurzes Anschlagen seine Unzufriedenheit zu erkennen gab. Man beachtete es nicht. War es doch nichts Seltenes, dass dieses oder jenes Geräusch auf der vorüberführenden Straße seine Missbilligung fand. Auch dieses Mal beruhigte er sich bald wieder, lauschte aber um so misstrauischer zur Pforte hinüber, wo sich tatsächlich eine Bewegung vollzog, wohl geeignet, Argwohn zu erregen.

Drei in der Dunkelheit verschwimmende Gestalten hatten sich auf der Straße dem Torweg genähert. Zwei trugen einen anscheinend leichten Koffer von größerem Umfang zwischen sich, während die dritte, offenbar der Führer, einige Schritte vorausging. Nachdem dieser sich überzeugt hatte, dass die Pforte verschlossen war, wechselte er flüsternd einige Worte mit den Gefährten. Einige Sekunden lauschten alle die Straße aufwärts und abwärts. Deren augenblickliche Verödung ausnutzend, kletterte der Kleinste von ihnen mit der Gewandtheit eines Eichhörnchens den Palisadenzaun hinauf. Kaum hatte er sich oben festgesetzt, als die beiden Begleiter den Koffer am Plankenzaun so weit hinaufschoben, dass er dessen Griff mit nach unten ausgestreckter Hand zu packen vermochte. Behutsam zog er ihn ganz zu sich herauf, dass er quer über die Palisadenspitzen zu liegen kam und es ihn keine Mühe kostete, denselben in der Schwebe zu halten. Kaum eine Minute dauerte es, als der Schlankere der beiden Gefährten ebenfalls oben eintraf, jedoch schnell auf der anderen Seite herunterglitt. Fegefeuer, und kein anderer war die mit dem Koffer anscheinend verwachsene kleine Gestalt, neigte nun mehr seine Last dem Hofraum zu. Eine flinke Bewegung folgte, und von dem unten befindlichen Gefährten in Empfang genommen, gelangte der Koffer schnell in Sicherheit. Schneller noch verschwand Fegefeuer auf der Außenseite des Zauns, wo er mit dem seiner harrenden Gefährten schleunigst davoneilte.

Während dieses ganzen Vorganges war zwischen den drei Beteiligten kein einziger Laut gewechselt worden. Ihre Bewegungen aber vollführten sie im Schatten des Zauns mit einer Geräuschlosigkeit, als ob sie selbst die Eigenschaften von Schatten besessen hatten.

Bis dahin hatte auch Hobel hinterlistig geschwiegen. Erst als der beim Koffer säumende Eindringling auf das Haus zuschritt, stürmte er ihm mit grimmigem Gebell entgegen. Der Fremde beachtete den lärmenden Scheinangriff nicht, mäßigte nicht einmal die Eile seiner Bewegungen. Eine kurze Strecke trennte ihn noch von der Veranda, als die Haustür geöffnet wurde, und vor dem matt erhellten Hintergrund Martin Findegerns Umrisse sich abzeichneten.

»Wer geht da?«, fragte er, sobald er den Fremden notdürftig unterschied.

»Wohnt hier ein gewisser Martin Findegern?«, hieß es mit klangvoller Stimme in fließendem Englisch zurück.

»Kein anderer, als Martin Findegern, Tischlermeister und Sargfabrikant«, und weiter, nachdem der Fremde vor den Stufen der Veranda eingetroffen war: »Aber zum Henker, Mann, wie sind Sie hereingekommen, wenn Sie zu bequem waren, den Türklopfer auf seinen Amboss fallen zu lassen? Bless you! Das gibt einen Lärm, dass man es drei Straßen weit hört.«

»Gerade das wollte ich vermeiden, und so schwang ich mich über den Zaun«, antwortete der Fremde, die Stufen flink ersteigend., »Es braucht nicht jeder zu erfahren, wohin ich meinen Weg nehme. Befindet Miss Margaretha Durlach sich zu Hause?«

»Selbstverständlich, Fremder, zu Hause, wie es zur Abendstunde einem sittsamen Mädchen geziemt. Um so mehr Ursache für mich, zu fragen, was Sie von der Miss Margaretha wünschen?«

Näher trat der Fremde zu ihm heran, und seine Stimme dämpfend, sprach er dringlich: »Ich bin der Träger wichtiger Nachrichten, die ich keinem anderen anvertrauen darf. Doch die Sache eilt. Führen Sie mich zu ihr. Das Weitere erfahren Sie zu seiner Zeit.«

»So? Wichtige Nachrichten und Eile?«, fragte Martin Findegern plötzlich vorsichtig. »So nennen Sie wenigstens den Namen jemandes, der für Ihre Rechtschaffenheit bürgt. Bless you! In diesen wilden Kriegszeiten traut man nicht jedem, der einem unversehens ins Haus regnet.«

Der Fremde lachte spöttisch. Martin, zu Argwohn geneigt, trat zur Seite, sodass jener von der ins Freie herausfallenden Beleuchtung gestreift wurde. So glaubte er, dessen Äußeres misstrauisch prüfend, einen Menschen zu erkennen, dessen Heimat die westlichen Wildnisse sind, wie solche vielfach in St. Louis verkehrten.

»Sie sind vorsichtig«, erklärte dieser, »Sie ersparen mir dadurch die Mühe, es Ihnen nachzutun. Hörten Sie jemals den Namen Kampbell?«

»Bei Gott, Mann, vor einigen Stunden erst. Ich meine, der hätte einen feinen Klang für mich; ebenso für Sie, denn er öffnet Ihnen meine Haustür weit.«

 

Sie waren auf den Flur getreten, welcher durch das aus zwei einander gegenüberliegenden Türen herausfallende Licht erhellt wurde. Margaretha war dem auf der Veranda geführten Gespräch aufmerksam gefolgt. Jetzt stand sie auf der Schwelle ihres Zimmers. In zuversichtlicher Haltung trat der Fremde vor sie hin.

»Sie sind Miss Margaretha Durlach?«, fragte er, mit einem ruhigen bewundernden Blick auf das ihm scheu zugekehrte freundliche Antlitz.

Margaretha, sichtbar überrascht, statt eines kriegserfahrenen rauen Mannes einen jungen, bartlosen Burschen vor sich zu sehen, antwortete zögernd: »Mein Name ist Margaretha Durlach. Statt Ihren eigenen anzugeben, beriefen Sie sich auf einen uns erst seit gestern bekannten, der Ihnen trotzdem als die beste Empfehlung dient.«

»So will ich Ihnen einen Zweiten nennen, der mir vielleicht Ihre Freundschaft erschließt. Der Träger desselben weilt zwar in der Ferne …«

»Maurus Durlach – mein Bruder«, fiel Margaretha lebhaft ein. »Sie bringen Briefe von ihm?«

»Keinen Brief. Die Wege, welche ich ging, waren zu gefährlich, um schriftliche Nachrichten mit mir zu führen, die anderen zum Verderben hätten werden können. Vergessen Sie nicht: wo man sich am sichersten fühlt, lebt man oft wie auf einem Vulkan. Aber Grüße bringe ich vom Captain. Vor einigen Tagen sah ich ihn. Ein Dampfer ermöglichte es mir, so schnell hierher zu eilen. Er befindet sich wohlauf. In Kansas City trennten wir uns voneinander. Sein letztes Wort war, ich würde hier Unterstützung in der Ausführung meiner Pläne finden.«

»Das sollen Sie und werden Sie, bless you!«, stieß Martin im Übermaß seiner Erregung begeistert hervor, »nur der glorreichen Union zu dienen …«

»Meine Zeit ist sehr kurz bemessen«, unterbrach der Fremde ihn hastig, und er warf einen bezeichnenden Blick auf Krehle.

Martin verstand die Gebärde und erklärte: »Herr Doktor Arminius Krehle. Es hieße sich an ihm versündigen, wollten wir gerade ihn von unserem Vertrauen ausschließen. Ein Mann, dessen klares Urteil …« Er brach ab, eingeschüchtert durch eine verdächtige Bewegung des gefürchteten Mundwinkels.

 

Gleichzeitig war der Fremde Margaretha näher getreten. Fest, wie um dadurch ein gewisses Verständnis herbeizuführen, sah er in ihre Augen. Dann fragte er ruhig, beinahe schüchtern: »Ich errate, dies ist Ihre Wohnung. Kann ich mich hier umkleiden?«

»Herr Findegern wird Ihnen bereitwillig die Gelegenheit dazu bieten«, hob Margaretha befremdet an, als der junge Mann, ähnlich, wie einst Lydia Rutherfield gegenüber, sich ihr plötzlich zuneigte. Auch hier sprach er leise einige Worte, worauf er höflich zurücktretend, die Wirkung seiner Worte auf Margaretha gespannt beobachtete. Diese verharrte einige Sekunden wie angesichts eines unlösbaren Rätsels. Tiefe Glut hatte sich über ihr gutes Antlitz ausgebreitet. Ihre Augen schienen sich noch zu vergrößern, indem sie auf den jungen Vaquero hinsah. In maßlosem Erstaunen hob sie beide Hände, reichte sie aber bald dem vor ihr Stehenden. Zugleich unterbrach sie die plötzlich eingetretene Stille mit den Worten: »Ich glaube Ihnen, ja, ich glaube Ihnen. Eine Täuschung kann nicht walten – doppelt willkommen heiße ich Sie …«

»Ich wandle auf verhängnisvollen Wegen«, fiel Oliva beinahe klagend ein. Den Blicken Margarethas begegnend, erhielten ihre Augen einen eigentümlich träumerischen Glanz, »um der Union mit Erfolg zu dienen, bin ich gezwungen, zu den unerhörtesten Mitteln zu greifen. Doch meine Minuten sind gezählt. Vor Mitternacht muss ich noch einmal zur Stadt. Ich warte auf Ihre Antwort. Darf ich mich hier umkleiden?« Sich Martin halb zukehrend, der noch immer verstört dreinschaute, gab sie diesem zu verstehen, dass ihre Frage auch ihm gelte, worauf dieser eifrig erklärte: »So oft Sie wollen! Wenn der Maurus Sie schickt, gibt es keine Bedenken. Zum Tischler und Sargfabrikanten fühlte er sich zwar zu hochgeboren …«

»So bitte ich Sie, mich zum Torweg zu begleiten«, schnitt Oliva ab, was er weiter hinzufügen wollte, »ich ließ dort einen Koffer zurück. Ihn allein hierher zu schaffen, überstieg meine Kräfte.« Ungesäumt verließ sie in Martins und Krehles Begleitung das Haus.

Als sie nach kurzer Zeit mit dem Koffer zurückkehrten, war Martin noch gefälliger und diensteifriger geworden. Erschien der tiefe Ernst des jungen Mannes ihm rätselhaft, so flößte derselbe ihm andererseits wieder einen hohen Grad von Achtung ein. Weder er noch Krehle wagten Einwendungen zu erheben, als Margaretha sie aufforderte, den Koffer in ihre Wohnung zu tragen, worauf sie sich auf einen Wink von ihr kopfschüttelnd entfernten.

 

Keine halbe Stunde dauerte es, während welcher Margaretha Oliva beim Umkleiden zur Hand ging, als beide sich den alten Hausgenossen wieder zugesellten. Bei ihrem Eintritt schnellte Martin erschrocken empor, sank aber, das Gesicht des nicht minder verstörten Doktors suchend, bald auf seinen Sitz zurück. Bis zur Sprachlosigkeit verwirrte sie die Wandlung, welche im Äußeren des jungen Mannes vor sich gegangen war. Und doch erschien eine Sinnestäuschung beiden unmöglich. Vor ihnen stand wohl der bisherige Vaquero, aber ausgestattet mit allen Reizen einer von der Natur hoch bevorzugten Südländerin. Es erzeugte sogar den Eindruck, als ob er innerhalb der kurzen halben Stunde noch gewachsen sei, die Merkmale eines Lebens endloser Beschwerden, Entbehrungen und Gefahren sich dagegen tiefer in die sonnenverbrannte weiche Haut eingegraben hätten. Ein schwarzes, einfach geschnittenes Kleid umhüllte die geschmeidige schöne Gestalt, deren vielleicht etwas zu kräftige Bewegungen durch natürliche Anmut wieder ausgeglichen wurden. Ein dunkles Schleiertuch schlang sich um Hals und Schultern. Es stand im Einklang mit dem von zwei braunen Straußenfedern überragten kleinen schwarzen Filzhut, unter welchem das geflochtene und sorgfältig aufgesteckte schwarze Haar zum Teil verschwand. Doch zur eingehenderen Prüfung ihrer äußeren Erscheinung gönnte Oliva den wie betäubt dasitzenden Männern keine Zeit.

»Ich muss fort«, sprach sie mit ernster Entschiedenheit, den dichten blauen Schleier vor ihr Antlitz niederziehend und die Hände mit feinen Lederhandschuhen bekleidend. »Nur um das Öffnen der Pforte bitte ich. Nach Ablauf einer oder zwei Stunden spätestens bin ich zurück. In meinem jetzigen Anzug hindert mich nichts, durch einen Schlag des Türklopfers mich anzumelden.« Sie entdeckte in Margarethas Zügen den unzweideutigen Ausdruck bewundernder freundlicher Teilnahme und fügte sanfter hinzu: »Wie lange ist es her, seitdem ich kein heimatliches Obdach, kein eigenes Bett mehr kannte. Vielleicht finde ich bald eins, wo mich keiner mehr stört.« Wehmut prägte sich um die schön geschnittenen bebenden Lippen aus. »Doch ob heute oder morgen: Ich nehme das Bewusstsein mit in die Erde hinab, der Gerechtigkeit bis zum letzten Atemzug gedient zu haben.« Sie verbarg hinter den langen Wimpern einen gleichsam sengenden Blick des Hasses und reichte Margaretha die Hand zum Abschied. »Für die mir bewiesene und noch zugedachte Güte danke ich Ihnen aus überströmender Seele«, sprach sie leise. »Manches werden Sie an mir zu entschuldigen, zu verzeihen haben. Der Verkehr mit anderen meines Geschlechtes ist mir fremd geworden; kein Wunder daher, wenn beim gelegentlichen Wechsel der Bekleidung die Gedanken an dieses und jenes mich zuweilen übermannen.«

»Auf baldiges Wiedersehen«, versetzte Margaretha unter dem eigentümlichen Zauber, welchen die ernste Erscheinung, die sie kurz zuvor als einen verwilderten jungen Abenteurer begrüßte, auf sie ausübte.

Oliva neigte das Haupt dankend. Flüchtig nickte sie den beiden noch immer in Erstaunen versunkenen alten Knaben zu, dann verließ sie das Zimmer.

Auf der Veranda holte Martin sie ein. Er war noch zu bestürzt nach dem eben Beobachteten, um in seiner sorglosen Weise ein Gespräch eröffnen zu können. So legten sie den Weg bis zur Pforte schweigend zurück. Als Martin den Schlüssel im Schloss drehte, drang das Geräusch der Schritte eines auf der Straße dicht am Zaun Hineilenden zu ihnen herein. Zugleich unterschieden sie, wie hin und wieder ein harter Gegenstand im Doppelschlag die Palisaden traf. Martin zögerte zweifelnd.

»Öffnen Sie immerhin«, raunte Oliva ihm zu, »ein Freund ist es, der mich begleiten wird.«

 

Gleich darauf schlüpfte sie auf die Straße hinaus. Wenige Schritte hatte sie erst getan, als Nicodemo sich an ihrer Seite befand und die eingeschlagene Richtung mit ihr weiter folgte.

»Wo ist Fegefeuer?«, fragte sie gedämpft.

»Bereits voraus«, antwortete Nicodemo, »er überwacht den Eingang des Parks.«

»Wer hätte dem Bürschchen so viel Schlauheit neben seiner Gewissenhaftigkeit zugetraut. Ein Mann in gereiften Jahren könnte nicht umsichtiger und entschiedener zu Werke gehen.«

»Eine ähnliche Frage schwebt über deiner eigenen Persönlichkeit«, versetzte Nicodemo finster.

Oliva lachte vor sich hin. »Du hast recht«, fügte sie here hinzu. »Erlittene Unbilden erzeugen Hass, durch Hass aber werden Kinder und Weiber in Hyänen verwandelt. Wehe demjenigen, der solchen Hass gegen sich herausforderte.«

Eine kurze Strecke legten sie schweigend zurück, bevor Nicodemo in beschwörendem Ton anhob: »Oliva, gib es endlich auf, immer neuen düsteren Bildern Leben zu verleihen. Du weißt, wie es mich jedes Mal erschüttert, dich so sprechen zu hören. Es raubt mir den Mut und die Entschlossenheit, die erforderlich sind, dir wachsam zur Seite zu stehen. Meine Hoffnungen reichen ja nicht weiter, als jedes Los, gleichviel welches, mit dir zu teilen.«

»Vertrete ich eine ungerechte Sache?«, fragte Oliva bitter.

»Nein, sicher nicht. Wohl aber wäre von einem weiblichen Wesen …«

»Erspare dir und mir den Schluss«, fiel Oliva sanft ein. »Ob Weib oder Mann: Es gibt Zwecke, die beide gleich gut kleiden. Dir aber werden, wenn nicht schon in diesem Leben, wenigstens in jenem deine Selbstlosigkeit und Treue reich gesegnet sein. Wollte Gott, es läge in meiner Gewalt, deine Opferwilligkeit so zu belohnen, wie du es tausendfach verdienst. Lass mich daher reden, wie mir gerade ums Herz ist. Du weißt ja, wie es mich jedes Mal ergreift, so oft ich meine Rolle wechsle. Im Verkehr mit dem jungen schönen Mädchen, der Schwester des Captains, war mir, als hätte ich an meinen Empfindungen ersticken müssen.«

»Möge ihre Gastfreundschaft ihnen selbst nicht zum Verderben gereichen«, bemerkte Nicodemo.

Oliva fuhr auf. »Das darf nicht geschehen«, erwiderte sie heftig, »nein, es kann nicht geschehen. Wir müssen Mittel finden, sie gegen hinterlistige Angriffe zu schützen, auf die eine oder die andere Art.«

 

Wiederum verfolgten sie ihren Weg schweigend. Derselbe führte sie durch zwar breite, jedoch sehr spärlich belebte Straßen. Nach Ablauf einer Viertelstunde erreichten sie ein umfangreiches Grundstück, dessen von einem gusseisernen Gitter überragte Einfriedungsmauer schon allein einen Millionenbesitzer verriet. Hinter derselben dehnte sich ein Park aus, ein Beweis, dass man, den Wert des Bodens nicht achtend, nur die Annehmlichkeit des Lebens im Auge behielt. Zwischen den hohen Bäumen hindurch schimmerte, die Lage eines stattlichen Gebäudes verratend, das durch Vorhänge gedämpfte Licht einer langen Fensterreihe herüber. In der Nähe des Torweges gesellte Fegefeuer sich den beiden nächtlichen Wanderern zu.

»Heraus ist keiner gekommen«, antwortete er auf Nicodemos Frage geheimnisvoll, »aber hinein ging noch jemand vor einer Viertelstunde. Ich vermute, alle sind jetzt beisammen.« Auf ein Zeichen Nicodemos huschte er zu der anderen Seite der Straße hinüber, um dort Wache zu halten.

Nicodemo hatte die Hand auf den Glockengriff gelegt.

»Es ist noch immer dein Wille, dich in die Wolfsgrube hineinzuwagen?«, fragte er, bevor er läutete.

»Zu welchem anderen Zweck hätten wir die weite Reise unternommen?«, erwiderte Oliva vollkommen ruhig.

Nicodemo zog an dem Griff. Aus der Richtung des Hauses drang der Ton einer Glocke gedämpft herüber.

»Ich werde mich mit Fegefeuer in Verbindung setzen und dich an jener Mauerecke erwarten«, sprach er leise.

»Überflüssig«, hieß es gleichmütig zurück, »jeden Weg, den ich einmal ging, finde ich immer wieder.«

»In später Nachtstunde ist es für eine einzelne Dame ratsamer, sich unter dem Schutz eines Mannes zu befinden.«

»Wie du willst. Ich fürchte niemand. Werde du selbst nur nicht unruhig, wenn meine Rückkehr sich verzögern sollte. Bin ich beim Licht des Tages nicht bei dir, so weißt du, was du zu tun hast.«

 

Im Garten wurden auf dem Kiesweg Schritte vernehmbar. Nicodemo schlich eine kurze Strecke an der Mauer hin, wo er im Schatten überhängender Baumwipfel verschwand. In der nächsten Minute fragte eine Männerstimme zwischen den Stäben des Gittertors hindurch: »Zu wem wünschen Sie?«

»Zu Herrn Palmer«, antwortete Oliva kurz.

»Es ist bald Mitternacht. Zu solcher Stunde empfängt Herr Palmer keine Besuche mehr.«

»Hätte ich keine dringende Ursache, so möchte ich mich schwerlich hierher bemüht haben. Öffnen Sie und melden Sie mich an. Ich sehe erleuchtete Fenster. Wo andere Besucher weilen, wird eine einzelne Dame wohl noch Platz finden. Was stehen Sie da? Fürchten Sie sich etwa? Ich wiederhole: Öffnen Sie, führen Sie mich ins Haus und melden Sie mich an.«

»Wen soll ich anmelden?«

»Das werden Sie zu seiner Zeit erfahren.«

Der so herrisch erteilten Aufforderung glaubte der Mann, ohne Zweifel ein vertrauter Diener des Hauses, trotz der ihm gebotenen Vorsicht, keinen Widerstand entgegenstellen zu dürfen. Sobald Oliva eingetreten war, schlugen sie unverzüglich die Richtung zum Haus ein. Nach einigen Schritten bemerkte Oliva wie beiläufig: »Sagen Sie Herrn Palmer, es wünsche ihn jemand zu sprechen, der Nachricht von Quinch brächte. Das wird genügen, mir Zutritt zu verschaffen.«

»Von Quinch?«

»Von ihm. Vergessen Sie den Namen nicht.«

»Ich hörte von einem Quinch, der oben am Kansas Truppen gegen die Unionisten kommandiert.«

»Das ist Nebensache. Ich kenne Sie nicht, traue keinem Fremden. Meine Botschaft ist für Palmer bestimmt, und keinen anderen.«

Durch die raue Zurechtweisung offenbar beruhigt, stellte Olivas Begleiter keine Fragen mehr. Noch weniger hätte Oliva ein weiteres Wort an ihn richten mögen.

 

Vorm Haus eingetroffen, erstiegen sie zehn oder zwölf Marmorstufen. Dort öffnete der Diener ein breites Portal, und Oliva höflich den Vortritt anbietend, gelangten sie in einen gedämpft erleuchteten, ringsum vorzugsweise mit Marmor bekleideten Vorraum. Den Fußboden bedeckten schwere dunkelrote Teppiche. Blühende Topfgewächse und Blattpflanzen standen in Nischen und Winkeln. Beim Schein der durch Glocken aus Milchglas geschützten Flammen eines kostbaren Kronleuchters musterte der Diener seine Begleiterin verstohlen. Deren bescheidener Anzug mochte ihm keine allzu hohe Meinung von ihr einflößen. Sobald er aber auf den blauen Schleier hinsah, durch dessen Gewebe hindurch zwei schwarze Augen ihm unwillig entgegenfunkelten, beschlich ihn eine gewisse Scheu. Er mochte sich vergegenwärtigen, dass nach Einbruch der Nacht vielfach Leute dort aus- und eingingen, die nicht dahin zu gehören schienen, und dennoch nach Abgabe irgendeines Kennwortes bereitwillig empfangen wurden.

»Nehmen Madame gefälligst auf eine Minute Platz. Binnen kurzer Frist bin ich zurück«, bemerkte er ehrerbietig, bevor er durch eine Seitentür verschwand.

Oliva achtete seiner nicht. Anstatt der Einladung Folge zu geben, wandelte sie einige Male auf und ab. Hatten die rauen Wände einer Blockhütte sie eingeengt, so wäre der Eindruck auf sie kein anderer gewesen, als ihn jetzt die polierten Marmorflächen mit den reichen Vergoldungen auf sie ausübten.

Mehrere Minuten verstrichen, bevor der Diener zurückkehrte und sie aufforderte, ihm zu folgen. Ihr vorausschreitend, führte er sie durch eine breite Flügeltür in eine Art Vorzimmer, wo zwei mit blitzenden Kristallen behangene Lampen die mit dunklem Stoff bekleideten Wände, unverkennbar wertvolle Ölgemälde und eine von nicht gewöhnlichem Reichtum zeugende Möbeleinrichtung beleuchteten.

»Die Lady ist gebeten, Platz zu nehmen«, sprach er ehrerbietig, worauf er sich wieder in den Vorraum hinaus begab. Oliva schien es nicht vernommen zu haben. Zufällig war sie vor einen, ihre ganze Gestalt zurückstrahlenden Spiegel zum Stehen gekommen. Einen gleichsam bedauernden Blick warf sie auf ihr Bild, um ihm bald achselzuckend den Rücken zuzukehren. Sie hatte diese Bewegung kaum ausgeführt, als eine dem Eingang gegenüberliegende Tür sich leise in den Angeln drehte, und ein bereits auf der Grenze des Greisenalters stehender, sich vornehm tragender Herr auf sie zuschritt. Im feinen schwarzen Anzug mit der blendend weißen Wäsche und dem erst wenig gelichteten weißen Haar, zumal in der zuversichtlichen Haltung, bot er das Bild eines Mannes, der gewohnt ist, zu befehlen. Derselbe Ausdruck wohnte auf dem knochigen, farblosen, glatt rasierten Gesicht, jedoch geeint mit der Undurchdringlichkeit eines Steingebildes.

»Sie haben durch Nennung eines besonderen Namens sich hier Zutritt zu verschaffen gewusst«, begann er, sich leicht verneigend. Die Blicke auf den blauen Schleier heftend, suchte er in den hinter demselben befindlichen Zügen zu lesen. »Der Name selbst hat weiter keinen Wert für mich. Ich kenne nicht einmal einen Menschen dieses Namens, wollte nicht unterlassen, mich wenigstens nach der Ursache Ihres seltsamen Auftretens zu erkundigen.«

Oliva schlug den Schleier zurück und begegnete den Blicken Palmers beinahe ausdruckslos.

»Sie kennen ihn dennoch oder ich wäre abgewiesen worden«, versetzte sie gleichmütig. »Aus sicherer Quelle weiß ich es; aber auch, dass, wenn ich von hier fortgehe, Sie für jedes meiner Worte mir Dank wissen.«

Schärfer prüfte Palmer das charakteristische Antlitz. Er entsann sich nicht, es je zuvor gesehen zu haben.

»Bitte, Madame, seien Sie ein wenig deutlicher«, erwiderte er kalt.

»Wohlan denn«, nahm Oliva mit ruhiger Sicherheit das Wort, »ich hasse es, lauschen keine unberufenen Ohren, wenn ich Dinge zur Sprache bringe, die für einen Unionisten keinen guten Klang haben.«

»Ah«, entwand es sich in der ersten Überraschung gewissermaßen unbewusst den schmalen Lippen Palmers, »doch ich bitte, Madame, nehmen Sie Platz.« Höflich wies er auf einen Polsterstuhl. Dann weiter, nachdem er sich Oliva gegenüber niedergelassen hatte. »Sprechen Sie ohne Scheu; wir bleiben hier ungestört. Ich hoffe, es sind keine unangenehmen Ursachen, welchen ich die Ehre Ihres Besuches verdanke.«

»Sie mögen selbst entscheiden«, antwortete Oliva mit jener angeborenen jungfräulichen Würde, welche durch das ununterbrochene Feldleben der letzten Jahre nicht hatte abgeschwächt werden können. Sie zog ein blutbeflecktes Papier aus der Tasche und überreichte es Palmer, indem sie hinzufügte: »Betrachten Sie das. Vielleicht kennen Sie die Handschrift.«

Dieser entfaltete den Brief. Die Blicke auf denselben senkend, erbleichte er tödlich. Seine Hände zitterten. Deren Bewegung mühsam unterdrückend, sah er wieder in Olivas regungslos ernstes Antlitz.

»Ja, ich kenne sie«, räumte er mit heimlichem Widerstreben ein, »doch wie gelangte dieses Schreiben in Ihren Besitz und zwar in solcher Verfassung.«

»Auf die einfachste Art. Ich erhielt es von einem Gesinnungsgenossen, der es gefunden haben wollte, und ich sehe keinen Grund, die Wahrheit seiner Angaben zu bezweifeln. Quinchs Adjutant, ein gewisser John Kay, welcher die Korrespondenzen seines Kommandeurs zu führen hatte und daher den wichtigsten Teil der eingelaufenen Briefschaften der Sicherheit wegen stets bei sich trug, wurde nämlich von einigen abenteuernden Unionisten hinterlistig im Schlaf ermordet und aller Papiere beraubt. Der Gesinnungsgenosse, dessen ich erwähnte, beteiligte sich an der vergeblichen Verfolgung der Mörder und fand diesen offenbar verloren gegangenen Brief auf der Fährte. Als er mir denselben in Kansas City, wo ich zufällig weilte, vorlegte, begriff ich sofort die furchtbare Gefahr, in welcher Sie und andere angesehene Männer schweben. Auf meine dringenden Vorstellungen überließ er mir den Brief. Dann reiste ich Tag und Nacht, um binnen kürzester Frist hierher zu kommen.«

 

Palmer atmete tief auf. »Sie haben mit dem Mut eines wahren Helden gehandelt«, sprach er nach kurzem Sinnen. Aufs Äußerste strengte er sich an, die ihn fast betäubende Unruhe zu verheimlichen. »Aber die anderen Briefe – ich gestehe, meine Freunde und ich waren unvorsichtig. Von Begeisterung für unsere Sache gleichsam überwältigt, dachten wir nur an schnelles Handeln und vergaßen dabei, alle Möglichkeiten zu erwägen. Es müssen sich also noch andere Schriftstücke im Besitz des Erschlagenen befunden haben. Da entsteht die Frage, wo mögen diese geblieben sein? In den Händen eines Verräters würden sie eine grauenhafte Waffe bilden.«

»Unzweifelhaft im Besitz jener marodierenden Abenteurer, welche diesen verloren haben«, erklärte Oliva gelassen. Die sich müde senkenden Lider verschleierten ein in der tiefsten Tiefe ihrer Augen sich entzündendes unheimliches Frohlocken. »Hätte ich anders geglaubt, so gab es für mich keine Veranlassung zu der anstrengenden Reise mitten zwischen den nördlichen Streitkräften hindurch. Ich kannte nur die einzige Aufgabe, zu warnen und zu retten, wo ein schweres Verhängnis über ahnungslosen Häuptern schwebte.«

»Sie sind mit dem Inhalt dieses Briefes vertraut?«

Oliva lächelte mit einer gewissen Überlegenheit. »Sie fragen nicht im Ernst«, versetzte sie. Ein Anflug von Spott eilte über ihr Antlitz.

Palmer strich mit der Hand über seine feuchte Stirn, eine Bewegung, welche Oliva als ein Merkmal der sich steigernden Kopflosigkeit triumphierend begrüßte.

»Wo hatte ich meine Gedanken?«, entschuldigte er die unbesonnene Frage. »Es schwebte mir vor, dass Ihre Reise, abgesehen von den drohenden Gefahren, mit erheblichen Kosten verbunden sind – ich weiß nicht, wie ich Ihnen gegenüber mich ausdrücken soll – Sie verkaufen mir vielleicht diesen Brief …«

Oliva richtete sich höher auf und fiel mit dem Lächeln einer unsäglichen Geringschätzung ein: »Mit anderen Worten, Sie möchten mich entschädigen. Können Sie das Geschick entschädigen, welches verhinderte, dass dieser Brief in unrechte Hände fiel? Stellen Sie mich daher mit dem Geschick auf dieselbe Stufe. Wenn ich in Begeisterung für mein südliches Vaterland das Leben täglich aufs Spiel setze, welchen Wert könnten da einige Dollar für mich haben?«

»Verzeihen Sie«, bat Palmer bestürzt. Mühsam arbeitete er sich unter der Nachwirkung des ersten, jähen Schreckens hervor. »Eine wohlgemeinte Frage war es, darauf begründet, dass Sie zur Fortsetzung Ihrer patriotischen Unternehmungen notgedrungen über Mittel verfügen müssen …«

Abermals unterbrach Oliva ihn mit dem Ausdruck beleidigten Gefühls. »Ich selbst bin nicht mittellos und bereit, das Letzte auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern. Sollte ich aber irgendwelcher Mittel bedürfen, so besitze ich Freunde genug, die entschlossen sind, mich in meinen Plänen zu unterstützen.«

»Zählen Sie mich ebenfalls zu Ihren Freunden, ich bitte dringend darum«, versetzte Palmer, von achtungsvoller Scheu vor der wunderbaren Erscheinung erfüllt, deren Stimme allein schon eine unerschütterliche Willenskraft verriet. »Auf alle Fälle hat diese kurze Abschweifung unseres Gespräches dazu gedient, mein Vertrauen zu festigen. Doch um auf die von Ihnen überbrachten Nachrichten zurückzukommen: Dieselben sind so wichtig, bedürfen in so hohem Grad des ruhigen Erwägens und Prüfens, dass ich bei einer Entscheidung über die zunächst zu beobachtenden Schritte die Verantwortlichkeit für die etwaigen Folgen einer Übereilung oder Vernachlässigung nicht allein übernehmen kann. Ich werde Sie auf kurze Zeit verlassen, um mich mit einigen erprobten Freunden ins Einvernehmen zu setzen. Kehre ich zurück, so erfahren Sie meinen oder vielmehr unseren Entschluss unverblümt. Das Vertrauen, welches Sie mir durch Ihre Selbstlosigkeit entgegen brachten, erheischt von unserer Seite dieselbe Offenheit.«

Oliva neigte das Haupt beipflichtend, und gleich darauf befand sie sich allein. Sie hatte sich erhoben und wiederum, jetzt aber mit Absicht, kehrte sie sich dem Spiegel zu. Sie erschrak über sich selbst. In solchem Maß waren in ihren Zügen wilder Hohn und unauslöschlicher Hass zum Durchbruch gelangt. Anfänglich ihr Bild ernst betrachtend, lächelte sie plötzlich. Es war das Lächeln eines Dämons, ausgestattet mit den verführerischen Reizen eines von der Natur bevorzugten Weibes.

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