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Diane Teil 1 – Kapitel 13

Alexander von Ungern-Sternberg
Diane
Ein Kriminalgemälde der modernen Gesellschaft
Berlin, 1842, Buchhandlung des Berliner Lesekabinetts

Dreizehntes Kapitel

Die Heldin der Geschichte tanzt einen Galopp, dessen Folgen bedenklich werden

Wir wenden uns jetzt zu der wahren Erbin des Namens und der Reichtümer der gräflichen Familie. Das kleine, bescheidene Gasthaus Zum Schwan vor dem Halleschen Tor taucht mit seinen grünen Fensterläden und seinem zierlichen Gitterzaun wieder vor unseren Blicken auf. Es ist der Morgen eines Werktages, und das hübsche schlanke Mädchen, das eben mit einem Korb unterm Arm, in der reinlichen zierlichen Tracht einer Hausmagd und Kellnerin hervortritt, ist niemand anders als unsere Diane, die wir als sechsjähriges Kind in dieses Haus brachten, und die jetzt zu einer zarten jungfräulichen Gestalt emporgewachsen ist. Ein hellblaues Mieder umschließt ihre Taille, eine blendend weiße Schürze deckt zum Teil den Rock aus buntfarbigem Kattun, der hübsche Fuß ist im feinen Strumpf und knappen Schuh verhüllt, ein seidenes Tüchelchen, ein Geschenk am eben zurückgelegten Geburtsfest von der freigebigen Hand der Frau Sempel, schließt nur gerade so eng um den Nacken, um einen weißen vollen schöngeformten Hals sehen zu lassen. Das bereits ins Schwarzbraune nachgedunkelte Haar liegt in glatter Fülle eng an die rosige Wange gewunden und in eine Flechte ums kleine Ohr gelegt, grade genug Platz gewährend, um eine Bernsteinperle, die als Ohrschmuck bei den Bewegungen des Kopfes sich hin- und herschaukelte, in ihrem goldenen Schimmer glänzen zu lassen. So ging dieses zierliche Mädchen auf den Markt, um für die Küche noch einiges einzukaufen, denn es hatte sich für diesen Mittag eine zahlreiche Gesellschaft angekündigt. Frau Sempel fand, in ihrer kleinen Küche hin und her fahrend, alle Hände voll zu tun, um fremde Leckerbissen zu bereiten, Leckerbissen, die nur über den Gaumen vornehmer Herren zu gleiten pflegen und von deren Existenz die Stammgäste des Schwans noch nie etwas erfahren haben. Lene erschrak über die fremden Namen, die über Frau Sempels Lippen schlüpften, über die Austern, die sie früher nur in Abbildungen an den Läden der Gewürzkrämer gesehen hatte, und mit denen sie sich jetzt in natura bekannt machen musste, und über die ungewöhnliche Stunde, in der diese fremden Gäste zu speisen begehrten; denn es sollte um vier Uhr angerichtet werden. Der Schwan war völlig aus seinem Gleis gewichen und befand sich in gänzlich fremdem Fahrwasser.

»Zum Schluss der Mahlzeit«, sagte Frau Sempel, indem sie eine Anzahl Pilze in den Teig der Austernpastete schüttete, »müssen wir noch einen Ananaspunsch haben.«

»I, du meine Güte!«, schrie Lene, »was ist denn das?«

»Der Gärtner drüben«, fuhr Frau Sempel fort, ohne den Schrecken auf dem feuerroten Antlitz ihrer Magd zu bemerken, »hat mir einige unreife Ananas versprochen, die von der Kälte gelitten haben.«

»Richtig Madame, es liegen hier ein paar kleine, verfaulte Knollen. Ich habe sie hinter den Küchennapf geworfen, weil ich sie für verdorbene Kartoffeln hielt.«

»Du wirst doch nie die Feinheiten der Küche begreifen, Lene«, sagte die Gastwirtin in einem feierlichen Ton. »Gib nun acht, wie ich den Ananaspunsch bereiten werde.«

»Es ist zu toll!«, rief Lene. »Diese Leckermäuler! Ich dächte, wenn sie eine Austernpastete zu verschlingen bekommen, so könnten sie für ihr ganzes Leben genug haben. Ich für meinen Teil zöge ein Stück Rindfleisch mit einer Senfsoße all diesem Hokuspokus vor.«

Frau Sempel lächelte über diese Bemerkung, ohne etwas darauf zu erwidern. Mittlerweile hörte man ein Geklapper mit Säbeln und ein lautes Türzuschlagen.

»Sie sind schon da!«, flüsterte die Magd. »Soll ich nun gleich die Froschsuppe auftragen?«

»Froschsuppe!«, kreischte die Wirtin. »Es ist eine nachgemachte Schildkrötensuppe.«

»Schildkröten und Frösche ist doch alles ein Geziefer«, murmelte die Gescholtene, indem sie mit der Terrine fortwankte. Sie ließ die Küchentür offen, und durch diese trat, wie eine Erscheinung aus einer besseren Welt in den dunklen schwärzlichen Raum, Diane mit ihrem Körbchen.

»Gut, dass du kommst, Mädchen«, rief ihr die Gastwirtin entgegen, »die arme Lene ist von der Arbeit am Herd so zugerichtet, dass sie bei Tisch nicht wohl wird aufwarten können. Dies Geschäft musst du heute allein besorgen.«

»Sehr gern, liebe Mutter«, antwortete Diane und setzte ihr Körbchen auf den Küchentisch.

»Hast du bemerkt, Kind, ob die Gäste sich schon versammelt haben?«

»Das ganze Zimmer steckt voll Offiziere, Mutter.«

»Offiziere?«, rief Frau Sempel und sah mit einem besorgten Blick auf die jugendliche Gestalt ihrer Pflegetochter. »Ob ich da die Lene nicht lieber hineinschicke. Weißt du auch mit solchen Herren umzugehen, Kind?«

»Es sind sehr artige freundliche Herren, Mutter.«

»Solange sie noch nicht getrunken haben«, murmelte die Gastwirtin. »Später werden sie zwar nicht unfreundlich, aber unartig. Nun, in meinem Haus werden sie sich schon zusammennehmen.«

»Die Herren wollen zwei Flaschen Hasenstern!«, schrie Lene, atemlos in die Küche stürzend. »Und dann soll ich den Rheinlachs noch einmal servieren. Uff, ich kann nicht mehr!« Sie setzte sich auf den Mehlkasten und stöhnte, indem sie ihre roten Arme in die Luft streckte.

»Hier sind die Flaschen Haut Sauterne und hier ist der Kopf des Fisches«, rief Frau Sempel und übergab die genannten Gegenstände Diane, die damit ins Zimmer eilte. Als sie hineintrat, drang ihr ein vollstimmiges Hurra entgegen, das sie mit einem freundlichen Kopfnicken erwiderte. Sieben junge Herren, teils in Uniform, teils in Zivilkleidung, hatten am runden Tisch Platz genommen. All diese fröhlichen Gesichter sahen mit dem Ausdruck der Überraschung auf das eintretende Mädchen.

»Ah, mein Engel, kommst du endlich!«, rief der zunächst Sitzende, ein schwarzer Lockenkopf, mit einem hübschen Bärtchen. »Deinetwegen sind wir hier, nur allein deinetwegen.«

»Sie scherzen, gnädiger Herr.«

»Nein, bei dem Bart meines Urgroßvaters! Ich scherze nicht. Glaubst du, wir wären in diese kleine Vorstadtkneipe gekommen, um hier eine Transuppe mit gekochtem Katzenfleisch und einen Wein zu genießen, der die Löcher im Strumpf zusammenzieht?«

»Hier ist der Fisch, meine Herren.«

»Teufel! Geh mir mit deinem Fisch vom Leibe! Willst du mir nicht lieber einen Kuss geben?«

Diane zog sich lächelnd und freundlich zurück und setzte den Teller mit dem Fischkopf unten an der Tafel nieder. Ihre beiden Hände wurden ergriffen. Auf der einen Seite hielt sie ein blonder, auf der anderen ein schwarzer Kornett fest.

»Gehen Sie nicht manchmal Unter den Linden spazieren, Götterkind?«, fragte der Erstere.

»Bei Gott, ich habe Sie gestern in der Friedrichstraße gehen sehen, reizendes Wesen?«, rief der Zweite.

»Nein, mein Herr! Nein, mein Herr, nein, nein, mein Herr!«, erwiderte Diane nach beiden Seiten hin. »Ich gehe nie spazieren, ich habe dazu keine Zeit, wahrlich, keine Zeit. O, lassen Sie mich los!«

»Wer es glaubt«, antwortete der Blonde. »Was mich betrifft, so habe ich schon so viel Lügen über die Lippen schöner Mädchen gehen hören, dass ich keiner mehr glaube.«

»Das ist recht schlecht, dass man Sie belogen hat«, sagte Diane.

Der ganze Kreis am Tisch schlug ein lautes Gelächter an, das dem armen Mädchen eine heftige Röte entlockte.

»Du glaubst ihm?«, rief der oben Sitzende. »Ihn hat kein hübsches Mädchen belogen, aber er hat sie alle belogen! Trau ihm nicht.«

»Aber mir traust du«, schmeichelte der Blonde und hielt Dianes Hand noch fester.

»Lassen Sie mich, ich muss die Pastete hereinbringen!« Sie entschlüpfte, und an der Tür kam ihr Lene schon mit der dampfenden Schüssel entgegen.

»He! Alte Bierkanne! Eine Flasche Liebfrauenmilch!«

»O, pfui!«, entgegnete die erzürnte Magd, »wie können gesittete vornehme Herren nur solche Späßchen machen!«

»Donner und Doria! Die Alte weiß nichts von Liebfrauenmilch. Hahaha!«

Ein lautes Gelächter ertönte, und Lene begab sich, schwitzend vor Zorn und Verachtung, in die Küche. Diane musste von Neuem mit dem verlangten Wein ins Zimmer.

Unterdessen hatten die Gäste sich um das Doppelte vermehrt. Die Hinzugekommenen waren ältere Leutnants, bärtige, blasse Gesichter, mit nicht sehr empfehlenswertem Ausdruck in den schlaffen Zügen. Ein neuer Tisch musste hinzugerückt werden, und eine große Anzahl Flaschen wurden nacheinander aufgestellt. Die Pastete erhielt eine neue Füllung, in einer benachbarten Garküche wurde eilig ein schon bereiteter Fisch gekauft, und Frau Sempel ging daran, eine Generation von Omelettes aux fines herbes zu schaffen. Vom Braten, der in einer saftigen Rehkeule bestand, war noch vorrätig. Endlich erschien auch der Ananaspunsch und fand, da die Gesellschaft sich in sehr tolerante Laune getrunken hatte, allgemeinen Beifall. Lene wurde hereingerufen und erhielt ein Glas. Diane musste aus den Gläsern fast aller Offiziere nippen. Die Scherze über ihre Schüchternheit, die Lobsprüche ihrer Schönheit waren jetzt nicht mehr sehr fein oder verhüllt. Frau Sempel, die an der halb offenen Tür etwas hiervon erlauschte, wollte das Mädchen nicht mehr hereinlassen, allein sogleich brach eine offene Revolution aus. Diane musste wieder erscheinen, und Frau Sempel hielt eine kurze Rede, in welcher sie die jungen Herren von Stande auf die Reputation des Weißen Schwans aufmerksam machte, und in demütigen Ausdrücken bat, das junge Mädchen, ihre Pflegetochter, artig zu behandeln. Es wurde ihr mit einem lauten Hurra und wildem Gläsergeklirre zugesagt.

Diese Zusage verhinderte jedoch nicht, dass nicht der Lärm immer ärger wurde. Ein altes Piano stand im Winkel des Zimmers, es wurde geöffnet und ein beliebter Galopp ertönte. Zwei sehr kleine, flachshaarige Studenten, ein äußerst schmächtiger Supernumerarius, der eben den Notlauf überstanden hatte und dem von seiner Mutter große Vorsicht in der Diät anempfohlen worden war, und zwei Kadetten, die heute zum ersten Mal Offizierepauletten trugen, machten die Damen und wurden tapfer herumgeschwenkt. Die älteren Offiziere saßen beim Glas und schauten zu, indem sie den Takt brüllten. Endlich erhob sich einer derselben. Als er Diane in die Nähe kam, legte er seinen Arm um ihre Taille und zog sie mit hinein in den Strudel. Das Mädchen wehrte sich, doch vergebens. In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen und zwei neue Gäste traten ein. Der Erste, ein Offizier, schritt auf die Tanzenden zu und stellte sich ihnen in den Weg, indem er drohende und finstere Blicke auf sie warf.

»Ah, sieh da! Derburg? Du kommst sehr spät!«, rief der Tänzer, der Diane noch im Arm hatte.

»Du wirst so gefällig sein, das Mädchen freizulassen!«, sagte leise, aber mit fester Stimme der Graf.

»Sie ist meine Tänzerin!«, erwiderte der andere lachend.

»Aber du quälst sie!«, rief etwas rauer der Beschützer Dianes. »Siehst du nicht, wie ihr die Tränen nahe sind?«

»Wahrhaftig! Nun um so besser, der lustige Tanz wird sie schon munter machen.«

»Du lässt sie frei!«, tönte jetzt scharf und drohend die Stimme Derburgs. Diane entfloh ihrem Bedränger, indem sie den Kreis durchbrach, der sich um die beiden Streitenden gebildet hatte. Es wurde hin und her geflüstert, doch keine Stimme wurde laut. Der Supernumerarius trank den Rest seines Punsches aus und wandte sein Gesicht, in dem große rote Flecke sich zeigten, besorgt dem Spiegel zu. Die zwei Kadetten rückten ihre Epauletten, die im Tanz verschoben waren, zurecht und bemerkten, dies sei eine sehr ungewöhnliche Streitsache, und sie wüssten nicht genau anzugeben, was sie in dem Fall tun würden. Die Streitenden zerbrachen in großer Aufregung einige Gläser, die älteren Offiziere gingen vermittelnd hin und her, und nur der Pianospieler fuhr fort, höchst konfuse Variationen auf das Galoppthema vorzubringen.

Endlich kamen alle darin überein, dass man nun nach Hause gehen müsse. Sie verließen das Gasthaus, bis auf den jungen Grafen und den Herrn, der mit diesem gekommen war.

»Also du willst mein Sekundant sein?«, rief der Erstere seinem Gefährten zu.

»Gewiss, aber ich verwünsche diese elende Kneipe und das Mädchen.«

»Ich konnte nicht anders handeln, Sellheim, das siehst du wohl. Schon lange wusste ich, dass man hier dem Mädchen nachstellte. Dieser Braun ist ein Mensch, der nie spaßt, wenn es gilt, lasterhafte Anschläge zu machen.«

»Aber was zum Teufel geht dich denn die Dirne an? Bist du etwa in die Gesellschaft für moralisch-sittliche Zwecke eingetreten und gehst darauf aus die Dienstboten in Berlin zu verbessern?«

»Sellheim, du weißt, dass ich dieses arme Kind vor acht Jahren …«

»Ah! Milles excuses! Das ist also das Bettelkind! Ja, nun begreife ich. Du bist gleichsam ihr Pflegevater. Hahaha! Bei alldem hättest du nicht nötig gehabt, dich für sie zu schlagen. Das ist zu viel. Was bliebe denn für die Damen übrig, wenn wir uns schon für Kellnerinnen und Küchenmägde schlügen. Das Blut eines preußischen Leutnants ist eine Substanz, sehr edel in seiner Art, und darf nicht um Bagatellen verschleudert werden!«

»Meinst du? Und die Ehre eines armen, von Gott und Menschen verlassenen Geschöpfes ist dir eine Bagatelle?«

»Nun, nun, keine Predigt! Wie du willst, schlage dich oder schlage dich nicht. Ich werde dir immer zur Seite stehen. Diable! Es fängt an. kühl zu werden. Ich tat unrecht, einen meiner Röcke abzulegen.«

»Ich werde dir einen Mantel borgen.«

»Fi donc! Ich trage nie Mäntel. Jacques! Wo bleibt der Esel mit meinen Röcken. Ah! Da ist er. Gut Jacques, du hast auch noch den Paletot mitgenommen? Die Vorsicht ist zu loben. Mache ich mich nicht ordentlich dick, Derburg?«

»Gewiss, wenn du alle die Röcke anlegst, so könnte man fast glauben, dass du etwas Fleisch auf den Rippen hast.«

»Das ist der Vorteil der Unbeleibten«, erwiderte der Gelobte sehr selbstgefällig. »Mir kann der Schneider nicht so leicht einen Possen spielen, denn es müsste mit einem Wunder zugehen, wenn man eine solche Taille, wie die meine, verderben wollte. Es ist pur unmöglich!«

Der Referendarius stolzierte, im Bewusstsein seiner unverwüstlich schönen Taille, zur Tür hinaus, Sejan folgte. Es war schon völlig finster, als sie den Flur durchschritten. Diane stand mit zurückgehaltenem Atem. Sie hatte schon lange hier gelauscht, um Derburg zu sprechen. Jetzt ging er so rasch an ihr vorüber, und der Gefährte wich so wenig von seiner Seite, dass sie den Mut verlor, ihn anzureden. Seine Hand streifte ihre Schürze, und diese Schürze war feucht von Tränen. Das stets wachsame Auge der Liebe, das nie sich täuschende Ohr zärtlicher Besorgnis hatten dem armen Mädchen den Streit und das Opfer, das für sie gebracht werden sollte verraten. Sie zerfloss in Tränen. Wie gern hätte sie den wilden Galopp jetzt zwei-, dreimal erneut, wenn sie dadurch das Geschehene ungeschehen hätte machen können. Sie blickte den Weggehenden nach, immer noch in der Hoffnung, sie würden sich trennen, wo sie dann eilig, und wie sie hoffte, unvermerkt dem Grafen nachgelaufen wäre, um ihm ihre Bekümmernisse und ihre Warnung ans Herz zu legen. Die Freunde trennten sich nicht, und ihre Gestalten verloren sich in der Dämmerung und Ferne. Es wurde still in der Straße, die grünen Vorhänge in der Trinkstube leuchteten durch das Dunkle mit der Farbe trügerischer Hoffnung. Diane ging auf den einsamen Flur zurück in die Gaststube, wo sie Lene beschäftigt fand, die Fragmente der Pastete und die Reste des Ananaspunsches verschwinden zu machen. Sie setzte sich ihr gegenüber, aber die beschäftigte Magd hatte kein Ohr für die leise angestimmten Klagen der jungen Kellnerin.

»I, sie werden sich einander nicht die Federn ausraufen«, bemerkte Lene, »die Streitigkeiten von so vornehmen Herren enden sich immer in lauter Spaß. Anders ist es, wenn die Mannsleute unseres Schlages etwas auszufechten haben. Ich erinnere mich noch der Prügelei zwischen Christoph Altpflücker und Adam Ehrlich wegen Bärbchen Lump. Davon sprach das ganze Viertel drei Wochen lang, und Bärbchen Lump kam dadurch so in Aufnahme, dass sie einen guten Mann bekam, obwohl es bekannt war, dass sie wegen Diebstahl dreimal schon im Zwangshaus gesessen hatte.«

Diane, unbekümmert um diese wichtige Mitteilung aus dem Erfahrungsschatz der Küchenmagd, schlich leise aus dem Zimmer und trat in den Hof. Der Mond war eben aufgegangen und warf sein stilles Licht auf den Röhrenbrunnen und den niedrigen Gartenzaun des Nachbarn. Weiterhin lagen in stillem Frieden die Häuser der großen Stadt. Durch den Nebel konnte man die beiden Kuppeltürme der Gendarmenkirche mit ihren goldenen Figuren auf der Spitze erkennen, diese Türme, die in einem so eleganten und doch imposanten Stil gebaut sind, und den Platz, auf dem sie stehen, zu dem schönsten Berlins machen. Dianes Herz war so schwer, dass sie nicht wusste, wo Ruhe und Rast finden in weiter Welt. Der teure Mann, dem sie so viel Dankbarkeit schuldete, war in Gefahr – und sie ohnmächtig, ihm zu helfen. Ja, ihretwegen erlitt er vielleicht in wenigen Stunden Unglück oder Tod. Sie hatte sehr verworrene Begriffe von einem Duell, es war für sie der schrecklichste der Schrecken. Sie wusste zwar, wo Graf Derburg wohnte, aber sollte sie es wagen, ihn selbst aufzusuchen? Der Gedanke, dass er sie hart anlassen könne, schreckte sie zurück. Nur sein Unwille, nicht der Spott anderer, hielt sie vom Wagestück ab. Von Neuem in Tränen ausbrechend, lehnte sie ihr Haupt auf die Steine der Gartenmauer.

Da ertönte eine sanfte Stimme in ihrer Nähe: »Was ischt Ihnen, liebe Mamsell?«

Sie blickte auf, und jenseits der Mauer stand ein junger Mensch. Seine freundlich dunklen Augen blickten mit dem Ausdruck der innigsten Zärtlichkeit hinüber.

»Sind Sie es, Friedrich?«, rief Diane und sah ihn mit verweinten Augen an.

»Ich dachte, Mamsellchen, Sie suchten den Blumenstrauß, er liegt hier!«

»Ah, ich danke.« Sie nahm die Astern und Spätrosen und drückte sie an ihre brennenden Wangen. Der junge Mensch sah es, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Beide blieben stumm nebeneinander stehen.

Wir müssen diese neue Bekanntschaft Dianes, die sie in der Zwischenzeit, wo wir sie aus den Augen verloren hatten, gemacht hat, näher betrachten.

Dicht am Gasthof Zum Schwan breiteten sich die Gartenanlagen eines Kunstgärtners aus, der einen großen Ruf hatte und dessen kostbare Blumensämereien in alle Lande verschickt wurden. Als ein ordnungsliebender und im Geschäft pünktlicher Mann hatte er oft mit seinen Gehilfen, Gesellen und Lehrburschen wechseln müssen, weil keiner seinen Forderungen genügte, bis es ihm endlich gelungen war, einen jungen Mann von großem Fleiß und nicht geringer Ausbildung für dieses Fach zu finden. Diesem hatte er nach Verlauf weniger Jahre schon sein ganzes Vertrauen geschenkt. Es war ein Schwabe und hieß Friedrich Neuner. Eines nur verleidete dem armen Friedrich sein Geschäft, dies war der Spott der Berliner über sein ehrliches schwäbisches Gesicht und sein ehrliches schwäbisches Deutsch. Nirgends konnte man ein Paar so treuer Augen, ohne Schalkheit und Trug finden, wie die waren, durch welche der junge Schwabe die Welt betrachtete. Sein Herz war ohne Falsch, aber seine Sprache war es nicht. Dieses verleitete die mutwilligen Lockvögel des Viertels, ihm manche boshafte Neckerei aus dem Hals zu locken, bis denn, so gesprächig er in der Heimat gewesen war, er jetzt so stumm in Berlin wurde, als hätte er zum Trapistenorden gehört. Stets auf seiner Hut, keinen verspotteten Provinzialismus sich entgleiten zu lassen, und zugleich voll Verachtung gegen das Berliner Deutsch, zog er es vor, lieber gar nicht zu sprechen. Vor Diane jedoch, die nie über ihn lachte, hatte er Mut, sich frei gehen zu lassen. Die Abendstunden so wie heute, waren hierzu die gelegensten. Friedrich nahm dem Burschen die Gießkanne aus der Hand und begoss, was sehr unter seiner Würde als zweiter Gehilfe war, selbst die Blumen, die an der Mauer wuchsen, die nie gedeihen wollten, wahrscheinlich, weil sie zu angelegentlich getränkt wurden. Alle Abende lag dann zugleich ein Strauß für Diane auf einer bestimmten Stelle. Sie schickte danach, wenn sie nicht selbst kommen konnte, denn dieser kleine Liebeshandel, von Friedrichs Seite konnte man ihn so nennen, wurde völlig ohne Heimlichkeit betrieben.

Friedrich konnte nicht lange dastehen, ohne das Stillschweigen zu brechen und zu fragen, was seiner Freundin fehle.

»Hören Sie, lieber Neuner«, sagte Diane endlich, »wollen Sie mir einen großen Dienst erzeigen?«

»Ob ich will?«, rief der junge Schwabe und schwenkte seine Gießkanne, als ob sie das Turnierschild eines Ritters gewesen wäre.

»Nun denn, so eilen Sie. Werfen Sie sich in die besten Kleider, die Sie haben, und gehen Sie dann zum Leutnant Graf Derburg. Er wohnt Behrenstraße Nummer 65.«

Friedrich fiel es in seiner Gutmütigkeit nicht ein, darüber eine Bemerkung zu machen, dass Diane die Wohnung eines jungen Leutnants wusste. Seine Mienen drückten nur Ungeduld aus, das Weitere des Auftrages zu erfahren.

»Sagen Sie ihm«, fuhr das Mädchen fort, und ihre Stimme zitterte, »dass ich Sie schicke, und dass ich ihn bitten lasse, Gott vor Augen zu haben, und in nichts Gefährliches weder für sich noch für andere zu willigen.«

»Ischt das alles?«

»Ja, aber versprechen Sie mir, das offen und frei zu sagen. Denken Sie diesmal nicht an Ihre schwäbische Aussprache, diesmal nicht, Friedrich, sonst bleiben Sie stecken, und der Graf wird nicht wissen, was Sie von ihm wollen …«

»Er soll es schu erfahre, aber was ischt’s denn vor Unglück, das ihn betreffe soll …?«

Diane erklärte ihm den Vorfall vom heutigen Abend. Er hörte aufmerksam und mit Verwunderung zu. Dann entfernte er sich eilig und versprach ihr, in einer Stunde längstens Antwort zu schaffen. Er eilte hierauf in sein Zimmer, legte seinen ganz neuen schwarzen Anzug an, auch die rotsamtene Weste mit den goldenen Knöpfen, denn Diane hatte ausdrücklich gesagt, er sollte seine besten Kleider wählen. Nachdem er beim Prinzipal um Urlaub gebeten hatte, denn der Feierabend war noch nicht angebrochen, nahm er einen Mietwagen und ließ sich in die Behrenstraße fahren. Unterwegs hatte er große Mühe, eine widerspenstige Hemdnadel mit einem großen falschen Stein an das Jabot zu befestigen und ein Paar enge Handschuhe, ihrer Bestimmung gemäß, an die Hände zu bringen. Endlich, am bezeichneten Haus angelangt, hörte er von dem Reitknecht des Grafen, dass dieser nicht zu Hause sei. Auf die Frage, wo man ihn finden könne, da die Sache von Wichtigkeit, nannte der Diener eine Weinstube, wo sein Herr um diese Stunde sich gewöhnlich aufzuhalten pflegte. Friedrich begab sich dahin und hatte Mut nötig, um in das prachtvolle, hell erleuchtete Zimmer zu treten, wo die Offiziere des 5. Kürassier-Regiments sich zu versammeln pflegten. Die Stunde war noch früh und niemand im Zimmer, als nur ein einziger junger Mensch, der träumerisch in einem Lehnsessel lag, und den Wein nicht anrührte, der vor ihm stand. Friedrich hatte nicht Ursache, sich befangen zu fühlen. Er sah in seinem schwarzen engen Röckchen, in der Atlaskrawatte und den glänzenden Stiefeln recht fein und zierlich aus. Das schwarze Bärtchen auf der Lippe, das glänzende, in Locken fallende Haar und die frischen Wangen gaben ihm das Ansehen eines Studenten. Er ließ sich eine halbe Flasche Wein geben. Indem er sich in die Ecke des Zimmers setzte, fragte er den Kellner leise, ob wohl der Graf Derburg herkommen werde.

»Er ischt wirklich da!,« entgegnete der Gefragte, indem er auf den Offizier wies.

»Er ischt wirklich da!«, jauchzte Friedrich auf. »Hör! Du bischt a Schwab!«

»Ja!«, rief der andere und sah mit leuchtenden Augen auf den Gast. »Aber Sie sind aoch einer!«

»I hoab di an deinem wirklich erkannt!«, rief Friedrich, dem Landsmann die Hand drückend, »dat soagt kan Berliner. Nu es freut mi, di zu sehn!«

Das Gespräch der beiden Landsleute endete schnel. Friedrich fand es für gut, seine Aufmerksamkeit auf das eigentliche Ziel seiner Sendung zu lenken. Es war mittlerweile ein langer blonder, sehr dünner Herr eingetreten, der zwei Überröcke ablegte. Das Gespräch, was beide führten, war so wichtig, dass der junge Gärtner sich Mühe gab, kein Wort davon zu verlieren.

»Ich habe die Sache beigelegt«, sagte der Blonde.

»Das ist mir nicht lieb zu hören, Sellheim. Du hättest deine Kunst diesmal sparen können. Ich will nun einmal das Mädchen sicher stellen, und du wirst sehen, nicht eher werde ich dies Ziel erreichen, als bis ich derb auftrete.«

»Baum ist ein so braver Junge. Er verspricht dir, nie wieder in die verwünschte Kneipe zu gehen«, sagte der Referendar. »Freilich werden aber seine Freunde die Spur nicht aufgeben, ich sehe voraus, dass es noch teufelsmäßigen Spektakel geben wird. Und dann, Sejan, bedenke, wenn Lucie etwas davon erfährt? Die Weiber heutzutage stecken in alles ihre Nase und sind dabei so übermäßig auf die Moralität versessen. Sie wird glauben, dass das Mädchen deine Geliebte ist, und das ist Grund genug für sie, mit dir zu brechen.«

»Ich werde ihr offen erklären …«

»Sie wird dir nichts glauben. Viel besser wäre es, das Mädchen zu entfernen. Hast du nicht irgendeinen ehrlichen Menschen, einen Jäger oder Koch, mit dem du sie verheiraten könntest? Dies wird doch das Ende des Romans sein.«

Friedrichs Blut strömte heftig zum Herzen und rötete seine Wangen, als er diesen wohlgemeinten Rat des Referendars hörte. »Irgendein Jäger oder Koch!«, murmelte er für sich, »dann kann es doch lieber ein Gärtner sein!«

Der Wein schmeckte ihm wie Galle, er wollte keinen Tropfen weiter trinken. Die Tür ging auf, und der Leutnant Baum und noch einige andere Offiziere traten ein. Der Erstere schritt auf den Grafen zu und reichte ihm die Hand hin. Derburg sah ihn an, es war ein langer, düsterer Blick des Vorwurfs, der einiges Stirnrunzeln auf dem Antlitz des kaum Versöhnten hervorrief, aber ihre Hände lagen bald ineinander und die zweifelhaften Mienen verschwanden. Die Versöhnung wurde in einigen Flaschen Champagner besiegelt.

Friedrich war zum ersten Mal bei einem Bachanal vornehmer Wüstlinge gegenwärtig. Seine Wange färbte sich höher vor Unwillen und Scham, als er die Scherze, die Geschichten hörte, die den Lippen der Berauschten entglitten. In der stillen Abgeschiedenheit seiner Jugend hatte er es nie für möglich gehalten, dass eine so wilde Ausgelassenheit über alles, was er für heilig und erhaben hielt, sich verbreiten könne. Er stand unbemerkt auf, bezahlte seine Zeche, die den Lohn einer ganzen Woche aufzehrte, nahm von seinem Landsmann mit einem verstohlenen Händedruck Abschied und eilte nun mit geflügelten Schritten nach Hause, denn seine erschöpfte Börse erlaubte ihm nicht, nochmals einen Wagen zu nehmen, und die Stunde, die er auszubleiben versprochen hatte, war um wenige Minuten verflossen. Er fand Diane noch an der Gartenmauer wartend. Sie hatte nicht einmal daran gedacht, ein Tuch gegen die kühle Herbstluft umzutun. Mit Herzklopfen hörte sie ihren Abgesandten den Gang herabkommen. Als sie ihn erscheinen sah, ergriff sie seine Hand, und indem sie ihn so nah wie möglich zu sich heranzog, lauschte sie seinen Worten, als wollte sie sie ihm von den Lippen saugen.

Friedrich verhehlte ihr nichts. Er war viel zu wenig bekannt mit den Schwächen und Gebrechen des Menschenherzens, und vor allem mit denen eines Mädchenherzens, um zu wissen, was er in seinem Bericht zu mildern oder gänzlich wegzulassen habe. Er sagte ihr, dass der Graf erwarten müsse, täglich ihretwegen Duelle zu bekommen, dass er sich mit seiner vornehmen Geliebten entzweien werde, und endlich, dass sein Freund ihm den Rat gegeben hatte, sie sobald wie möglich zu verheiraten und aus Berlin zu entfernen. Das Letztere betonte Friedrich besonders stark, denn sein volles Herz drängte ihn, seine eigenen Hoffnungen in dieser verschwiegenen Stunde, bei diesem Stand der Dinge hervorleuchten zu lassen. Das arme Mädchen hörte stumm und, wie es schien, vollkommen ruhig zu. Als Friedrich beendet hatte, dankte sie ihm und winkte ihm, sich zu entfernen. Er ging. Als er fort war, sank sie an der Mauer hin. Der bleiche Mond sah in ein bleiches Antlitz und ein brechendes Auge. Sie ermannte sich wieder und richtete sich auf, als die Stimme der Frau Sempel aus dem Dachfenster ertönte, sie beim Namen rufend.