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Des Teufels Sohn

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Anne Boleyn Band 1 – Kapitel 4

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Erster Band

4.

Franz I. und die junge Hofdame

Anne hatte es vorgezogen, in Frankreich als Ehrendame der jungen, frommen Königin Claude, Tochter des verstorbenen Gemahls Marys aus erster Ehe und Gemahlin des prachtliebenden, ausschweifenden Franz I., zu bleiben. Mit ihr war auch Jane Seymour in den Dienst Claudes getreten. Da diese Letztere jedoch keine Ansprüche auf einen ebenso alten Adel wie Anne machen konnte, war sie nicht zur unmittelbaren Umgebung der Königin Maria Tudor gelangt. Die Königin Claude ließ es sich sehr angelegen sein, die strenge Moralität ihrer Mutter am Hof einzuführen. Als sie sich aber von der Unmöglichkeit dieses Wunsches überzeugen musste, indem die bekannte Vergnügungssucht und Galanterie ihres Gemahls sich wenig zu dem Charakter eines Asketen eignete, beschränkte sie die Einführung jener strenger Regel auf ihre Haushaltung. Sie erschien stets umgeben von einem Kranz junger Mädchen, welche sie gewissenhaft auch in die Messe begleiten mussten. Sie versammelte dieselben gleichfalls in ihren Gemächern um sich und führte die Aufsicht über deren Stickereien und Webereien, indem sie sorgfältig strebte, ihren Seelen eine religiöse Tendenz zu geben. Die Gesellschaft oder Unterhaltung mit Männern war diesem Jungfrauenkranz anders als bei festlichen Gelegenheiten streng untersagt, zum großen Leidwesen der lebendigen Anne, die bereits eine feine Koketterie mit ihren übrigen Talenten verband, wie sich schon in dem folgenden Dialog zwischen ihr und Jane Seymour zeigt.

Die Königin hatte eben eine lange Rede voll frommer Begeisterung über die Predigt eines berühmten Franziskaners gehalten, und mit der Mahnung an ihre jungen Zuhörer geschlossen, die Sorge für die Seele hoch über die Freuden der Erde zu stellen. Schweigend und scheinbar andächtig blickten die Mädchen auf ihre Arbeit nieder, nur Annes schönes Gesicht, die ungeduldige Bewegung, mit der sie die Nadel führte und die Seide zerschnitt, deuteten weder auf Salbung noch auf Verachtung der irdischen Freuden.

»Lady Anne, was macht Ihr?«, fragte sanft Jane Seymour in leisem Ton, »das ist ein Fehler.«

»Wohl möglich«, antwortete diese flüsternd, »denn meine Gedanken sind weit weg von dieser langweiligen Beschäftigung.«

»So hegt Ihr keine Lust, die Ermahnung des Paters zu befolgen und Nonne zu werden?«

»Ich, Jane, die Wahrheit zu gestehen, ich dachte die ganze Zeit über, die wir in der kalten Kirche zubringen mussten, an einen neuen Pas, womit ich auf dem nächsten Ball Ehre einlegen will.«1

»Und womit Ihr Seine Majestät abermals entzücken wollt«, erwiderte Jane schelmisch. »Es würde mich nicht Wunder nehmen, wenn er Euch die Ehre erzeigte, mit ihm zu tanzen.«

»Bah! Dummheiten, Jane! Wiederholt dieses Geschwätz vor jenen eifersüchtigen Französinnen nicht, die uns Fremden kein Lob gönnen.«

»Obwohl sie sehr bemüht sind, Eure Laune in Erfindung neuer Kostüme nachzuahmen, die ihnen oft herzlich schlecht stehen.«

»Wartet bis zum nächsten Ball«, sagte Anne triumphierend und erhob in ihrem Eifer die Stimme so laut, dass die Königin von ihrer eigenen Arbeit zu ihnen hinblickte.

»Über was sprecht Ihr, Lady Anne?«, fragte sie das erschrockene Mädchen. »Ich hoffe, nur über Gegenstände, welche nützlichen oder erbaulichen Inhalts sind, meine Tochter.«

»Wir sprachen von dem bevorstehenden Fest, Majestät«, nahm Jane Seymour schnell das Wort, »und meinten, dass wir uns demselben entziehen würden, wenn möglich.«

»Meine liebe Lady Anne«, nahm die arglose Königin, sichtlich erfreut, das Wort, »diese Eingebung kommt von oben und ist eine schöne Wirkung der heutigen Andacht. Schon oft fürchtete ich, dass Eure Vorliebe für weltliche Vergnügungen zu viel Macht über Eure Seele gewinnen möchte. Wenn es Euer Ernst ist, will ich den König bitten, dass Ihr den Abend auf Eurem Zimmer zubringen dürft.«

Annes Gesicht entfärbte sich und die Nadel entsank ihrer Hand. Ehe sie jedoch antworten konnte, schlug ein Kammerdiener die schwere Kortine zurück und meldete: »Seine Majestät!«

Claude samt den Damen erhob sich bei dessen Eintritt. Er grüßte anmutig durch eine leichte Schwenkung mit der Hand und führte seine Gemahlin mit ritterlicher Artigkeit zu ihrem Sessel, worauf die Mädchen wiederum schweigend ihre kleinen Taburette einnahmen. Der König ließ seine lebhaften dunklen Blicke über die reizende Gruppe gleiten und sagte lächelnd: »Wahrlich, Königin, Ihr tut uns Männern unrecht, dass Ihr sie von diesen stillen Stunden ausschließt. Diese schönen Blumen sollten die Gesellschaft schmücken.«

»Die Blumen sollen, hoffe ich, für den Himmel erblühen, Majestät«, sagte Claude. »Dort allein, in des Paradieses Luft, werden sie nie verwelken.«

»Die Frömmigkeit ist des Weibes schönster Schmuck«, antwortete Franz und küsste achtungsvoll die Hand seiner Gemahlin. »Ich bin jedoch der Überbringer einer Nachricht, die jedenfalls diesen jungen Damen eine Erheiterung verschaffen wird und zu deren Mitteilung ich mir die Erlaubnis meiner edlen Gemahlin ausbitte.«

»Ihr habt nur über uns zu befehlen, Sire«, war die demütige Antwort, »wir stehen Euch zu Gebote.«

»Nun denn, es ist eine Zusammenkunft zwischen uns und unserem königlichen Freunde Heinrich von England ausgemacht. Diesen Morgen traf der Kurier ein, welcher die Zusage brachte.«

»Werden die königlichen Freunde nach Paris kommen?«, fragte Claude.

»Nein, es wird ein festliches Lager zwischen Ardres und Guines aufgerichtet, denn die Königin Katharine wird ihren Gemahl begleiten. Wir werden unser Möglichstes tun, um den Gästen unsere Liebe und Freude durch Pracht und Schönheit zu beweisen. Es ist daher unser Wunsch und Wille, dass die Damen in ihrem reichsten Schmuck erscheinen, denn wir dürfen unsere eigenen Blumen nicht von denen Englands überstrahlen lassen. Soviel ich weiß, Lady Boleyn«, redete Franz diese an, welche bei der Ankündigung des Festes mit glühenden Wangen und strahlenden Augen das Haupt von der Arbeit erhoben hatte, »werden Verwandte von Euch das Königspaar begleiten, wohl auch Eure Schwester Mary, von deren seltenen Reizen wir bereits vernommen.«

»Sie war als Kind lieblich«, entgegnete Anne, »aber ebenso gut wie schön.«

»König Heinrich soll beides an ihr bewundern«, sagte Franz lächelnd, »sowohl ihre Tugend als auch ihre Schönheit.«

»Marys Herz ist rein wie der frisch gefallene Schnee«, erwiderte Anne mit einer leisen Betonung, welche der Königin Claude nicht entging.

»Eines Königs Lob wird ihr nicht schaden, Sire.«

Franz erwiderte nichts auf diese etwas kecke Rede, sondern stand auf und verließ das Gemach nach einer abermaligen artigen Verbeugung.

Drei Tage später fand der glänzende Ball statt, zu dem Anne einen neuen Anzug bereitet hatte. Es war nicht mehr die Rede davon, dass sie sich freiwillig demselben entziehen wolle. Als sie am Abend zur Toilette in ihr Gemach trat, duftete ihr ein köstlicher Strauß der seltensten Blumen entgegen. Hastig schritt sie darauf zu und erblickte in der Mitte desselben eine weiße Rose vom feinsten Silber, in deren Kelch ein Diamant strahlte. Gedankenvoll zog sie die Rose hervor und fand um deren Stängel ein feines Papier gewickelt, auf dem die Worte standen: A la plus belle! — F.

Ein stolzes Lächeln des Triumphes spielte um Annes schönen Mund, als sie die Rose in ein Stück Papier wickelte und dieselbe in ihrem Mieder verbarg. Die Blumen wand sie dann enger zusammen und rief ihre Zofe herbei.

Es war eine glänzende, herrliche Versammlung, welche einige Stunden später in dem hell erleuchteten, reich mit Blumen geschmückten Saal sich einfand. Alle Blicke wandten sich zu der Tür, als die Königin wie ein sanfter Abendstern, gefolgt von den vielen jungen Mädchen, eintrat. Der König eilte ihr entgegen, führte sie zu dem Ehrenplatz am oberen Ende des hohen Gemaches und gab alsdann das Zeichen zum Beginn des Tanzes, den er selbst mit einer der Damen eröffnete. Im Vorübergehen streiften seine Blicke über die Schar der jungen Mädchen, und seine Augen funkelten, als er an Annes Brust den wohlbekannten Strauß erkannte.

»Sie ist mein, die herrliche Knospe«, flüsterte er leise seinem Vertrauten, dem Herzog von Angoulème zu, »sie trägt meine Blumen auf der Brust.«

»Welches Herz würde sich der Liebe Eurer Majestät entziehen«, entgegnete der geschmeidige Hofmann.

»Wie schön sie ist!«, nahm der König wieder das Wort. »Reizend! Seht nur diese anmutigen Bewegungen, diese Lebendigkeit! Dieu! Sie gleicht der Muse des Tanzes auf jenem alten, herrlichen Bild. Ich muss sie heute noch sprechen, meine Liebe gekrönt sehen, Herzog. Gebt auf sie acht und meldet mir, wenn es Gelegenheit gibt, sich ihr, unbemerkt von der Königin, zu nähern.«

Die Gelegenheit ließ nicht auf sich warten; denn Anne, erschöpft von dem langen Tanz und der drückenden Hitze, wand sich leicht durch das Gedränge und flüchtete in eines der Nebenzimmer, wo sie sich an ein offenes Fenster stellte und in den Garten hineinschaute. Ihr Herz klopfte fast sichtbar unter dem eng anliegenden Gewand von scharlachrotem Samt. Da legte sich plötzlich ein fester Arm um ihre feine Taille und eine leise Stimme flüsterte schmeichelnd »Enfin!«

Anne wandte sich um — und erblickte den König, dessen feurig dunkle Augen verlangend sich in die ihren senkten.

»Anne, ich liebe dich! Ich will von deinem süßen Mund vernehmen, dass du meine Liebe erwiderst.«

»Majestät!«, antwortete das Mädchen, einige Schritte von ihm wegtretend, mit unbeschreiblicher Hoheit, »mein Vater empfahl mich Eurem ritterlichen Schuh an, als er die Tochter hier einsam ließ — und König Franz gelobte, das Mädchen zu ehren.«

»Ich halte mein Wort!«, sagte Franz, »und noch mehr, ich liebe dich.«

»Und denken mir die Ehre zu, Ihre Geliebte zu werden?«, erwiderte Anne mit einem halb ernsten, halb schelmischen Ton und Ausdruck. »Ich muss als Abkömmling des hohen Geschlechts der Howard und als Jungfrau auf diese Ehre verzichten, Sire!«

»Aber du trägst, meine Blume!«

»Als Zeichen, dass ich das Geschenk des liebenswürdigsten Fürsten ehre!«, sagte mit Feinheit Anne. »Doch nur die Blume habe ich bewahrt, die Rose gebe ich hiermit zurück. Nehmen Sie, Sire, ich fürchte mich an den Dornen zu verbluten, die an dieser Rose kleben. Auch kann ich solchen Schmuck nicht tragen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen und den reinen Namen, den ich trage, zu trüben. Vergebt mir, Sire«, fügte sie, freundlich bittend zu ihm aufschauend, hinzu, »und bleibt mir als mein königlicher Beschützer an diesem bösen Hof gewogen.«

Der König war im Begriff, ihr zu antworten, als der Herzog ins Gemach stürzte.

»Sire, die Königin fragt nach Euch, sie hat Euch vermisst, ist ängstlich um Euch besorgt.«

Franz murmelte etwas unwillig zwischen den Zähnen und eilte hinaus. Der Herzog aber erbot sich, Anne unbemerkt durch eine Nebentür wieder in die Nähe der Königin zu führen.

Anne richtete sich mit der Würde einer Königin zu ihrer vollen Höhe empor und sagte ernst: »Ich kann ruhig durch den Saal gehen, edler

Herr. Ich habe dem König soeben auseinandergesetzt, dass die Frauen in unserer Familie sich zu hoch achten, um die Geliebten eines Königs zu werden. Merkt Euch die Lehre ebenfalls für die Zukunft.«

Bei diesen Worten wandte sie sich um und schritt ruhig durch den Saal hin zu ihren Freundinnen.

Show 1 footnote

  1. Annes Geschmack in der Erfindung neuer Tänze wird von französischen Zeitgenossen sehr hervorgehoben.

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