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Ulrich Mannsfeldt – Lucky Lawyer

Ulrich Mannsfeldt
Lucky Lawyer

Krimi, Thriller, Taschenbuch, SCO.Publishing, Bad Vilbel, Januar 2017, 392 Seiten, 12, 00 Euro, ISBN: 9783946926009, Gestaltung: Anja Fuchs
www.scoventa.de

Synopsis
Das Leben des angesehenen Rechtsanwaltes Paul Balmer wird auf den Kopf gestellt, als sein emporstrebender in der DDR ausgebildeter Partner Jochen Ehring bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Der Machtkampf mit Ehring um die Sozietät ist zu Ende. Die attraktive Witwe Imogen, die er heimlich verehrt, ist frei. Ein neues unbeschwertes Leben könnte beginnen. Könnte! Denn Balmer bekommt Zweifel an dem Unfalltod. Weil kriminelle Machenschaften der Sozietät schaden könnten macht er sich selbst auf die Suche nach den Hintergründen. Damit beginnt für ihn eine wilde Odyssee. In nur sechs Tagen kommt er mit der überraschenden Unterstützung von BKA und CIA erschreckenden terroristischen Machenschaften auf die Spur.

Exposè

Paul Balmer (Balmer) hat zusammen mit Peter Berger in den 1980er-Jahren eine erfolgreiche Frankfurter Anwaltssozietät gegründet. Nach der Wende haben sie mit Jochen Ehring einen noch in der DDR ausgebildeten Juristen als weiteren Partner aufgenommen, der Balmer inzwischen die Führung der Sozietät erfolgreich streitig macht. Heimlich liebt Balmer Ehrings attraktive Frau Imogen. Ehring kommt von einer Geschäftsreise aus Pakistan, die er für Vaccopharm, ein Pharmaunternehmen in Suhl, das aus einem DDR-Kombinat entstanden ist und von Jürgen Maurer, einem Freund Ehrings aus DDR-Zeiten, geleitet wird, verstört zurück. Er trifft sich mit Balmer bei Vaccopharm und bittet ihn um Beistand. Balmer wirft Ehring vor, die Sozietät mit seinem Egoismus und seiner Geldgier zu zerstören und verweigert jegliche Hilfe.

Auf der Rückfahrt nach Frankfurt prallt Ehring, vor Balmer fahrend, in stürmischer Nacht gegen einen Brückenpfeiler und stirbt. Der Anblick des grausam zerstörten Autowracks und der Tod seines Partners befreit Balmer von einem aus einem eigenen Verkehrsunfall herrührenden Trauma, das sein Leben überschattet hat. Balmer fühlt sich wie neu geboren. Der Machtkampf mit Ehring ist zu Ende. Imogen ist frei. Bei seinem Kondolenzbesuch gesteht Imogen Balmer, dass sie ihn liebt, und verführt ihn.

Aufgrund zahlreicher Spuren, die er zunächst als Einbildung abtut, wächst in Balmer der Verdacht, dass der Unfall in Wirklichkeit ein Mord ist. Der Verdacht wird zur Gewissheit, als zwei Araber ihn mit Berger verwechseln und mit brutaler Gewalt versuchen, von ihm ein Päckchen zu erlangen, das Ehring Berger angeblich gegeben hat. Als Berger, von Balmer zur Rede gestellt, gesteht, dass Maurer in dem DDR-Kombinat einen biologischen Kampfstoff entwickelt hat, den er jetzt heimlich bei Vaccopharm herstellt und zusammen mit Ehring an Terrororganisationen verkauft, muss Balmer erkennen, dass Ehring ein kriminelles Doppelleben geführt hat. Ein Doppelleben, für das sich auch Kommissar Olsamen vom BKA interessiert, den Ehring im Ferienhaus von Ehring trifft, als er dort nach weiteren Spuren sucht. Olsamen teilt Balmer mit, dass Ehring und Imogen Mitglieder der Stasi gewesen seien.

Balmer wird von dem Frankfurter Kommissar Murtiker im Zusammenhang mit Ehrings Unfall vernommen. Weil Balmer befürchtet, dass sich aus den kriminellen Aktivitäten Ehrings Nachteile für die Sozietät ergeben könnten, will er die von ihm entdeckten Spuren allein weiterfolgen und berichtet Murtiker nur über den Besuch der beiden Araber und die Ermittlungen des BKA. Den biologischen Kampfstoff verschweigt er. Imogen erfährt von Murtiker, dass Balmer Imogen für ein ehemaliges Mitglied der Stasi hält. Sie ist empört und bricht ihre Beziehung mit Balmer ab.

Als Balmer sich mit Imogen am nächsten Morgen versöhnen will, ist sie verschwunden. Aus den Aufzeichnungen einer Überwachungsanlage schließt Balmer, dass Maurer sie als Mitwisserin des biologischen Kampfstoffes entführt hat. Erfährt nach Suhl, um sie zu befreien. Murtiker hinterlässt er die Nachricht, auch nach Suhl zu kommen und ihm zu helfen. Er trifft sich in Suhl ohne Murtiker mit Maurer, der ihm erklärt, Ehring sei von terroristischen Abnehmern des Kampfstoffes beseitigt worden, weil er eine CD, auf der ein mit dem Kampfstoff geplantes Attentat gespeichert war, der westlichen Presse habe übergeben wollen.

Als Murtiker verspätet eintrifft, nimmt Maurer Balmer als Geisel. Beim Versuch Balmers, sich zu befreien, erschießt Murtiker Maurer.

Balmer findet die CD. Sie enthält keinen Plan für ein Attentat mit dem biologischen Kampfstoff, sondern ein Schema für die Finanzierung von Attentaten durch einen saudischen Prinzen. Balmer unterrichtet Olsamen von seinem Fund. Olsamen erklärt, dass das BKA für die CIA tätig sei. Die CIA räumt ein, Imogen in Gewahrsam zu haben. Balmer fliegt nach New York, um mit der CIA einen Tausch der CD gegen Imogens Freilassung zu organisieren.

In New York erfährt Balmer, dass Imogen den Namen eines Anrufers aus Pakistan kennt, der behauptet, Ehring sei als Verräter von islamischen Fundamentalisten getötet worden. Die CIA will diesen Anrufer durch die Polizei in Pakistan verhören lassen. Imogen weigert sich, den Namen zu nennen, weil sie zu Recht annimmt, dass auch der Anrufer um sein Leben fürchten muss. Weil sie wichtige Informationen im Zusammenhang mit einem geplanten Attentat nicht preisgibt, bleibt Imogen in Haft.

Balmer fliegt frustriert nach Frankfurt zurück, um an der Beerdigung von Ehring teilzunehmen. Auf dem Rückflug erkennt er, dass der Plan des Attentates nicht auf der CD, sondern auf einem unscheinbaren chiffrierten Zettel enthalten ist, der der CD beigepackt war. Es gelingt ihm, den Plan zu entschlüsseln. Die CIA lässt Imogen frei.

Auf die Beerdigung von Ehring wartend, hört Balmer eine Nachricht ab, die Ehring kurz vor seinem Unfall auf die Mailbox von Balmers Handy gesprochen hat. Aufgrund seiner Verstrickung in den Handel mit dem Kampfstoff musste Ehring das Attentat verhindern. Weil die Übergabe der CD an die Presse seine kriminelle Vergangenheit offenkundig gemacht und seinen Ruf ruiniert hätte, hat er sich verzweifelt selbst gerichtet.

Weil er Ehrings Bitte um Hilfe gleichgültig und egoistisch zurückgewiesen hat, fühlt sich Balmer für Ehrings Selbsttod verantwortlich. Er hält eine emotionale Grabrede, in der er Ehring zu seinem wahren Freund erklärt. Imogen bekennt sich zu ihm, und er hofft, dass ihre Liebe die Vergangenheit besiegt.

Der Autor

Ulrich Mannsfeldt, 1938 in Stettin geboren, aufgewachsen in Ettlingen, studierte in Heidelberg, München, Hamburg, Paris und Montpellier Jura und promovierte 1966 zum Docteur en Droit. Nach einem Jahr praktischer Ausbildung in London war er ab 1968 zunächst in einer Frankfurter Sozietät als Anwalt tätig, wechselte nach drei Jahren aus Neugier in die Geschäftsführung einer amerikanischen Computerfirma und kehrte nach vier Jahren wieder in den Anwaltsberuf zurück. Seiner Sozietät, für die er seit 1975, ab 1978 als Partner, ab 1980 auch als Notar tätig war, ist er bis zu seiner Pensionierung treu geblieben. Bei seinem Eintritt dienten der Kanzlei sechs Anwälte, bei seinem Ausscheiden war sie mit 2600 Anwälten in 22 Ländern eine der größten der Welt. Mannsfeldt beriet zuletzt Großbanken bei der Finanzierung komplexer Projekte, wie zum Beispiel von Kraftwerken oder Raffinerien. Von 2003 bis 2013 hielt Mannsfeldt juristische Vorlesungen an der European Business School in Wiesbaden. In den letzten drei Jahren hat er auf Einladung des Justizministeriums und der Anwaltskammer der Mongolei für Juristen rechtsvergleichende Seminare über deutsches und mongolisches Wirtschaftsrecht veranstaltet. Er lebt in Frankfurt und den Vogesen, ist verheiratet und hat drei Kinder. Lucky Lawer ist sein erster Roman.

Leseprobe

Prolog

Gestern habe ich seit Langem weder einmal den roten Leitzordner mit meinen Notizen über Jochens tragischen und dramatischen Unfall durchgeblättert.

Erstaunlich, wie aktuell die Ereignisse von vor zehn Jahren auch heute noch sind: Die Ebola-Seuche in Westafrika und das Schreckensregime des IS im vorderen Orient wecken Bilder, die mich schon damals aufgewühlt haben.

Und erschreckend, wie die Erinnerung verblasst. Wenn ich mein oft angefangenes und aus Zeitmangel immer wieder abgebrochenes Vorhaben, die damaligen Ereignisse geordnet festzuhalten, noch verwirklichen will, dann jetzt.

Jetzt, weil ich im Ruhestand Zeit für mich selbst habe.

Jetzt, weil Aron nächstes Jahr zehn Jahre alt wird. Mit der Niederschrift der turbulenten Ereignisse, denen er seine Geburt verdankt, mache ich ihm ein Geschenk, das nicht in der Menge seiner Spielzeuge verschwinden und später achtlos entsorgt werden wird.

Ursprünglich hatte ich vor, meine Erlebnisse so wiederzugeben, wie ich es als als Anwalt gewöhnt bin: als trockenen und genauen Tatsachenbericht. Ich werde sie aber in die Form einer romanhaften Ich-Erzählung kleiden. Damit Aron, wenn er meine und seine Geschichte in reiferen Jahren einmal zur Hand nimmt, sie nicht alsbald gelangweilt zur Seite legt. Und damit ich mich, nach all den grauen, von juristischen Zwängen diktierten Schriftstücken auch einmal an einem hoffentlich farbigen und spannenden Text versuchen kann.

Rückblickend erscheinen mir die Erlebnisse wie ein Traum. Ein Traum, so voller unwahrscheinlicher und absurder Ereignisse, dass sich Aron an die kleinen und verrückten Geschichten erinnern wird, die ich abends für ihn zum Einschlafen erfunden habe. Er – und vielleicht auch andere, die meinen Text lesen – w-erden vermuten, dass mich die romanhafte Wiedergabe verführt hat, meiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Eine Vermutung, die falsch ist. Ich schildere meine Erlebnisse in allen Einzelheiten. Nichts ist weggelassen, nichts ist hinzugefügt. Wer meinen Text bis zum Ende gelesen hat, wird mir zustimmen: So etwas lässt sich nicht erfinden!

Weil ich immer wieder über sehr persönliche und private Gefühle, Gedanken und Reaktionen berichte, habe ich meinen Namen sowie den aller Beteiligter, lebendig wie tot, geändert.

 

Frankfurt, im Herbst 2016

 

EINS

Mittwoch, 7. September 2005

Beschwingt ließ ich mich in lang gezogenen Kurven über die leere Autobahn treiben. Über mir jagte der Herbststurm fröhliche Wolken vor einem geduldigen Mond. Ich war glücklich. Ich hatte es gewagt. Endlich! Noch ungefähr hundertfünfzig Kilometer bis Frankfurt. Hinter einem Waldstück verlängerte ein plötzlicher Windstoß meinen übermütigen Schwung auf die Grasnarbe neben der Autobahn. Der Wagen bockte und schlingerte. Die Reifen griffen nicht. Im Scheinwerferlicht schossen Bäume auf mich zu, an mir vorbei. Bremsen! Bremsen! Mit einem letzten Ruck stand ich.

„Dreihundert PS allein reichen nicht aus, um dich glücklich zu machen – du musst sie auch auf die Straße bringen“, hatte Jochen gesagt, als er meinen neuen BMW in der Tiefgarage begutachtet hatte. Du blöder Porschefahrer!, hatte ich damals gedacht. Gas geben kann jeder, beim Bremsen zeigt sich der wahre Meister, dachte ich jetzt. Und fuhr weiter. Noch glücklicher, aber ohne Schwünge.

 

Die im Mondlicht schimmernde Autobahn senkte sich in ein weites Tal. Auf dem Gegenhang, über den die Schatten eiliger Wolken zogen, zuckte plötzlich ein Schwarm blauer Glühwürmchen, verschwand, von Bäumen oder einer Bodenerhebung verdeckt, war weder da und blieb. Mein Herz setzte ein, zwei Schläge aus und begann dann zu jagen; mein Mund wurde trocken. Ich stemmte mich gegen die Rückenlehne und hielt mich mit feuchten Händen am Lenkrad fest. Das hatte ich davon. Warum war ich nicht in Suhl geblieben? Langsam und tief atmen. Gebt Ruhe!, befahl ich meinen Milliarden in Aufruhr geratenen Zellen. Das ist nur ein Unfall!

Anderen Unfallopfern hilft gnädiges Vergessen. Mir nicht. Nächtliches Blaulicht macht immer wieder den Unfall vor vier Jahren lebendig: Ich dämmere alkoholbenebelt auf dem Beifahrersitz. Gertrud schreit entsetzt: „Nein, nein!“ Das grelle Licht vor uns – und dann der kreischende Knall. Gertruds leiser werdendes Röcheln, der süßliche Geruch von Blut, die erregten Stimmen der Helfer. Und die ganze Zeit hinter meinen Lidern das blaue Zucken der Polizeilichter. Die Erinnerung lässt meinen Puls rasen. Mir wird schwindlig. Vor meinen Augen verschwimmt alles. Meine Stimme versagt. Ich kann mich nicht mehr aufrecht halten. Die Anfälle dauern endlose Minuten und verstören mich noch nach Tagen.

Eine Psychotherapie hatte ich erfolglos abgebrochen und nächtliche Fahrten in Frankfurt mit Taxifahrten und außerhalb Frankfurts mit ungeliebten lokalen Übernachtungen bewältigt. Wie oft hatte ich mir vorgenommen, wieder nachts zu fahren. Und nie den Mut gefunden. Bis heute.

 

Ich tastete in der Aktentasche auf dem Beifahrersitz nach dem Beruhigungsmittel und drückte eine Tablette aus der Folie. „Nach fünf Minuten spüren Sie die Wirkung“, hatte der Arzt versprochen. Die Kapsel schon zwischen den Lippen, tauchte vor meinem inneren Auge die Szene vom Vortag auf: Nach einem Schriftstück suchend, hatte ich die Tablettenschachtel versehentlich auf den Tisch gelegt. Jochen, der neben mir gesessen hatte, hatte sie gemustert, erst den Kopf geschüttelt, dann aber, ohne mich anzusehen, mehrfach genickt. „Erstaunlich, hatte mir seine kleine Pantomime gesagt, dass du so etwas brauchst, aber auch verständlich.“

Ich ließ das Fenster herunter und spuckte die Tablette auf die Fahrbahn. Der Sturm blies quer zur Fahrtrichtung. Die Luft war unerwartet warm.

Im Autoradio meldete ein Sprecher, dass die A4 wegen Bergungsarbeiten kurz vor der Anschlussstelle Friedewald bis circa 02:30 Uhr gesperrt sei. Das war der Unfall vor mir. Eine ältere, ruhige Stimme. Keiner von den hibbeligen Jungmännern, die tagsüber mit überschnappender Begeisterung den schnellsten Verkehrsservice anpriesen. Das Nachtprogramm als letzte Station vor dem Moderatorenruhestand. Hinter der Unfallstelle stauten sich die Wagen. Lastwagen auf der rechten Spur verdeckten das Blaulicht. Einatmen, ausatmen. Ich wurde ruhiger. Einatmen, ausatmen. Das schaffte ich! Mein Entschluss, nach Frankfurt zu fahren, war richtig gewesen. Jochen musste sich für sein Mitleid ein anderes Opfer suchen.

Jochen … Er hatte für unseren Mandanten Vaccopharm eine Geschäftsreise nach Karatschi unternommen und war am Sonntag nach seiner Landung in Frankfurt direkt nach Suhl, dem Sitz von Vaccopharm, gefahren. Ich hatte ihn gestern dort getroffen. Er war anders gewesen als sonst nach seinen Reisen. Wortkarg. Keine tönenden Berichte über exquisite Hotels oder Treffen mit hochinteressanten Menschen, auch keine Beschreibung von nur Eingeweihten bekannten In-Lokalen. Kein joviales Auf-die-Schulter- Klopfen. Eine nervöse Unruhe schien ihn zu treiben, eine Unruhe, die mit Phasen in sich gekehrter Abwesenheit wechselte. Und immer wieder war er ohne Anlass aggressiv und verletzend geworden. Auf meine Frage, was denn los wäre und ob ich ihm helfen könnte, hatte er nur unwirsch den Kopf geschüttelt. So schnell wie möglich hatten wir unser gemeinsames Programm erledigt und uns dann in die von Vaccopharm zur Verfügung gestellten separaten Arbeitszimmer zurückgezogen. Ich war froh gewesen, ihn nicht mehr sehen zu müssen. Aber dann hatte mir die Poststelle von Vaccopharm aus Versehen ein Schreiben von Jochen übermittelt, das mir keine andere Wahl gelassen hatte, als ihn zu mir zu bitten. Wir hatten eine heftige Auseinandersetzung gehabt, die ich, um mich abzusichern, noch für die Akten dokumentieren wollte. Dafür war jetzt, während ich auf die Freigabe der Autobahn wartete, eine gute Gelegenheit. Und außerdem würde die Notiz mich ablenken und noch weiter beruhigen. Die digitale Anzeige unter dem Drehzahlmesser zeigte 02:05 Uhr. Noch eine halbe Stunde bis zur Freigabe. Ich holte das Aufnahmegerät aus der Aktentasche auf dem Sitz neben mir und diktierte:

..Aktennotiz. Streng vertraulich. Beratung der Firma Vaccopharm AG, Suhl.

 

Vaccopharm wird ausschließlich von Jochen Ehring betreut. Vaccopharm war ein Teil des Kombinates „Chemie“ der DDR und ist nach der Wende privatisiert und vom früheren Leiter, Jürgen Maurer, übernommen worden. Vor zwei Jahren verkaufte Maurer 49 Prozent an den US-Konzern United Pharmaceuticals (UP). UP, die von unserer Sozietät nicht vertreten werden, beabsichtigen jetzt, ihre Beteiligung an der Firma weiterzuverkaufen. Maurer als Mehrheitsgesellschafter und alleiniger Geschäftsführer von Vaccopharm ist gegen den Verkauf. Er befürchtet wohl, dass ein neuer Minderheitsgesellschafter seine Kompetenzen empfindlich einschränken könnte.

Auch Jochen hat sich vehement gegen einen Verkauf ausgesprochen. Warum?

Schon vor seiner Geschäftsreise für vaccopharm, von der er am Sonntag zurückgekehrt ist, hatte Jochen mich gebeten, nach Suhl zu kommen, um als Steuerfachmann der Sozietät bestimmte Risiken des Verkaufs zu untersuchen. Ich fand sie akzeptabel. Obwohl mich Jochen bedrängte, das Gegenteil zu bestätigen, hielt ich an meiner Meinung fest. In einem Schreiben an UP, das mir gestern Mittag zufällig in die Hände geraten ist, hat Jochen meine Analyse unterschlagen und die Steuerprobleme künstlich aufgebauscht. Auf meine Frage, warum er mich überhaupt eingeschaltet habe, erklärte er, er wäre davon ausgegangen, dass ich den Sachverhalt hätte richtig beurteilen können. Einen von mir gewünschten Anruf bei UP, um meine Position klarzustellen, lehnte er ab.

Frankfurt, 04.10.2004, PB“

 

Unsere Auseinandersetzung war dann persönlich geworden. Ich hatte Jochen der vorsätzlich falschen Beratung beschuldigt, die zu Schadensersatzansprüchen von UP führen könnte. Er hatte mir vorgeworfen, unfähig zu sein, in wirtschaftlichen Zusammenhängen zu denken. Mit meiner „pingeligen Genauigkeit“ und meiner „absurden Wahrheitsliebe“ würde ich die Interessen meiner Mandanten weder sehen noch verstehen. Als ich meine Position verteidigt hatte, war er in Rage geraten: „Sie leben in einem Elfenbeinturm! Ohne Ahnung, was da draußen so läuft. Vielleicht haben Sie früher mal was bewegt. Aber jetzt nicht mehr! Jetzt sind Sie tot. Ein lebender Leichnam. Für ein normales Leben nicht mehr tauglich. Sie stören nur noch, Paul. Die Mitarbeiter, die Mandanten, und mich auch!“

So weit war er noch nie gegangen. Ich war wütend und verletzt gew-esen und hatte gekontert: „Sehen Sie sich doch erst einmal selbst an! Erst kommen Sie, und dann noch einmal Sie und dann vielleicht Ihr Porsche. Für Geld gehen Sie doch über Leichen! Aber noch lebe ich, und wenn Sie so weitermachen, wird es ein böses Ende mit Ihnen nehmen! Und jetzt gehen Sie, lassen Sie mich allein!“

Ich hatte meine Aufforderung an ihm vorbei an die Wand gesprochen. Unser Treffen war vorbei. Jochen hatte geschwiegen. Das war ungewöhnlich gewesen. Ich hatte seinen Egoismus, seine Geldgier schon mehrfach kritisiert. Vielleicht nicht so deutlich wie eben, aber doch unmissverständlich. Immer wieder hatte er meine Vorwürfe mit einem kopfschüttelnden Grinsen quittiert, das deutlich machte, dass er sie als Kompliment verstand. Ich hatte ihn aus den Augenwinkeln beobachtet. Wie ein gemaßregelter Schuljunge hatte er vor mir gestanden. Diesmal hatte ich ihn getroffen. Gut so. Ich hatte mich demonstrativ in meine Unterlagen vertieft, bis er die Tür nicht, wie üblich, zugeschlagen, sondern leise ins Schloss gezogen hatte. Meine Drohung mit seinem bösen Ende und mein Vorwurf, er ginge über Leichen, waren starker Tobak gewesen. Aber das wrar die Sprache, die er verstand.

Ich hatte mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren können, weil Jochen jeden Moment die Tür wieder aufmachen konnte, um mit dem Vorwand, noch etwas Wichtiges berichten zu müssen, wie üblich, das letzte Wort zu haben. Meine Spannung hatte sich erst gelöst, als mir ausgerichtet worden war, Jochen habe wegen eines Treffens mit einem wichtigen Mandanten vorzeitig die Firma verlassen müssen und werde direkt nach Frankfurt fahren. Maurers Sekretärin hatte mir, als sie am späten Nachmittag nach Hause ging, einen schönen Abend gewünscht und mich gebeten, das Büro vor Mitternacht zu räumen. Nach und nach waren die vielfältigen Bürogeräusche verstummt, nur ein kräftiger Wind ließ ein nicht ordentlich geschlossenes Fenster klappern und summte draußen im Flur durch irgendwelche Spalten und Ritzen. Ich hatte es genossen, in dem großen Gebäude allein zu sein, und war mit meiner Arbeit gut vorangekommen. Als sich gegen 22:30 Uhr auf dem Gang Schritte genähert hatten, hatte ich den Pförtner auf seinem ersten Kontrollgang erwartet. Über meine Papiere gebeugt, wollte ich mich von ihm überraschen lassen und hatte, als die Tür geöffnet wurde, betont erschrocken, den Kopf hochgerissen. Und Jochen gesehen.

Also doch! Das letzte Wort. Jochen konnte nicht aus seiner Haut. Er hatte etwas vergessen und nutzte die Gelegenheit, um mir klar zu machen, dass meine Vorwürfe nur meine Unfähigkeit dokumentierten, die wahren Probleme der Sozietät und Jochens Rolle bei ihrer Lösung zu verstehen. Aber er war, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, einen Raum von der Mitte her zu dominieren, in der Tür stehen geblieben und hatte gesagt: „Ich bin noch einmal zurückgekommen. Weil ich Ihren Rat, Ihre Hilfe brauche. Es ist etwas Wichtiges passiert. Das von heute Mittag tut mir sehr leid.“ Ich war verblüfft gewesen. Er hatte sich noch nie nach einem Streit ernsthaft entschuldigt. Um einen Rat hatte er mich schon lange nicht mehr gebeten. Und um meine Hilfe schon gar nicht. Hatte ich ihm heute Mittag unrecht getan? War da wirklich etwas, das ihn bedrückte? Was sein seltsames Verhalten erklären würde? Jochen hatte geschwiegen, auf meine Antwort gewartet.

Hätte ich einlenken sollen? Seine Stimme hatte normal geklungen. Die Bürolampe hatte einen abgezirkelten Kreis auf meinen Schreibtisch geworfen. Mit meinen auf das helle Licht eingestellten Augen hatte ich seine Gestalt in der Tür nur im Umriss erahnen können. Mit hängenden Schultern? Mir absichtlich und übertrieben hängenden Schultern? Sein Gesicht! Im dunklen Rechteck der Türe hatte ich es nicht erkennen können. Er war mit Absicht in der Türe stehen geblieben. Denn genauso, mit hängenden Schultern, aber mit angriffslustig vorgestrecktem Kinn und schlecht verstecktem Grinsen, hatte er dagestanden, als er Peter und mir vorgespielt hatte, wie er einen Richter hatte dazu bewegen können, sein Drängeln auf der Autobahn milde zu bestrafen. „Den reuigen Sünder geben, das hilft immer“, hatte er uns mit einem selbstgefälligen Lacher belehrt.

 

Wenn ich jetzt eingelenkt hätte, hätte er mir von dem bedeutenden Mandat berichtet, das er heute Nachmittag akquiriert hatte, mich gefragt, wann ich die letzte große Transaktion an Land gezogen hatte.

Er hätte mir auf die Schulter geklopft und mir geraten, nicht so empfindlich zu sein. Diesmal nicht! Diesmal hatte er zu dick aufgetragen.

„Jetzt nicht!“, hatte ich mit Nachdruck gesagt, „Ihre Entschuldigung wäre nicht erst nach acht Stunden, sondern gleich heute Mittag angebracht gewesen“, und mich wieder mit meinen Akten beschäftigt. Als ich aufgesehen hatte, war der Raum leer gewesen. Morgen in Frankfurt würde ich mit Jochen sprechen und die Sache wieder ins Lot bringen müssen. Die Sozietät war zu klein, um ein offenes Zerwürfnis auszuhalten, und Jochen war als Partner zu wichtig.

 

Der Fahrer hinter mir blinkte mich an. 02:20 Uhr. Die Unfallstelle war geräumt, schneller als angekündigt. Die Erinnerung an meinen kleinen Sieg über Jochen hatte mein Herz beruhigt. Doch jetzt begann es wieder zu rasen. Ich hielt mich am Lenkrad fest, sah mit zusammengekniffenen Augen starr geradeaus und rollte los. Die Blaulichter kamen näher, alle paar Sekunden pulsierten sie im Gleichtakt. Ein erstes Blaulicht, um die rechte Spur zu sperren. Vorbei! Zwei blinkende Feuerwehrwagen. Auch vorbei. Dann ein Generatorwagen mit einem schnell laufenden Diesel und einem Mast mit Scheinwerfern. Grelle Helligkeit, schwarze Schlagschatten, Stimmen, Rufe. Wieder ein Polizeiwagen mit Blaulicht. Vor welcher Gefahr warnte er noch? Mir wurde schlecht. Ich ließ den Kopf auf das Lenkrad sinken, trat auf die Bremse, rang nach Luft. Alles begann sich zu drehen. Jemand fasste mich durch das offene Seitenfenster an der Schulter und sagte: „Fahren Sie doch weiter!“

Ich sah hoch. Ein Polizist. Ich wollte etwas antworten, doch meine Stimme versagte. Ich wandte den Kopf ab.

Und sah Jochens Porsche. Wie auf einer Bühne, eingerahmt von zwei Feuerwehrfahrzeugen, hing er im gleißenden Licht der Scheinwerfer an einem Kran. Mit den stilisierten, kitschigen Blitzen auf der Fahrertür. Das Vorderteil fehlte. Die Seitenfenster waren zu grauem Mosaik zerfallen. Meine Panik verschwand. So schnell, wie sie mich zuvor mit den fernen Blaulichtern angefallen hatte. Mein Herz raste noch, aber mein Kopf war klar und meine Gedanken waren frei.

.„Alles in Ordnung? Können Sie aussteigen?“, fragte eine Stimme hinter mir. Es war der Polizist, der sich zu mir herunterbeugte. Ich setzte mich gerade hin, spürte meine einzelnen Herzschläge weder.

„Ich glaube, es geht“, erwiderte ich.

„Da vorne können Sie rechts ranfahren.“

Ich holte tief Luft. Noch ein Wagen der Feuerwehr, dann war die rechte Fahrspur frei. Der Polizist, ein älterer Mann, lief mir nach und öffnete meine Wagentür. Ich schwankte zwar noch, als ich neben dem Wagen stand, aber es ging mir gut. Und ich war erleichtert – nein, stolz -, ich hatte es geschafft.

„Sie haben einen Schock, so ein Unfallwagen ist kein schöner Anblick“, stellte der Polizist fest. „Der Arzt ist noch da, soll ich ihn holen?“

Ich schüttelte den Kopf. Was sagte er da? Ich hatte keinen Schock, jetzt nicht mehr. Der Kran setzte Jochens Porsche auf einem Abschleppwagen ab. Die Frontscheibe fehlte; der Vorderwagen war zu einem Block aus rotem Lack und grauem Metall zusammengepresst, von dem auf beiden Seiten in grotesken Winkeln die Räder mit schwarzen, zerfetzten Reifen abstanden.

Das zertrümmerte Wrack hatte mich erlöst. Wie konnte ich das dem Polizisten erklären? Hören Sie, auch ich habe vor vier Jahren einen schweren Unfall gehabt. Ich war traumatisiert. Bei jedem Unfall holte mich meine Vergangenheit wieder ein. Aber jetzt bin ich ihr entkommen. Das ist der Porsche meines Partners. Und genau das hat mir beim Überwinden des Traumas geholfen. Mein Partner ist tot. Aber ich lebe. Das allein zählt: leben. Das hatte ich vergessen. Ich bin neu geboren. Was war, ist vergangen, auch mein alter Unfall. Mir geht es gut, ja wirklich – sehr gut! Aber würde der Polizist das verstehen?

Also sagte ich: „Ich kenne das Auto. Es gehört meinem Partner, Jochen Ehring. Wir waren zusammen bei einem Mandanten.“

„Ihr Partner?“, fragte der Polizist. „Jetzt begreife ich! Das ist ja furchtbar! Soll ich nicht doch den Arzt holen?“

„Ich schaffe das schon“, beruhigte ich ihn. .Aber wie konnte das nur passieren, er war ein sehr guter Fahrer.“

Der Polizist zuckte mit den Schultern. „Es gibt keine Zeugen, zumindest bis jetzt nicht. Vielleicht der Sturm? Ein Unwohlsein? Ein technischer Defekt? Der Staatsanwalt wird auf jeden Fall eine Obduktion vornehmen und den Wagen untersuchen lassen. Kommen Sie bitte mit, war müssen Ihre Aussage schriftlich festhalten.“

In einem als Büro eingerichteten Mercedeskastenwagen saß ein junger Mann in Zivil unter einer Neonröhre vor einem Laptop und tippte auf seiner Tastatur. „Dieser Herr kannte das Unfallopfer“, erklärte mein Begleiter, nachdem wir eingetreten waren.

„Polizeiobermeister Krause“, stellte sich der junge Mann vor und blickte vom Bildschirm auf. Dann nahm er Jochens und meine Personalien auf. „Sie sind beide Anwälte, was haben Sie gemeinsam gemacht?“, fragte er. „Wir waren bei einem Mandanten, der Firma Vaccopharm in Suhl. Wir haben uns auf dem Parkplatz der Firma getrennt. Als Herr Ehring losfuhr, habe ich auf die Uhr gesehen. Es war 00:35 Uhr- Ich habe mir noch überlegt, ob ich in Suhl übernachten soll, bin dann aber ungefähr zehn Minuten später auch gefahren.“

„Das erklärt wahrscheinlich den Unfall“, stellte Herr Krause fest. „Wieso?“, fragte ich.

„Der Unfall ist um 01:40 Uhr von einem LKW-Fahrer gemeldet worden. Von der Autobahn Auffahrt in Suhl bis hierher sind es …“, er befragte seinen Laptop, „ungefähr hundertfünfundvierzig Kilometer. Wie lange waren Sie von diesem Parkplatz bis zur Auffahrt unterwegs?“ „Ungefähr zehn Minuten“, sagte ich.

„Wenn der Unfall unmittelbar vor der Meldung passiert ist, dann fuhr Ihr Partner auf der Autobahn …“, Krause ließ den Laptop rechnen, „einen Schnitt von circa hundertsiebzig Stundenkilometern. Unter Berücksichtigung der nächtlichen Fahrzeugdichte nehmen wir an, dass der Unfall fünf bis zehn Minuten später gemeldet worden ist. Gehe ich von zehn Minuten aus, dann fuhr Ihr Partner mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von circa hundertneunzig Stundenkilometern. Das ist für diese kurvenreiche Autobahn und nachts nicht langsam. Ihre Abfahrtszeiten bestätigen unsere Schätzung.“

„Welche Schätzung?“, fragte ich.

„Den Rückschluss auf die Aufprallgeschwindigkeit aus der Verformung des Wagens“, erklärte Krause. „Ihr Kollege ist frontal in die Seite des Brückenunterbaus gerast. Mit deutlich mehr als zweihundert Stundenkilometern, schätzen wir. Sie haben den Wagen ja gesehen. Normalerweise sind diese alten, nahe an die Fahrbahn reichenden Brücken durch Leitplanken geschützt. Diese nicht. Aber passiert ist hier noch nie was – die Strecke ist völlig gerade, nur mit einem leichten Anstieg.“ Er sah mich nachdenklich an. „Bremsspuren gibt es keine. Auch keine Zeugen. Sie waren vor dem Unfall mit Herrn Ehring zusammen. Haben Sie eine Erklärung? Hatte er getrunken? War er übermüdet?“

Jochen trank nie, w’enn er fuhr. Und müde hatte er auch nicht gewirkt. Konnte unser Streit vor der Abfahrt etwas mit dem Unfall zu tun haben? Unsinn! Aber wir hatten uns noch einmal zufällig getroffen, gegen 00:30 Uhr am Eingang zum Parkplatz der Vaccopharm. Als ich ihn hatte auf mich zukommen sehen, hatte ich erwartet, dass er seine Bitte um Aussprache wiederholen würde. Aber er hatte mir nur eine Wette vorgeschlagen: Zwanzig Minuten Vorsprung für mich und eine Kiste Champagner für den, der zuerst am Nordwestkreuz in Frankfurt sein würde. Im Licht der Laternen, die durch vom Wind bewegte Zw-eige unruhige Schatten warfen, hatte ich sein Gesicht wieder nur undeutlich erkennen können. War da doch der bittende Blick gewesen, den ich heute Mittag, als er zum ersten Mal in meinem Zimmer in der Tür gestanden hatte, zu sehen geglaubt hatte? War die Wettfahrt ein Angebot gewesen, sich mit mir zu versöhnen? Ein nächtliches Rennen, das ich ablehnen musste, ohne ihm den Grund nennen zu können. Eine Ablehnung, die ihn erneut brüskieren würde. Ich hatte überlegt, ob ich ihm vorschlagen sollte, meinen Wagen stehen zu lassen, um mit ihm nach Frankfurt zu fahren und auf der Fahrt alles zu besprechen. Jochen hatte mir eine Entscheidung erspart. „Jaja“, hatte er gesagt, „Sie wollen nichts mehr mit mir zu tun haben. Und dann der Sturm, da muss man schon fahren können. Außerdem haben Sie nachts ja so Ihre Schwierigkeiten. Dann fahre ich eben unser Rennen allein.“

Ohne eine Reaktion von mir abzuwarten, war er in seinen Porsche gestiegen und davongerast. Ich hatte ihm eine ganze Weile lang nachgesehen. Dann war ich zu dem Hotel gegangen, das ich für die Nacht gebucht hatte und das zurückgesetzt am anderen Ende des Parkplatzes in einer Grünanlage lag. Mit meinem Rollkoffer hatte ich lange in der Einfahrt gestanden und mich dem Brausen des Sturms überlassen. War das eine von Jochens üblichen arroganten Bemerkungen gewesen? Oder wusste er von meinen Panikattacken? Hatte er deshalb genickt, als er das Beruhigungsmittel gesehen hatte? Ich hatte auf den beleuchteten Eingang des Hotels gestarrt, der einladend vor mir gelegen hatte. Und auf einmal hatte ich gewusst: Wenn ich jetzt nicht fuhr, würde ich nie mehr fahren. Dann hatte Jochen recht. Dann war ich ein lebendiger Leichnam. Untauglich für ein normales Leben, für eine harmlose nächtliche Autofahrt. Ich war zurück zu meinem BMW gegangen, hatte die Aktentasche auf den Beifahrersitz und den Koffer in den Kofferraum gelegt und war losgefahren. 01:05 Uhr. Mal sehen, wie lange ich nach vier Jahren nächtlicher Fahrabstinenz brauchen würde. Jochen stoppte seine Fahrten immer. Ein Vergleich unserer Zeiten würde am nächsten Morgen ein für Jochen erfreulicher Einstieg in unsere Krisenbewältigungsunterhaltung sein.

 

„Wollen Sie mir nicht antworten?“, fragte Herr Krause und riss mich aus meinen Gedanken.

„Entschuldigen Sie“, antwortete ich, „ich bin noch durcheinander. Herr Ehring war vollkommen nüchtern. Wir haben zwei Tage hart und lang gearbeitet, aber das war normal. Er war auch nicht übermüdet. Mir ist an Herrn Ehring nichts Außergewöhnliches aufgefallen.“ Herr Krause sah mich prüfend an. Hatte ihn mein Zögern misstrauisch gemacht? 

„Irgendetwas, das den Unfall erklären könnte?“, hakte er nach.

Unser Streit! Jochens Vorschlag einer Wettfahrt. Er war sein Rennen allein gefahren. Zu schnell! Aber das alles ging Krause nichts an.

„Nein, nichts“, versicherte ich nachdrücklich. Wie selbstverständlich meine Stimme doch klang! War das meine von Jochen gerügte übertriebene Wahrheitsliebe?

„War Herr Ehring verheiratet?“

„Ja“, antwortete ich.

„Wollen Sie seine Frau benachrichtigen?“

Ich – allein mit Imogen? Plötzlich begann mein Herz wieder wie wild zu hämmern. Unmöglich! Aber war das nicht meine Pflicht als Partner? Ich blickte Krause hilflos an.

„Ich glaube, Sie haben genug erlebt “, erlöste er mich. „Ein Kollege in Frankfurt wird das übernehmen. Die gleiche Adresse wie die von Herrn Ehring?“

 

Ich nickte.

„Bis heute früh neun Uhr ist das erledigt.“

Die Polizei, mein Freund und Helfer…

Als ich das mobile Büro der Polizei verließ, war der Generator abgeschaltet worden und das Flutlicht erloschen. Die Feuerwehrfahrzeuge machten sich zur Abfahrt bereit. Jochens Porsche war abtransportiert worden. Die Tannen rauschten und ächzten im Sturm. Krause begleitete mich zu meinem Auto.

„Wir könnten Sie und Ihren Wagen zu einem Hotel in Bad Hersfeld bringen“, bot er mir an, als ich die Fahrertür öffnete. Ich lehnte dankend ab.

Es war kurz nach vier. Das Blaulicht der letzten Polizeifahrzeuge verschwand im Rückspiegel. Vor noch nicht einmal zwei Stunden hatte ich es zum ersten Mal am Gegenhang flackern gesehen.

Die Wolken schoben sich, jetzt von dem hinter mir stehenden Mond beleuchtet, noch immer eilig über den Himmel. Ich fuhr ohne Eile. Irgendwann würde ich am Nordwestkreuz ankommen. Langsam begriff ich, was mir passiert war. Mein ungläubiges Erstaunen, meine übermütige Erleichterung verwandelte sich in eine glückliche Ruhe. Dass ich jetzt einer von vielen war, die müde oder unausgeschlafen aber ohne Angst vor Panikattacken in der Morgendämmerung ihrem Bett oder ihrem Büro entgegenfuhren, das war nicht ein einmaliger glücklicher Zufall, das war endgültig, ohne dass ich hätte sagen können, woher ich diese Sicherheit nahm. Die Unerbittlichkeit, mit der ich regelmäßig die Kontrolle über mich verlor, hatte mich immer wieder quälend aufgewühlt. Mit ihrem immer gleichen Ablauf waren die Anfälle für mich wie Metastasen einer tief in mir verborgenen Verstörung gewesen, Metastasen, die sich jederzeit an anderer Stelle Bahn brechen konnten. Aber das war jetzt vorbei. Ich bin wie neu geboren, wollte ich vorhin dem Polizisten erklären. Gesund und munter. Meine Flucht in den Elfenbeinturm, meine Weigerung, mich mit Jochen auseinanderzusetzen, meine Arbeitsmanie, das alles waren Versuche gewesen, meine Verunsicherung vor mir und meiner Umwelt zu verbergen. Und vor Imogen.

Ich hatte sie aus der Ferne geliebt. Ich hatte ihre Nähe gemieden, nicht nur weil sie die Frau meines Partners Jochen war, sondern auch weil ich Angst gehabt hatte, dass sie meine Krankheit erkennen und mich abweisen würde. Ich sagte ihren Namen: „Imogen.“ Erst leise: „Imogen.“ Dann laut: „Imogen!“ Dann noch einmal: „Imogen!“ Was für ein Name! Elegant und geheimnisvoll! Ihn laut auszusprechen hatte ich bis jetzt nicht den Mut gehabt. Aber jetzt hatte ich ihn. Und brauchte ihn auch. Denn jetzt war Imogen frei. Und ich auch.

Ich erschrak. Wie würde Herr Krause reagieren, wenn er wüsste, dass ich Jochens Frau heimlich verehrte und begehrte, dass ich ihren Mann bei einer für die Sozietät gefährlichen Beratung ertappt hatte, dass wir deshalb vor dem Unfall eine heftige Auseinandersetzung gehabt hatten und dass ich ein starkes Beruhigungsmittel mit mir führte? Es durchlief mich heiß. Als Jochen das Mittel gesehen hatte, hatte er genickt. Weil er das Mittel gekannt hatte! Als er mir seine Wette angeboten hatte, war er erstaunlich gelassen gewesen. Wenn die Obduktion Spuren eines Beruhigungsmittels – meines Beruhigungsmittels – ergeben würde, dann hatte Krause einen Mord, ein Motiv und einen potenziellen Täter. Ich kramte in der Aktentasche neben mir nach meinem Diktiergerät und löschte die Aktennotiz.

Jetzt gab es unsere Auseinandersetzung, unseren hässlichen persönlichen Streit nur noch in meinem Kopf. Und was Jochen in Suhl umgetrieben hatte, was er mir hatte anvertrauen wollen, wenn es denn etwas zum Anvertrauen gegeben hatte, das alles hatte sich erledigt. Ich kenne das Auto, es gehört meinem Partner Jochen Ehring, hatte ich dem Polizisten erklärt. Und mich danach nur noch mit mir selbst, mit meinem freudigen Erstaunen über die Bewältigung meiner Panikattacken beschäftigt. Jetzt holte mich die Realität ein. Jochen war tot. Mit seiner brutalen Feststellung, ich sei ein lebender Leichnam hatte er das Tor zu meinem neuen Leben aufgestoßen. Und mich dann allein gelassen. Ohne die Möglichkeit, mit ihm, meinem Retter, noch einmal neu anzufangen, die Sozietät wieder als echte Partnerschaft zu betreiben. Peter und ich hatten sie vor zwanzig Jahren gegründet. Vor zehn Jahren hatten wir Jochen als Partner dazugenommen. Trotz oder gerade wegen seiner lauten und bunten Art war Jochen ein vorzüglicher Anwalt gewesen. Wir beschäftigten dreizehn Anwälte, von denen sechs für Jochen arbeiteten …, gearbeitet hatten, korrigierte ich mich. Ich spürte ein Würgen im Hals, meine Augen wurden feucht. Frauen weinen vier Mal häufiger als Männer, hatte ich neulich gelesen. Ich bremste abrupt, um nicht auf meinen Vordermann aufzufahren.

Es wurde langsam hell. Die Landschaft nahm Konturen an. Ich war auf der Höhe von Butzbach. Fast 06:00 Uhr. Zeit, Peter in seiner pompösen Villa in Bad Homburg anzurufen. Mein Handy war nicht in der Aktentasche. Ich hatte es noch aufladen wollen und, abgelenkt durch unseren Streit, bei Vaccopharm liegen lassen. Dann musste Peter eben warten, bis ich in Frankfurt war.

Direkt vor meinem Haus in der Liebigstraße war ein Parkplatz frei. Auf dem Beifahrersitz lag noch die Schachtel mit den Beruhigungstabletten. Ich nahm sie in die Hand und hielt sie einen Moment zögernd fest. Dann warf ich sie in die vor dem Gartentor für die Müllmänner bereitgestellte Tonne.

Quelle:

  • Pressemittelung bookcommunication.de, Marketing & Promotion vom 24.05.2018