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Das ist ja wohl der Horror!

Marcus Gärtner (Hrsg.)
Das ist ja wohl der Horror!

Horror-Story-Anthologie, Taschenbuch, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, November 2017, 224 Seiten, 10,00 Euro, ISBN 9783499273438, mit Beiträgen von Heinz Strunk, Ralf König, Doris Knecht u.a.

»Angst- und Bangegeschichten« hat Herausgeber Marcus Gärtner seine Anthologie von insgesamt dreizehn Horrorgeschichten zeitgenössischer deutschsprachiger Autoren genannt. Dadurch werden sofort Assoziationen mit Werken der Schauerromantik geweckt, in denen es eher um den psychologischen als den grafischen Horror geht, um das eingebildete Schreckliche, das Unheimliche. Unter dieser Prämisse hat Gärtner nun eine illustre Riege an Schriftstellern zusammengestellt, deren Beiträge in dieser kleinen Sammlung dem Leser das Fürchten lehren sollen. Das gelingt mal mehr und mal weniger.

Anthologien sind immer ein zweischneidiges Schwert: Erwartungsgemäß gibt es bei den Geschichten extreme Schwankungen in der Qualität und dem Ausmaß dessen, was von den Verfassern als Grauen definiert wird. Autoren wie Heinz Strunk (Fleisch ist mein Gemüse) und Ralf König (Der bewegte Mann) wird man nun nicht voranging mit dem Horrorgenre in Verbindung bringen. Heinz Strunks Beitrag, der den Band eröffnet, ist dabei leider direkt der Tiefpunkt der Sammlung; spannungs- und pointenarm, ohne die wunderbare Lakonie seiner Romane, erzählt er vom Besucher eines Hotelzimmers, in dem nach und nach Dinge verschwinden. Auch Frank Schulz’ Das Unheimchen ist zwar im Sprachstil interessant, zirkelt inhaltlich aber mit einer sehr obskuren Protagonistin bestimmte stimmungsvolle Gruselsituationen ab, ohne zu einem befriedigenden Ende zu gelangen und nur eine recht kryptische Auflösung zu bieten. Ralf Königs Dichtung des Schreckens, inklusive Zeichnungen, sind dagegen eher amüsant als erschreckend, Ersteres aber in hohem Maße. Dafür, dass in dieser Sammlung für so etwas Platz ist, muss man dem Herausgeber besondere Anerkennung zollen. Weitere Beiträge handeln von sprechenden Grabsteinen, mysteriösen Doppelgängern und natürlich Geistern, halbtoten Verbrennungsopfern, wahr werdenden Witzpointen oder Begegnungen mit dem Leibhaftigen. Die Bandbreite der Themen ist groß, es werden schöne Standardmotive abgeklappert und die Autoren verstehen es, sie entsprechend aufzubereiten, wobei sich immer auch eine gewisse humoristische Note darunter mischt. Auch das ist nichts Ungewöhnliches – Stichwort: Comic Relief.

Die herausragenden Stories, thematisch und erzählerisch, sind dabei u.a. Rosa Mantel von Kirsten Fuchs und Schweinsnacht von Anselm Neft. Fuchs schildert in einem fiebrigen Strudel unheimlicher Bildfolgenden eine Badende, die sich plötzlich in der hilflosen Situation mit einem Eindringling in die Wohnung konfrontiert sieht. Das ist die Horrorspielart »Home Invasion« in Reinkultur, mit genau den richtigen Schnitten und Auslassungen. In Schweinsnacht gerät eine Heavy-Metal-Band in einem abgelegenen Eifel-Dorf in ein jährliches, heidnisches Osterritual, bei dem die Bewohner die Totenzeit Jesu von Karfreitag bis Ostersonntag nutzen, um mal richtig die Sau rauszulassen – im wahrsten Sinne des Wortes. The Purge lässt grüßen, hier wird es bizarr und blutig. Überhaupt kommen die Härtespitzen in den wenigen Geschichten, in denen man sie findet, effektvoll zur Geltung, was für die Ausgewogenheit spricht.

Fazit:
Insgesamt ist Das ist ja wohl der Horror! ein überaus lohnender Band und endlich mal wieder ein Plädoyer für gute Horroranthologien aus einem größeren Verlag, der damit sicher auch ein gewisses (finanzielles) Wagnis eingegangen ist – verkaufen sich doch Kurzgeschichtensammlungen sehr schwierig, wie man weiß. Umso schöner, wenn sich auch renommierte Verlage dem Thema annehmen und nicht nur Kleinverlagen das Feld überlassen. Bitte mehr davon!

(sv)