Heftroman der Woche

Archive
Folgt uns auch auf

Jacob von Molay, der letzte Templer 24

Franz Theodor Wangenheim
Jacob von Molay, der letzte Templer
Zweiter Teil
Herr und Knecht
Verlag von Joh. Fr. Hammerich, Altona, 1838

Elftes Kapitel

Mit dem größten Eifer hatte der Großmeister die Reise nach Frankreich betrieben, den Oberbefehl in den Händen des Marschalls gelassen. Sechzig der vornehmsten Ritter in dem prächtigsten Aufzug, mit ihren Knappen- und Dienertross, begleiteten den Großmeister. Sechs schnell rudernde Galeeren führten diese Menschenmasse nach Marseille. Auch den Schatz hatte der Großmeister von Zypern mitgenommen, denn die Bedürfnisse der entfernten Provinzen mussten befriedigt werden, ehe ein Kreuzzug stattfinden konnte. Ganz Frankreich staunte die Pracht der Tempelherren an. Wie im Triumph durchzog der Großmeister die Ortschaften von Marseille nach Paris. Seine Hofstatt nahm ihn auf. Der Tempel und die Großen des Reiches begrüßten ihn im Namen des Königs von Frankreich. Alle Ehrenbezeugungen, welche man irgend erdenken konnte, wurden über Jacob von Molay ausgeschüttet, nur den König hatte er noch nicht gesprochen. Es berührte ihn unangenehm, so lange seines königlichen Freundes entbehren zu müssen.

Schon waren vier Tage über die Ankunft des Großmeisters verstrichen. Er saß im Audienzsaal des Tempels. Denn was den Orden betraf, und zwar in Frankreich, das wollte der Meister zuvörderst prüfen, sondieren, sichten; jedenfalls ihn aber makellos hinstellen, ehe er mit dem Papst in Unterhandlung träte. Hier in Paris waren die äußeren Zeichen der hohen Würde des Großmeisters vielfältiger als auf Zypern. Der Audienzsaal selbst prächtiger als irgendeine Halle im Louvre; der Thron fehlte nicht, und zur Linken von demselben stand ein mit einer Samtdecke überhangener Schreibtisch, hinter welchem Boulogne Platz genommen hatte. An den glatten Wänden ringsumher waren Trophäen in bester Ordnung aufgestellt. Eine jede derselben erinnerte an die Großtat eines Tempelherrn. Hier fand man die einfache Rüstung des Hugo de Payens, Stifter des Ordens. Nach ihm kam Robert de Craon, welcher vom Papst Eugen dem Dritten das Vorrecht erhielt, an Orten, welche mit dem Interdikt belegt waren, jährlich einmal Messe zu halten. Auf seinem Schild war im weißen Feld das achteckige rote Kreuz zu schauen, denn erst unter seiner Oberherrschaft erhielt der Orden diese Zierde. Drauf folgte die Trophäe des Everhard des Barres, welcher den unglücklichen Kreuzzug im Jahre 1147 mit bestanden und 1149 Gaza wieder aufbaute. Die fünfte Trophäe schrieb sich von Bernard de Tremelay her, welcher, da er mit edler Kühnheit zuerst in das belagerte Askalon eindrang, mit vierzig der seinen gefallen war. Über der sechsten Trophäe erblickte man den Namen Bertrand de Blanquefort, welcher dem Sultan Nur ad-Din bei Harenk eine so schreckliche Niederlage beibrachte, dass niemand dem Schwert der Tempelherren entrann, außer demjenigen, den etwa ein Zufall oder die Schnelligkeit seines Pferdes rettete. Der einfache Name Andreas zierte die siebente Trophäe. Der heilige Bernhard, sein naher Verwandter, liebte ihn sehr. Dennoch schrieb er ihm einst, als er Tempelherr geworben war: »Ich weiß nicht, ob ich nun noch wünschen soll, dich bei mir zu sehen. Vielleicht aber sagst du einst mit dem Vater Jacob: Da ich über diesen Jordan ging, hatte ich nichts als diesen Stab; nun besitze ich drei Heere.« Und es erfüllte sich, was Bernhard mit prophetischem Geist verkündet. Eudes de Saint-Amand, die neunte Rüstung, von seinen Zeitgenossen der andere Judas Makkabäus genannt, schlug Saladin bei Ramla und jagte ihn bis Damaskus zurück; doch wurde er im Jahre 1180 im Gebiete von Sidon bei Bellefort von diesem Sultan gefangen. Saladin bot ihm eine Auswechslung gegen seinen Neffen an, der in den Händen der Christen war.

Eudes aber sprach: »Nicht mehr als Messer und einen Gürtel gibt der Orden um die Freiheit eines seiner gefangenen Brüden – und so blickte er ruhig dem Tod ins Auge, den er bald darauf empfing. Das elfte Wappenbild erinnerte an den berühmten Terretus, der über den Verlust von Jerusalem, welches Saladin eroberte, seine Würde niederlegte. So folgten die Wehren der berühmtesten Großmeister und sollten beinahe die Flächen der Wände. Nur noch für eine Trophäe war Raum, und mit wohlgefälligem Blick haftete Molays Auge auf dieser leeren Stelle.

»Wie lange wird es dauern, Boulogne«, störte er diesen im eifrigen Lesen von Schriften, »wie lange wird es dauern, und mein Waffenschmuck macht den Schluss in dieser Halle. Wir müssen beizeiten darauf denken, dass ein neuer, ebenso würdiger Raum für diejenigen bereitet werde, welche nach mir kommen.«

Boulogne antwortete nicht. Er blickte den Großmeister lange und bedauernd an, wandte dann den Blick wieder von ihm, schüttelte das Haupt, als ob ihn seine Arbeit zu sehr in Anspruch nehme.

Jacob von Molay schwieg, um ihn nicht ferner zu stören. Der Meister stützte das von unzähligen Gedanken durchwirrte Haupt mit seiner linken Hand; die rechte ruhte auf der kunstvoll geschnitzten Lehne des Sessels.

»Wahrlich«, fuhr der Meister leise zu sich selbst sprechend fort, »ein tröstlicher Anblick hier in der Halle. All diejenigen, deren Namen sie aufbewahrt, die hob der eigene Verdienst zu dieser Würde empor. Nicht der Zufall, wie bei fürstlichen Geschlechtern, zeichnete sie aus, und schon das allein stellte sie höher als die gekrönten Häupter, welche in langer Reihefolge Throne besaßen. Bald, bald«, flüsterte er, »wird aber auch eine Königskrone für die nächste Trophäe erworben sein.«

Jetzt wurden die hohen Flügeltüren geöffnet. Zwei Brüder wahrten des Eingangs, und zwischen ihnen hindurch führte ein Dritter den Beichtvater des Königs, Wilhelm von Paris. Mit schlecht erkünsteltem unterwürfigen Wesen näherte sich der Dominikaner und redete den Großmeister an.

»Mir wurde vergönnt, Euch, hoher Herr, die Empfindungen seiner Majestät, unseres allergnädigsten Königs, in Worten mitzuteilen. Mein Herr, der König, bezeugt Euch durch mich nicht allein seine Freude, dass er einen Mann, welchen er stets seiner Freundschaft würdig gehalten hat, wieder in den Mauern seiner Residenz weiß, nein, er schätzt sich auch glücklich, das Haupt des besten kriegerischen Ordens, die Schutzwehr der Christenheit durch mich seiner königlichen Gnade versichern zu dürfen.«

»Ich danke Euch, hochwürdiger Herr, dass Ihr den Empfindungen meines königlichen Freundes Worte leiht. Zwar wurde mir das Glück noch nicht zuteil, mit seiner Majestät von Angesicht zu Angesicht zu verkehren, doch weiß ich recht gut, wie König Philipp dem Heil seiner Untertanen manches Gelüsten seines Herzens opfern muss. Ihr seid sein Beichtiger, hochwürdiger Herr, kennt daher das geheimste Empfinden in dem Herzen dieses besten Sohnes der Kirche. Keinen besseren Abgesandten konnte König Philipp wählen.« »Freut es mich doch«, rief Wilhelm von Paris, »dass ich diese Überzeugung Euch nicht erst durch Selbstlob aufbringen müsse, und werdet Ihr dasjenige, was ich im Namen des Königs von Euch heische, ebenso beherzigen, als ob der König in eigener Person Euch gegenüberstände.«

»Eures Amtes Heiligkeit, hochwürdiger Herr, überhebt Euch jeden Zweifel an meiner Willfährigkeit, sobald das Verlangte nicht gegen die Regel des Ordens läuft.«

»Ob dieser Bemerkung, hoher Herr, wage ich grundlegend etwas einzuwenden. Was ich von Euch verlange, das betrifft freilich einen Tempelherrn, und es ist mir nicht unbekannt, wie die Regel in diesem Fall lautet. Doch Zeit und Umstände haben ja schon so manche Veränderung in den Statuten eines jeden Ordens hervorgebracht, ebenso auch in dem Eurigen. Was für ein Jahrhundert passend war, taugt nicht mehr für das folgende, und die Strenge des heiligen Bernhards ist seit zwei Jahrhunderten veraltet. Seinem Aufgebot folgten alle christlichen Fürsten und Herren zu dem unglückseligen Kreuzzug. Jetzt würde sein Wort wahrlich nicht mehr jene Zauberkraft besitzen. Ihr seht daher wohl ein, dass die Regel nicht mehr in ihrem strengsten Sinne genommen werden müsse, und eine geringe Ausnahme davon jetzt von Euch bewilligt, wird meinen Herrn und König zum wärmsten Dank spornen.«

»So lasst hören, hochwürdiger Herr, und steht es in meiner Macht, so gewähre ich König Philipp am liebsten eine Bitte.«

»Es ist dem König mitgeteilt worden, dass der Tempelritter von Malhac in eine der schärfsten Ordensstrafen verfallen sei. Wichtige Gründe bestimmen den König zu dem Begehren, dass Ihr den Ritter Kraft Eurer höchsten Würde, der Strafe entbindet. Auch will der König nicht, dass er nach Frankreich komme, und möget Ihr es dem Ritter anheimstellen, ob er den Orden verlassen wolle oder nicht.«

Nach einigem Sinnen versetzte der Meister darauf: »Hätte der König irgendetwas begehrt, bei dessen Gewährung mein Wort das Allgeltende hätte sein können, so konnte ich ihn zufriedenstellen. Mit Freuden hätte ich es getan, so wie mir nun leid ist, dass ich sein Verlangen nicht erfüllen kann.«

»Nicht, hoher Herr? Ihr könnt des Königs Verlangen nicht erfüllen? Was hindert Euch daran? Bedenkt, es ist König Philipp, den Ihr zurückweist!«

Ohne es eigentlich selbst zu wollen, waren des Paters Worte zuletzt in einem so drohenden Ton ausgesprochen, dass der Stolz des Großmeisters sich darüber empörte.

Streng aber ruhig gab er dem Pater zurück: »Das Bedenken hält an Euch, hochwürdiger Herr. Ihr kommt als Abgesandter des Königs, nicht als sein Anwalt. Des Königs Anliegen habt Ihr mir mitgeteilt und Eure Pflicht und Schuldigkeit sind damit am Ende. Die Gründe, welche mich bestimmen, des Königs Forderung nicht zu willfahren, werde ich dem König selbst offenbaren.«

So bitter den Beichtvater des Königs auch diese Weisung berührte, so beherrschte er doch seine Miene, dass nichts darin zu lesen war, was nur irgend auf seine Empfindung schließen ließ, ja, er verneigte sich sogar, wie einer etwa, der das erfahren hatte, was er mutmaßte.

Der Meister ließ sich davon täuschen, und dem Drang seines Herzens folgend, wandte er an den Dominikaner die Worte: »Wenn das Euer ganzer Auftrag ist, so lasst uns vergessen, was wir noch vor wenigen Minuten gesprochen haben, denn, bei unserer lieben Frau, mein Herz sehnt sich danach, recht viel Gutes über meinen königlichen Freund zu erfahren, und jede gute Mär erfreut es durch und durch. Sagt an, hochwürdiger Herr, ist König Philipp glücklich? Ich meine nämlich in seinem Haus. Seine Prinzen sind nun herangewachsen – machen sie ihm Freude? Und die Navarrerin, erleichtert sie ihm noch wie ehemals die von Sorgen beschwerten Tage? Ihr werdet ja wohl das am besten wissen, darum frage ich Euch, ehe ich mit dem König selbst verkehre: Das Schlimmste ist beim Wiedersehen von Freunden, wenn durch Fragen aller Art Herzenswunden aufgerissen werden. Das möchte ich nicht, um Philipp nicht, auch nicht um meinetwillen.«

Ein bedeutsames Achselzucken war alles, was der Pater darauf erwiderte. Der Meister erwartete vergebens eine andere Antwort, und um des Königs Glück besorgt, versuchte er den Pater zu Worten zu bringen.

»Also König Philipp lebt nicht glücklich mehr …?«

Doch eben so verschlossen wie vorhin, antwortete Wilhelm von Paris mit demselben Achselzucken.

»Ihr seid ein treuer Diener Eures Herrn, wollt etwa nicht dasjenige zur Schau tragen, unter dessen riesenstarken Druck Philipps kräftiger Nacken sich beugen muss. Doch bedenkt, dass Ihr hier zu seinem Freund sprecht, dessen Fragen nicht der eitlen Neugier entsprungen sind, sondern der regen Teilnahme, zu welcher mich des Königs Freundschaft berechtigt.«

»Euch ist nicht zu widerstehen, hoher Herr«, fügte sich endlich Wilhelm von Paris, »jedoch werdet Ihr mich schwerlich begreifen, und doch … ich erinnere mich … Ihr habt ja auch bei Hofe gelebt … werdet, wenn auch nur vom Hörensagen, ein Verhältnis kennen, das einem König zwar nicht erlaubt, doch eben so wenig selten ist.«

»Ich verstehe Euch noch nicht ganz; wollet Euch doch erklären.«

»Wie mag ich denn die Worte wählen? Vergebt, wenn ich nicht so ganz die rechten treffe. Königin Johanna, Philipps Frau, ist verblüht. Sie kann ihres Mannes Neigung nicht mehr fesseln, und diese fiel auf ein Hoffräulein der Königin, auf Heloise von Malhac.«

Da schüttelte Jacob von Molay missbilligend das Haupt und sprach, von einer edlen Wallung durchströmt: »Das ist eine böse Mär! Mir ist es leid um die Königin, eine edle fromme Frau, zärtlich und sorgsam für den Gemahl und die edlen Kinder. Ist sie doch ins Haus getreten, ein Königreich zur Morgengabe bringend, prangend in der Schönheit Glanz und hohen Geistes – und jetzt soll sie einer Dienerin geopfert werden, des Mannes Herzen, des höchsten Schatzes beraubt – nein, das finde ich hart. Also darum fordert Philipp den Ritter von Malhac! Sagt dem König, hochwürdiger Herr, diese meine eigenen Worte, und gälte es einen wahrhaft hohen Zweck, nicht eigenmächtig würde ich die Regel verletzen, um so weniger aber, wenn es gilt, einer sündigen Liebe zu frönen.«

»Das wage ich nicht, Seiner Majestät zu hinterbringen.«

»Dann freilich, hochwürdiger Herr, ist unser Geschäft am Ende.«

Wilhelm von Paris nahm diese Weisung im engsten Sinne der Worte auf, verneigte sich wieder gegen den Meister und verließ dann so eilig die Halle, als ob ihm ein großer Wurf gelungen wäre.

»Bei unserer lieben Frau!«, störte Jacob von Molay Boulogne wieder, »zu solchem Werkzeug finde ich mich denn doch zu gut. Hörst du nicht, Boulogne? Hörtest du nicht, was dieser Priester von mir verlangt?«

»Tröste dich«, gab Boulogne zurück, »es wird sich noch ferner erklären.«

Kaum war ihm das Wort entfallen, so wurden die Flügeltüren wieder weit geöffnet. Pontrouge schritt herein; ihre Dienerinnen folgten ihr aber nicht bis vor den Meister. Auch hier bewährte das Geschlecht seine Macht, denn eine Ehre, wie sie dem Beichtvater des Königs, dem Glaubensinquisitor von Frankreich, nicht zuteilgeworden war, ließ der Großmeister der Oberhofmeisterin der Königin widerfahren. Er schritt herab von dem erhabenen Sitz; in seinem Gruß war die ritterliche Schule seiner Jugend zu erkennen.

»Euer Schreiben habe ich zur rechten Zeit empfangen, liebe Schwester«, nahm der Meister zuerst das Wort auf. »Da es von Eurer Hand gekommen ist, so war mir sein Wert verbürgt, doch glaube ich, Ihr habt mit zu ängstlichen Augen gesehen. Ich bin jetzt selbst herübergekommen nach Frankreich, werde nun selbst prüfen und gewiss nichts versäumen zu tun, was mir die Pflicht um den Orden gebietet.«

» Lieber Herr und Meister«, entgegnete Pontrouge, »gar vieles habe ich noch für Euch, was ich nicht in Worte kleiden konnte, um es Euch im Brief mitzuteilen. Doch erlaubt mir vorher, dass ich hier den wackeren Boulogne begrüße. Lange ist es, lieber Herr und Bruder«, wandte sie sich an den, »dass wir uns nicht gesehen haben. So oft schon habe ich an Euch gedacht, an Euch, der mir die Wissenschaften zugänglich machte, dessen Schülerin ich bin und dem ich den wärmsten Dank betätigen würde, wenn nicht des Ordens Armut uns beiden zuteilgeworden wäre.«

»Ich bin belohnt«, erhob sich Boulogne mit einigem Zwang, » ich bin belohnt, dass mein Mühen so gute Frucht getragen hat.« Und kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so ließ er sich nieder, teilnahmslos in seinen Schriften lesend, unbekümmert um das Gespräch der beiden.

Wie aber wuchs des Meisters Erstaunen, als ihm Pontrouge erklärte, Heloise von Malhac sei nicht die Einzige, auf welche König Philipp sein Auge geworfen hatte, sondern des Waffenschmieds Tochter von Beziers besitze des Königs Herz. Mit eindringlichen Worten – Pontrouge war deren mächtig – teilte sie dem Meister ihr Fürchten um die Vorteile des Ordens ausführlicher, als sie es im Brief hatte tun können, mit. Aber wer kennt nicht die Widerspenstigkeit eines ehrgeizigen Herzens? Die Überzeugung selbst macht es noch starrsinniger, und wie auf Zypern, so verwarf Jacob von Molay auch hier jede Warnung. Pontrouge ging von ihm, weniger denn jemals mit ihm befreundet.

»Das muss anders werden«, grollte der Meister, in der Halle auf und abschreitend, für sich selbst, doch so laut, dass Boulogne jedes Wort verstehen konnte. »Das muss und das soll anders werden. Niemals haben Frauen Gutes gestiftet, wenn sie für Männer am Platz waren. Die kleinlichsten Leidenschaften regen sie zu sehr auf, und um den Stich einer Mücke zu rächen, möchten sie gern eine Welt für ihren Zorn bewaffnen. Siehe da, schon wieder einer, drollig genug anzuschauen, um zum Lachen zu reizen. Wer seid Ihr«, fragte er den Eingetretenen, der mit feinen Höflichkeitsbezeugungen gar nicht zu Ende kommen konnte. »Wer seid Ihr und was begehrt Ihr?«

»Ich begehre nichts, hoher Herr. Doch wer ich bin, das sollt Ihr sogleich erfahren. Ich war Waffenschmied in Beziers. Des Königs Gnade jedoch hat mich emporgehoben über die Niedrigkeit meines Standes, des Königs Gnade hat mich, den Verschmachteten, wieder feist gemacht.«

»Euer Name?«

»Florian … Herr Florian … Ritter … nein, nicht Ritter … ne … hm … hm …«

»Nun, das bleibt sich so ziemlich gleich, Florian. Doch sagt mir, was Euch so plötzlich in des Königs Gnade so hoch erhoben hat?«

»Das weiß ich selbst nicht, edler Herr. Es muss wohl eine Fügung des Himmels gewesen sein. Auf der Veste Roucy lag ich gefangen mit einem Tempelherrn, dem Tode reif, denn beide hatten wir Anteil genommen an dem Aufstand gegen Seine Majestät …«

»Ein Tempelherr hätte Anteil genommen an dem Aufstand gegen den König …? Wie hieß der Tempelherr? Es ist nicht wahr! Ein Tempelherr konnte nicht solch unverzeihliche Schmach auf einen christlichen Herrn und König häufen. Doch warum noch mit Euch darüber verhandeln? Sagt mir kurz und bündig, was Euch zu mir führt und wer Euch den Weg zu mir gezeigt hat.«

Verdutzt von des Meisters strengen Worten trat Florian noch einige Schritte weiter zurück, konnte nicht schnell genug Worte finden, sondern hob nach einer Pause demütig an: »Es bedurfte keines Menschen, der mir den Weg zu Euch, Herr, zeigte. Weiß ihn doch jeder Knabe in Paris, denn gleich wie ein König thront Ihr in Eurem Palast.«

»Zur Sache, zur Sache.«

»Nun denn, hoher Herr, seit langer Zeit schon sind Zweifel in mir aufgestiegen, welche ich nicht zu bekämpfen vermag. Ihr seid der rechte Mann, der sie zu tilgen weiß. Hört mich. Wie schon gesagt, ich lag gefangen auf Roucy mit einem Tempelherrn, von der Kirche Wohltat schon ausgeschlossen. Wir wollten einer dem anderen beichten, und was musste ich hören? Der Tempelherr beichtete mir, dass es im Orden Brauch wäre, bei der Aufnahme in denselben Jesum Christum zu verleugnen, auf das Kreuz zu speien, es sogar mit Füßen zu treten …«

»Welche Bosheit!«, rief der Meister, ihn unterbrechend, »oder welcher Wahnsinn hat solches ausgeheckt?«

»Herr, ich sage Euch die reine Wahrheit. Ein besonderer Umstand aber veranlasst mich, nachgehends die Beichte jenes Tempelherrn für eine unwahre zu halten. Er lebt nämlich jetzt in Paris wie ich. Seine Wohnung kann ich Euch genau beschreiben. Vor einiger Zeit begegnete er mir in weltlicher Ritterkleidung. Ich meinte den ehemaligen Unglücksgefährten freundlich anreden zu dürfen. Er aber wies mich schnöde zurück und sagte, zum Beichtiger wäre ich gut genug, zum Beichtiger auf Roucy im Gefängnis. Hier in Paris habe er nichts mit mir zu schaffen. Das verdross mich, und mit den bittersten Empfindungen im Herzen begab ich mich nach Hause, grollte mir selbst in der Einsamkeit, dass ich so töricht gewesen war, ihn anzureden. Der Abend brach herein. Da störte mich eine ganz besondere Erscheinung in meiner Einsamkeit, nämlich ein Mann in braunem Mantel mit braunem Kreuz, und kriegerische Wehr hing an seiner Seite. An der Stimme erkannte ich meinen ehemaligen Gesellen Balthasar. Er verkündete mir dass er einem deutschen Wildgrafen, dem Großkomtur der Tempelherren dort, als Knappe diene. Erschreckt von diesen Worten um das Seelenheil des jungen Mannes, den ich einst väterlich liebte und dem ich noch zugetan bin, erhob ich mich. Mit den eindringlichsten Worten ermahnte ich ihn, von so ketzerischem Weg zurückzukehren. Doch er schwor bei allem, was den Christen heilig sei, man habe mich belogen. Die Mitglieder des Ordens wären gläubiger als alle anderen Gläubige. Von jener Zeit an, Herr, weiß ich nicht, wie mir ist. Der Kanzler von Frankreich, Wilhelm von Nogaret, hat mich zu öfteren Malen schon über die Beichte des Tempelherrn vernommen, und sollte ich damals falsch berichtet worden sein, so vergebt mir die Unbill, welche ich dem Orden durch meine Aussage zugefügt habe.«

Als ob die dünne Kruste des glutgeschwängerten Bodens den Ausbruch der Flammen nicht mehr zu hemmen vermag, hier und da das leuchtende Element schon durch enge Spalten zuckt und auf Augenblicke die Nacht erhellt – so stellte es sich in des Meisters Herzen dar. Was half es ihm, wenn auch noch so kräftig gegen eine böse Ahnung anzukämpfen? Mehr und mehr sah Jacob von Molay ein, dass etwas Unheilvolles im Schwange war. Wilhelm von Nogaret! Er, der den Orden hasste, der Kanzler des Königs, sein blindlings ergebener Diener – Wilhelm von Nogaret hatte die Beschädigungen, welche ein, dem Orden Abtrünniger, an den Tag gebracht, schon zu öfteren Malen in gerichtlicher Form aus Florians Mund entgegengenommen. Es war nicht mehr von Mutmaßungen die Rede, von Mutmaßungen, wie sie der deutsche Wildgraf auf Zypern mit so großem Eifer geäußert hatte. Eine traurige Wahrheit trat an ihre Stelle. Und dennoch wollte Jacob von Molay noch nicht ganz diesem Fürchten Raum geben. Zwar scheute er jetzt, dem Blick des erfahrenen Boulogne zu begegnen; doch zur Seite hin, unter den herniedergezogenen Braunen hindurch suchte sein Auge in den Mienen desselben zu lesen. Aber fest und ernst, unwandelbar schaute Boulogne in die Schriften, und dem vergeblichen Mühen entsagend, forschte der Meister weiter bei Florian. Der erzählte ihm nun das Abenteuer, wie Köhler den Nosso Dei befreit und dieser jetzt behaglich in Freuden mit dem Prior von Montfaucon in Paris lebe. Das berührte den Meister noch schmerzlicher, seine Fassung war auf dem Punkt, ganz und gar zu wanken. Doch alle Kraft zusammennehmend, wandte er sich folgender Gestalt an Florian.

»Die Zweifel, welche in Euch aufgestiegen sind, deuten auf das Herz eines wahrhaften Christen. Dass ich sie heben könne, war keine falsche Voraussetzung von Euch. Ich will sie heben, Florian, will sie heben, soweit es die Geheimnisse des Ordens erlauben …«

»Also doch Geheimnisse?«, stutzte der Waffenschmied. »Auch von Geheimnissen war die Rede, davon kein Christenkind, wenn nicht Tempelherr, Kunde haben dürfte.«

»Wer sprach davon?«

»Wie Ihr nur fragen könnt! Ganz Paris zerbricht sich den Kopf, was für Geheimnisse die wohl sein könnten, welche selbst Nosso Dei und der Prior dem König nicht offenbaren mochten. Auch mich fragte der Kanzler darum. Der Prior, meinte er, würde sie mir wohl in der Beichte anvertraut haben.«

»Freilich, freilich«, wandte sich der Meister von dem Waffenschmied, indem er hastigen Schrittes das Ende der Halle suchte, »das Geheimnis reizt, reizt selbst eines Königs Neugier – warum sollte es nicht die Geheimniskrämerei eines Nogaret reizen? Mögen sie denken, was sie wollen«, fuhr er im Selbstgespräch fort, »mich soll es nicht kümmern, und beschämt werden sie endlich abstehen von dem knabenhaften Verlangen. Was durch zwei Jahrhunderte so treu bewahrt worden ist, was kein Renegat verraten konnte, das wird wohl auch zwei Abtrünnigen verborgen geblieben sein.«

Gerade war der Meister zur Tür der Halle gelangt, da öffnete sich diese, und herein trat Wilhelm von Nogaret. Wer vermöchte die Empfindungen eines Jacob von Molay zu schildern, als er so plötzlich den Todfeind des Ordens von Angesicht zu Angesicht erblickte? Welche Überwindung mochte es ihm kosten, den Mann, der insgeheim so böse Absichten gegen den Orden hegte, mit gebührender Höflichkeit, dem Kanzler des Königs schuldigen, zu empfangen? War es ein Wunder, dass plötzlich das freie Wort von des Meisters Mund gewichen war? War es nicht eine natürliche Folge der Unter­redung mit dem Waffenschmied, dass des Meisters Charakter sich in jedem seiner Worte verleugnete? Jacob von Molay erkannte vielleicht selbst nicht, wie jede einzelne Begebenheit langsam, unwiderstehlich und sicher all seine Entwürfe, ja sein höchstes Trachten ihm aus dem Blick rückte. Und so sah er sich plötzlich in dem Farbenwechsel der höfischen, gleisnerischen Verstellungskunst geworfen, die eines Großmeisters des Tempelherrenordens unwürdig war. Nogarets fragender Blick, wie er auf dem Waffenschmied haftete, bestimmte des Meisters Worte. Und siehe da, das wahre Ich spiegelte sich darin.

»Ihr scheint verwundert, Herr Kanzler! Ihr scheint verwundert, dass dieser Mann, untergeordnet in der menschlichen Gesellschaft, zu mir, dem Erlauchten, sich gedrängt hat. Doch das hat seine besonderen Gründe. Besondere Gründe hat es wohl auch, dass Ihr mit so hoher Verwunderung ihn anschaut.«

»Ich muss gestehen, hoher Herr«, rang der Kanzler nach Worten, »dass es mich befremdet, ihn hier anzutreffen.«

»Ich dächte nicht, dass Ihr ihn kennt, obwohl sein Äußeres einen Hochadeligen gar abenteuerlich bekundet. Seht nur, Herr Kanzler, dieses Barett von schwarzem Samt, mit veilchenblauen Pauschen, diesen Reiher – kann ein Edelknecht der Königin ihn schöner tragen? Dieser Spitzenkragen, wie künstlich ist er nicht gearbeitet – man sollte denken, die zarteste Minne habe ihn geschaffen. Dieses Wams – wenn auch grell von blau und gelb zusammengesetzt – würde es nicht einen schlanken Edelknecht zieren? Wie schön die Bänder an den Kniehosen geknüpft sind, und wie aufmerksam die Schnäbel an den Schuhen aufwärts gezogen durch goldene Kettlein! Seht nur den Faltenwurf des kurzen Mantels – das spitze Ding da an der linken Seite, und dann«, führ er mit erhöhter Stimme fort, »betrachtet das Siegel, welches auf der Stirn dieses Mannes leuchtet, das Siegel der königlichen Gnade – soll ich den Mann nicht in meiner Audienz empfangen?«

Der Meister stand zwischen dem Kanzler und dem Waffenschmied. Der Kanzler versuchte seine Verlegenheit hinter einem Lächeln zu verbergen, wie es jedem Hofmann eigen ist. Der Waffenschmied stand halb abgewandt, zupfte an Kragen und Handschuhen, betrachtete sich wohl zehnmal und versuchte auf jede mögliche Weise dem Blick des Kanzlers auszuweichen.

»Ich begreife das, hoher Herr«, erhob sich endlich Nogaret, »wie konntet Ihr auch vermuten, dass unter dieser glänzenden Hülle eine ganz gewöhnliche Frucht verborgen wäre. Man hat Beispiele«, fügte er mit vertraulichem Blick hinzu, »dass schöne Töchter reiche Väter machen; dass die sanfte Regung in dem Herzen eines Königs – doch genug davon. Ihr werdet das selbst erfahren, wenn Ihr erst länger in Paris seid. Habt die Gnade und entlasst den Mann. Was ich mit Euch zu verhandeln habe, bedarf keines solchen Zeugen.«

»Mitnichten, Herr Kanzler!«, brach der gerade, offene, ritterliche Sinn des Meisters hervor. »Den Mann entlasse ich nicht – und Ihr seid mir zur guten Stunde gekommen.«

»Doch bedenkt, hoher Herr, der Mann gehört nicht unter Eure Gerichtsbarkeit. Ihr dürft ihn nur mit Vorwissen unseres allergnädigsten Königs gefangen halten.«

»Ihr habt mich missverstanden, Herr Kanzler, den Mann will ich nicht gefangen halten, aber – Euch, Herr, Euch, wie den Schröter am Faden.«

»Mich? Mich wollt Ihr festhalten? Den Kanzler des Königs von Frankreich?«

»Bei unserer lieben Frau! Boulogne, den Staatsmann hätte ich nicht für so dumm gehalten! Lieber Herr, mit Verlaub, hat Seine Majestät der König von Frankreich noch mehr so gescheite Minister? Ihr denkt wohl, es läge mir an Eurer Person? Kurzsichtiger, hinterlistiger Kanzler! Dergleichen Stotzen, wie Ihr seid, kann ich aus meinen geringsten Knechten schnitzen. Doch Rede sollt Ihr mir stehen, warum, weshalb Ihr diesen Waffenschmied in gerichtlicher Form vernommen habt? In Betreff des Tempelherrenordens vernommen?«

Wenn auch die letzte Eröffnung des Meisters den Kanzler gar sehr überraschte, so war er doch Hofmann genug, um sein ganzes Empfinden nicht zur Schau zu tragen. Es ist eine ganz gewöhnliche Erscheinung, dass Hinterlistige, Betrüger, Bösewichter zum Trotz ihre Zuflucht nehmen, mit der ungeheuersten Frechheit den Anstrich der beleidigten Unschuld zu erhalten versuchen, wenn sie sich auf eine Stufe geführt sehen, die entweder zum Verderben führt, oder, während sie sich auf derselben erhalten, den Glorienschein des Rechtes um sich verbreitet sehen. So Wilhelm von Nogaret, und der mächtigen königlichen Stütze sich bewusst, stellte er sich gekränkt, machte dem Meister Vorwürfe, dass er so gerade hin auf das Wort eines durch den Zufall begünstigten Waffenschmiedes den Kanzler so schnöde behandelte.

»Ich werde mich bei dem Gerichtshof beklagen«, verfolgte er sich am Schluss dieser Worte, »der mächtig genug ist, die treuen Diener des allerchristlichsten Königs gegen die Unbill des übermütigsten Ordens zu schützen. Ich werde mich Seiner Majestät zu Füßen werfen. Nichts anderes will ich von ihm heischen als Recht gegen Euch.«

»Sorge nicht, Wilhelm von Nogaret«, rief ihm der Meister nach. »Recht soll dir werden – geschworen sei es bei unserer lieben Frau!«