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Borne

Jeff VanderMeer
Borne

postapokalyptische SF, Hardcover, Verlag Antje Kunstmann, München, September 2017, 363 Seiten, 22,00 Euro, ISBN: 9783956141973, übersetzt von Michael Kellner.

Irgendetwas ist passiert, seit Rachel ein kleines Mädchen war. Als ihre Eltern noch da waren und die Welt noch in Ordnung schien, in einer fortschrittlichen Gesellschaft, die es verstand, erstaunliche Dinge und Wesen mittels Biotechnologie zu erschaffen. Doch das ist lange her. Rachel ist nun erwachsen und lebt in einer zerstörten Stadt, in der es vor Gefahren nur so wimmelt. Sie hat sich mit dem Biotechniker Wick zusammengetan und versteckt sich in den Überresten eines ehemaligen Wohnblocks an den Rändern der Stadt. Durch die Ruinen ziehen nicht nur andere Menschen, sondern auch mutierte Wesen in den unvorstellbarsten Varianten. Aus zunehmend schwieriger aufzufindenden »Biotech«-Abfall kann Wick Dinge formen, die sie gegen Nahrung oder anderes eintauschen können. Rachel und Wick verbindet eine seltsame Beziehung, die halb aus Zuneigung, halb aus gegenseitiger emotionaler Abhängigkeit besteht.

Gefahr droht dem ungleichen Paar, das sich in seiner Zuflucht verschanzt, vor allem von zwei Feinden: von der Magierin, einem menschlichen Wesen mit scheinbar übernatürlichen Fähigkeiten und starken Ressourcen, mit denen sie sich die Loyalität so manches Ruinenbewohners erkauft – und Mord, ein ins Monströse mutierter Biotech-Bär, der nicht nur groß wie mehrere Häuser ist, sondern zudem auch noch fliegen kann. Seine Angriffe enden zumeist tödlich, aber in seinem Fell finden Biotech-Sammler, die ihn, während er schläft, besteigen, auch allerhand Interessantes. Eines dieser Dinge ist Borne – eine Art korallenartige lebende Pflanze. Rachel ist von dem Wesen fasziniert und nimmt es mit nach Hause. Wick ist wenig begeistert von der Kreatur, die sich schnell als intelligent herausstellt. Rachel zieht Borne weiter auf, der schließlich spricht, lernt und Fragen zu sich und seiner Umwelt stellt. Noch dazu entwickelt er die Fähigkeit, seine Gestalt beliebig zu verwandeln und sich seine Nahrung selbst zu besorgen. Rachel, immer in Sorge um ihn, sobald er die Entscheidung getroffen hat, selbst in die Stadt hinauszugehen und nicht im Wohnblock zu bleiben, muss einsehen, dass Wick recht hatte: Borne könnte ihnen bald gefährlich werden. Zudem setzen Mord und die Magierin ihnen immer mehr zu – und schon bald verschieben sich die fragilen Machtverhältnisse in der Stadt, als auch die anderen Parteien Wind von der Existenz Bornes bekommen.

Wer Jeff VanderMeers Southern Reach-Trilogie gelesen hat, der ahnt in etwa, was der amerikanische Ausnahmeautor in Borne für eine Art Geschichte erzählt. Das Setting ist absolut phantastisch. Die zerstörte Stadt erinnert in vielerlei Dingen an Ruinenstädte, wie wir sie aus postapokalyptischen Filmen oder entsprechenden Videospielen (z.B. Fallout, The Last of Us) kennen. Bald wird klar: Die Biotechnologie der Firma, eines Biotech-Herstellers am anderen Ende der Stadt, muss an irgendeiner Stelle aus dem Ruder gelaufen sein, die Experimente wandeln als seltsame Wesen durch die Stadt und müssen – wie der gewaltige Mega-Bär – dafür gesorgt haben, dass nur noch Ruinen übrig blieben. In dieses Szenario wirft VanderMeer eine zwischen zwangsläufiger Lebenshärte und scheuer Verletzlichkeit gegenüber ihrem Partner changierende Hauptfigur. Rachel, ob des unsteten Lebens, das sie führt, in vielen Belangen haltlos, findet mit Borne so etwas wie einen Kindersatz. Weite Strecken des Buches drehen sich um die Beziehung zwischen dem intelligenten, fremden Biotech-Wesen und seiner Mutter, die sich gleichzeitig immer weiter vom mahnenden Vater in dieser Konstellation – Wick – entfernt.

Neben all den Fantasy-Aspekten, die durchgängig ebenso dominant sind, wie das Familienthema, ist es also vor allem eine Mutter-Kind-Geschichte, die VanderMeer hier exemplarisch durchexerziert, und zwar recht akribisch: von der Geburt Bornes (dem Auffinden) über die Kindheit (Sprach- und Formenspiele) und Pubertät (Grenzen austesten und Eigenständigkeit einfordern) zum Loslassen (der Auszug und das Finden des eigenen Platzes in der Welt). Diese Allegorien sind – auf Borne und Rachel angepasst – sehr offensichtlich, wodurch die Geschichte an sich aber eine wunderbare Erdung erfährt. Kenner der Southern Reach-Trilogie werden sich wundern, wie zugänglich VanderMeers Stil plötzlich ist, wenn er sich ganz nah an seinen Figuren bewegt und die Komplexität des Plots und der interpretativen Ansatzmöglichkeiten reduziert. Wo die Romane um Area X überkomplex und nebulös wirken, ist Borne im Gegensatz wohltuend konkret und klar.

Natürlich kommt auch Borne nicht ohne überraschende Wendungen daher – insbesondere im letzten Drittel, das gegenüber der etwas trägen Mitte wieder deutlich an Tempo gewinnt und mit einem aufregenden und erstaunlich runden Ende aufwartet. Jeff VanderMeers Roman ist somit viel zugänglicher und lesbarer als seine berühmt gewordene Trilogie – ohne seine maßlose Fantasie und das unglaublich dichte Setting zu beschneiden. VanderMeer-Neulingen sei daher Borne als Einstieg in die faszinierende Gedanken- und Ausdruckswelt dieses Autoren empfohlen. Davon abgesehen ist es ein wahnsinnig kluger, rührender, spannender und fordernder Roman, der viel darüber auszusagen weiß, was es heißt, für jemanden oder etwas da sein zu wollen. Dies so zu verpacken, wie es in Borne gelungen ist, ist eine meisterhafte Leistung.

(sv)

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