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Larry Fessenden – Das verkannte Genie

Larry Fessenden – Das verkannte Genie

In Deutschland ist Regisseur, Autor, Schauspieler und Produzent Larry Fessenden so gut wie unbekannt. Ganz anders sieht es da in den USA aus, wo bereits eine Werkedition seiner Filme veröffentlicht wurde. Fessenden gehört zu den wichtigsten US-amerikanischen Indie-Regissseuren, und seine New Yorker Produktionsfirma Glass Eye Pix zählt zu den wichtigsten Indie-Firmen.

Habit

Zwar wurde Glass Eye Pix bereits 1985 gegründet, doch den entscheidenden Erfolg erzielte Fessenden erst 1997 mit seinem Vampirfilm Habit, der auf diversen Filmfestivals für viel Aufsehen gesorgt hatte. Das Magazin Fangoria kührte Habit zu einem der besten zehn Horrorfilme der 90er Jahre. Es geht darin um den Bohemian Sam, der auf einer Party die geheimnisvolle Anna trifft. Von ihrer Sinnlichkeit angezogen, kommt es zwischen beiden zu einem rein sexuellen Verhältnis. Jedenfalls so lange, bis Sam an sich Anzeichen einer sonderbaren Krankheit bemerkt.

Die Low Budget-Produktion besitzt eine unglaubliche Dichte, spielt mit den Erwartungen des Zuschauers und sorgt für stilvollen Nervenkitzel. Bereits hier macht sich Fessendens düstere Poetik bemerkbar, die er in seinen späteren Filmen fortführte. Der Film wurde mehrfach nominiert und ausgezeichnet. Dennoch blieb eine Veröffentlichung in Deutschland bisher aus.

Teilweise erinnert Habit an den eigenwilligen Vampirfilm Addiction, dessen Handlung ebenfalls im Intellektuellenmilieu angesiedelt ist und dieses dabei durch den Kakao zieht. Was bei Addiction Satire ist, ist bei Habit allerdings eine überaus düstere Story, die zwar durchaus auch ihre ironischen Aspekte besitzt, insgesamt aber doch eher verstörend und im gewissen Sinne erbarmungslos ist. Dies liegt darin, da Fessenden sich in seinem Debüt nicht für das Milieu als solches interessiert, sondern für die Vereinzelung seiner Figuren, die als Symbol für das moderne Großstadtleben stehen.

Fessenden macht aus der Not eine Tugend. Aufgrund fehlender Scheinwerfer (das Budget war äußerst gering, und Fessenden übernahm aus Kostengründen auch gleich die Hauptrolle) nutzt er die Dunkelheit und die dichten Schatten aus, indem er sie bewusst in die Szenerie integriert. Das Ergebnis ist einfach nur wundervoll, gelingt ihm dadurch doch eine Verbindung aus klassischen Gruselaspekten und moderner Lebenswelt. Bis heute wird Habit immer wieder auf Filmfestivals in den USA gezeigt und besitzt dort fast so etwas wie einen Kultstatus.

Wendigo

Der erste Film, der ein Release in Deutschland erfuhr, war Wendigo. Wiederum mit geringen Mitteln schuf Fessenden einen überaus ästhetischen Horror-Mystery-Film, der beim Woodstock Filmfestival 2001 den ersten Preis erhielt.

Wendigo erzählt die Geschichte von Kim, George und ihrem acht Jahre alten Sohn Miles, die ein Winterwochenende im Landhaus ihres Freundes verbringen möchten, um einmal vom Alltagsstress loszukommen. Doch schon auf dem Weg dorthin geschehen sonderbare Dinge. George überfährt einen Hirsch und löst dadurch einen Streit zwischen einer kleinen Gruppe von Jägern aus, die das Tier gejagt haben. Doch auch im Landhaus scheint nicht alles geheuer. Miles hat unheimliche Alpträume. Irgendetwas scheint in dem Wald zu wohnen, an dessen Rand das Haus steht. Besonders Miles spürt dessen verstörende Gegenwart. Schließlich geraten die Dinge außer Kontrolle …

Von Anfang an ist der Film von einer dichten, unheimlichen und leicht verstörenden Atmosphäre gekennzeichnet. Die unruhige Kamera gleich am Anfang lässt den Konflikt zwischen der Familie und den Jägern wie eine Live-Reportage erscheinen. Zuvor sieht man noch, wie Miles am Rücksitz des Autos mit seinen Plastikfiguren spielt, kurz darauf dann der harte Kontrast zur düsteren Realität, die von der unangenehmen Begegnung mit einer Gruppe Hinterwäldler geprägt ist.

Was man zunächst als eine Art Zitatenschatz auf das Horrorfilmgenre bezeichnen könnte, entwickelt sich dann doch in eine völlig andere Richtung. Denn Fessenden versucht nicht, seinen Film mit Filmzitaten aufzuheitern, sondern erzählt seine eigene, teils autobiografisch geprägte Geschichte, die mit Erinnerungen aus seiner Kindheit bespickt ist.

Dass er sich dabei als ein großartiger Erzähler erweist, zeigt der weitere Verlauf der Geschichte, die von Mal zu Mal unheimlicher und mystischer wird. Im Zentrum steht dabei Miles, der zum ersten Mal aus der Großstadt aufs Land kommt und die Natur als fremdartig und bedrohlich empfindet. Wunderschöne, stark atmosphärische Landschaftsaufnahmen vermitteln dabei den Eindruck einer belebten Natur. So werden das Schwanken der Äste, das Rauschen des Windes oder auch ein fließender Bach zu möglichen Verkörperungen des Wendigo, eines indianischen Naturgeistes, der das Schicksal der Menschen, die ihm ausgesetzt sind, auf schreckliche Weise beeinflussen kann.

So auch Miles und seine Eltern, die immer stärker in den unheimlichen Bann des Wendigo geraten. Miles erfährt von einem Indianer in einem kleinen Touristen-Shop zum ersten Mal von diesem Geist. Seine Eltern halten jedoch alles für pures Geschwätz. Sehr geschickt setzt Fessenden die zunehmende Unsicherheit Miles’ in geradezu perfekte Bilder um: plötzliche Zeitraffer bei den Naturaufnahmen; Bäume scheinen Gesichter zu haben; Traumsequenzen vermischen sich mit der Realität; weite, düstere Landschaftsaufnahmen. Ein genialer Soundtrack mit Songs des New Yorker Musikers Tom Lavarack untermalen die Bilder und geben ihnen eine zusätzliche mystisch-unheimliche Note.

The last Winter

Die erste internationale Produktion von Glass Eye Pix fand mit der isländischen Filmfirma Zik Zak Films statt. Es handelte sich um den Horrorfilm The last Winter (2006), mit Ron Perlman in der Hauptrolle, der mit Fessenden befreundet ist. Es geht um seltsame Vorkommnisse in und um eine Forschungsstation am Nordpol. Erneut zeigt sich Fessendens Können in einer genialen Optik, die dem Film eine überaus ästhetische Note verleiht. Obwohl das Thema Klimawandel anklingt, möchte Fessenden seinen Film nicht als Öko-Thriller mit mahnendem Unterton verstanden wissen. Es geht ihm darum, den Kontrast zwischen Erklärlichem und Unerklärlichem zu zeigen und dabei eine Art Endzeitfilm zu schaffen.

So betrachtet Fessenden Habit, Wendigo und The last Winter als eine Art Trilogie, die mit dem oben erwähnten Sam ihren Anfang nimmt und in den düsteren Geschehnissen in der Arktis endet. The last Winter ist eine isländisch-amerikanische Co-Produktion, die versucht, Themen wie Umweltzerstörung, die Gier nach Rohstoffen sowie die durch den Menschen hervorgerufenen klimatischen Veränderungen in eine mysteriöse Geschichte einzuweben, in der es um eine Forschungsstation geht, die von seltsamen und unheimlichen Geschehnissen heimgesucht wird. Ganz in der Nähe dieser Station fand vor Jahren eine Bohrung in unermessliche Tiefen statt. Anscheinend wurden dadurch uralte Kräfte freigesetzt, die nun den Bewohnern der Station zuschaffen machen. Die Wissenschaftler sind von einer Ölfirma angestellt worden und sollen in deren Namen die Veränderungen in der Arktis untersuchen. Die Forscher finden heraus, dass eine weitere Bohrung nach Öl das gesamte ökologische Gleichgewicht zerstören würde. Die Ölmanager pfeifen allerdings auf die negativen Daten und versuchen trotzdem ihren Plan durchzuführen.

Dem Regisseur gelingt hier eine gekonnte Umsetzung eines stark politisch angehauchten Stoffes in eine dichte, mystische Story, die ganz ohne Phrasendrescherei auskommt. Die Gier nach Profit sowie die rücksichtslose Vorgehensweise von Rohstoffkonzernen wird geradezu pointiert in der Figur des Ingenieurs Ed Pollak dargestellt. Ihm gegenüber stehen die rationalen Überlegungen der Klimaforscher, die davor abraten, in der Arktis nach Öl zu bohren.

Interessanterweise gelingt es Larry Fassenden, diese Debatten, die sich aus dieser Gegenüberstellung wie von selbst ergeben, innerhalb eines unheimlichen Kontextes spielen zu lassen. Ed Pollaks ständiges Anspornen sowie die blinde Aufopferung in eine zum Scheitern verurteilte Unternehmung lassen hier die Kritik am Kapitalismus laut werden. Der Film nimmt eindeutig Position seitens der Wissenschaft, wobei er diese keineswegs glorifiziert. Relativ nüchtern werden die Forscher als Menschen dargestellt, die bestimmte Dinge erklären können, für die anderes aber weiterhin rätselhaft bleibt. Aufgrund ihres Bewusstseins darüber, dass sie manchen Phänomenen gegenüber ratlos sind, resultiert ihre Vorsicht.

In The last Winter wird das Grauen als etwas dargestellt, das vom Menschen selbst verursacht wurde. Die gespenstischen, teils halluzinatorischen Zwischenfälle wirken sich als eine Art Konsequenz des menschlichen Verhaltens aus.

Fessenden möchte jedoch nicht, dass sein Film als eine Art Parabel verstanden wird. Wie in Wendigo und Habit stehen bei ihm die Figuren und deren Verhalten im Mittelpunkt. Ihm interessiert vor allem, wie sich diese Wissenschaftler und der Kapitalist aufgrund der unerklärlichen Bedrohung verändern und welche Konflikte dadurch entstehen. Dadurch funktioniert der Film auf zwei unterschiedlichen Ebenen: auf einer Ebene des Phantasisch-Unheimlichen und auf einer Ebene des rationalen Alltags.

The last Winter war der zweite Film von Fessenden, der es bis nach Deutschland geschafft hat. Während in den USA sich die Kritiker einig waren, dass es sich hier um einen vortrefflichen Thriller handelt, so fiel der DVD-Release in Deutschland komplett ins Wasser und die spärlichen Rezensionen, die es gab, konnten dem Film nicht viel abgewinnen.

Beneath

Wahrscheinlich hatte dies zur Folge, dass Fessendens dritter Film, bei dem er Regie führte, es erst gar nicht bis nach Deutschland schaffte. Mit Beneath (2013) wandte er sich dem 80er Jahre Trashfilm zu, in dem er sechs junge Leute, die an einem See ihren Urlaub verbringen wollen, mit einem mutierten Riesenwels in eine unheilvolle Verbindung bringt. Nach seinen poetischen Werken schuf Fessenden ein schwarzhumoriges Trash-Vergnügen.

Der durchaus eigenwillige Tierhorrorstreifen ist zugleich eine liebevolle Hommage an die Slasher- und Splatterfilme der frühen 80er Jahre. Von der Farbgebung angefangen bis hin zu den Dialogen und der typischen Horror-Action schien sich Fessenden einmal so richtig austoben zu wollen. Im Verhältnis zu seinen früheren Filmen geizt er auch nicht an Kunstblut, und das Budget hat sogar für einen mechanischen Monsterfisch gereicht, der für viel Spaß und Spannung sorgt.

Das Publikum war begeistert, zusätzlich zum Film erschienen auch noch ein Comic und T-Shirts, auf denen der Riesenwels abgebildet war. Ganz klar, der Film wollte kein hintergründiges Drama sein und auch keine umweltpolitischen Botschaften vermitteln, sondern nur das Publikum unterhalten. Mit Sicherheit ist Beneath nicht Fessendens bester Film, aber es ist sein leichtester und verspieltester, der vor allem eines macht: gute Laune.

I sell the Dead

Als Produzent ist es Larry Fessenden vor allem ein Anliegen, junge Regisseure zu fördern. Allen voran unterstützte er Ti West bei seinen diversen Filmen, nachdem dieser durch seine Mitarbeit an Cabin Fever 2 eine tiefe Enttäuschung erlebt hatte. Zusammen mit Fessenden schuf er Filme wie die Low Budget-Produktion The Roost (2005) und den mehrfach nominierten Geisterhausfilm The Innkeepers (2011). Ebenfalls aufs Konto der Firma Glass Eye Pix geht die freie Stevenson-Adaption I sell the Dead (2008), in der neben Ron Perlman auch Horrorikone Angus Scrimm zu sehen ist.

Da ich bereits in dem Hotel-Artikel auf The Inkeepers eingegangen bin, möchte ich als Beispiel für Fessendens Arbeit als Produzent die Horrorkomödie I sell the Dead anführen.

I sell the Dead ist eine Mischung aus Horrorfilm und Horrorkomödie, in der es um den Leichendieb Arthur Blake geht, der kurz vor seiner Hinrichtung Pater Duffy seine Lebensgeschichte erzählt. Bereits sein Vater arbeitete als Leichendieb. Nach dessen Tod übernahm quasi Arthur den Job. Als Lehrling des ungehobelten Willie Grimes macht er sich auf, um nachts Leichen aus ihren Gräbern zu stehlen. Dies geht so lange gut, bis sie eines Tages von einer seltsamen Ladung Särge erfahren, die nach einem Schiffsunglück auf eine einsame Insel getrieben wurde. Willie und Arthur setzen alles daran, um die Särge zu bergen. Doch haben sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn zum einen befinden sich in den Särgen keine Toten, sondern Untote, und zum anderen möchte die Verbrecherbande House of Murphy ebenfalls an die Särge herankommen.

Um die Kosten des Films gering zu halten, übernahm Produzent Larry Fessenden wie schon in Habit die Rolle des Willie Grimes. Ihm zur Seite standen Horror-Ikone Angus Scrimm und Ron Perlman. Mit einem Budget von gerade einmal 450.000 Dollar machten sich alle ans Werk. Das Schöne bei den meisten Indie-Filmen ist, dass sich die jeweiligen Teams mit voller Motivation  an die Arbeit machen. Dies merkt man auch I sell the Dead an. Die Schauspieler gehen voll und ganz in ihren Rollen auf. Für Ron Perlman, der zeitgleich bei Hellboy 2 vor der Kamera stand, war dies die zweite Zusammenarbeit mit Fessenden. Hier tritt er in der Rahmenhandlung als Pater Duffy auf, was der Beichte Arthurs eine köstliche schwarzhumorige Note verleiht.

Überhaupt ist schwarzer Humor das Markenzeichen des Films. In einer der bekanntesten Szenen beißt ein Junge in ein weißes Kaninchen. Die Aufregung war natürlich groß, da manche Zuschauer glaubten, es handele sich dabei um ein echtes Tier. Hier merkt man mal wieder, wie gut Spezialeffekte dann sind, wenn sie einfach sind. Es handelte sich nicht um einen CGI-Effekt, sondern schlicht und ergreifend um eine Puppe und jede Menge Kunstblut.

I sell the Dead besitzt neben seinen komödiantischen Aspekten auch einen Hang zur Satire. So zieht der Film das Thema »Arbeitswelt« gehörig durch den Kakao, denn im Grunde genommen erzählt der Film, wie ein junger Mann versucht, sich in einer bestimmten Branche zu qualifizieren. Schon allein die »Einarbeitung« Arthurs durch Willie Grimes ist grandios in Szene gesetzt. So geht z. B. einmal bei einem Leichenraub etwas gehörig schief, was zur Folge hat, dass eine Vampirfrau hinter ihnen her ist. Die Konkurrenz in dem Film schläft natürlich nicht. Die degenerierte Verbrecherfamilie House of Murphy ist in derselben Branche tätig und macht keine halben Sachen, wenn es um Gewinnmaximierung geht.

Auch dieser Film wurde in Deutschland lediglich am Rande wahrgenommen. Wirklich schade, denn der Film ist überaus gelungen und versteht sich zugleich als Persiflage auf die Filme der Hammer Studios und der American International Pictures der 60er Jahre.

Zum Abschluss

Hatte Fessenden damit begonnen, an den Straßen Plakate für seinen Film Habit aufzuhängen, um auf seine Produktion mindestens irgendwie aufmerksam zu machen, so hat er sich inzwischen als einer der wichtigsten Indie-Regisseure und Produzenten etabliert. Natürlich geht diese Entwicklung auch nicht an Hollywood spurlos vorbei, denn Fessenden wurde engagiert, um für die großen Studios mehrere Filme zu drehen. Spätestens diese Filme dürften dann auch das Interesse der deutschen Verleihe wecken. Und vielleicht führt dies letztendlich auch dazu, dass Larry Fessendens übrige Filme hier auf ein erstes bzw. größeres Publikum treffen.

(mp)

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