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Die Schwarzmäntel – Band 1

Paul Féval
Die Schwarzmäntel
Originaltitel: Les Habits Noirs
Band 1

Anstelle eines Vorwortes

Lange bevor moderne Mafia-Epen oder Superhelden-Comics die Popkultur beherrschten, erschuf der französische Autor Paul Féval mit seinem Zyklus Les Habits Noirs ein literarisches Universum, das den Grundstein für den modernen Kriminalroman legte. Zwischen 1863 und 1875 veröffentlicht, entfaltet Féval eine düstere Vision der Gesellschaft, in der das Verbrechen nicht mehr nur das Werk Einzelner ist, sondern ein unsichtbares, perfekt organisiertes Imperium.

Im Zentrum steht die titelgebende Geheimgesellschaft – die Les Habits Noirs; die Schwarzmäntel. Dabei handelt es sich nicht um gewöhnliche Straßendiebe, sondern um eine kriminelle Elite, die alle sozialen Schichten durchdringt. Vom Aristokraten im Ballsaal bis zum Handwerker in der Gasse: Ihre Mitglieder sind überall, erkennen sich an geheimen Zeichen und unterliegen dem eisernen Gesetz der Omertà (dem Schweigen).

Die Schwarzmäntel sind kein Mythos; sie sind ein Schatten, der über Paris liegt – eine Armee ohne Uniform, deren Waffen List, Verrat und ein unendliches Gedächtnis sind.

Mit der Figur des Colonel Bozzo-Corona schuf Féval den Archetypus des genialen, im Hintergrund agierenden Verbrechergenies, der spätere Charaktere wie Conan Doyles Professor Moriarty maßgeblich beeinflusste.

Hinter der spannenden Fassade des Feuilleton-Romans verbirgt sich eine scharfe Analyse des französischen Bürgertums unter Napoleon III. Féval zeigt eine Welt, in der Moral käuflich ist und die Grenze zwischen Gesetzeshütern und Gesetzlosen verschwimmt.

Anders als viele Zeitgenossen nutzt Féval eine nicht-lineare Erzählweise, Vorblenden und komplexe Intrigen, die den Leser dazu zwingen, selbst zum Detektiv zu werden.

Wer Les Habits Noirs aufschlägt, betritt ein Labyrinth aus Identitätswechseln, Familiengheimnissen und düsterer Atmosphäre. Es ist ein Werk des Übergangs: Es besitzt die Romantik eines Alexandre Dumas, kombiniert sie jedoch mit der harten Realität und der psychologischen Tiefe, die später das Noir-Genre prägen sollten.

Band 1 beginnt mit dem Mysterium um die Herkunft der Bande und führt den Leser direkt in das Herz einer Verschwörung, die Jahrzehnte umspannt. Es ist kein Buch zum schnellen Überfliegen, sondern ein Epos, in dem jedes Detail zählt.


1. Kapitel
Eine Abhandlung über die Schwartz’s

Es gab einmal im kleinen Landstädtchen Guebwiller, im Elsass, eine Familie Schwartz, die sehr rechtschaffen war und das gesamte Universum mit Elsässern versorgte. Elsässer sind in der Welt im Allgemeinen gern gesehen, und die Familie Schwartz brachte ihre Kleinen – sei es auf Bestellung oder von Amts wegen – mit großem Erfolg unter. Erfolg ist hier ein Fachwort; man spricht es Vafeur aus, und es gewinnt eine höchst liebliche Harmonie, wenn es über Lippen kommt, die das Vranzösische gut zu pärlen verstehen.

Die Familie Schwartz blühte also, wuchs und vermehrte sich in evangelischer Fülle; sie entsandte ihre Brut nach Paris, in die Provinz und ins Ausland. Ungeachtet dieser ständigen Exporte behielt sie stets einen imposanten Vorrat an kleinen Schwartz’s und kleinen Schwartzinnen auf Lager, bereit für die Verpackung.

In puncto Handel, Gesangsvereine, Bier und Akzent kann kein Land mit dem Elsass konkurrieren! Ein junger Schwartz, sorgfältig konditioniert und reif für die Eroberung, vereint in sich allein alle Tugenden des Savoyarden, des Provenzalen und des Auvergnaten: Er besitzt die sprichwörtliche Sparsamkeit des Ersten, das siegreiche Auftreten des Zweiten und die ritterliche Zartheit des Dritten. Und sehen Sie selbst: Ich fordere Sie heraus, in Europa eine Stadt mit zweitausend Seelen zu finden, die nicht mindestens einen Schwartz besitzt!

Im Jahr 1825 gab es in Caen zwei von ihnen: einen Polizeikommissar, der ebenso integer wie geschickt war, und einen Schweizer Konditor, der auf ehrliche Weise sein Glück machte. Dieses Datum 1825 in Caen und das Wort Polizeikommissar werden den Leser vielleicht schlagartig auf die richtige Spur führen, und jeder wird erraten, dass es sich hier um den berühmten Prozess Maynotte handelt. Unter den großen Kriminalfällen ist die Affäre Maynotte einer der kuriosesten und am wenigsten bekannten.

Am 14. Juni desselben Jahres 1825 traf ein junger Schwartz, ein echter Schwartz aus Guebwiller, auf dem Verdeck der Postkutsche aus Paris in Caen ein. Sein Äußeres war ordentlich und zeugte von jener emsigen Pflege, der es nicht immer gelingt, die finanzielle Notlage zu verbergen. Er war nicht groß, aber seine wohlgebaute Statur verkündete eine gesunde und widerstandsfähige Konstitution. Er hatte braunes Haar, eine kräftige Gesichtsfarbe und spitze Züge. Dieser Typus, der im Elsass eher selten ist, wird gewöhnlich schon früh durch eine vorzeitige Korpulenz verändert. J.-B. Schwartz war jedoch noch sehr mager. Er schien nicht älter als zwanzig Jahre zu sein. Der allgemeine Ausdruck seiner Physiognomie war von einer ernsten Sanftheit, die jedoch durch allzu lebhafte Augen beunruhigt wurde, deren Blick gierig schien.

Sein Gepäck war so gering, dass er es beim Aussteigen unter den Arm nehmen konnte. Die Leute, die in der Normandie für die verschiedenen Hotels werben, sind Menschenkenner: Niemand bat ihn um seine Kundschaft. Er besorgte sich die Adresse von Herrn Schwartz, dem Polizeikommissar, und die von Herrn Schwartz, dem Schweizer Konditor.

Unter den Schwartzes, die es geschafft haben, und jenen, die es noch schaffen wollen, herrscht eine Art Freimaurerei. Unser junger Reisender wurde beim Händler sehr gut aufgenommen; man fragte ihn nach Neuigkeiten aus der Heimat; man zeigte sich sichtlich gerührt über die Tatsache, dass sein Vater und seine Mutter beide verstorben waren und zwei volle Dutzend verwaiste Schwartzes im zarten Alter zurückgelassen hatten. Er war der Älteste. In zwanzig Jahren hatte seine würdige Mutter sechzehn Niederkunften beigewohnt, darunter sechs Zwillingsgeburten. Die Schwartz-Damen sind alle so, Gott sei es gelobt.

Er musste nicht einmal erwähnen, dass er nach Caen gekommen war, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen; es versteht sich von selbst, dass ein Schwartz nicht zum Vergnügen reist. Sowohl der Polizeikommissar als auch der Konditor riefen ihm entgegen: »Wie schade! Wenn Sie letzte Woche gekommen wären …« Aber jetzt ist ein Schwartz bereits eingestellt!

Ein Schwartz war bereits beim Schweizer untergebracht; ein anderer Schwartz hatte es sich im Polizeibüro gemütlich gemacht: Überall Schwartze in Reserve.

Zur Zeit des Abendessens spazierte unser junger Reisender schwermütig an den Ufern der Orne entlang. Die Gastfreundschaft seiner beiden Landsleute war nicht so weit gegangen, ihm einen Platz an ihrem Tisch anzubieten. Er trug sein Gepäck noch immer unter dem Arm, und seine Gedanken waren alles andere als rosig. Sicherlich blieben ihm, bevor er ganz verzweifelte, noch eine große Anzahl weiterer Schwartz’s in den verschiedenen Departements Frankreichs aufzusuchen; doch seine Finanzen waren am Ende, und sein Magen übte sich seit dem Morgen in Geduld.

»He! Schwartz!«, rief hinter ihm eine fröhliche Stimme.

Er drehte sich lebhaft um, bereits ein wenig erfreut. Jede Begegnung ist für einen Hungrigen ein Hoffnungsschimmer, denn an ihrem Ende könnte ein Abendessen stehen. Doch beim Anblick dessen, der da vor ihm stand, verdüsterte sich die Miene von J.-B. Schwartz, und er senkte die Augen.

Ein junger Mann in seinem Alter, recht ordentlich gekleidet und mit einer Eleganz sui generis, die einen Handelsreisenden vermuten ließ, kam am Kai direkt auf ihn zu, ein Lächeln auf den Lippen und die Hand ausgestreckt.

»Wie geht’s, alter Junge?«, fragte der Ankömmling leutselig. »Da sind wir also im Land des fetten Ochsen, was?«

Nachdem er die Hand von Schwartz geschüttelt hatte, die jedoch schlaff und kalt blieb, fügte er hinzu: »Wie man sich doch wiedertrifft, nicht wahr!«

»Das stimmt, Monsieur Lecoq«, erwiderte der junge Elsässer, der förmlich seinen Hut lüftete, »so trifft man sich eben.«

M. Lecoq schob seinen Arm unter den seinen, wobei Schwartz eine gewisse Unbehagen zu verspüren schien. Man muss dazu sagen, dass nichts an der Erscheinung des Neuankömmlings eine solche Abneigung rechtfertigte. Er war ein stattlicher Bursche mit frischem Teint, kecker Haltung und einem offenen, kühnen Blick. Seinen Manieren mochte es an Distinktion fehlen, ebenso wie seine Bekleidung mit allzu auffälligen Farben protzte, doch diese Details hätten unserem Elsässer eigentlich egal sein können. In Guebwiller ist man jedoch vorsichtig. Das Misstrauen von J.-B. Schwartz sollte uns also bis zu einem gewissen Grad vor diesem schillernden Monsieur Lecoq warnen.

»Hat man schon gespeist?«, fragte dieser nach ein paar Schritten.

Schwartz errötete, und seine unruhigen Augen begannen hin und her zu rollen; doch er antwortete: »Ja, ja, Monsieur Lecoq.«

Der Handelsreisende blieb stehen, sah ihm fest ins Gesicht und brach in ein etwas gezwungenes Gelächter aus.

»Ja, ja, Monsieur Lecoq!«, wiederholte er und übertrieb dabei den Akzent seines Gefährten. »Hör mir auf! Wir lügen ja wie ein kleiner Gassenjunge, Baptiste! Diejenigen, die dir gesagt haben, mein Freund«, unterbrach er sich mit stolzer Würde, »dass man mir bei den Gebrüdern Monnier gekündigt hat, haben schamlos gelogen! Einem Lecoq, dem Adoptivsohn eines Obersten, kündigt man nicht, verstehst du? Es ist Lecoq, der kündigt, wenn die Chefs die Gabe besitzen, ihm zu missfallen. Monnier ist einfach nur ein Geizhals. Ich hatte viertausend bei ihm; Berthier und Co. haben mir fünftausend plus Provisionen geboten: Abflug!«

»Fünftausend und Provisionen!«, wiederholte der Elsässer und leckte sich über die Lippen.

»Ein gefundenes Fressen, was, alter Junge? Dabei werde ich es nicht bewenden lassen.« »Und warum bist du nicht mehr bei den Monniers?«

»Man hat die Anzahl der Angestellten reduziert.«

»Ich sag’s ja: Geizhälse … Wie viel hattest du?«

»Dreihundert und das Frühstück …«

»Bei Wasser und Brot … Eine Bruchbude … Jean-Baptiste, wenn ich es wagen würde, mich offen auszudrücken, würde ich dir sagen, dass du ein perfekter Trottel bist, eine Memme.«

Schwartz versuchte zu lächeln und antwortete: »Ich habe eben nicht so viel Glück wie Sie, Monsieur Lecoq.«

Sie hatten das Ufer verlassen und stiegen nun die Rue Saint-Jean hinauf. Der Handelsreisende zuckte die Achseln.

»Im Handel, Jean-Baptiste«, dozierte er, »gibt es weder Glück noch Unglück. Es kommt nur darauf an, wie man die Karten hält, nicht wahr? Und auf die Art, wie man alles auf eine Karte setzt. Ich, der ich hier mit dir spreche: Sobald mir bei Berthier und Co. auch nur ein Haar in der Suppe auffällt, entschwinde ich an andere Ufer – mit achttausend Fixum oder noch mehr.«

»Sie müssen ja gewaltige Ersparnisse machen, Monsieur Lecoq!«, unterbrach ihn Schwartz mit naiver Bewunderung.

M. Lecoq ließ seinen Arm los, nur um ihm einen kräftigen Faustschlag in den Rücken zu versetzen.

»Das Spiel, der Wein, die schönen Frauen!«, rief er. »Ich bin ein junger Sohn aus gutem Hause, und aus Memmen werden niemals reiche Männer, was, alter Junge!«

Gleichzeitig wirbelte er Schwartz herum und stieß ihn unter das Tor eines großen, alten Hauses, das als Aushängeschild jenes berühmte Bild besaß: Ein hochbeiniger Vogel, der auf der Mähne eines Löwen spaziert, dazu die Aufschrift: Au Coq Hardi (Zum kühnen Hahn).

J.-B. Schwartz ließ geschehen, was geschah, denn ein gewaltiger Küchenduft packte ihn bei den Nasenlöchern, wie die Hand eines Dompteurs den Stier bei den Hörnern packt.

»Mädchen!«, schrie Monsieur Lecoq in jenem herrischen Ton, mit dem Handelsreisende in Hotels Eindruck schinden. »Mutter Brûlé! Vater Brûlé! Irgendwer, verdammt noch mal! Sind denn alle tot?«

Mutter Brûlé zeigte an der Küchenschwelle das ehrwürdige Gesicht einer Hexe. Monsieur Lecoq warf ihr einen Handkuss zu und sagte: »Da ich einen treuen Freund wiedergefunden habe und die Tafelrunde schon seit einer halben Stunde im Gange ist, servieren Sie zwei Festmahle zu vier Franc pro Kopf auf mein Zimmer. Und geben Sie sich Mühe, mein Herzchen!«

Er wurde durch das zahnlose Lächeln der Wirtin belohnt.

»Hier atme ich auf, wenn ich nach Caen komme«, fuhr er fort, während er die ausgetretenen Stufen der Treppe hinaufstieg. »Man würde mir hier sogar die Schindeln vom Dach auf Kredit geben. Aber ich habe das gar nicht nötig, was, alter Junge! Treten Sie nur ein.«

J.-B. Schwartz trat ohne Widerstreben ein. Der Geruch der Töpfe hatte auf den sinnlichen Teil seines Wesens eingewirkt. Ein vages Echo von Lecoqs Worten klang ihm noch in den Ohren: Das Spiel, der Wein, die schönen Frauen! Das Spiel? Bedeutungslos. Aber dem Wein war er nicht abgeneigt, und der Gedanke an die Liebe versetzte seine Seele in Wallung. Diese Elsässer mögen Spätentwickler sein, doch wenn der August kommt, beginnen sie zu knospen.

Es war ein Gasthofzimmer, hässlich und unsauber. Kaum eingetreten, stürzte Monsieur Lecoq zurück zur Treppe und schrie mit schallender Stimme: »Mädchen! Vater Brûlé! Mutter Brûlé!«

Und als man ihm geantwortet hatte, fügte er hinzu: »Meine Droschke für acht Uhr! Militärische Pünktlichkeit! Ich muss morgen früh in Alençon sein!«

Als er zu seinem Gast zurückkehrte, fügte er nachlässig hinzu: »Das Haus Berthier bezahlt mir ein Cabriolet und ein Pferd, nicht wahr? Und für dieses Haus reise ich nachts, um mir nicht den Teint zu verderben.«

»Wenn ich es wagen dürfte …«, begann J.-B. Schwartz.

»Mich nach einem Platz in meinem Karren zu fragen?«

»Ja …«

»Pah! Nun, wagen Sie es lieber nicht, Jean-Baptiste, he! Wir werden gleich noch miteinander reden, alter Junge; ich habe im Moment andere Pläne mit Ihnen.«

Ein Ausdruck des Misstrauens legte sich erneut über die Züge unseres Schwartz, der murmelte: »Wissen Sie, Monsieur Lecoq, ich bin nur ein armer Schlucker.«

»Schon gut, schon gut! Wir werden reden, sage ich Ihnen. Man gibt Ihnen das feierliche Versprechen, von Ihnen, mein Herr, nicht die Erfindung des Schießpulvers zu verlangen.«

Während er sprach, machte er sich fertig und tauschte seinen Stadtanzug gegen ein Reisekostüm. Als das Dienstmädchen mit den Speisen kam, öffnete er geräuschvoll seinen Koffer.

»Auf nach Syrien!«, rief er aus. »Ich will meine Rechnung begleichen. Man soll sie mir zum fairsten Preis ausstellen, junge Frau, he! Ohne dabei zu vergessen, dass ich den Handelsrabatt genieße … und den Hafer für mein Ross!«

J.-B. Schwartz war vielleicht nicht der König der Beobachter; dennoch sah er klar, und es schien ihm, als würde Monsieur Lecoq seine Abreise sehr demonstrativ inszenieren – wie man in der Theatersprache sagt: Er setzte sie fest. Er wurde aufmerksam; und wahrlich, unter der Annahme, dass M. Lecoq vor ihm eine Komödie spielen wollte, war das Publikum mehr als auf der Hut. Aber das nützte bei Lecoq gar nichts, der – wie wir gleich sehen werden – ein sehr origineller Taktiker von erstklassigem Format war.

»Hast du das Schild gesehen?«, fragte er abrupt, während er am Tisch Platz nahm. »Zum kühnen Hahn. Das hat meine Wahl bestimmt, he, Jean-Baptiste? Ich bin Lecoq (der Hahn) und ich bin kühn. Reden wir offen; ich brauche Sie vielleicht, alter Junge, und ich zahle bar. Ich bin flüssig. Das Geschäft lief hier glänzend: Ich habe vorgestern Monsieur Bancelle, dem größten Bankier von Caen, einen Tresor mit Geheimmechanismus und Sicherung geliefert, ein neues Modell, in das er unsterblich verliebt ist. Man spricht in der ganzen Stadt von nichts anderem. Alle Bankiers der Normandie werden solche Tresore verlangen, und ich werde Teilhaber im Hause Berthier, wann immer ich will. Auf mein Wohl!«

Er leerte ein Glas Wein zu seiner Suppe und fuhr fort: »Warum? Weil ich der kühne Hahn bin! Ich komme überall rein, habe eine schmucke Erscheinung, eine elegante Ausdrucksweise, Redegewandtheit und den ganzen Rest. Du hingegen, alter Junge, du bist die Henne, he! Abgewetzter Gehrock, flache Börse, die Schüchternheit des Unglücks! Es gibt also zwei Schwartz’s in Caen – ich treffe die Sache immer sofort auf den Punkt, das weißt du ja. Die Schwartz’s sind wie die Hebräer, sie schieben sich gegenseitig in der Welt voran, aber im Kleinen, oh ja! Nach dem Karpfen ist der Elsässer das weichste und kälteste aller Tiere. Kein Platz beim Konditor, kein Platz beim Kommissar. Und nun will mein armer, guter Junge nach Alençon aufbrechen, um andere Schwartz’s zu suchen: Das ist dumm!«

Es war traurig, diese Dinge zu hören; doch – oh, Macht des Appetits! – unser junger Freund aß recht ordentlich, während er ihnen lauschte. Essen macht durstig, und dieser großzügige Lecoq schenkte ihm reichlich Wein ein. Es stimmt zwar, dass der Wein in den Gasthöfen der Normandie berühmt-berüchtigt ist: Nirgendwo sonst kann man einen so sauren, so förmlich abscheulichen Tropfen verkosten. Doch wer aus Guebwiller kommt, ist nicht wählerisch, und die beispielhafte Genügsamkeit unseres armen Freundes sorgte dafür, dass sein Kopf schwächer war als der eines kleinen Mädchens. Während das Vier-Franc-Festmahl seinen prunkvollen Lauf nahm, spürte J.-B. Schwartz eine ungewohnte Wärme in sich aufsteigen. Er wurde zum Mann, zum Kuckuck, und ertappte sich dabei, wie er die Kühnheit des Monsieur Lecoq beneidete.

In jener kleinen Welt der Pariser Angestellten, in der J.-B. Schwartz bereits einige Monate gelebt hatte, besaß Lecoq nicht gerade den besten Ruf. Man kannte weder seine Vergangenheit noch seine Verbindungen genau. Es kursierten unvorteilhafte und recht ernste Gerüchte über ihn, doch keine einzige Tat war bewiesen, und der Neid haftet den Siegern ja immer an. Lecoq war ein Sieger: fünftausend Francs Gehalt, seine Provisionen und eine Kutsche! Im Jahr 1825 gab es nicht viele Handelsreisende, die diesen Gipfel des Wohlstands erreicht hatten. J.-B. Schwartz blickte ehrfürchtig von unten zu ihm auf; jedes Glas normannischen Weins vergrößerte diese Bewunderung. Hätte man beim Nachtisch auf der einen Seite die Freuden des Monsieur Lecoq und auf der anderen die Tugenden des Elsass in die Waagschale gelegt, so weiß ich nicht, ob das Gewissen von J.-B. Schwartz nach rechts oder nach links ausgeschlagen hätte.

Dennoch war er ehrlich; er hätte niemanden bei einer bereits erstellten Rechnung betrogen. Bleibt nur die Frage, wie man die Rechnung überhaupt erstellt. Der Käse stand auf dem Tisch, ebenso wie die Ellbogen unserer beiden Freunde, und sie plauderten.

»Es ist eine verheiratete Frau«, sagte dieser Don Juan von einem Lecoq. »Du verstehst, Jean-Baptiste, in unserem Alter ist man nicht aus Holz.«

Schwartz nickte zustimmend – der Feigling!

»Bei verheirateten Frauen«, fuhr Lecoq fort, »versteht man keinen Spaß: Da gibt es das Gesetzbuch.«

»Dann gehen Sie nicht hin!«, rief Schwartz aus, auf den dieses Wort eine außergewöhnliche Wirkung ausübte: ein neuerlicher Beweis für seine elsässische Rechtschaffenheit.

Doch Lecoq legte die Hand auf sein Herz und sprach mit dramatischem Tonfall: »Ich bin verliebt, alter Junge! Lieber sterben, als auf das Glück zu verzichten! Außerdem hat man ja den Dreh raus, Jean-Baptiste. Alle Vorsichtsmaßnahmen sind getroffen, und ich habe einen von mir unterzeichneten Brief, der in diesem Moment in der Postkutsche reist. Er wird morgen früh in Alençon eingeworfen werden, adressiert an Vater Brûlé, um meinen Stock mit dem Silberknauf zurückzufordern, der dort in der Ecke steht und den ich beim Aufbruch vergessen werde.«

»Ah!«, machte Schwartz. »Das alles für eine kleine Amour!«

Mr. Lecoq füllte die Gläser. Er führte seines an die Lippen und nutzte diese Bewegung, um seinen Gefährten heimlich zu mustern. Man war am Ende der dritten Flasche angelangt. Schwartz hatte ausgiebig gespeist.

»Das ähnelt«, murmelte er, »den Geschichten, die in den Zeitungen stehen. Wie nennen sie das vor dem Schwurgericht? Ein Alibi begründen, glaube ich.«

Monsieur Lecoq brach in Gelächter aus. »Bravo, alter Junge!«, rief er. »Aus dir wird noch was! Du hast das Wort auf Anhieb gefunden, Jean-Baptiste! Ein Alibi! Ganz genau das ist es, zum Kuckuck! Ich begründe ein Alibi für den Fall, dass der Ehemann mir Unannehmlichkeiten bereiten will. Im Stande eines Verführers ist nicht alles rosig, oh nein! Da gibt es auch Duelle, und der Gatte ist ein ehemaliger Militär! Mädchen! Den Kaffee und den Likör! Aber heiß!«

Dies alles wurde mit großer Redseligkeit vorgebracht, da Monsieur Lecoq bemerkte, wie in dem getrübten Blick seines Gastes ein Verdacht aufkeimte.

»Ich wäre nicht derjenige, der sich in solche Scherereien stürzt!«, dachte Letzterer laut.

»Jean-Baptiste«, fuhr M. Lecoq fort, während er ihm eine großzügige Portion Branntwein einschenkte, »deine Zeit wird noch kommen; du wirst die zügellose Glut der Leidenschaften noch kennenlernen. Aber ich habe noch nicht alles gesagt! Der Ehemann ist der engste Freund des Polizeikommissars.«

J.-B. Schwartz rückte seinen Stuhl zurück. »Monsieur Lecoq«, erklärte er entschlossen, »Ihre Angelegenheiten gehen mich nichts an.«

»Aber doch, mein Junge, aber doch«, erwiderte der Handelsreisende. »Es springt ein Profit dabei heraus.«

»Ich will nicht …«, begann der Elsässer.

  1. »Der König sagt: Wir wollen, mein Schätzchen! Ich zahle dir hundert Franc, bar auf die Kralle, ohne Abzug – für ein Wort, das du heute Abend dem Polizeikommissar ins Ohr sagst, ganz leise und ohne Argwohn. Nur so zum Spaß eben! Und um dem alten Papa aus der Patsche zu helfen. Das ist alles.«

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