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Der Welt-Detektiv – Band 13 – 4. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 13
Die unsichtbare Geheimpost
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin

4. Kapitel
Um sechs Uhr …

Ein Blick auf das Zifferblatt seines Chronometers belehrte ihn, dass an der angegebenen Zeit noch siebzehn Minuten fehlten. Brot, Butter und Aufschnitt verloren plötzlich an Reiz für ihn. Er stand auf und schleuderte den Stuhl zurück. Er polterte zu Boden und lockte den alten Kammerdiener herbei.

»Wer hat im Laufe der letzten halben Stunde den Speisesaal betreten?«, fragte Sherlock Holmes ihn kurz.

»Niemand, Mr. Holmes!«

»Das wissen Sie ganz genau?«

»Ich bin immer nebenan gewesen, Herr!«

Sherlock Holmes lachte wütend auf.

»Aber das Zimmer hat zwei Türen«, knurrte er dann. Ohne sich weiter um den verdutzten Alten zu kümmern, verließ er, den Brief zu sich steckend, den Raum.

Auf dem Gutshof stieß er auf Jonny, der soeben das Motorrad vom Felde geholt hatte.

»Zum Teufel!«, stieß Jonny hervor, als er die Mitteilung überflogen hatte. »Dann ist also der Unbekannte noch hier!«

»Zu dieser Erkenntnis bin ich soeben auch gelangt!«, gutheißte der Weltdetektiv bissig. »Ist es nicht so, als ob sich der Kerl über uns lustig machen will?«

Jonny schaute mit rollenden Augen umher. Dann starrte er den Meister an.

»Und … und was soll nun geschehen, Mr. Holmes?«

»Wir bleiben.«

»Richtig!«, meinte Jonny und reckte sich auf. »Dem wollen wir es zeigen!«

»Hör gut zu«, flüsterte Sherlock Holmes, »ich wette tausend gegen eins, dass der Unbekannte Helfer auf dem Gut hat.«

»Teufel!«, entfuhr es Jonny. »Die Sekretärin etwa?«

Sherlock Holmes sah seinen Famulus prüfend an. »Sprichst du von Miss Condell?«

Jonny nickte.

»Hm«, machte der Weltdetektiv, »wie kommst du gerade auf die Miss? Hast du irgendetwas bemerkt? Gehört?«

Jonny tat geheimnisvoll. »Es ist gut«, meinte er, »dass Sie mich danach fragen, sonst hätte ich es vielleicht noch vergessen. Vorhin, als ich mit dem Motorrad vom Feld kam, stand sie am Fenster im Erdgeschoss und winkte. Das interessierte mich. Ich ließ das Rad zu Boden gleiten und versteckte mich hinter einem Busch.«

»Und du sahst etwas?«

»Ja, Mr. Holmes. Sie winkte so lange, bis ein junger Mensch, der zuvor auf dem Hof an einem Wagen herumgehämmert hatte, zu ihr unter das Fenster kam. Es schien ein Knecht zu sein, aber ich kann mich auch irren. Mit ihm tuschelte sie. Er wollte wohl nicht auf ihr Anliegen eingehen, denn sie wurde immer erregter. Schließlich nickte er. Darauf reichte sie ihm etwas aus dem Fenster heraus, und der Mann trollte sich davon. Als ich den Hof erreichte, war von ihm nichts mehr zu sehen.«

»Das ist nicht uninteressant«, murmelte Sherlock Holmes. Er steckte die Shagpfeife in Brand und sog den aromatischen Rauch mit vollen Lungen ein. Miss Evelyne Condell! Zum zweiten Mal an diesem Tag erwog er ihre Mittäterschaft. Das erste Mal hatte sich sein Verdacht durch den Umstand auf sie gelenkt, dass der Unbekannte über sein Kommen unterrichtet war. Beweis: die Botschaft unter dem Triangel am Scheunentor! Niemand auf dem Gute konnte wissen, dass man ihn – Sherlock Holmes – wenige Stunden zuvor telefonisch herbeigerufen hatte.

Nur Buckin selbst und seine Sekretärin, die das Gespräch vermittelt hatte, konnten davon Kenntnis besitzen. Dann aber war er wieder von seinem Verdacht abgekommen. Er hatte Miss Evelyne Condell heimlich beobachtet und auch im Stillen auf dem Gut Erkundigungen über sie eingezogen. Sie schien ihm nicht die Persönlichkeit zu sein, die einem Verbrecher vom Schlage des Triangels Komplizendienste zu leisten vermochte.

Vielleicht hat Mr. Buckin selbst mit irgendeiner Person von meinem bevorstehenden Eintreffen gesprochen, dachte er, und so wird der Unbekannte in Kenntnis gesetzt worden sein!

Nun aber, wo ihm Jonny seine Beobachtung mitteilte, erwachte unwillkürlich der alte Verdacht zu neuem Leben. Teufel, ja! Wenn dem engelhaften Antlitz dieses Weibes doch nicht zu trauen wäre! Ein unbehagliches Gefühl beschlich ihn.

»Ich bin ein Dummkopf gewesen, dass ich …« Ohne auszusprechen, stürzte er plötzlich davon.

Das Brot, die Butter, der Aufschnitt waren ihm eingefallen, die er vor einigen Minuten im Stich gelassen hatte. Er begab sich in den Speisesaal zurück. Das weiße Linnen war noch über den Tisch gebreitet, aber der Imbiss fehlte.

Kurz entschlossen rief Sherlock Holmes den alten Diener herbei.

»Ich habe Hunger«, sagte er, »warum haben Sie alles abgeräumt?«

Der Alte wehrte bestürzt ab.

»Nicht ich, sondern Miss Condell hat den Tisch abgedeckt«, erwiderte er. »Sie fragte mich, warum Sie nichts gegessen hätten, und war sehr betrübt, als ich ihr sagte, Sie wären plötzlich aufgestanden und fortgegangen.«

»So, Miss Condell also«, nickte der Weltdetektiv. »Hm, sie scheint sehr besorgt um mein leibliches Wohl zu sein.«

»Ja«, bestätigte der Alte treuherzig, »sie ist ein gutes Mädchen.«

»Wissen Sie zufällig auch, wer überhaupt dafür sorgte, dass man mir den Imbiss anbot?«

»Das war auch die Miss«, strahlte der Diener. »Ja, ja, sie ging extra in die Küche und bestellte alles, weil heute alles drunter und drüber geht und sich niemand um anderer Leute Hunger kümmert. Morgen wird das ja wieder anders werden, denn morgen kommt Mr. Valentin Buckin, der Bruder des ermordeten gnädigen Herrn. Der führt ein strenges Regiment.«

Sherlock Holmes interessierte sich im Augenblick weniger für den Bruder des Toten als für die Miss, die für ihn selbst das Essen geholt und es auch selbst wieder fortgeräumt hatte. Warum hatte sie das getan? Stimmte vielleicht etwas mit dem Imbiss nicht?

Zum dritten Male an diesem ereignisreichen Tage richtete sich sein Verdacht auf die Sekretärin. Sein Antlitz verfinsterte sich. Er ging mit langen Schritten auf und ab und rief sich jede Phase des Verbrechens in die Erinnerung zurück. Wann war ihm die Miss eigentlich zuerst unter die Augen gekommen? Ah, richtig: als er am frühen Morgen vom See zurückkehrte und ihr Mitteilung von der an ihrem Chef begangenen Untat machte.

Er entsann sich deutlich ihres bewegten Mienenspiels, das blankes Entsetzen und Furcht verriet. Dann war sie in Ohnmacht gesunken. War das Theater gewesen? Sherlock Holmes biss die Lippen zusammen. Hatte man ihn tatsächlich getäuscht? Ihn, den unbestechlichen Menschenkenner? Wie sie heute Morgen um den Toten geweint hatte! Auch Komödie? Diese Tränen, die in schweren Tropfen über ihre blassen Wangen gerollt waren? Fast undenkbar, an eine solche Verstellungskunst zu glauben!

Und doch! Die Tatsache, dass die gegnerische Seite von seinem Kommen unterrichtet war … das von Jonny belauschte beziehungsweise beobachtete Gespräch, das Miss Condell mit einem Manne am Fenster geführt hatte, der ihm von der Miss so besorgt servierte Imbiss, der Brief an ihn mit der zweiten Drohung, den er auf dem Teller vorgefunden – und das alles sollte nichts, gar nichts auf sich haben?

Sherlock Holmes ließ die Handgelenke knacken. »Hawkins!«, rief er.

Mit einer respektvollen Verneigung kam der alte Kammerdiener näher.

»Können Sie schweigen, Hawkins?«

Der Gefragte legte beteuernd die Hand aufs Herz.

»Gut«, sprach der Weltdetektiv und reichte ihm eine Pfundnote. Seine Stimme zu einem Flüstern herabsenkend, fuhr er fort: »Sie stehen seit dreißig Jahren im Dienste der Familie Buckin, und ich nehme an, dass Sie genauso wie ich und jeder andere rechtlich denkende Mensch den lebhaften Wunsch hegen, dass das heute begangene Verbrechen nicht ungesühnt bleibt.«

»Wahrhaftig, Herr, so ist es. Und …«

»Sprechen Sie leise. Es ist nicht nötig, dass man hört, was wir miteinander zu verhandeln haben. Um den Mörder zu überführen, ist es vor allen Dingen nötig, über alles informiert zu sein, was sich in den letzten Tagen hier auf dem Gut ereignete. Sie wissen ja: Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus! Denken Sie scharf nach, Alter. Was haben Sie Absonderliches bemerkt? Heute? Gestern? Vorgestern?«

Nichts, Herr«, murmelte der Diener nach einem kurzen Augenblick des Nachdenkens. »Es sei denn«, verbesserte er sich, »dass Sie die unheimlichen Zeichen meinen, die man teils am Wegweiser, teils …«

»Darüber bin ich zur Gänze unterrichtet. Und im Haus selbst bemerkten Sie gar nichts? Erschien Ihnen nicht das Wesen dieser oder jener Person verändert?«

»Nicht, dass ich wüsste, Mr. Holmes.«

»Wägen Sie Ihre Worte gut, Hawkins«, ermahnte ihn der Weltdetektiv. »Denken Sie daran, was von Ihrer Aussage abhängt! Nichts haben Sie bemerkt, sagen Sie also! Hm, … und an der Miss ist Ihnen auch nichts aufgefallen?«

»An … der … Miss?«

»Sprechen Sie leise, zum Donnerwetter! Ja, die Miss meine ich, Miss Evelyne Condell!«

Verstört starrte ihn der Alte an. Er schien den Sinn der Frage nicht zu erfassen. Oder aber sie war über jeden Verdacht so erhaben, dass er es nicht begriff, wie es jemanden geben konnte, der auch nur einen Augenblick daran zweifelte.

Sherlock Holmes biss sich ärgerlich auf die Lippen. Er sah ein, dass er von dem Alten nichts herausbekommen würde, das gegen die Miss und ihr Benehmen sprach.

»Also gut, Schluss damit«, sagte er. »Es war auch nur so ein momentaner Einfall von mir, verstehen Sie? Den Mund zu halten, haben Sie mir versprochen. Ich verlasse mich also darauf, dass Sie zu keiner Menschenseele auch nur ein Sterbenswörtchen von dem sprechen, was wir hier miteinander redeten.«

»Sie können sich voll und ganz auf mich verlassen, Mr. Holmes«, murmelte der Alte.

»Dann gehen Sie jetzt. Doch halt, noch einen Augenblick. Wo liegt das Zimmer der Miss?«

»Im ersten Stock, gerade über diesem Zimmer hier«, erwiderte Hawkins. »Soll ich Sie hinführen, Herr?«

»Gerade über uns? Nun, dann brauche ich keinen Führer. Ich werde das Zimmer schon finden.«

Ohne sich länger aufzuhalten, verließ er den Raum, gelangte auf einen Gang und fand die Treppe, die zu den oberen Räumlichkeiten emporführte. In diesem Augenblick verkündete die alte Uhr im Giebel des Gutshauses weithin vernehmbar die sechste Abendstunde.

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