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Westernkurier 01/2009

Auf ein Wort, Stranger,
wahre Helden vergisst man leichter!

Tagebucheintrag von Joseph Conrad am Ostermorgen im Jahre des Herrn 1873:

»Am 13. April kam der Wind, kalt und laut. Der Sturm hat einen Teil des Daches weggerissen und das Haus voll Schnee geweht. Ich habe es geflickt, aber dabei sind mir die Füße erfroren. Katharina ist gegangen, um die Hühner zu füttern und nicht mehr zurückgekehrt. Das war vor zwei Tagen. Seit 10 Stunden ist der Ofen kalt. Siebenmal haben wir in diesem verdammten Land neu begonnen, ein achtes Mal wird es nicht mehr geben. Ich habe eine Tochter in New York. Gebt ihr das Büchlein, wenn wir durch die Sonne wieder zum Vorschein kommen …«

Die Geschichte hatte Menschen wie Conrad schon zu Lebzeiten den Namen »Pioniere« gegeben. Männer wie er, aber auch ungezählte Frauen und Kinder waren es, die der Wildnis trotzten und den Westen besiedelten. Mit ihrem Willen, ihrer Entschlossenheit und ihrem unerschütterlichen Glauben vollbrachte dieser Menschenschlag Taten, die wahren Helden zur Ehre gereicht hätten. Aber man hat sie vergessen. Irgendwo, in einer Zweizeilenkolumne eines fast in Vergessenheit geratenen Gemeindeblatts, in einer Tagebucheintragung oder in einer überlieferten Erzählung wird noch dann und wann an sie erinnert. Aber das war es dann auch schon, waren ja nur Menschen wie du und ich, nix Weltbewegendes ihre Taten, wenden wir uns lieber wieder den wahren Helden zu.

The Show must go on, wie der geneigte Leser in der Zwischenzeit festgestellt hat, galt also auch schon zu jenen Zeiten. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einmal anhand von einigen Beispielen zeigen, was wahre Helden vollbrachten und was sogenannte Helden des Westens tatsächlich geleistet haben.

Burton Charles Mossmann wurde mit 21 Vormann auf einer Ranch, die 8000 Rinder besaß. Mit 27 war er Boss einer Mannschaft im Bloody Basin und sammelte 10000 Rinder in einer Landschaft zusammen, die selbst für ein Maultier fast unbegehbar war. Mit 30 war er Hauptboss der Hash-Knife-Ranch in Arizona und löste das Viehdiebproblem auf seine Art. Erwähnt sei hier, dass jene Ranch 60000 Rinder und eine Fläche von 2 Millionen Acres Weideland besaß. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde er für ein Jahr Captain bei den Arizona Rangers und kämpfte mit 13 Männern fast vierhundert Viehdiebe nieder. Noch 1851 schoss Mossmann im »zarten Alter« von 84 Jahren auf eine Entfernung von zehn Schritten das As aus einem Kartenblatt.

Kennt jemand noch Burton Mossmann? Eher unwahrscheinlich, aber dafür ist der Name Wild Bill Hickok noch in aller Munde. Also wenden wir uns einmal seinen Heldentaten zu.

Da wäre der 12. Juli 1861, als er auf einer Postkutschenstation einen Pferdezüchter und zwei Krautbauern wegen Frauen- bzw. Geldgeschichten kaltblütig erschoss. Die Bewaffnung seiner Gegner bestand aus einem altertümlichen Colt und einer Schrotflinte, die meistens nur zu Neujahr abgefeuert wurde. Am 27. September 1869 erschoss er einen Betrunkenen, 1872 trat er in einer Wild-West-Show auf und erschoss einen Zuschauer, weil dieser sich über seine jämmerlichen Schauspielleistungen lustig gemacht hatte. Zu seinem Lebensende hin drohte er zu erblinden, eine Folge seiner ständigen, ausschweifenden Bordellbesuche, wie gesagt ein wahrer Held.

Als nächstes Beispiel sei hier Billy Thompson erwähnt. Er und sein Bruder Ben waren berühmt-berüchtigte Revolverhelden, und zu Billys besonderen Taten zählten Jähzorn und jeden Tag betrunken zu sein. Am 15. August 1873 erschoss er volltrunken und wütend Sheriff Whitney mit einer Schrotflinte, weil dieser ihn aufgefordert hatte, aufzuhören, in der Gegend herumzuschießen. Danach kam jener Spruch, der ihn berühmt machte und der heute noch in kaum einem Bericht über Revolverhelden fehlt.

»Ich hätte selbst Jesus Christus erschossen!«, grölte er, als er breitbeinig neben der Leiche stand. Den Sheriff von Ellsworth, Chauncey Belden Whitney, der ihm waffenlos entgegen getreten war, kennt heute fast niemand mehr.

Im Gegensatz dazu sei hier Richard King erwähnt. Auch wieder so ein nichtssagender Name in den Annalen der Westernhelden, obwohl dieser Mann in Texas im 19. Jahrhundert eine bedeutende Persönlichkeit war. Als er 1884 an Magenkrebs starb, hinterließ der ehemalige irische Schiffsjunge eine Stadt, eine Eisenbahn und ein Rinderimperium, das heute noch die größte Ranch der Welt ist. Aufgebaut anno 1850 mit 300 Dollar am Santa Gertrudis Creek in Südtexas.

Auch hier wieder der Verweis auf den ersten Satz meiner Kolumne; wahre Helden vergisst man leichter.

Zum Abschluss nun anhand von einer Person das absolute Paradebeispiel, wie man durch

Erzählungen wahre Helden schafft und wie nicht. Nennen wir ihn zunächst einmal Mister X.

Jener Mann stahl am 28. 3. 1871 im Indianerterritorium Oklahoma einige Pferde, wurde nach Arkansas in die Stadt Van Buren gebracht und dort angeklagt. Er kam gegen Kaution frei und floh nach Kansas. 1872 war er in Hays City Berufsspieler, später in Ellsworth auch noch Zuhälter im Bordell seiner Schwägerin. 1875 brachte er es mit viel Unterstützung fertig, in Wichita als einfacher Policeman eingestellt zu werden. Ein Jahr später, im Wahlkampf um den Posten des Citymarshals, verletzte er einen Kandidaten so schwer, dass er festgenommen wurde. Dann wurde auch noch festgestellt, dass er städtische Steuergelder unterschlagen hatte. Als er das Geld zurückzahlte, wurde er unter Anwendung des Landstreichergesetzes aus Wichita gejagt.

Im Mai desselben Jahres tauchte Mister X in Dodge City auf und wurde dort rasch als »fighting pimp«, also als kämpfender Zuhälter bekannt. Er schaffte es wiederum, in den Polizeidienst aufgenommen zu werden, und erzählte später, wie er in dieser Zeit die gefährlichsten Banditen von Kansas und ganze Heerscharen von Revolvermännern verhaftet und erschossen hatte. In Wahrheit schaffte er es von 1876 bis 1879 etwa dreißig Hühnerdiebe, Ehebrecher, Falschspieler und ähnlich gefürchtete Banditen zu verhaften und zwei Betrunkene zu erschießen.

Dann kam jener Tag, als Mister X mit seinen Brüdern in einer Stadt in Arizona nach einer Schießerei in einem Pferdestall über Nacht bekannt wurde. Dann jenes Zusammentreffen mit Ned Buntline, einem Schriftsteller von Groschenheftgeschichten, der bereits Buffalo Bill Cody und Texas-Jack zu unverdienten Ehren verholfen hatte und fertig war die Legende.

Der richtige Name dieses Mister X war übrigens Wyatt Earp.

Soviel zum Thema wahre Helden, die Liste ließe sich unendlich weiter führen.

Wer zum Beispiel kennt noch die couragierte Miss Cluck die mit ihrem Mann, vier Kindern, 15 Cowboys und Geschäftspartner D. Snyder 2400 Rinder nach Abilene trieb? Als eine Horde von 40 Pferdedieben drohte, ihnen die Herde und damit ihre Existenz wegzunehmen, schnappte sich die resolute Frau ein Gewehr und schrie ihre Leute an.

»Wenn irgendeiner von euch nicht kämpfen möchte, so mag er in den Wagen gehen und auf meine Kinder aufpassen. Ich lasse mir mein Eigentum nicht stehlen.«

Danach griff sie mit ihrem Mann die Bande an. Ihre Cowboys folgten umgehend und am Ende des Kampfes besaßen sie eine Schnur mit 44 aufgereihten Ohrmuscheln.

Wie gesagt, die Liste wäre endlos, deshalb beende ich jetzt diese Kolumne und verweise an dieser Stelle schon auf die nächste die Anfang Februar erscheinen wird. Sie trägt den Titel »Die Pioniere« und bildet gewissermaßen den Abschluss der beiden vorangegangenen Kolumnen.

Wäre nett, wenn ihr wieder reinlesen würdet.

Euer Slaterman

Quellen:

(Slaterman)