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Das Geheimnis zweier Ozeane 15

Zweiter Teil
Zweites Kapitel
Ein überraschender Angriff

Der auf einem Metallständer montierte Scheinwerfer drehte sich langsam um seine Achse, sein Strahlenbündel glitt über die schwarzen Felswände und verlor sich in der Tiefe der Schlucht. Das Wasser war jetzt wieder so klar wie ein durchsichtiger Bergkristall.

Ringsumher war alles still und öde. Nur selten huschte der Schatten eines Tiefseefisches oder ein Schwarm leuchtender Krebstierchen vorbei.

Pawlik saß auf einem Felsen, der sich mitten in der Schlucht zwischen Schotter und Trümmerstücken erhob. Seine Stimmung war nicht sehr gut. Jeder auftauchende Schatten ließ ihn zusammenfahren. Es waren schon zehn Minuten verflossen, seit er allein war. Pawlik fühlte sich erschöpft. Die Erwartung irgendeiner drohenden Gefahr zerrte an seinen Nerven. Ab und zu hörte er die Stimmen Bogrows und des Zoologen. Sie wollten wissen, wie es ihm gehe und ob schon jemand von der Suche zurückgekehrt sei. Aber immer seltener ließen sich die Stimmen der Fragenden vernehmen; möglich, dass sie sich in schwierigem Gelände vorwärtsarbeiten mussten und ganz von der Sorge um Schelawin erfüllt waren, sodass sie nicht mehr an den Jungen dachten, der auf einem einsamen Felsen saß und den sie in Sicherheit glaubten. Wenn die Müdigkeit ihn zu überwältigen drohte, umfasste Pawlik mit seinem Metallhandschuh den Ständer des Scheinwerfers; er vernahm dann das gleichmäßige melodische Surren des kleinen Motors, der den Scheinwerfer um seine Achse drehte. Dieser Ton beruhigte den Jungen und erfüllte ihn mit neuem Mut.

In der Ferne zeigte sich ein kleiner, von schwachem, phosphoreszierendem Leuchten umgebener Schatten.

Es war ein Fisch, ein Bewohner großer Tiefen, der langsam auf Pawlik zuschwamm. Pawlik beobachtete neugierig und ruhig, wie er leicht durchs Wasser glitt. Der Scheinwerferstrahl streifte ihn, und für einen Augenblick war das schwache Leuchten des Fisches durch den Lichtkegel aufgelöst. Dann erschien wieder das phosphoreszierende Leuchten des Tieres, und man sah seinen fast einen Meter langen Körper, die großen sichelförmigen Flossen und den kräftigen Schwanz. Jetzt war er inmitten eines dichten, flimmernden Nebels, der von der Masse kleiner, leuchtender Tiefseeorganismen gebildet wurde. Mit weit aufgesperrtem Rachen begann der Fisch das Kleingetier zu verschlingen.

Plötzlich, als habe ihn die Finsternis ausgespien, zeigte sich ein Chiasmonus niger1 von schöner, samtschwarzer Farbe. Sein schmächtiger Leib mit der breiten Schwanzflosse, dem langen flachen Kopf und dem mit winzigen hakenförmigen Zähnen bespickten Maul konnte für das große Tier, das Pawlik beobachtet hatte, eher eine verlockende Beute als eine Bedrohung sein. Aber obgleich der Neuankömmling nur ein Drittel der Länge des ersten Fisches hatte, näherte er sich diesem furchtlos. Der kleine Wicht gebärdete sich seltsam. Er umkreiste in wildem Tanz den Großen und tauchte immer häufiger vor dessen Rachen auf, als wolle er ihm, hartnäckig und frech, in die Augen schauen. Der große Fisch kümmerte sich kaum um den Zwerg und setzte gierig sein Mahl fort.

Pawlik beobachtete mit steigendem Interesse diese merkwürdige Szene, ohne zu begreifen, was der kleine, wendige Fisch eigentlich wollte.

Und plötzlich, in dem kurzen Augenblick, als der große Fisch gerade seine Kiefer schloss, um die Beute hinunterzuschlingen, tauchte der kleine Irrwisch mit aufgerissenem Rachen direkt vor seinem Kopf auf und biss sich blitzschnell in dem spitzen Maul des anderen fest. Pawlik war so verblüfft, dass er aufschrie und vom Felsen hinuntersprang. Was jetzt weiter folgte, beobachtete er mit vor Staunen offenem Munde.

Der große Fisch schüttelte sich heftig wie ein Hund, der eine lästige Fliege von der Nasenspitze verscheuchen möchte; aber der kleine Frechling, der seine hakenförmigen Zähne in das Maul seines Gegners geschlagen hatte, haftete fest daran. Im Gegenteil, Pawlik schien es sogar, als schiebe sich der Angreifer, unterstützt durch das Schütteln, noch weiter auf den Kopf seines Opfers hinauf, wobei er durch Schläge mit der Schwanzflosse nachhalf. Der große Fisch, der seine einzige Waffe, seine Zähne, nicht gebrauchen konnte, warf sich jetzt, das lebende Vorhängeschloss vor dem Maul, wild hin und her. Er schnellte empor, schoss in die Tiefe und versuchte verzweifelt, seinen Peiniger abzuschütteln. Doch der kleine samtschwarze Räuber schien mit dem Kopf des anderen verschmolzen zu sein. Pawlik sah mit Entsetzen, wie er immer weiter seinen Kautschukrachen auseinanderzwängte. In diesem furchtbaren Rachen waren jetzt schon die Augen des großen Fisches verschwunden. Bald verschwand in der Kehle des unheimlichen Schlingers, die wie ein Fass anschwoll, auch der ganze Kopf seines Opfers. Wie ein dehnbarer Gummihandschuh schob sich die kleine Bestie über den walzenförmigen Körper ihrer Beute, deren verzweifelte Bewegungen den grausigen Schlingakt nur noch beschleunigten.

Und je weiter sich die Beute in den kleinen Körper des Räubers vorschob, um so rascher schwoll dessen Wanst an und hing kugelförmig herunter.

Der spukhafte Kampf ging seinem Ende zu. Ohne Wasserzufluss zu den Kiemen erstickte der große Fisch langsam und bewegte sich kaum noch. Aus dem Schlund des schwarzen Fisches ragte jetzt nur noch die Hälfte des Opfers mit der leicht zuckenden Schwanzflosse hervor. Der Bauch des kleinen Räubers war zu einem unförmigen riesigen Sack mit dünnen, durchsichtigen Wandungen aufgedunsen. Im Scheinwerferstrahl sah Pawlik durch die Bauchwandungen die Körperumrisse des ringförmig zusammengerollten Opfers, seinen großen Kopf mit den toten, glasigen Augen. Noch eine Minute, und auch der Schwanz war im Schlund des Fressers verschwunden.

Es verging geraume Zeit, bis Pawlik sich wieder gefasst hatte.

Die Stimme des Zoologen ließ ihn zusammenfahren. »Was gibt’s, Jungchen? Etwas Neues?«

»Nichts, Arsen Dawidowitsch, und bei Ihnen?«

»Auch nichts, Pawlik. Ein großer Steinhaufen erschien mir verdächtig. Ich habe ihn weggeräumt und dadurch viel Zeit verloren. Jetzt gehe ich weiter …«

Wieder trat Stille ein. Pawlik schaute sich nach allen Seiten um. In der Ferne huschten ein paar grüne und gelbe Flämmchen vorbei. Der Lichtkegel des Scheinwerfers glitt über dem Meeresboden dahin, beleuchtete für einen Augenblick Felstrümmer und tastete sich weiter an den schwarzen Wänden der Schlucht. Pawlik fühlte mehr, als er sah, eine Bewegung zwischen den Steinen und Felsstücken. Der Strahl des Scheinwerfers beschrieb einen Kreis und beleuchtete wieder die Stelle, die Pawliks Argwohn erweckt hatte. Der Junge blickte angestrengt dorthin – und schrie vor Entsetzen laut auf. In einer Entfernung von zwanzig bis fünfundzwanzig Metern schien der ganze Boden der Schlucht, soweit man nur sehen konnte, ein blutig- rotes Parkett zu sein. Es war aus sechseckigen Platten zusammengefügt, über denen sich drohend zahllose Scheren bewegten. Scharen riesiger Krabben hatten alle freien Stellen zwischen Steinen und Trümmerstücken besetzt, standen auf Felsblöcken oder klammerten sich daran. Ihre Stielaugen funkelten im Licht des Scheinwerfers. Die Krabben standen unbeweglich auf ihren hohen Beinen, geblendet von der ungewohnten Lichtfülle.

Dieses Schauspiel währte nur einige Sekunden, aber Pawlik schien es, als sei eine Ewigkeit verflossen. Der Lichtkegel streifte den Boden der Schlucht und glitt wieder über die Felswände. Die Dunkelheit um Pawlik verdichtete sich noch mehr. Er stand wie angewurzelt, Angst lähmte seine Glieder. Was wollten die Krabben? Wohin krochen sie? Würden sie seinen Felsen heraufklettern? Das schien nicht so leicht zu sein. Der Felsen war steil und seine Seiten glatt. Pawlik fasste etwas Mut und starrte angespannt in die Dunkelheit. Der Lichtkegel des Scheinwerfers beschrieb einen Kreis und erhellte wieder die Schlucht.

Jetzt waren die Krabben schon fast bis zum Felsen vorgedrungen. Vom Licht geblendet, verharrten sie wieder bewegungslos. Aber ihre ersten Reihen, die vom Lichtkegel nicht erfasst wurden, raschelten schon am Fuße des Felsens, und Pawlik konnte sehen, wie sie hinaufzuklettern versuchten.

Pawliks Herzschlag stockte. Die Krabben wollten zu ihm hinauf! Sie suchten ihn! Das Licht des Scheinwerfers blendete sie … Man musste seine Kreisbewegung stoppen …!

Pawlik drückte auf einen Knopf am Ständer, und der Lichtkegel unterbrach seine Wanderung. Er beschien jetzt einen riesigen Kreis roter Panzer und darüber einen Wald sich hin und her bewegender Scheren. Aber Pawlik bemerkte, dass sich an den Rändern des Lichtkegels der Boden der Schlucht bewegte. Die Krabben gingen um den Felsen herum! In dunklen Massen strebten sie die Felswände entlang und umgingen Pawliks Zufluchtsort von beiden Seiten. Der Junge drehte sich jählings um und stürzte fast über die Kabel, die vom Akku zum Scheinwerfer führten.

Pawlik schaute nach unten und prallte zurück. Die Krabben griffen an! Sie krochen eine über die andere und bildeten eine Pyramide, deren Spitze bedrohlich schnell wuchs.

Entsetzen packte Pawlik angesichts der Schlauheit und Hartnäckigkeit der Angreifenden. Wirr schossen die Gedanken durch seinen Kopf: Man muss um Hilfe rufen … Aber wahrscheinlich waren die Männer schon sehr weit fort. Bis sie kämen, würde es zu spät sein. Was soll ich nur machen? Und Schelawin? Vielleicht ist er verletzt … Aber man konnte ihm ja auch später Hilfe bringen. Pawlik wollte schreien.

Oder gab es vielleicht doch noch eine Rettung? Sein Herz schlug plötzlich voller Freude: die Schraube! Es wäre doch ganz einfach, wegzuschwimmen! Keine einzige Krabbe könnte ihn dann erreichen!

Pawlik griff schnell zur Tasche, aber er zögerte, auf den Knopf zu drücken. – Und der Scheinwerfer? Seinen Posten verlassen? Das durfte er nicht! Die Krabben konnten die Kabel zerreißen. Der Suchtrupp würde ohne Leuchtfeuer sein! Nein, nein! Auf keinen Fall!

Pawlik schaute wieder nach unten. Die Pyramide wuchs immer höher. Ununterbrochen türmten sich die Krabben aufeinander, die furchtbaren Scheren drohend erhoben. Gleich würden sie die Spitze des Felsens überfluten, ihn zu Boden werfen und …

In diesem entscheidenden Augenblick kam dem Jungen der rettende Gedanke. Er schalt sich einen Dummkopf. Wie konnte er das nur vergessen! – Man durfte nicht gleich den Kopf verlieren!

Er umklammerte den Griff der Ultraschallpistole, richtete sie auf die Krabbenpyramide und drückte auf den Knopf.

Die oberen Reihen der Krabben sackten zusammen, die erhobenen Scheren sanken kraftlos herab. Im nächsten Moment zerfiel die ganze Pyramide wie ein Kartenhaus, und die Krabben rollten mit zuckenden Beinen nach unten. Pawlik lachte vor Freude und schwenkte den Lauf der Pistole nach rechts und links in immer weiterem Umkreis um den Felsen herum. Die Reihen der Riesenkruster fielen wie niedergemäht zusammen.

Plötzlich hörte Pawlik ein lautes metallisches Knirschen. Irgendetwas hatte sein Bein gepackt, er wankte und konnte sich nur mit Mühe aufrecht halten. Als der Junge sich umschaute, bemerkte er eine riesige, fast einen halben Meter hohe Krabbe, die ihn mit der Schere am Knie umklammert hielt und ihn zum gegenüberliegenden Rand der Felsenplattform zog. Auch dort war ein Gewimmel von Krabben, Scheren und dünnen, klauenbewehrten Beinen. Bevor sich Pawlik von seiner Überraschung erholt hatte, tauchten auf dem Felsen einige Krabben auf und stelzten auf ihn zu. Wieder ertönte das schreckliche durchdringende Knirschen, und ein Angreifer packte Pawlik am anderen Bein. Der Junge fiel auf ein Knie. Die erste Krabbe ließ Pawliks Bein los und zwängte seinen Arm zwischen ihre Schere. Der Lauf der Pistole war unmittelbar gegen die gepanzerte Brust der Krabbe gerichtet. In Sekundenschnelle trafen sich die Blicke von Mensch und Tier; dann löste sich der Zangengriff der Schere, und die Krabbe blieb mit krampfhaft zuckenden langen Fühlern flach auf dem Felsen liegen. Pawlik richtete die Waffe auch auf die anderen Angreifer. Wie im Fieber drückte Pawlik immer wieder auf den Schaltknopf der Pistole und merkte zuerst gar nicht, dass sein zweites Bein auch frei geworden war. Er sprang auf und lief zum Felsrand. Dort sah er eine zweite Pyramide, und immer neue Angreifer kletterten an ihr empor. Die tödlichen Schallwellen zerstörten auch diese Pyramide innerhalb weniger Augenblicke. Während Pawlik den Pistolenlauf über der unten wimmelnden Masse hin und her führte, schaltete er mit der anderen Hand den Motor des Scheinwerfers auf höchste Umdrehungszahl. Der Lichtkegel huschte schnell über den Boden der Schlucht, gefolgt von den todbringenden Ultraschallstrahlen. Unter den angreifenden Krabben zeigten sich die ersten Anzeichen einer Panik. Bald hier, bald dort wichen sie zurück, kletterten übereinander und liefen, um dem Todesstrahl zu entgehen, in wilder Flucht über die Rückenschilder ihrer Artgenossen in die Dunkelheit zurück.

Pawlik senkte die Pistole. Seine Hände und Beine zitterten, sein Körper war schweißbedeckt. Völlig erschöpft, fast einer Ohnmacht nahe, ließ er sich auf den Akkukasten fallen und schloss die Augen.

»Das Peilzeichen, Pawlik!«, hörte er plötzlich Skworeschnjas ferne Stimme. »Bist du eingeschlafen?«

Pawlik fuhr zusammen.

»Gleich …«, stammelte er, sich schwerfällig erhebend. Er war noch ganz benommen und bewegte sich wie im Traum.

Bald tauchte im Scheinwerferlicht eine massige Gestalt auf. Skworeschnja näherte sich langsam dem Felsen. Plötzlich stutzte er.

»Was ist denn hier passiert, Pawlik?«, rief er verwundert und zeigte auf den Boden der Schlucht.

»Krabben …«, antwortete Pawlik mit müder Stimme und setzte sich wieder auf den Kasten. »Sie überfielen mich. – Haben Sie nichts gefunden, Andrej Wassiljewitsch?«

»Nein! Aber erkläre doch endlich, was hier vorgefallen ist?«

Aber Pawlik kam nicht mehr dazu. Die Mitglieder des Suchtrupps verlangten nacheinander das Peilzeichen. Die Männer kamen langsam näher, erschöpft und enttäuscht. Niemand hatte Schelawin gefunden, ja nicht einmal Spuren von ihm entdeckt. Sie hörten Skworeschnjas aufgeregte Fragen und beschleunigten ihre Schritte.

Alle waren sehr erstaunt, als Pawlik, noch etwas verstört und mit stockender Stimme, von dem Angriff der Krabben erzählte.

Die Unruhe des Zoologen über Schelawins Schicksal nahm immer mehr zu. Er befürchtete das Schlimmste für seinen Freund. Hinzu kam noch der heimliche Verdruss darüber, dass es ihm wieder nicht gelungen war, mit eigenen Augen die interessanten und der Wissenschaft bisher unbekannten Krabben lebendig zu sehen.

Er schaute sich im Kreise um. Die ungewöhnlichen Ereignisse des heutigen Tages wurden lebhaft besprochen.

Und plötzlich rief der Gelehrte mit erregter Stimme: »Wo ist denn Gorelow? Er ist noch nicht zurückgekehrt …!«

Alle blickten sich ratlos an. Gorelow war nicht unter ihnen.

Show 1 footnote

  1. Kreuzzahnbarsch