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Paraforce Band 51

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Das Geheimnis zweier Ozeane 11

Die Verfolgung

Marat öffnete die Augen und starrte teilnahmslos zur Decke. Plötzlich richtete er sich mit einem Ruck auf und setzte sich auf den Kojenrand. »Er hat Pawlik fortgeschleppt!«, schrie er verzweifelt. »Er hat ihn fortgeschleppt! Kapitän, retten Sie Pawlik! Aber schnell … schnell!«

Marat sprang, nur mit einem Hemd bekleidet, vom Kojenrand auf und stürzte zur Tür. Weder der Kapitän noch der Zoologe und der Kommissar konnten ihn zurückhalten. Aber in der Tür prallte er mit Gorelow zusammen, der ihn mit seinen langen, kräftigen Armen festhielt.

»Was sagst du da, Marat? Wer hat ihn fortgeschleppt? Woher weißt du das?«, fragten der Kapitän und der Zoologe erregt, den Kranken zum Bett führend.

»Ich sah es«, murmelte Marat, sich kraftlos auf die Koje fallen lassend. »Ein riesiger Pottwal; er schoss über uns dahin und hielt Pawlik fest …«

Marat schloss die Augen. Sein sonst braunes Gesicht war aschfahl, und es schien, als würde er wieder das Bewusstsein verlieren.

Lordkipanidse, im weißen Arztkittel, beugte sich über ihn.

»Was kann das alles bedeuten?«, fragte der Kapitän.

»Fieberfantasien, nichts weiter«, bemerkte Gorelow.

»Das ist schon möglich«, pflichtete ihm der Zoologe bei, »ich befürchte, er hat eine Gehirnerschütterung davongetragen. Wahrscheinlich hat ihn der verendende Krake gegen die Schiffswand geschleudert. Jedenfalls haben weder ich noch Skworeschnja einen Pottwal gesehen.«

Der Ozeanograf Schelawin trat in den Lazarettraum. »Höre ich recht, erwähnten Sie den Pottwal?«, fragte er und blickte durch seine schief aufgesetzte Brille auf den Zoologen.

»Offen gesagt, ein so riesiges Exemplar habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.«

Alle blickten verwundert auf Schelawin.

»Was für einen Pottwal meinen Sie, Iwan Stepanowitsch?«, fragte der Zoologe.

»Nun, ich meine den Pottwal, der wie ein Pfeil über meinem Kopf dahinsauste und alle meine Messgeräte durcheinanderbrachte. Er hat mir heute die ganze Arbeit verdorben. Als hätte er eine Harpune im Leibe, so fegte er davon.«

»Wann haben Sie ihn gesehen?«, fragte der Kapitän schnell. »Vor etwa drei Stunden.«

»Wo befanden Sie sich?«

»Auf der hydrophysikalischen Station Nr. 3, in einer Tiefe von dreihundert Metern, ungefähr achtzehn Kilometer südöstlich unseres jetzigen Stützpunktes.«

»Welche Richtung nahm er?«

»Genau von Nord auf Süd.«

»Vom Wrack in Richtung auf Station 3?«, sagte der Zoologe erstaunt. »Sollte das vielleicht nur ein Zufall sein?«

In diesem Augenblick stöhnte Marat und öffnete langsam die Augen. Er schaute sich ruhig im Kreise um und sagte, als setze er ein unterbrochenes Gespräch fort, mit stockender Stimme:

»Ich habe es … genau gesehen. Pawlik hing … an einer Seite des Pottwals. Der Pottwal schoss über uns hinweg … Etwa zehn oder fünfzehn Meter über uns … In seinem Rücken … am Kopf … steckte eine abgebrochene Harpune.«

»Richtig!«, rief Schelawin, mit den Händen fuchtelnd. »Ganz richtig! Sie steckte in seinem Rücken, eine abgebrochene Harpune. Wir haben also beide den gleichen Missetäter gesehen. Er hat mir die ganze Station durcheinandergeworfen.«

»Aber warum haben Sie dann nicht auch Pawlik gesehen?«, fragte der Zoologe erregt.

»Das hat nichts zu sagen, Iwan Stepanowitsch hat den Pottwal von der anderen Seite gesehen«, sagte der Kapitän nachdenklich.

»Was sollen wir tun? Armer Junge«, flüsterte Lord, an seinem Bart zupfend.

»Zweifellos ist er schon lange tot«, bemerkte Gorelow. »Da ist nichts mehr zu machen.«

Er ging mit großen Schritten im Lazarettraum auf und ab.

Der Kommissar wandte mit einer schnellen Bewegung seinen grauhaarigen Kopf Gorelow zu, und auf seinem jungen Gesicht mit den klaren Augen malte sich aufrichtiges Erstaunen.

Der Kapitän blickte ebenfalls verwundert auf Gorelow und wandte sich an den Zoologen:

»Sind Sie davon überzeugt, Lord, dass der Junge bestimmt nicht auf dem Wrack oder in seiner Nähe zurückgeblieben ist?«

»Voll und ganz!«, antwortete der Gelehrte. »Nachdem wir die meisten Kraken getötet und die restlichen vertrieben hatten, untersuchte ich gemeinsam mit Skworeschnja das Wrack und seine nähere Umgebung. Wir sahen das Leck, das Pawlik gefunden hatte; wir stießen auch auf einen riesigen verstümmelten Kraken …« Und als sei ihm ganz unerwartet etwas Wichtiges eingefallen, rief er: »Ich beginne zu begreifen! Dass mir das nicht schon eher eingefallen ist! Kraken und überhaupt alle Kopffüßer sind doch die Lieblingsbeute des Pottwals. Und nur ein Pottwal konnte diesen riesigen Kraken so zurichten. Das Bild rundet sich ab, Kapitän! Zweifellos hat gleichzeitig mit unserer Schlacht auf der anderen Seite des Schiffes ein Zweikampf zwischen Pottwal und Kraken stattgefunden. Und unser armer Pawlik ist irgendwie dazwischengeraten, hat den Zweikampf vielleicht unterbrochen. Es ist doch merkwürdig, dass der Pottwal seinen Sieg nicht ausgenutzt hat; er hat den Kraken nicht mehr angerührt und ist geflohen.«

»Es besteht nun kein Zweifel, dass Iwan Stepanowitsch denselben Pottwal wie Marat gesehen hat«, sagte der Kapitän nachdenklich.

Gorelow unterbrach seine Wanderung durch den Lazarettraum, und alle blickten schweigend auf den Kapitän. Sie fühlten, dass sich jetzt Pawliks Schicksal entschied.

»Macht nichts«, sagte schließlich der Kapitän, »der Pottwal entkommt uns nicht!«

Gorelow schaute auf die Uhr – es war kurz nach vier Uhr nachmittags – und wandte sich an den Kapitän: »Verzeihung, Nikolai Borissowitsch. Ich kam hierher, um Ihnen zu melden, dass ich das U-Boot verlassen muss. Backbords müssen zwei Düsen nachgesehen werden. Sie scheinen leicht verschmutzt zu sein, und man wird sie wahrscheinlich abmontieren und reinigen müssen. Kann ich damit gleich beginnen?«

»Zwei Düsen sind ausgefallen?«, fragte der Kapitän befremdet. »Wann ist denn das passiert? Wir sind doch mit intakten Düsen hergekommen.«

Gorelow trat von einem Fuß auf den anderen und antwortete verlegen: »Sie schienen mir schon früher nicht ganz in Ordnung gewesen zu sein.«

»Genosse Maschineningenieur«, sagte der Kapitän scharf. »Warum haben Sie mir nicht schon eher davon Meldung gemacht? Ihr Verhalten widerspricht den elementarsten Regeln der Schiffsdisziplin. Ich sehe mich gezwungen, Ihnen eine Rüge zu erteilen. Sind diese Düsen ganz ausgefallen, oder wie viel Prozent beträgt ihr Leistungsverlust?«

Gorelows Gesicht bedeckte sich mit roten Flecken. »Die Düsen haben nicht mehr als fünf bis sechs Prozent ihrer Leistung verloren, Genosse U-Boot-Kommandant.«

»Ausgezeichnet!« Der Kapitän wandte sich zu den beiden Gelehrten um: »Können Sie Ihre Apparate und Geräte einige Zeit unbeaufsichtigt lassen?«

»Das können wir«, antworteten beide zugleich.

»Das U-Boot nimmt die Verfolgung des Pottwals auf! Macht euch alle fertig!«

»Hurra, Kapitän!«, rief Marat mit schwacher Stimme.

Der Kapitän lächelte ihm zu und wandte sich an Gorelow.

»Fjodor Michailowitsch«, sagte er wesentlich freundlicher. »Maschinen zur Fahrt sofort klarmachen. Im Notfall haben sogar zehn Prozent Leistungsverlust keinerlei Bedeutung.«

Gorelow wurde so blass, wie das zuweilen mit braunhäutigen Menschen geschieht. Sein Gesicht nahm eine wächserne Farbe an, aber seine Augen blickten kalt und entschlossen.

»Genosse U-Boot-Kommandant«, sagte er mit vor Erregung bebender Stimme. »In meiner Eigenschaft als Maschinenbetreuer des U-Bootes halte ich es für meine Pflicht, Ihnen zu melden, dass das Boot hierbleiben muss. Es ist zu riskant, mit verschmutzten Düsen auszulaufen. Insbesondere – wegen irgendeines Bengels, der, im Grunde genommen, sicherlich schon längst tot ist …«

Marat machte eine plötzliche Bewegung, als wolle er zu einem Sprung ansetzen, blieb dann aber reglos mit geweiteten Augen auf der Koje liegen; das Gefühl der Disziplin gewann Oberhand über ihn. Der Zoologe murmelte etwas, das keineswegs schmeichelhaft klang. Der Kommissar blickte schweigend auf Gorelow. Schelawin blinzelte verlegen und schaute mit seinen kurzsichtigen Augen abwechselnd auf Gorelow und auf den Kapitän; er konnte es kaum fassen, wie man mit dem Unterseegott, wie er den Kapitän nannte, so formlos reden konnte.

Das Gesicht des Kapitäns blieb unbeweglich, aber seine Augen blickten hart und starr. »Wir haben hier keine Besprechung, in der man meine Anordnungen kritisieren könnte«, sagte er, ohne die Stimme zu heben. »Führen Sie sofort meinen Befehl aus. Für einen mehr als zehnprozentigen Leistungsverlust der Düsen tragen Sie die volle Verantwortung. Begeben Sie sich sofort auf Ihren Posten, Genosse Maschineningenieur!«

Der Kapitän schaute Gorelow durchdringend an. Nach kurzem, kaum merklichem Zögern verneigte sich Gorelow schweigend und verließ schlurfend und mit gesenktem Kopf den Lazarettraum.

 

 

Der Zoologe stand im Steuerraum neben dem wachhabenden Offizier, Oberleutnant Bogrow, und verspürte kaum den Stoß von der ersten Explosion in der Heckdüse. Es war vier Uhr fünfzehn nachmittags. Durch den Rumpf der Pionier ging ein leichtes Beben: Das U-Boot setzte sich in Bewegung. Der Oberleutnant schob einen Hebel auf dem Steuerpult einen Teilstrich weiter. Neue Explosionen folgten in immer schnellerer Folge, und der Zoologe spürte schon keine einzelnen Stöße mehr, sondern ein gleichmäßiges, leichtes Beben des Schiffsrumpfes.

Aus der benachbarten Funkerkabine hörte man durch die offene Tür die Stimme des Bordfunkers Pletnjow.

»Pawlik! … Pawlik! … Antworte! … Hier spricht die Pionier

Neben dem Steuerpult zeichnete der Stift des automatischen Fahrtschreibers auf einer Karte den Weg ein, den das U-Boot zurücklegte.

An einem runden Tisch in der Mitte des Steuerraumes stand der Kapitän über eine blaue Bodenreliefkarte des Sargassomeeres gebeugt. Ohne den Kopf zu heben, sagte er: »Alexander Leonidowitsch! Fahrtrichtung – Süd; Kurs – im Zickzack, alle fünf Minuten ändern: Von Südwest auf Südost und umgekehrt. Aufklärer von backbord und steuerbord aussenden, den Schiffsrumpf erhitzen; wir fahren mit Dampfmantel. Tiefe – fünfhundert Meter; Fahrtgeschwindigkeit – acht Zehntel; wir müssen die Düsen schonen …«

»Zu Befehl«, antwortete Oberleutnant Bogrow.

»Lord, wie schnell kann ein Pottwal überhaupt schwimmen?«, fragte der Kapitän.

»Das hängt davon ab, Kapitän«, erwiderte der Zoologe, »was ihn zur Flucht veranlasst hat; dabei spielt auch das Geschlecht, das Alter und die körperliche Beschaffenheit des infrage kommenden Tieres eine Rolle. Ist es nur aufgeschreckt, kann ein ausgewachsenes Pottwalmännchen mittlerer Größe acht bis zehn und sogar bis zu zwanzig Meilen in der Stunde schwimmen; mit einer Harpune im Rücken jedoch, unter der Wirkung von Schmerz und Angst, kann ein Pottwal ein Walfangboot, das ihn harpuniert hat, mit einer Schnelligkeit bis zu dreißig Meilen hinter sich herziehen. Unser Pottwal scheint ja nach Marats und Schelawins Bericht ein Prachtexemplar zu sein, und ich nehme an, dass er jetzt bis zu dreißig Meilen in der Stunde machen wird.«

»Somit hat er einen Vorsprung von etwa sechzig bis fünfundsiebzig Meilen«, meinte der Kapitän, sich am Kartentisch aufrichtend. »Wenn er inzwischen seine Fluchtrichtung nicht geändert hat, müssen wir ihn in etwa zwei- bis zweieinhalb Stunden einholen.«

Aus der Funkerkabine hörte man immer wieder Pletnjows monotone Stimme: »Hier spricht die Pionier … die Pionier … Antworte, Pawlik! … Antworte, Pawlik! … Pawlik! … Hier spricht die Pionier

Auf dem Rund- und Kuppelbildschirm folgten einander die Schatten großer und kleiner Fische. Sie zogen vom Bug zum Heck und lösten sich dort wie kleine Wölkchen auf. Der Zoologe spürte jetzt, da das U-Boot in voller Fahrt war, kein Beben des Schiffsrumpfes mehr.

Die Messgeräte auf dem Steuerpult zeigten an, dass das Unterwasserschiff, von einem dünnen Dampfmantel umhüllt und bei achthundert Rückstoßexplosionen in der Minute, fünfundsiebzig Meilen Stundengeschwindigkeit entwickelte.

Alle fünf Minuten änderte die Pionier, leicht beidrehend, die Fahrtrichtung. Der automatische Fahrtschreiber zeigte auf seiner Karte diese Kurven sofort an. Plötzlich erschien auf dem Bildschirm steuerbord eine dunkle Masse, die sich schnell auf das U-Boot zu bewegte. Sofort leuchtete ein rotes Lämpchen auf, und man hörte die Alarmklingel. Aber weder der Kapitän noch der Oberleutnant taten etwas, um einen Zusammenstoß zu vermeiden; sie beobachteten nur aufmerksam die immer näher kommende dunkle Masse. Genau nach fünf Sekunden senkte sich der Bug, das U-Boot tauchte etwas tiefer und glitt unter einem riesigen dichten Schwarm großer Fische hinweg, ohne mit ihm in Berührung zu kommen.

»Auch eine Selbststeuerung?«, fragte der erstaunte Zoologe. Er erlebte zum ersten Mal eine solche selbstständige Reaktion des U-Bootes.

»Natürlich!«, antwortete der Kapitän. »Wenn die Bugmembrane des Ultraschall-Bildwerfers fünf Sekunden lang ununterbrochen die Signale über ein und dasselbe Hindernis, das in Fahrtrichtung liegt, aufnimmt, dann werden die Ringdüsen automatisch eingeschaltet. Diese Düsen spielen bei uns die Rolle einer Steuervorrichtung, und das U-Boot ändert sofort selbsttätig seinen Kurs in die freie Fahrtrichtung. Ist das Hindernis verschwunden, geht das U-Boot wieder auf alten Kurs.«

»Wunderbar!«, rief der Zoologe begeistert aus. »Aber wozu leuchtet dann das rote Lämpchen auf, und warum erklingt das Alarmzeichen?«

»Für den Fall, dass der Kommandant das Hindernis nicht umgehen will, sondern eventuell irgendwelche anderen Dispositionen treffen möchte. Deshalb auch dauert es noch fünf Sekunden, bis die Ringdüsen in Tätigkeit treten.«

Der Kapitän versenkte sich wieder in seine Berechnungen. Für längere Zeit war es im Steuerraum still.

Nur aus der Funkerkabine hörte man in kurzen Zwischenräumen Pletnjows müde Stimme: »Pawlik! Antworte, Pawlik! Hier spricht die Pionier… Pawlik! … Pawlik! …«

»Wie viel Meilen haben wir schon hinter uns gebracht, Alexander Leonidowitsch?«, fragte der Zoologe leise den Oberleutnant. »Wir fahren schon fast fünfunddreißig Minuten.«

Oberleutnant Bogrow schaute auf die Karte unter dem automatischen Fahrtschreiber.

»Einunddreißig Meilen, Lord. Sollten wir den Pottwal überhaupt noch einholen, dann glaube ich, nicht eher als in einer halben Stunde.«

Der Zoologe runzelte bekümmert die Stirn und fragte, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden: »Zweifeln Sie daran, dass wir ihn einholen?«

Bogrow zuckte die Achseln.

Man hörte den schwachen Klingellaut des Telefons.

Der Kapitän schaltete den Lautsprecher und den Bildschirm des Fernsehgerätes ein. Auf dem Bildschirm zeigte sich ein runder Tunnel, der die Form eines abgestumpften Kegels hatte. Zahllose gerade Rohre zogen sich von den Rändern der Grundfläche des Kegels zu seiner abgestumpften Spitze. In dem schwach erleuchteten Tunnel sah man zwischen den Rohren die Gestalt eines Mannes, der zusammengekauert arbeitete.

Aus dem Lautsprecher ertönte die halberstickte, aber zufriedene Stimme Gorelows:

»Die Düsen sind wieder intakt, Genosse Kommandeur. Es ist mir gelungen, sie zu reinigen, ohne dass ich sie abzumontieren brauchte. Das U-Boot kann jetzt wieder seine volle Geschwindigkeit entwickeln.«

Das Gesicht des Kapitäns drückte Verwunderung und Freude aus:

»Ich danke Ihnen, Fjodor Michailowitsch. Aber Sie hätten sich nicht so in Gefahr bringen sollen. Im Grunde waren diese zehn Prozent Leistungsverlust nicht so wichtig. Nun kommen Sie schnell aus dem Tunnel heraus und melden Sie sich bei mir!«

Der Kapitän schaltete den Lautsprecher und den Bildschirm ab und wandte sich lächelnd an den Oberleutnant.

»Höchste Geschwindigkeit, Alexander Leonidowitsch!«, befahl er und fügte hinzu: »Ein merkwürdiger Mensch, dieser Gorelow; der kleinste Maschinendefekt bringt ihn gleich aus dem Häuschen. Wie abstoßend, diese falsch verstandene Berufsehre!«

»In jedem Fall ist das Ganze für einen normal empfindenden Menschen unverständlich«, pflichtete ihm der Zoologe bei. Nach kurzer Pause fügte er hinzu: »Ein Mensch, der grausam zu Kindern ist, wird mir immer unsympathisch sein. Jawohl!«

Im blauen Monteurkittel, mit verrußtem Gesicht und ölverschmierten Händen trat Gorelow in den Steuerraum. Etwas verlegen, aber gut gelaunt, blickte er auf den Kapitän.

Dieser empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln.

»Was machen Sie für Sachen, Fjodor Michailowitsch!«, sagte er, Gorelow die Hand reichend. »Dort ist ja eine Backofenhitze! Und acht oder zehn Meilen mehr oder weniger spielen doch keine wesentliche Rolle.«

»Verzeihung, Nikolai Borissowitsch. So etwas konnte ich einfach nicht zulassen. Mein Herz ist gut, ich fürchte keine Hitze.«

Der Kapitän schwieg eine Weile, dann sagte er: »Vermutlich wollten Sie sagen, dass Sie ein gesundes Herz haben, Fjodor Michailowitsch … Schon gut! Sie können gehen. Aber trotz allem«, fügte er schmunzelnd hinzu, »müssen Sie schon darauf gefasst sein, Ihren Namen im morgigen Tagesbefehl zu finden.«

Gorelow verneigte sich und ging schweigend hinaus. Der Kapitän beugte sich wieder über die Karte.

Auf dem Kuppelbildschirm zeigte sich ein großer, langer Schatten, gleichmäßig in der Form, vorn zugespitzt und hinten leicht abgerundet. Ein kleines, schwankendes Wölkchen am hinteren Ende des Schattens erleichterte seine Bestimmung.

»Ein Schiff über uns«, sagte der Oberleutnant. »Auf der Fahrt nach Trinidad oder Caracas.«

»Hat Ihnen das alles der Ultraschall-Bildwerfer verraten?«, fragte der Zoologe ungläubig.

»Das wäre ja Hexerei«, antwortete Bogrow lächelnd. »Durch diesen öden Teil des Atlantik führt in der Fahrtrichtung des Dampfers nur eine Schiffsstraße: von London zu den nördlichen Küsten Südamerikas – nach Trinidad, Georgetown, Caracas …«

Längere Zeit herrschte Schweigen. Wäre nicht die Bewegung des Schattens auf dem Bildschirm gewesen, hätte man meinen können, das U-Boot rühre sich nicht von der Stelle.

Sogar Pletnjows monotone Stimme störte nicht die Stille im Steuerraum.

Wie mag es wohl Pawlik gehen?, dachte der Zoologe. Wo ist er jetzt? Ob er noch lebt, der arme Junge? Unbegreiflich, wie er sich auf dem Pottwal hält! Ob sich Marat nicht geirrt hat? Vielleicht ist der Junge jetzt ganz woanders und wartet, hilflos oder sogar verletzt, dass wir ihm helfen.

»Antworte, Pawlik! Antworte, Pawlik! … Hier spricht die Pionier …«

Der Zoologe strich sich nervös über den Bart.

Die erzwungene Untätigkeit, die lähmende Stille und die scheinbare Reglosigkeit des Schiffes brachten ihn zur Verzweiflung. Mit großen Schritten durchmaß er den Steuerraum.

»Pawlik! Pawlik! Hier spricht die Pionier … die Pionier … Antworte, Pawlik!«

»Fünfzig Minuten, Alexander Leonidowitsch«, sagte der Zoologe mit einem Blick auf die Uhr. »Wie viel Meilen haben wir zurückgelegt?«

»Einundfünfzig, Lord.«

»Und nichts zu sehen … nichts zu sehen …«, seufzte der Professor und setzte seine Wanderung durch den Steuerraum fort. Plötzlich blieb er vor dem Kapitän stehen.

»Kapitän, was wollen Sie tun, wenn wir auch nach weiteren zwanzig oder dreißig Meilen den Pottwal nicht finden?«

Woronzow hob den Kopf und blickte schweigend auf den Zoologen. Dann antwortete er: »Ich werde dieses Biest schon finden. Ich muss mich davon überzeugen, ob der Pottwal den Jungen mit sich führt oder nicht … falls er ihn nicht unterwegs verloren hat.«

Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Eins kann ich nicht verstehen. Warum benutzt Pawlik nicht seine Waffen? Er hat doch die Ultraschallpistole und die elektrischen Handschuhe, mit denen er gut umzugehen weiß. Ist er vielleicht verletzt?«

Der Zoologe senkte den Kopf. Die Worte des Kapitäns steigerten noch seine Unruhe. »Ein so netter, guter Junge«, murmelte er bekümmert.

»Antworte, Pawlik! Antworte, Pawlik! Hier spricht die PionierDie Pio…«

Aus der Funkerkabine hörte man plötzlich das Poltern eines umgeworfenen Stuhles; Pletnjows melancholische Stimme verstummte, schwoll dann aber gleich zu größter Lautstärke an.

»Sprich, Pawlik! Ich höre dich! Ich höre dich! … Kommt alle her! Zu mir! Er ist es! … Wo bist du, Pawlik? Wo bist du, sprich nur, ich höre dir zu!«

Alle, außer dem wachhabenden Offizier, stürzten aus dem Steuerraum in die Funkerkabine.

Fortsetzung folgt …

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