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Captain Concho – Band 43

Bill Murphy
Captain Concho – Der Rebell aus Texas
Band 43
Alabama-Blockade

Western, Heftroman, Bastei, Köln, 66 Seiten, 1,70 €, Neuauflage, Titelbild von Ertugrul Edirne / Becker-Illustrators

Kurzinhalt:
Captain Concho hat von General. Lee den Befehl, zur Hafenstadt Mobile vorzustoßen. Doch auf der Bahnstrecke gerät er mit seinen Männern in einen tödlichen Sperrriegel der Yankees, die in einem Camp im Sumpfland entflohene Sklaven zum Kampf gegen die Konföderation ausgebildet haben. Sam Concho muss das versteckte Black Camp finden und den Saboteuren das Handwerk legen, um die Blockade durchbrechen zu können. Doch der Feind schlägt immer wieder überraschend zu und verschwindet scheinbar spurlos im Sumpfland. Bis Captain Concho eine rätselhafte und schöne Frau kennenlernt, die das Geheimnis von Black Camp zu kennen scheint …

Leseprobe:

Corporal Finnewacker war so schwer beladen, dass er nicht ohne Hilfe in den Waggon gelangte. Aber erwartungsvoll grinsend griffen die Kameraden zu. Hilfreiche Hände streckten sich ihm von oben her entgegen, und der kleine Oscura und Sergeant Major Dandry, die auf dem Schotterbett standen, packten ihn am Hosenboden.

Irgendein Spaßvogel brüllte im Waggon: »Zuuu-gleich!«

Wie an einem Kran glitt der schwer beladene Sergeant empor.

Aber da knirschten Schritte, und eine Gestalt trat heran.

»Ablassen!«, ertönte Lieutenant Bensons Stimme.

Die Männer hielten erschrocken inne, und Finnewacker bewegte die Beine in der Luft. Langsam gaben die Männer nach, bis der Corp oral wieder Stand hatte. Schwerfällig machte er Front. Dandry und Oscura traten rasch zurück.

Da stand er, der lange Lieutenant, und in der fahlen Morgendämmerung sah er so dünn und lang wie eine Bohnenstange aus. Er hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und den Oberkörper leicht vorgeneigt, und seine Haltung ließ die Männer das Donnerwetter erahnen, das über den Corporal hereinbrechen würde.

Unerlaubtes Entfernen von der Truppe!

Finnewacker wusste, was ihm da bevorstand, und deshalb bemühte er sich, einen guten Eindruck auf den Lieutenant zu machen. Weil er hinten und vorn mit Beuteln und Säcken behängt war und das Hemd und alle Taschen vollgestopft hatte, fand er die Hosennähte nicht. Auch das Sporen-Zusammenschlagen war nicht mehr als eine Absicht.

»Corporal Finnewacker meldet sich zurück«, sagte er zackig, wühlte den rechten Arm durch das Gehänge von Beuteln und Säcken und nahm die Hand an den Hut.

»Aha!«, tönte der lange Lieutenant. »Der Corporal Finnewacker meldet sich zurück! – Das ist nicht der Anfang des Schwachsinns, sondern sein Ende. Da meldet sich der Pflaumentoffel zurück, ohne sich abgemeldet zu haben! Finnewacker, seit gestern Mittag sind Sie weg! Rechnen Sie sich die Minuten selbst aus. So viele Tage Bau verschaffe ich Ihnen. Denn in jeder Minute seit gestern Mittag hätte der Transport weiterfahren können. Ich mache Sie zum Elch, Sie Hirsch! Einfach abzuhauen, wo der Zug in jeder Minute weiterdampfen kann.«

»Er ist aber nicht weitergedampft, Sir!«

»Ja! Ist er nicht! Zu Ihrem Glück! Sonst wäre das glatte Desertion, Mensch, die Ihnen die Rübe kosten kann!«, tönte Benson.

»Spätestens in Mobile wäre ich wieder beim Haufen gewesen, Lieutenant.«

»Ach! Mit all dem Zeug da?«, hielt ihm der Lieutenant vor.

»Ich hätte schon einen fahrbaren Untersatz gefunden, Sir!«

»Einen Untersatz gefunden, Sie … Sie Allesfinder, Sie!« Benson zeigte auf die Säcke vor seiner Brust. »Das haben Sie wohl auch gefunden?«

»Das habe ich von den schönen Damen in Waynesboro geschenkt bekommen, wenn ich das melden darf, Sir!«

»Nun machen Sie es bloß halblang, Finnewacker!« Benson stemmte die Fäuste in die Hüften.

»Auf Ehre und Gewissen!«, versetzte Finnewacker. »Die Girls haben unseren Transport durchfahren gesehen.

Zunächst waren sie ja enttäuscht, weil ich allein ankam. Aber dann …«

»Sie sind in Waynesboro gewesen?«

»Aye, Sir! Und dort habe ich auch erfahren, dass wir hier bestimmt noch zwei Tage auf der Ausweichstrecke stehen werden. Da habe ich mir die Zeit genommen, um spezielle Dinge zu organisieren.«

»Organisiert«, sagte Benson knirschend und machte mit der linken Hand die Geste des Einsteckens. »Comme ci – comme a! Also doch alles geklaut!«

»Alles Spenden der Girls von Waynesboro, Sir!«‚ beteuerte Finnewacker. »Darf ich das Zeug ablegen? Die Riemen schneiden mir ins Fleisch.«

»Stehen Sie kommod, Mann!«, donnerte Benson. »Aber nichts weiter.« Finnewacker rührte.

»Zwei Tage? Woher wollen die Hechte in Waynesboro das wissen?«

»Mit den Hechten habe ich nicht gesprochen, aber mit einem Eisenbahner. Der Draht ist wieder in Ordnung. Ein Sabotagekommando der Yankees hat zehn Meilen von hier entfernt eine Brücke gesprengt. Und bis die fertig ist, vergehen noch zwei Tage.«

»Was? Ein Sabotagekommando?«

»Aye, Sir!«

»Noch zwei Tage? Das wissen Sie ganz genau?«

»Aye, Sir!«, keuchte Finnewacker. »Darf ich jetzt ablegen, Sir?«

»Genehmigt«, sagte Benson breit.

Flaschen klirrten, als Finnewacker ächzend den ersten Beutel von der Schulter nahm. Dandry und Oscura traten sofort nach vorn und waren ihm behilflich.

Der Lange neigte sich weiter vor und schnupperte. »Was haben Sie denn alles mitgebracht?«

»Whisky, Brandy und eine Menge Eingemachtes, Butter, Eier und …«

Da krachte ein Schuss. »Alarrrrm!«, schrie einer der Posten, und dann knallte es schon. Aus der Lokomotive zuckte ein Feuerball, und da flog sie schon mit ohrenbetäubendem Getöse auseinander.

»Deckung!«, brüllte Benson und ließ sich fallen.

Auch Dandry und Oscura warfen sich auf die Bäuche. Die Männer im Waggon zogen sich zurück und ließen sich ebenfalls fallen.

Dann knallte es noch einmal. Vor ihnen, nur drei Wagen weiter, explodierte ein Waggon, und die Druckwelle warf Finnewacker zu Boden. Er fiel auf die Beutel und Säcke. Noch war er nicht alles losgeworden. Gläser und Flaschen barsten. Aber das nahm nur er wahr.

Weitere Detonationen erfüllten die Luft. Vor und hinter ihrem Waggon explodierten Sprengladungen. Feuerrot schossen die Lohen himmelwärts.

»Alles aus dem Zug!«, schrie Benson mit sich überschlagender Stimme.

Finnewacker, schon wieder auf den Knien, wurde von den Kameraden, die aus dem Waggon sprangen, wieder zu Boden gerissen. Und was da unter ihm knirschte, war das Gros Eier.

Schüsse krachten, Geschrei und prasselnder Hufschlag waren zu hören.

Die Männer, die überall aus den Waggons gesprungen waren und den Bahndamm hinabrannten, hielten an, weil kaum einer seinen Karabiner mitgenommen hatte.

Da jagten die Reiter schon vorn um die rauchenden und brennenden Trümmer der Lokomotive. Schreiend und schießend und säbelschwingend!

Entsetzt richtete sich Benson auf die Knie und nahm den Revolver aus der Koppeltasche.

Das waren weit über hundert Reiter!

Die Männer rannten in Panik zum Zug zurück, um sich zu bewaffnen.

Aber die Reiter waren schneller. Bestürzt sah Benson, wie sie vorn die Männer niedermetzelten.

»Holt die Gewehre, und alles her zu mir!«, rief er lautstark.

Zwei, drei Männer sprangen auf den Waggon und reichten in aller Hast die Karabiner heraus.

Im Handumdrehen hatte sich ein Dutzend Männer um Benson geschart und eröffnete das Feuer auf die Reiter.

Revolver und Gewehre dröhnten und krachten. Rauch und Staub trieben den Zug entlang. Wildes Geschrei beherrschte die Szene. Der Bahndamm war mit verletzten und toten Männern bedeckt.

In dichtem Pulk preschten die Reiter heran. Benson und seine Männer, inzwischen dreißig, schossen, so schnell sie nur konnten. Reihenweise gingen Angreifer aus den Sätteln. Der Pulk schwenkte ab und verschwand hinter der langen Kohlenhalde und dem Wassertank.

Benson sprang auf. »Hinterher, Männer! Mir nach!«

Die Männer sprangen auf, stürmten mit ihm auf die Kohlenhalde und warfen sich in Stellung. Die Karabiner blitzten und krachten wieder.

Die Männer schossen den Reitern nach, die von der Bahnlinie abschwenkten und schon Sekunden später im Wald verschwanden. Aber da blieben Tote und Verwundete und auch getroffene Pferde zurück.

Etliche Männer ruckten hoch und rannten die Halde hinab, um die Reiter zu verfolgen.

»Halt!«, brüllte Lieutenant Benson. »Alles beim Zug bleiben!«

»Ben!«

Der lange Lieutenant drehte sich um. Captain Concho, der Commander des Transports, stand vor der Kohlenhalde. Ohne Hut. Er blutete am Kopf.

»Die Halde besetzt halten!«, befahl Benson. »Alles andere am Zug in Stellung gehen.«

Er richtete sich auf und rannte gleitend und schlitternd die Halde hinab, eine Staubwolke nach sich ziehend.

»Verdammt, was ist das gewesen?«, fragte Captain Concho mit krächzender Stimme. »Ich habe geschlafen. Haben die Posten nicht Alarm gegeben?«

»Ja! Aber zu spät!«, berichtete Benson japsend. »Du bist ja verletzt! – Feldscher! Sanitäter!«, rief er mit sich überschlagender Stimme.

Aber die Sanitäter und Feldscher hatten bereits alle Hände voll zu tun. Überall, den ganzen Zug entlang, lagen sterbende und verwundete Soldaten.

Benson stützte Captain Concho, zog das Halstuch herunter und presste es ihm auf die klaffende Kopfwunde.

»War das feindliche Kavallerie?«, fragte Concho mit krächzender Stimme und presste das Tuch selbst gegen die Wunde. »Aber woher, Ben? Wir sind hier in Süd-Alabama. Die Front ist tausend Meilen weit weg.«

»Sabotagetrupps operieren hier!«, erklärte der Lieutenant.

»Verdammt! In dieser Stärke?«

Ein Sanitäter trat heran, und Captain Concho nahm auf dem Trittbrett eines Waggons Platz.

»Stell mal unsere Verluste fest, Ben«, sagte er mit heiserer Stimme. »Lass Wachen aufziehen! Doppelposten!«

»Aye!« Benson nahm die Hand kurz an den Hut und entfernte sich.

»Nur diese Verletzung, Sir?«, erkundigte sich der Sanitäter und begann, die Wunde zu säubern.

»Ich glaube schon!«

»Sieht nach einem Säbelhieb aus, Sir!«

»Nein! Als ich meinen Wagen verließ, ist mir etwas von oben her auf den Kopf gefallen. Dann bin ich eine ganze Weile weg gewesen. Ist schon zu übersehen, wie hoch unsere Verluste sind?«

»Vorn habe ich allein zwanzig Tote gesehen, Sir! Noch mehr sind verletzt.«

O mein Gott!, dachte Captain Concho erschüttert.

Er hatte den Befehl, mit seiner Einheit nach Mobile zu fahren und den Hafen freizukämpfen, der von den Yankees besetzt worden war. Kein Schiff konnte mehr auslaufen, um Baumwolle, das einzige Devisen bringende Produkt des Südens, nach Europa zu bringen, um dort für den Erlös der Ladung Kriegsmaterial einzukaufen und damit zurückzukehren.

Seine Einheit bestand aus hundertzwanzig Mann. Im Zug befanden sich zehn Geschütze, darunter zwei Union Repeating Guns, die entsprechende Menge Munition, Pulver, Zugpferde für die Gespanne und sechzig Reitpferde.

Vierzig Männer waren gefallen und ebenso viele verwundet. Davon zehn Männer schwer. Die Lokomotive war ein Schrotthaufen. Alle Geschütze und die Union Guns waren den Sprengstoffanschlägen zum Opfer gefallen.

Eine erschütternde Bilanz, die Benson da wenig später aufmachte. Captain Concho setzte sich gleich wieder hin.

»Wie konnte das passieren?«, fragte er mit krächzender Stimme.

»Die Hurensöhne haben die Posten niedergemacht«, erwiderte Benson.

»Bis auf einen. Und als der schoss, waren die Kerle auch schon da.«

»Mein lieber Mann«, sagte Concho. »Da hat uns der Yank auf dem linken Fuß erwischt.«

Benson zog die Schultern kurz hoch. »Dass hier Sabotagetrupps operieren, habe ich Sekunden vor dem Überfall von Corporal Finnewacker erfahren. Er ist in Waynesboro gewesen.«

Captain Concho starrte ihn an.

»Ein Sabotagetrupp hat vor uns eine Brücke gesprengt. Deshalb liegen wir hier fest. Zwei Tage wird es noch dauern, bis die Brücke wieder passierbar ist.«

»Und warum, zum Teufel, kriege ich darüber keine Meldung?«

Abermals zog Benson die Schultern hoch. »Die Telegrafenleitung ist inzwischen wieder in Ordnung.«

»So eine verdammte Scheiße!«, stieß Captain Concho knirschend hervor.

(wb)