Archiv

Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 9 – 9. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 9
Die Lady mit dem Kanarien-Brillant
9. Kapitel
Der Kondukteur der Midland-Bahn

Kaum war die Gefahr vorüber, bewies Sherlock Holmes wieder die überlegene Ruhe, die sonst sein Wesen beherrschte.

Er richtete sich schnell auf, trat zu dem Lokomotivführer und den Kondukteuren, die herbeigekommen waren, und rief ihnen zu: »Ich bin der Detektiv Sherlock Holmes. Hier liegen zwei Menschen, die von Londoner Verbrechern in den Tunnel gelockt, hier überwältigt und auf die Schienen geworfen wurden.

Es war die Absicht der Banditen, diese beiden Unglücklichen von der Lokomotive zermalmen zu lassen. Ich bitte Sie, meine Herren, helfen Sie mit, diese beiden von den Fesseln zu befreien.«

Natürlich waren alle Hände bereit, Hilfe zu leisten, und bald waren Lord Canbury und Harry von ihren Knebeln und Fesseln befreit.

Der Lord fiel schluchzend vor Erregung dem Detektiv um den Hals und nannte ihn seinen Lebensretter.

»Nur keine Zeit verlieren, Mylord«, antwortete Sherlock Holmes. »Für Danksagungen haben wir später Zeit. Wir müssen schnell und energisch handeln. Wir müssen sofort die Spur der Verbrecher verfolgen – niemals stand unsere Sache günstiger als jetzt. Schnell, Mylord! Händigen Sie den braven Leuten ein paar Pfundnoten ein und lassen Sie uns dann gehen.«

»Pfundnoten?«, versetzte der Lord wehmütig lächelnd. »Sie vergessen, dass man mich vollständig ausgeplündert hat. Meine Brieftasche mit 5.000 Pfund Sterling, meine Uhr, meine Ringe. Alles haben mir die Schurken gestohlen.«

Sherlock Holmes konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass der Tunnel bei der Finchley Road ein verdammt windiger Punkt ist? Doch, ich will einstweilen für Sie eine Belohnung an die braven Leute übergeben.«

Er zog ein Bündel Banknoten aus dem Futter seiner Weste und gab es dem Lokomotivführer und den Kondukteuren, die sich herzlich dafür bedankten.

»Schnell wieder auf eure Posten!«, rief der Zugführer, »denn der Zug hat schon eine Verspätung von fünf Minuten.«

»Möchten Sie einsteigen, Sir?«, fragte er dann Sherlock Holmes, »Sie kommen auf diese Weise am besten aus dem Tunnel heraus.«

»Ein vorzüglicher Gedanke«, entgegnete Sherlock Holmes. »Dürfen wir auf der Lokomotive Platz nehmen?«

»Nur schnell, schnell«, drängte der Lokomotivführer und sprang selbst auf die Maschine.

Sherlock Holmes, der Lord und Harry, der indessen seinem Körper durch allerlei turnerische Übungen die alte Geschmeidigkeit verschafft hatte, bestiegen ebenfalls die Lokomotive. Sogleich setzte sich der Zug in Bewegung und dampfte langsam aus dem Tunnel hinaus.

Sherlock Holmes ergriff Harrys Arm, zog seinen Gehilfen dicht an sich heran und sagte: »Schnell, schildere mir mit kurzen Worten, wie alles gekommen ist.«

»Ganz kurz«, gab Harry zur Antwort. »Ich konnte nicht verhindern, dass Lord Canbury sich von dem Jäger in den Tunnel hineinlocken ließ.«

»Von einem Jäger?«

»Ja, von einem jungen Mann, der wie ein Jäger gekleidet war.«

»Schwarze Haare, ein wenig jüdisch aussehend?«, fragte Sherlock Holmes hastig.

»Ganz recht. Kennen Sie ihn, Mr. Sherlock Holmes?«

»Ich kenne diesen Burschen, seit er in Kniehosen herumgesprungen ist und den Grundstein für seinen späteren Lebensweg legte, indem er den Obstfrauen heimlich Birnen und Pflaumen aus dem Korb stahl. Es ist Nat Bunker gewesen.«

Mit diesem schritten wir also in den Tunnel hinein. Ich ging hinter dem Fremden, und zwar mit einer Büchse bewaffnet, die mir der Jäger anvertraut hatte – das heißt, ich verstellte den Schneemann.«

»Ich verstehe«, sagte der Detektiv. »Mir scheint, bis dahin hast du deine Sache gut gemacht.«

»Ich hätte sie auch weiter gut gemacht, wenn ich mich nicht durch die Büchse hätte überlisten lassen. Mir scheint nämlich, der Jäger hatte wirklich die Absicht, mich mit dem Lord in den Tunnel hinein zu locken.«

»Woraus schließt du das, Harry?«

»Aus einem Umstand, den ich euch sogleich berichten will, Mr. Sherlock Holmes.

Als wir etwa bis zur Mitte des Tunnels gekommen waren – ich war ungefähr 30 Schritte hinter dem Lord und dem Fremden – packte plötzlich der Jäger den Lord an der Kehle. Sie rangen miteinander und fielen nieder, sodass der Jäger auf dem Lord zu liegen kam. Da riss ich die Büchse an die Wange – ich hatte mich vorher überzeugt, dass sie geladen war – und gab einen Schuss ab. Da ich aus einer Entfernung von ungefähr zehn Schritten losdrückte, rechnete ich damit, dass meine Kugel den Kopf des Jägers zerschmettern würde.«

»Diesen Schuss habe ich gehört«, bestätigte Sherlock Holmes.

»Ja, wenn es nur ein wirklicher Schuss gewesen wäre«, klagte Harry, »aber darin hatte ja die List der Schurken bestanden – es war ein blinder Schuss.

Kaum hatte ich geschossen, sprangen zwei Männer aus dem Hinterhalt auf mich zu. Einer packte mich von hinten und hielt mir die Arme so fest am Körper, dass ich sie nicht bewegen konnte.

Inzwischen band mir ein anderer die Füße, ich wurde niedergeworfen und sie verfuhren mit mir genauso wie mit dem Lord. Wir wurden geknebelt und gefesselt auf die Schienen gelegt.«

»Und Sie, Mylord«, wandte sich Sherlock Holmes an Canbury, »haben Sie die Burschen ausgeplündert?«

»Ganz und gar«, versetzte der Lord.

»Haben Sie keinen von den Räubern erkannt, Mylord? Waren Ihnen alle fremd? Erinnern Sie sich nicht, einen oder den anderen vorher gesehen zu haben?«

»Der Jäger war mir fremd«, gab der Lord zur Antwort, »die anderen hatten geschwärzte Gesichter. Aber soweit ich unterscheiden konnte, musste einer der Banditen ein noch sehr junger Mann gewesen sein.«

»Harry, was hast du getan, als du auf den Schienen lagst? Ich gebe zu, du konntest dich nicht rühren und keinen Laut von dir geben, denn du trugst einen Knebel im Mund. Aber hoffentlich hast du nicht vergessen, dass du Augen hast. Die hat man dir doch nicht verbunden?«

»Ganz recht, Mr. Sherlock Holmes, und ich machte von meinen Augen Gebrauch, so gut ich es vermochte. Einer der Schurken trug eine Laterne, berichtete Harry Taxon. Diese wurde aber immer so gehalten, dass ihr Schein nicht zur Finchley Road hinüberfallen konnte, sondern auf die andere Seite fiel.«

»Ah, ganz recht, weil der Lord und du von der Finchley Road gekommen seid und die Banditen nur von dieser Seite eine Unterstützung für den Lord zu fürchten hatten.«

»Was sahst du denn nun bei dem Schein dieser Laterne? Es kommt mir nämlich darauf an, festzustellen, was die Banditen taten, nachdem sie mit euch fertig geworden waren. Flohen sie durch den Tunnel, um auf der anderen Seite desselben wieder hinauszugelangen?«

»Das erwartete ich«, antwortete Harry, »aber es geschah nicht. Ich habe ganz deutlich gesehen, dass der Jäger und seine beiden Begleiter etwa hundert Schritte von der Stelle entfernt stehen blieben, an der sie uns niedergelegt hatten, und sich dann möglichst fest an die Tunnelwand drückten.«

»Das weißt du ganz bestimmt, Harry?«

»Ganz bestimmt. In dieser Beziehung kann ich mich nicht irren, denn ich lag so, dass ich in den Tunnel hinein in Richtung Haverstock Hill blicken konnte. Ich weiß ganz genau, dass die drei Teufel nicht aus dem Tunnel hinausgekommen sind.«

»Dachte es mir«, murmelte Sherlock Holmes vergnügt vor sich hin. Da er im Moment seine hageren Finger knacken ließ, schloss Harry Taxon daraus, dass er seinem Herrn und Gebieter eine gute und nützliche Angabe gemacht haben musste.

»Herr Lokomotivführer«, rief Sherlock Holmes dem Beamten zu, der soeben dem Heizer einige Befehle erteilt hatte, »Sie wissen, wer ich bin, und Sie können mir voll vertrauen.«

»Wer kennt in London den Namen Sherlock Holmes nicht?«, gab der Lokomotivführer zur Antwort.

»Sagen Sie mir also, Lokomotivführer, müssen Sie unbedingt in der Finchley Road Station halten?«

»Da halten wir nur, wenn Passagiere vorhanden sind«, versetzte der Lokomotivführer, »und das ist nachts gewöhnlich nicht der Fall. Bei diesem Hundewetter aber sicherlich nicht.«

»Und Ihre nächste Station ist?«

»Watford!«

»Watford. Wie lange fährt man denn von Finchley Road nach Watford?«

»Eine Viertelstunde ohne Unterbrechung.«

– »Gut, Herr Lokomotivführer, dann tun Sie mir den Gefallen und fahren Sie heute durch die Finchley Road Station hindurch, und zwar so schnell, dass es unmöglich ist, auf irgendeine Weise in den Zug zu gelangen.«

»Ich werde es tun, Mr. Sherlock Holmes.«

»Ferner habe ich noch eine andere Bitte. Könnten Sie es möglich machen, dass ich einen Pelz und die Mütze eines Kondukteurs bekomme?«

»Nichts leichter als das«, gab der Lokomotivführer zur Antwort, »der Heizer kann sogleich das Gewünschte herbeiholen. Edi, geben Sie Mr. Sherlock Holmes einen Kondukteurpelz und eine Mütze. Ich glaube wohl, dass Ihnen kalt ist in den Lumpen, die Sie da tragen.«

Während der Heizer die Lokomotive verließ, um über das Trittbrett bis zum Wagen der Kondukteure zu gelangen, antwortete Sherlock Holmes dem Lokomotivführer lachend: »Ich wünsche den Pelz nicht wegen der Kälte, denn mir ist warm genug. Aber ich hoffe, auf Ihrem Zug einen vorzüglichen Fang zu machen. Ich vermute nämlich stark, dass Sie blinde Passagiere haben. Halten Sie es nicht für möglich, dass Leute im Tunnel aufgesprungen sein können, ohne dass Sie es bemerkt haben?«

»Solche Lumpen«, gab der Lokomotivführer zur Antwort, »gibt es fast in jedem Tunnel. Dort fährt der Zug immer ein wenig langsamer, und da bietet es sich leicht an, ein Coupé zu öffnen und hineinzuspringen. Ich habe aber sogar im Tunnel gehalten, also wäre es umso sicherer möglich gewesen.«

»Umso sicherer«, flüsterte Sherlock Holmes lächelnd vor sich hin. »Je mehr ich darüber nachdenke, desto glaubhafter scheint es mir, dass das Verbrecher-Kleeblatt, mit dem ich es zu tun habe, auf diese Weise bequem aus London hinauskommen will. In Watford würden sie aussteigen und dort den Zug nehmen, der sie in den Norden Englands bringt.«

Der Heizer war indessen mit Pelz und Mütze zurückgekehrt.

Sherlock Holmes zog ein Tuch hervor, wischte sich die rote und graue Schminke aus dem Gesicht und nahm den falschen grauen Bart ab.

»Haben Sie doch nichts dagegen, Sir?«, fragte er lächelnd den Heizer, während er vom Rand des Kessels mit zwei Fingern Kohlenruß aufschmierte.

»Genug davon vorhanden«, witzelte der Heizer, »bitte, bedienen Sie sich nur.«

Sherlock Holmes rieb den Kohlenruß nun vorsichtig auf die untere Partie seines Gesichts, wodurch er das Aussehen eines Menschen erhielt, der sich ein paar Tage lang nicht rasiert hatte.

Dann schwärzte er seine Augenbrauen, indem er mit dem berußten Finger darüber fuhr.

Anschließend drückte er die Dienstmütze tief ins Gesicht, zog den Kondukteurpelz an und schlug den Kragen desselben hoch.

»Harry«, rief Sherlock Holmes seinem Gefährten zu, »sobald der Zug in Watford einfährt, achtest du auf mein Signal. Du stürmst sofort nach dem Coupé, aus dem du den Pfiff hörst. Sie, Lord Canbury, begleiten Harry mit dem geladenen Revolver. Auch der Lokomotivführer und der Heizer beteiligen sich vielleicht an der interessanten Jagd, denn ich verspreche Ihnen, meine Herren, es gibt ein seltenes Wild.«

»Um Gottes willen, fallen Sie nicht!«, rief der Lokomotivführer in diesem Moment, denn er sah, dass Sherlock Holmes von der Lokomotive auf das Laufbrett und dann von einem Coupé zum anderen balancierte.

In diesem Augenblick donnerte der Zug der Midland-Bahn durch die Finchley Road Station, ohne anzuhalten.

Seinem Versprechen gemäß vergrößerte der Lokomotivführer seine Geschwindigkeit beim Passieren der Station.

Sherlock Holmes blickte durch jedes Fenster in das Innere der Coupés. Plötzlich zuckte er leicht zusammen, denn er sah drei Männer in einem der letzten drei Waggons des Zuges sitzen. Einer von ihnen trug Jägerkleidung.

Das aber wäre noch nicht alles gewesen. Sherlock Holmes erkannte in dem zweiten dieser Männer jedoch Fred Archer, den Fechtmeister, und in dem dritten eine verkleidete Frau.

»Da haben wir ja alle beieinander«, sagte sich der Detektiv leise. »Fred Archer, Nat Bunker und die Tänzerin Lydie Forster. Jetzt können Sie mir nicht mehr entgehen.«

Im nächsten Moment öffnete er die Coupétür, trat ein und schloss die Tür hinter sich. »Die Fahrkarten, wenn ich bitten darf, meine Herren. Verdammt kalt heute, Gentlemen, und ein miserabler Dienst, bei dem man immer sein Leben riskiert, wenn man über das vereiste Trittbrett balancieren muss.«

»Das will ich glauben, dass das ein miserabler Dienst ist«, erwiderte Fred Archer. »Na, da darf man es nicht darauf ankommen lassen, da muss man einen braven Mann unterstützen. Nehmen Sie hier diese fünf Schilling, die gehören Ihnen.«

»Danke, danke«, antwortete Sherlock Holmes und schob das Silbergeld, das ihm Archer gegeben hatte, in dieselbe Manteltasche, in der er seinen Revolver trug.

»Aber nun möchte ich nochmals um die Karten bitten, denn wir werden bald in Watford eintreffen und vor Watford muss die gesamte Kontrolle durchgeführt sein.«

Fred Archer hatte darauf gerechnet, dass das Geschenk von fünf Schilling den Kondukteur gefügig machen würde und dieser nicht mehr auf das Vorzeigen der Fahrkarten bestehen würde.

Denn über Fahrkarten verfügten sie dummerweise nicht. Das war das Loch in ihrem Register: Sie hatten vergessen, in Haverstock Hill Fahrkarten zu lösen.

Vielleicht war auch ihr Entschluss, mit dem Zug der Midland-Bahn aus London zu entkommen, erst plötzlich in ihnen entstanden. Jedenfalls befanden sie sich nun dem Kondukteur gegenüber in Verlegenheit, denn sie konnten ihre Fahrkarten nicht vorzeigen.

»Sie haben also keine Fahrkarten?«, rief Sherlock Holmes. »Ja, das ist fatal, davon muss ich Anzeige machen.«

»Mensch, es kommt uns nicht auf die paar Pence an, welche die Fahrkarten kosten«, rief Lydie Förster, »aber der Zug wäre uns in Haverstock Hill vor der Nase weggefahren, wenn wir uns mit dem Lösen der Fahrkarten versäumt hätten. Hier, nehmen Sie die fünf Schilling und holen Sie uns die Karten.«

Wieder schob Sherlock Holmes das empfangene Geld ruhig in die Tasche, dann setzte er sich Fred Archer gegenüber und sagte: »Ja, wenn nur der Perronwächter in Watford nicht wäre. Der wird aber nochmals von den Herren die Karten fordern.«

»Lässt sich denn da nichts machen?«

»Nun, weil die Herren so freigebig waren, will ich auch etwas für Sie tun.

Ich werde mit Ihnen in Watford aussteigen und Sie an dem Perronwächter, der mein Freund ist, vorbeiführen.«

»Alles klar, mein Freund. Kommen Sie einfach mit, wenn wir in Watford aussteigen.«

»Nein, wenn Sie erlauben, bleibe ich gleich hier«, antwortete Sherlock Holmes. »Wir sind gleich in Watford, nur noch ein paar Minuten. Da lohnt es sich nicht, erst auszusteigen.«

»Nehmen Sie eine Zigarre, rauchen Sie?«, fragte Nat Bunker und reichte Sherlock Holmes eine Zigarre.

Auch dafür dankte Sherlock Holmes, steckte die Zigarre jedoch in seinen Pelz und sagte: »Die hebe ich mir für den nächsten Sonntag auf. Es ist gewiss ein sehr feines Kraut.«

Vielleicht hat er mich erkannt, dachte der Detektiv, und will mich durch diese Zigarre einschläfern.

Der Zug fuhr mit geminderter Geschwindigkeit. Nun hörte man das Zischen des Dampfes, der den Ventilen entströmte. Dann stand der Zug plötzlich und draußen ertönten mehrere Rufe: »Watford – Watford!«

Sherlock Holmes hatte mit einem schnellen Blick bemerkt, dass auf der rechten Seite die hohen Mauern der Bahnhofshalle emporstiegen und dass der Zug so nah an derselben stand, dass eine Flucht der Verbrecher unmöglich war.

Er öffnete die Tür und sagte: »So, meine Herren, da wären wir in Watford. Und jetzt will ich Ihnen eine neue Fahrkarte besorgen, mit der können Sie direkt nach Newgates Zuchthaus fahren!«

Während er diese letzten Worte sprach, schwang sich Sherlock Holmes aus dem Coupé. Dann blieb er dicht vor dem Eingang stehen und zog blitzschnell zwei Revolver aus den Taschen seines Pelzes, die er auf die Verbrecher richtete.

Zugleich ließ er drei gellende Pfiffe ertönen – das Signal.

»Zurück, oder ich schieße!«, donnerte er, als Fred Archer mit einem wilden Fluch ein Dolchmesser aus der Tasche riss und sich auf ihn stürzen wollte. »Schufte, ich bin Sherlock Holmes, und ihr befindet euch in meiner Gewalt!«

»Verloren – verspielt!«, rief Fred Archer.

Im selben Moment brach der Fechtmeister sterbend zusammen. Er hatte sich mit dem Dolchmesser bis zum Heft ins Herz gestoßen.

Nat Bunker und die Tänzerin Lydie Forster ließen sich ohne Widerstand fesseln, denn inzwischen waren auch Harry Taxon, der Lord und das Personal des Zuges herbeigeeilt. Die Verbrecher sahen ein, dass jeder Widerstand Wahnsinn gewesen wäre.

Sherlock Holmes durchsuchte sofort die Leiche Archers und fand nicht nur die 5000 Pfund Sterling, die dieser dem Lord geraubt hatte, sondern auch alle Kleinodien des Lords. Von größter Bedeutung war jedoch, dass Holmes den berühmten Kanarienbrillant fand.

Diesen hatte Archer in einem kleinen, ledernen Söckchen auf der Brust getragen.

»Das ist recht verdrießlich«, dachte Sherlock Holmes, als er den Brillant vor den Augen des Lords auf der Brust des toten Archers fand. »Denn Lord Canbury wird durch diesen Umstand wahrscheinlich in seinem Argwohn bestärkt, dass zwischen seiner jungen, schönen Frau und dem Schurken Beziehungen bestanden hätten. Da wäre es am besten, dem Lord reinen Wein einzuschenken.«

Während Sherlock Holmes in Begleitung des Lords und Harrys seine beiden Gefangenen in einem Wagen von Watford aus nach London transportierte, erzählte der Detektiv dem Lord mit rückhaltloser Offenheit, wie es zu dem Raub des Kanarienbrillanten gekommen war.

»Sie besitzen eine Frau, die Sie liebt und vergöttert, Lord Canbury«, schloss der Detektiv seine Darstellung, »denn ihre harmlose Mädchenschwärmerei werden Sie Lady Diana schwerlich als Verbrechen anrechnen wollen.«

»Ich glaube Ihnen, Mr. Sherlock Holmes«, sprach der Lord und drückte dem Detektiv herzlich die Hand, »ich glaube meiner teuren Frau, und ich schäme mich, dass ich jemals an Lady Diana zweifelte.«

»Jetzt bleibt nur noch ein Punkt aufzuklären«, sagte Sherlock Holmes. »Aber ich hoffe, Nat Bunker wird so vernünftig sein und mir alles sagen, was er weiß. Ich werde mich auch dann während des Prozesses dafür revanchieren.

He Nat, sagt einmal, auf welche Weise habt Ihr denn erfahren, dass der Kanarienbrillant sich in meiner Wohnung befände?«

Nat Bunker lächelte.

»Wir hatten keine Ahnung, dass der Brillant bei Ihnen sei, aber wir wussten, dass Sie mit Ihrem Gehilfen den Einbruch in der Wohnung Fred Archers unternommen hatten. Archer wollte nur den Brief zurückhaben, den Sie ihm geraubt hatten. Da ich das Geheimnis Ihres Schreibtisches kannte, vermutete ich sofort, dass Sie einen so wichtigen Brief nirgends anders aufbewahren würden als im rechten vorderen Schreibtischbein.

Ihr könnt euch unser Erstaunen vorstellen, als wir statt des Briefes den Kanarienbrillant im Geheimfach fanden.«

»Danke, Nat Bunker«, sprach Sherlock Holmes lachend. »Eure Aufrichtigkeit wird euch zwei Jahre Zuchthaus ersparen. Aber ich bin überzeugt, unsere Lebenswege werden sich später noch öfter kreuzen – hüte dich davor, Nat Bunker.«

Die Tänzerin Lydie Forster, eine schöne, junge Frau, die sich als Mann verkleidet hatte, weinte unaufhörlich und beteuerte beständig ihre Unschuld.

Aber das Gericht glaubte ihr nicht.

Als den Verbrechern drei Monate später der Prozess gemacht wurde, wanderte Nat Bunker für fünf Jahre ins Zuchthaus und die schöne Lydie erhielt ein zweijähriges Engagement in Newgate.

Lord Percy Canbury und seine holde Diana lebten fortan in glücklichster Ehe. Der beste Freund ihres Hauses, dessen Besuch in ihrem Palais jedes Mal einen Freudentag bedeutete, war Sherlock Holmes.

Der Kanarienbrillant glänzte später noch oft an dem Busen der schönen Lady Diana in seinem unvergleichlichen zitronengelben Schimmer.

Die seltsame Geschichte dieses berühmten Steins hatte Diana in der vornehmen Welt Londons den Namen eingetragen: Die Lady mit dem Kanarienbrillant.

Nächster Band 10 – Der Mann mit den sieben Frauen

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert