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Jackson – Teil 23

Den Tod im Nacken

»Komm!«, flüsterte Linda, griff nach meiner Hand und zog mich in das Zimmer.

Bis auf einen wackligen Stuhl, einem Tisch und einer Waschschüssel aus Blech samt einer dazugehörigen Kanne bestand der ganze Raum nur aus einem riesigen Bett mit schmiedeeisernem Rahmen und durchgelegenen Strohmatratzen.

Als ich hinter mir die Tür ins Schloss zog, ließ sich Linda mit einem erleichternden Seufzer rücklings auf das Bett fallen.

»Wir sollten von hier wieder verschwinden«, sagte ich.

Mit einem Ruck nahm Linda den Oberkörper wieder hoch und stützte sich mit den Händen auf der Decke ab.

»Warum das denn, ich denke, wir haben einen Deal mit dem Hotelbesitzer?«

Ich schüttelte energisch den Kopf. »Auf diese Vereinbarung gebe ich keinen Pfifferling. Ist dir das gierige Funkeln in seinen Augen nicht entgangen, als du ihm von deiner Karte die 2.000 Points überschrieben hast? Wer 2.000 nimmt, nimmt auch 3.000 oder 4.000. Nein Linda, ich traue dem Kerl nicht. Außerdem dürften die Schüsse nicht unbemerkt geblieben sein. Wenn es stimmt, was du mir über dieses Camp erzählt hast, werden hier bald einige zwielichtige Gestalten herumstreifen und dumme Fragen stellen.«

Wie zur Bekräftigung meiner Worte hörte ich unten plötzlich eine Tür schlagen. Instinktiv trat ich ans Fenster und blickte nach draußen. Nicht, dass ich von Natur aus besonders neugierig bin, es war nur so, dass ich es für besser hielt, wenn ich möglichst über alles informiert war, was in diesem lausigen Kaff vor sich ging. Es war besser für mich, besser für Linda und vor allem besser für unser Überleben.

Dass ich mit meinen dunklen Vorahnungen richtig lag, zeigte mir kurz darauf jene Gestalt, die mit seltsam eckigen Bewegungen über den Hinterhof eilte und Sekunden später in einem Haus verschwand, das noch heruntergekommener aussah als das Hotel.

Die Gestalt war niemand anderes als der rothaarige Besitzer jenes Etablissements, in dem wir untergekommen waren.

Ich erzählte Linda von meinen Beobachtungen und fand mich keine fünf Minuten später mit ihr wieder in der Hotellobby. Von den drei Männern, die ich erledigt hatte, war nichts mehr zu sehen, nur einige dunkle Punkte auf dem Holzfußboden und der beißende Gestank von Pulverdampf, der noch in der Luft hing, erinnerten an das, was hier vor kurzer Zeit geschehen war.

Wir gingen zum Eingang, ich öffnete die Tür und sah, wie der Hotelbesitzer die Straße heraufkam. In der gleichen Sekunde drückte ich die Tür wieder ins Schloss. Nicht aus Angst vor dem hinkenden Eigentümer, sondern wegen der Begleitung, in der er sich befand.

Ich kannte diese Männer nicht, ich hatte sie noch nie in meinem Leben gesehen, trotzdem wusste ich sofort, um was für Männer es sich handelte. Es waren rohe, grobschlächtig wirkende Kerle in zerschlissener, schmutziger Kleidung, unrasiert und mit brutalen Gesichtern. Ich war erfahren genug, um die Bedrohung, die von diesen Männern ausging, erfassen zu können. Jeder von ihnen hielt ein schussbereites Gewehr in den Händen und trug im Gürtel außer einem Revolver noch ein Messer. Einer von ihnen hatte in einer Schlaufe auf der linken Seite noch ein Beil stecken.

Ich packte Linda hart am Arm, zog sie herum und eilte mit ihr im Schlepptau auf den Hintereingang zu.

»Aua, du tust mir weh!«, sagte sie entrüstet und wollte sich losreißen.

»Die vier Kerle, die der Hotelbesitzer mitbringt, werden dir gleich noch mehr wehtun. Die Bande ist bis an die Zähne bewaffnet. Wir müssen schleunigst verschwinden.«

Linda nickte.

Ohne ein einziges Wort zu sagen, folgte sie mir zum Hintereingang. Rasch überquerten wir den dunklen Hinterhof.

Als wir hörten, wie sie hinter uns die Hotellobby betraten, liefen wir unmerklich schneller. Als wir ihr Fluchen vernahmen und das Poltern von umgefallenen Möbelstücken, rannten wir.

 

***

 

Linda fiel hin.

Ich drehte mich um und half ihr wieder auf die Beine. In der Ferne konnte man das Geschrei der Männer hören, die uns immer noch folgten.

Wir beide waren pausenlos gelaufen, seit wir das Hotel verlassen hatten, und hatten uns nie länger als fünf Minuten ausgeruht. Dennoch ließen sich unsere Verfolger nicht abschütteln.

Ich fluchte innerlich.

Hätte Linda nicht mit ihren 200.000 Points geprahlt, wäre uns wahrscheinlich so einiges erspart geblieben. Aber es war müßig, über hätte oder wäre zu lamentieren. Es war nun einmal so, dass sich fünf bewaffnete Männer auf unsere Spur gesetzt hatten. Diese Points waren, wie ich inzwischen von Linda erfahren hatte, so etwas wie die Währung in dieser verrückten Welt und ich kannte keinen Menschen, der bei dieser Summe nicht auf dumme Gedanken gekommen wäre, außer vielleicht Bill Gates oder den Sultan von Brunei.

Irgendwann blieb Linda stehen, beugte sich nach vorne und legte ihre Hände auf die Oberschenkel. Dabei schnaufte sie wie eine altersschwache Dampflokomotive. Ich konnte ihre Erschöpfung deutlich sehen, also gönnte ich ihr die kurze Pause.

Ich sah mich solange um.

Das steinige Wüstengelände um uns herum war voller Gräben, Schluchten und Felsspalten, die teilweise im Nichts zu enden schienen. Die Sonne stand hoch und brannte gnadenlos auf das Land hernieder. Es ging inzwischen auf Mittag zu und die Hitze staute sich bereits wie in einem Ofenrohr. Allmählich wurde das Atmen zur Qual, Schweiß brach uns aus allen Poren und die hohen Temperaturen raubten Linda die letzten Kraftreserven.

Aber auch mir machte die Hitze zu schaffen. Ich lief längst nicht mehr so sicher und kraftvoll wie am Anfang unserer Flucht.

»Wo sind wir hier?«, fragte ich.

Linda zuckte mit den Achseln und starrte hilflos in der Gegend umher.

»Ich bin mir nicht sicher. Als wir das Hotel verlassen haben, sind wir einfach Richtung Westen gerannt. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen befinden wir uns tatsächlich immer noch irgendwo westlich von Hells Place.«

In diesem Moment hörte ich leise Stimmen.

Ich sah nach hinten. Schweiß stand auf meiner Stirn. Ich wischte ihn ab und sagte: »Wir sollten besser weitergehen.«

Linda nickte, doch nach drei, vier Schritten taumelte sie erneut und ging in die Knie.

Ich fluchte, so hatten wir kaum noch eine Chance.

Plötzlich stutzte ich und sog prüfend die Luft ein.

»Riechst du das?«

»Dass wir nach Schweiß stinken?«

Ich schüttelte den Kopf und deutete mit dem Kinn nach links.

Linda zog sich an meinem Arm wieder auf die Füße und schnupperte jetzt ebenfalls.

»Rauch.«

»Genau, da hinten brennt irgendwo ein Feuer. Vielleicht bekommen wir dort Hilfe. Du weißt, dass wir in diesem Zustand nicht mehr viel weiter kommen. Wir müssen uns ausruhen und wieder Kraft sammeln, sonst wird das nichts mit dem Plan, durch die Zentrale dieses Land zu verlassen.«

Linda nickte schwach und ich stützte sie, so gut es ging, während wir uns zum Ursprung des Feuers aufmachten. Wir taumelten regelrecht durch die Gegend, derweil die Stimmen unserer Verfolger von Minute zu Minute lauter wurden. Das Gelände wurde immer unübersichtlicher und es wurde mit jedem Schritt schwieriger, einen Weg zu finden. Da öffnete sich vor uns eine Senke, an deren nördlichstem Rand die Ruinen mehrerer Hütten standen.

Dort brannte auch das Feuer, um das eine alte, krummbeinige Frau herumtanzte und dabei eine Art Sprechgesang herunterleierte.

Als sie uns bemerkte, schrie sie auf und flüchtete in eine der am Feuer stehenden Hütten. Dabei schrie sie unentwegt.

»Wenn sie nicht bald damit aufhört, lockt sie unsere Verfolger noch an.«

»Wir sollten besser abhauen.«

»Können wir nicht«, sagte ich. »Du kommst in deinem Zustand keine zehn Yards mehr weit und auch ich bin allmählich am Ende meiner Kraft.«

Linda nickte und so taumelten wir auf die Hausruine zu, in die sich die Frau geflüchtet hatte, bis wir schließlich vor einer fadenscheinigen Decke standen, die offensichtlich als Tür diente. Ich zog die Decke beiseite und im gleichen Augenblick verstummte das Geschrei.

Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück.

Diese Frau war der hässlichste Mensch, sofern es sich hier tatsächlich um einen Menschen handelte, der mir jemals begegnet war.

Dieses Etwas, das genauso gut ein Ork hätte sein können, der aus Tolkiens Fantasiewelt den Weg in die Realität gefunden hatte, war nicht einmal mittelgroß. Der Schädel war fast quadratisch und das Gesicht eine Ausgeburt an Hässlichkeit. Die Nase glich einer riesigen, verfaulten Kartoffel, die schweineähnlichen Augen tränten vereitert und auf den Wangen und dem Kinn thronten mindestens ein Dutzend Warzen, aus denen lange, drahtähnliche Haare wuchsen.

»Was wollt ihr hier?«

Als sie den Mund öffnete, schlug mir eine Atemwolke entgegen, die so faulig stank, als käme sie direkt aus einer Schweinehirtentoilette, die man seit einem halben Jahr nicht mehr gereinigt hatte, und nicht aus dem Mund von etwas Lebendigem.

Ihre Gesichtshaut sah aus wie eine verschimmelte Schüssel Spinat, und bei dem Gedanken daran, wie der Rest ihres Körpers wohl unter den schmierigen Lumpen ihrer Kleidung aussehen mochte, konnte ich ein Würgen fast nicht mehr unterdrücken. Ich war einiges gewohnt, aber jetzt fehlte nicht mehr viel und ich würde diesem Geschöpf vor die Füße kotzen. Dann lächelte sie auch noch, eine Geste, die ihr abstoßendes Aussehen noch um ein Vielfaches verstärkte.

»Ihr wollt doch der alten Hella nicht etwa einen Besuch abstatten? Das wäre natürlich …«

»Meine Freundin hier ist erschöpft, sie braucht Ruhe«, unterbrach ich ihre Vermutungen.

Plötzlich trug uns der Wind die Stimmen unserer Verfolger heran.

Im gleichen Moment veränderte sich das Verhalten der seltsamen Frau.

»Die Männer aus dem Camp sind hinter euch her, stimmt’s?«

Einen Moment lang dachte ich daran zu lügen, aber Linda antwortete: »Ja!«

Die Alte legte den Kopf schief und fragte mit einer Direktheit, die mich sprachlos machte:

»Warum verfolgen sie euch? Habt ihr ihnen eure Brieftaschen gezeigt oder warst du nicht damit einverstanden, dass diese notgeilen Kerle ihre Schwänze in deine Freundin stecken?«

»Beides«, antwortete ich.

»Sie haben sich nicht verändert, diese Dreckskerle!« Das letzte Wort spuckte sie förmlich aus. »Nun, dann ist es wohl besser, wenn ich euch hier verstecke.«

Sie machte uns ein Zeichen, dass wir in die Hütte eintreten sollten, an deren Eingang wir noch immer standen.

Ich blickte mich zweifelnd um.

Wo zum Teufel sollten wir uns verbergen?

Die Hütte, die einmal aus Holz, Stroh und Lehmziegeln bestanden hatte, war doch nur eine einzige, von Weitem einsehbare Ruine. Lediglich die Grundmauern standen noch und ein Teil vom Dach war auch noch erhalten.

Aber wir hatten keine andere Wahl. Eine weitere Flucht war so gut wie aussichtslos, denn das Geschrei unserer Verfolger war inzwischen direkt hinter uns.

Die Alte, die Frau, oder was immer dieses Geschöpf auch sonst darstellen sollte, schien die Skepsis in meinen Augen zu erkennen. Mit einem Brüllen packte sie Linda und mich an den Händen und zerrte uns in ihre Hütte.

Ich hielt den Atem an.

Nicht, weil der Gestank, der in der Hütte herrschte, mir die Luft nahm, sondern wegen des Brüllens. Das letzte Mal, als ich diese Laute hier in dieser Alptraumwelt vernommen hatte, waren sie nicht aus dem Mund einer alten, kleinwüchsigen Frau gekommen, sondern aus dem Rachen eines Tyrannosaurus Rex.

Fortsetzung folgt …

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