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Jackson – Teil 6

Das Volk aus den Bergen

Innerhalb von Sekunden herrschte bei der Felsengruppe ein absolutes Durcheinander.

Männer fluchten, Männer schrien und über allem lag das Brüllen der Bestie. Ein Brüllen voller Hass und Grausamkeit.

Einer unserer Verfolger wurde von den Hinterbeinen der Echse förmlich in den Boden gestampft, ein anderer landete zwischen den Kiefern. Das Brüllen des Mannes hallte meilenweit durch die Nacht, als sich die dichtstehenden Zahnreihen des Tyrannosaurus Rex in seinen Körper bohrten. Das Krachen und Brechen seiner Knochen war das widerlichste Geräusch, welches ich je vernommen hatte. Die Echse schüttelte den Kopf und das Brüllen des Mannes verstummte jäh. Ich hatte Mühe, einen Brechreiz zu unterdrücken, als ich mit ansah, wie der Oberkörper im Maul der Bestie verschwand, während die unteren Extremitäten – ein formloses Bündel aus zuckendem, pulsierendem Fleisch – einem nassen Putzlappen gleich auf den Boden klatschten.

Einen Moment lang starrte ich wie die anderen gebannt auf das Geschehen.

Aber dann reagierte ich.

Ich wollte überleben!

Ich packte Yalla und Skmil am Arm und stolperte mit ihnen vorwärts. Inmitten der Felsengruppe, zwischen zwei mächtigen mannshohen Steinen, hatte ich im silbernen Licht des Mondes einen schmalen Spalt entdeckt. Ich taumelte ihm mit den anderen im Schlepptau entgegen. Hinter mir spürte ich bereits den heißen Atem der Bestie im Nacken. Wir zwängten uns durch den Spalt, gerade als das Vieh nach uns schnappte. Seine geifernden Kiefer klackten in leerer Luft zusammen. Wir befanden uns in Sicherheit.

Die Frage war nur, wie lange.

Wir bekamen die Antwort im Morgengrauen.

Von der Echse war nichts mehr zu sehen, dafür tanzten ein halbes Dutzend Flötenvögel und ein Schwarzmilan zwischen den Felsen umher und feierten ein Festmahl.

Der Boden war von einem Teppich aus summenden blaugrünen Fliegen bedeckt, die allesamt dick und aufgedunsen waren. Der süßlich-faulige Gestank von verwesendem Menschenfleisch hing in der Luft und ließ mich würgen.

»Und jetzt?«

Yalla deutete nach Süden, auf eine Felsformation, die mindestens einen Tagesmarsch von uns entfernt war. »Dort leben die Nayanos, das Volk der Berge. Dort ist meine Heimat.«

 

***

Das Lager der Nayanos befand sich auf einer karg bewachsenen Hochebene inmitten bizarrer, steil aufragender Felskegel. Etwa einhundert Schritte unterhalb des Plateaus wurden wir von zwei bewaffneten Posten gestoppt, die Yalla etwas zuriefen, das ähnlich wie das Gestammel klang, mit dem sich Skmil mit ihr unterhalten hatte.

Yalla antwortete umgehend.

Ich verstand zwar wieder kein Wort, aber ihr Tonfall sagte mir, dass es alles andere als Komplimente waren. Die Wachen senkten ihre Speere und winkten uns weiter. Als wir die Posten passierten, stand der Mond direkt über ihnen. In dem fahlen Licht waren sie kaum mehr als verschwommene Schatten. Aber ich hatte schon immer Augen wie ein Luchs und deshalb erkannte ich deutlich, dass es unmöglich Menschen sein konnten, die ich da betrachtete. Eine Sekunde lang blieb ich stehen, kniff die Augen zusammen und schüttelte ungläubig den Kopf.

Aber auch nach einem zweiten Blick blieb das Bild dasselbe.

Einer der Posten hatte einen Buckel und riesige, spitz zulaufende Ohren, der andere wirkte wie eine Miniaturausgabe von Skmil.

Soweit ich mich erinnern konnte, hatte ich solche Gestalten das letzte Mal an Halloween gesehen.

Mein Gott, in was für einem Irrenhaus war ich hier eigentlich gelandet?

Langsam begann ich ernsthaft an meinem Verstand zu zweifeln. Bevor ich mich aber zu einer Äußerung hinreißen konnte, trat Yalla an meine Seite und legte mir eine Hand auf die Schulter. Mit der anderen deutete sie nach links, und als ich ihrer Geste folgte, erkannte ich ein halbes Dutzend Lagerfeuer und dahinter die Umrisse mehrerer Hütten.

»Lager«, grunzte Skmil überflüssigerweise.

Ich nickte und folgte den beiden auf dem Weg ins Camp.

Bei unserer Ankunft sprang ein fellbesetztes Etwas von unbestimmbarer Abstammung hinter einer der Zweighütten hervor und begleitete unser Kommen mit einem lauten Fauchen. Ein weiteres Fellbündel kam hinzu und kurz darauf waren wir von einem ganzen Rudel dieser Kreaturen umzingelt, die inzwischen genug Lärm veranstalteten, um das gesamte Lager mitten in der Nacht auf die Beine zu bringen.

Dingos, war mein erster Gedanke, den ich einen Wimpernschlag später sofort wieder revidierte. Für australische Wildhunde waren diese Biester definitiv zu klein, sie wirkten eher wie größere Katzen. Nichtsdestotrotz besaßen sie den gleichen breiten Kopf und die Stehohren der Wildhunde, genauso wie deren spitz zulaufende Schnauze. Hinzu kam die lästige Angewohnheit, ständig nach uns zu schnappen.

Während ich noch überlegte, ob ich es riskieren konnte, diesen lästigen Viechern einen Tritt in den Hintern zu verpassen, beobachtete ich aus den Augenwinkeln, wie Yalla einem von ihnen mit voller Wucht in die Seite trat.

Ich folgte ihrem Beispiel auf der Stelle und das Mistvieh, das gerade versuchte, seine Zähne in meine Wade zu graben, gab einen schrillen Laut von sich und flog fast anderthalb Yard weit durch die Luft.

Das Biest kam sofort wieder auf die Beine. Es machte zwar einen Buckel, zog den Kopf ein und bleckte fauchend die gelben Fänge, doch es wich zurück.

Neben mir grunzte Skmil. Es klang irgendwie anerkennend, aber vielleicht bildete ich mir das ja auch nur ein.

Mir blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn inzwischen hatten wir eine Hütte erreicht, die sich deutlich von den anderen Behausungen abhob. Soweit ich im matten Schein der Lagerfeuer erkennen konnte, war es nicht nur die größte Unterkunft in der ganzen Runde, sondern auch die einzige, vor deren Eingang ein Wachposten stand.

Das Quartier, ein Rechteck aus schenkelstarken Holzpfosten, um die herum unzählige Tierfelle gespannt waren, wirkte trotz der primitiven Bauweise ziemlich solide.

Yalla wechselte ein paar Worte mit dem Posten, der am Eingang Wache hielt.

Der Mann zog den Stofffetzen am Hüttenzugang zur Seite, schob den Kopf hinein und bellte irgendetwas Unverständliches. Eine Sekunde später wurde sein Bellen erwidert, der Posten wandte sich wieder um und nickte Yalla zu.

Mit einer knappen Geste gab sie mir und Skmil zu verstehen, dass wir hier warten sollten. Kurz darauf war sie im Innern der Hütte verschwunden.

Inzwischen hatte sich unsere Anwesenheit herumgesprochen.

Überall im Lager loderten weitere Feuer auf, und wohin ich auch blickte, sah ich die Umrisse von Menschen.

Trotz der lauen Wüstennacht begann ich zu frösteln. Denn die Gestalten, die da auf mich zukamen, waren alles andere als Menschen. Diese Kreaturen konnten nur dem Gehirn eines vom Wahnsinn befallenen Bildhauers entsprungen sein. Mutanten, Monster, irgendwelche groteske Wesen mit körperlichen Abnormitäten, die aus einem Gruselkabinett entsprungen schienen, begannen uns zu umzingeln.

Bucklige Geschöpfe mit riesigen Ohren, verformten Gliedmaßen und abstoßenden, von Geschwüren und Pusteln überzogenen Fratzen.

Der Gestank von verfaultem Fleisch raubte mir schier den Atem.

Viele von ihnen waren nackt, andere in irgendwelche Tierfelle und Lumpen gehüllt.

Krallenhände wurden nach mir ausgestreckt und die geifernde Menge kam immer näher.

Das Gefühl, wie mich diese Wesen mit ihren Klauen zerfetzen würden, nahm mit jeder Sekunde zu.

Als selbst Skmil nervös schnaubte, bekam ich Schweißausbrüche.

Mein Herz machte deshalb förmlich einen Satz, als Yalla wieder im Hütteneingang erschien und mir aufmunternd zunickte.

Ich bückte mich und betrat das Innere. Instinktiv begann ich zu blinzeln. Nach der draußen herrschenden Dunkelheit benötigte ich geraume Zeit, bis ich etwas in der Hütte erkennen konnte, da ihr Inneres von einem großen Feuer und mehreren Fackeln in gleißendes Licht getaucht wurde. Es dauerte mindestens zwei oder drei Sekunden, bis sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten und ich Einzelheiten in der grell erleuchteten Hütte erkennen konnte.

Währenddessen hörte ich der Stimme, die mich sofort nach dem Eintreten angesprochen hatte, weiterhin aufmerksam zu.

»Woher kommst du?«, sagte sie. »Wie ist dein Name? Du bist weder einer von uns, noch gehörst du zum weißen Volk.«

Die Stimme erinnerte mich an Joe Cocker. Rau und kratzig, als würde der Sprecher jeden Morgen mit Whisky gurgeln und Kette rauchen. Er saß auf der anderen Seite des Feuers und lehnte mit dem Rücken an einem der dicken Holzpfosten.

»Ich komme aus dem Süden«, antwortete ich beiläufig und ließ meine Blicke über die Gestalten schweifen, die um das Feuer herum standen oder saßen. »Aber das ist unbedeutend. Wichtig ist, dass ich jetzt endlich erfahre, was hier …«

Mein Gegenüber ließ mich nicht ausreden. Stattdessen bellte er etwas und einen Herzschlag später zielte jeder in der Hütte mit irgendeiner Waffe auf mich.

Nun ja, fast jeder.

Die Ausnahmen waren Yalla und der Mann, mit dem ich mich bisher unterhalten hatte.

Aber ihr Eingreifen wäre auch gar nicht nötig gewesen. Mehrere Speere, ein Steinbeil und Skmils Messer, mit dem ich ja vor geraumer Zeit bereits Bekanntschaft geschlossen hatte, genügten vollauf, um mir das Lebenslicht auszublasen.

Instinktiv streckte ich meine Arme nach vorne und zeigte zum Zeichen des Friedens die Innenflächen meiner Hände. Keiner der Gestalten in der Hütte bewegte sich, sekundenlang glichen wir alle steinernen Skulpturen. Dann gab der Sprecher am Feuer ein Zeichen und die anderen ließen ihre Waffen sinken.

Der Lärm, den der Stein verursachte, der mir in diesem Augenblick vom Herzen rutschte, musste mit Sicherheit meilenweit zu hören gewesen sein.

Der Mann am Feuer hob den Kopf und musterte mich mit einem abschätzenden Blick.

»Was wichtig ist, musst du schon mir überlassen. Ich habe schließlich die Verantwortung für ein ganzes Volk, das Anliegen eines Einzelnen und noch dazu eines Fremden ist für mich deshalb belanglos.«

Ein Harzknoten zersprang knackend im Feuer, Funken sprühten auf und erhellten sein Gesicht für einige Sekunden taghell.

Zum ersten Mal seit meinem Eintreffen in der Hütte betrachtete ich den Sprecher genauer.

Tano – ich glaube, es war Yalla, die ihn zuerst so genannt hatte – war untersetzt und stand ziemlich gut im Futter. Trotzdem erweckte er den Eindruck, dass er durchaus in der Lage war, sich seiner Haut zu wehren.

Er trug eine zerschlissene Baseballkappe, auf deren Schild das aufgenähte Symbol der New York Yankees prangte. Alles andere blieb im Moment noch unter der Decke verborgen, die er sich bis unter das Kinn gezogen hatte.

Unter der Kappe quoll dichtes Haar hervor, das die Farbe von mattem Silber hatte. Von silbernen Fäden war auch sein Schnurrbart durchzogen, der seine Oberlippe und die Mundwinkel bedeckte. Sein ovales Gesicht wurde von hervorstehenden Wangenknochen und einem breiten, festen Mund beherrscht.

Irgendwie wirkte er gelangweilt, wie er sich so vor mir neben dem Feuer räkelte. Aber seine blitzenden Augen und der Schädelbrecher, der griffbereit zu seiner Rechten am Boden lag, erzählten eine andere Geschichte.

 

Fortsetzung folgt …