Unser Lese-Tipp

Des Teufels Depressionen

Download-Tipps

Casparino

Archive
Folgt uns auch auf

Jimmy Spider – Folge 18

Jimmy Spider und die gnadenlosen Sieben – Teil 2 einer Doppelfolge

Ein Mann stand hinter der Bar und putzte Gläser, zwei weitere schnitzten nervös an einem Holzstück herum. Eine vierköpfige Familie drängte sich Hilfe suchend an ihren Vater und Ehemann. Fünf Cowboys spielten im Hintergrund an einem Tisch Karten und taten so, als ginge sie das alles nichts an. Und drei Frauen tuschelten aufgeregt in der hintersten Ecke der Bar, eng aneinander gedrängt.

»Die besten Männer sind schon lange weg.« Das hatte Jeffrey Tambol gesagt, der sich neben mir auf einen Hocker gesetzt hatte. »Wenigstens haben sie uns ein paar Gewehre hinterlassen.«

Wie um diese Aussage zu untermauern, hob der Wirt eine der angesprochenen Waffen hinter dem Tresen hervor. Auch der Familienvater hob demonstrativ sein Gewehr. An dem Pokertisch sah ich ebenfalls einige Waffen lehnen.

Ich hatte den Männern und Frauen erklärt, wer ich war und dass ich ihnen helfen wollte. Einige hatten gelacht, andere abgewunken. Lediglich Jeffrey Tambol, der Hilfssheriff sowie der Wirt, ein ziemlich übergewichtiger Typ namens Earl Gray (wer’s glaubt, wird selig), hatte ich überzeugen können.

Ich überprüfte meine Waffen. Meine Desert Eagle steckte entsichert in meinem Hosenbund. Dazu befanden sich noch drei Ersatzmagazine in meinem Jackett. Außerdem steckte in einem Schaft an meiner rechten Wade ein Dolch. Ihn hatte ich schon seit Jahren nicht mehr benutzt, aber für Notfälle immer dabei.

Wie sehr hätte ich mir in dieser Situation meinen Einsatzkoffer herbeigewünscht. Die TCA hatte mir gerade erst ein neues Exemplar zur Verfügung gestellt, aber ich hatte nicht gedacht, ihn bei diesem Fall zu benötigen. Ein fataler Irrtum. Wenn ich nur an all die schönen Handgranaten dachte. Und die Flasche Wodka …

Ich riss mich selbst aus meinen abschweifenden Gedanken und wandte mich an Tambol. »Sagen Sie, was ist eigentlich mit den restlichen vier Einwohnern?«

Jeffrey Tambol seufzte. »Da wäre einmal mein Vater, John Tambol. Er ist über 90, bettlägerig und kann deshalb nicht hierher kommen. Außerdem fehlen Adam Sexton, sein Bruder Bill und dessen Frau Kathleen. Ihnen gehört die örtliche Bank. Sie wurden schon drei Mal von der Bande ausgeraubt und sie haben sich jetzt in ihrem Geschäft verschanzt, sollten die Gangster wieder auftauchen.«

Ich nickte. »Aber wenigstens kann man davon ausgehen, dass die Sieben nicht ohne Weiteres in den Saloon eindringen können, oder?«

Diesmal antwortete mir der Wirt. »Wenn die hier rein wollen, werden wir sie mit Schrot eindecken.«

»Das ist gut. Dann werde ich versuchen, die Sextons zu erreichen. Es würde mich sehr überraschen, wenn die Bande nicht zuerst die Bank überfallen würde. Kommt jemand mit?«

Die Frage hatte ich eher spontan gestellt. Eigentlich erwartete ich nicht, dass sich wirklich jemand bereit erklärte. Doch ich irrte mich.

Jeffrey Tambol stand auf und zog seinen bisher von mir unbemerkt gebliebenen Revolver aus dem Holster an seiner Hüfte. »Ich komme mit. Allein werden Sie das nie schaffen.«

»Okay, dann lassen Sie uns gehen.«

Gemeinsam traten wir aus dem Saloon ins Freie.

Mein erster Blick galt dem Himmel. Der Falke war verschwunden.

»Sagen Sie, Mr. Tambol, wo liegt eigentlich die Bank?«

Er wies von uns aus nach rechts. »Fast am anderen Ende des Ortes. Aber nicht auf der Hauptstraße.«

Wir schritten eine staubige und sandumwehte Straße entlang. Ich zog meine Desert Eagle, hielt sie aber zunächst noch gesenkt.

Als wir in einen Seitenweg traten, warf ich zuerst einen vorsichtigen Blick um die Ecke. Nichts zu sehen.

»Am anderen Ende der Straße, das vorletzte Haus. Das ist die Bank.«

Ich sagte nichts und betrat wortlos und vorsichtig den Weg. Eine unnatürliche Ruhe hatte sich über Lightning Bay gelegt. Wenn die Bande tatsächlich schon im Ort war, hätte man doch zumindest schon das Traben der Pferde hören müssen.

Langsam gingen wir auf die Bank zu. Die Sonne strahlte unerbittlich auf uns herab. Ich überlegte mir, ob ich mir nicht auch einen Cowboyhut zulegen sollte. Wenn mich mein nächster Fall allerdings nach Alaska oder in den Himalaja führen sollte, wäre die Investition allerdings eine unnötige Belastung der TCA-Spesen. Obwohl es da schon viel unnötigere Sachen gegeben hatte. Ich musste nur an meinen jungen Kollegen Steven McLaughington denken, der es einmal geschafft hatte, zwei Dollar für ein Kondom auf sein Spesenkonto zu setzen. Dagegen war …

Ein Schuss – ein Schrei!

Ich war während des Gehens komplett in Gedanken versunken und hatte meine Umgebung außer Acht gelassen.

Sofort warf ich mich auf den Boden und suchte nach dem Schützen.

Nur Zentimeter neben mir explodierte ein Pfosten zu einer Wolke von Splittern. Weitere Schüsse krachten. Kugeln schlugen neben mir auf der Straße ein.

Ich hetzte auf ein Haus zu und hörte ein Lachen.

Als ich mich im Lauf umdrehte, entdeckte ich eine Silhouette auf dem gegenüberliegenden Hausdach. Ohne Vorwarnung drückte ich ab.

Ein Treffer ließ den Angreifer zurückschleudern. Er verschwand aus meinem Blickfeld. Ob er tot war oder nur verletzt, konnte ich nur raten.

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich die ganze Zeit über nichts von Jeffrey Tambol gehört hatte.

Dann entdeckte ich ihn. Er lag mit dem Gesicht auf der Straße. Sein Hinterkopf war nichts weiter als eine blutige Wunde. Ich musste schlucken.

Vorsichtig drehte ich meinen Begleiter auf den Rücken. Sein Blick zeigte noch all den Schrecken, den er in der letzten Sekunde seines Lebens erlitten hatte. Ich schloss ihm die Augen, während eine Gänsehaut über meinen Körper lief. Sein Tod war so sinnlos gewesen.

Über mir erklang ein Schrei. Im nächsten Moment schienen mehrere Tonnen Gewicht auf meinen Rücken zu fallen.

Der Angreifer! Ich hatte ihn völlig vergessen.

Der Schlag, der mich am Rücken traf, trieb mir alle Luft aus der Lunge. Ich brach zusammen, hielt aber meine Waffe eisern fest.

Keuchend wand ich mich über den Boden und versuchte verzweifelt, mich umzudrehen.

»Hast du gedacht, ich wäre erledigt? Falsch gedacht. Jetzt bekommst du die Quittung.«

»Neeein!« Mit aller Kraft warf ich mich herum. Tränen hatten sich in meinen Augen gesammelt und verschleierten mir die Sicht. Aus Verzweiflung schoss ich einfach drauflos. Wieder und wieder drückte ich ab, in der Hoffnung, den Mörder von Jeffrey Tambol zu treffen.

Klick, Klick, Klick. Das Magazin war leer.

Ich drehte mich auf die Seite, ohne meine Umgebung wirklich wahrzunehmen. Zumindest lebte ich noch, und von dem Revolverheld war nichts zu hören.

Mit zittriger Hand griff ich in meine Jacke und zog ein schmales Etui hervor. Darin befand sich etwas, das jedes im Außeneinsatz befindliche TCA-Mitglied besaß, es aber nur im äußersten Notfall einsetzen durfte.

Ich öffnete das Etui. Etwas, das aussah wie eine gegrillte Erbse, kam zum Vorschein. Ich steckte sie mir in den Mund, biss zu und schluckte die Reste herunter.

Etwa eine halbe Minute lag ich in dieser Position, beinahe ohne Bewusstsein. Dann setzte die Wirkung ein.

Die Luft kehrte in meine Lungen zurück, meine Schmerzen verschwanden. Ich fühlte mich plötzlich, als schwebte ich auf Wolke sieben, vielleicht auch auf der achten oder neunten.

Ohne Probleme erhob ich mich.

Mein Chef hatte mir einmal erklärt, dass diese Bällchen die Früchte einer offiziell ausgestorbenen Pflanze seien, die die Azteken einst benutzten, um ihre schwer verletzten Krieger zu neuen Kämpfen aufzuputschen. Dies wirkte ungefähr eine halbe Stunde, dann kehrten sie wieder in ihren vorherigen Zustand zurück.

Wenn ein Krieger diese Frucht allerdings zu oft benutzte, hatte das fatale beziehungsweise tödliche Folgen. Seine inneren Organe wurden durch den Fruchtsaft förmlich zersetzt, die Krieger starben unter größten Qualen.

Irgendwie mussten einige wenige Pflanzen in den Besitz der TCA gelangt sein, um die Früchte an die Mitarbeiter weiterzugeben. Aber benutzen durfte man sie eben nur im äußersten Notfall aufgrund ihrer Gefährlichkeit.

Nachdem sich mein Blick geklärt hatte, sah ich den Angreifer vor mir liegen. Seine Brust war mit blutigen Wunden übersät. Trotzdem zuckte er noch.

Ich beugte mich zu ihm hinab. Der Mann – es war ein relativ dünner Mann mit roten Haaren und einem Ziegenbart – flüsterte etwas vor sich hin.

Ich hielt mein Ohr fast direkt an seinen Mund, dann erst hörte ich ihn sprechen. »Joseph wird dich kriegen, Joseph wird dich kriegen, Joseph wird dich …«

Stille. Der Mann war tot.

Zumindest hatte ich jetzt die Bestätigung, dass der Anführer der Bande Joseph hieß. Viel weiter brachte mich das allerdings auch nicht.

Ich senkte noch einmal den Blick zu meinem toten Begleiter. Dabei kam mir eine Idee. Für einen Moment schaltete ich meine Gewissensbisse aus und nahm ihm seinen Revolver ab.

Zwei Waffen waren schließlich besser als eine. Und bei meinem Verschleiß an Kugeln (wenn ich für jeden Gegner ein Magazin bräuchte, sähe es düster für mich aus) waren ein paar zusätzliche Patronen Gold wert.

Nachdem ich auch meine Desert Eagle nachgeladen hatte, setzte ich meinen Weg zu der Bank der Sextons fort, diesmal zwar allein, dafür mit einer Waffe in jeder Hand.

***

Der Mann ärgerte sich.

Alles hatte danach ausgesehen, als wäre Spider erledigt gewesen, aber dann war er wie ein Springteufel wieder emporgeschossen.

Wie war das möglich? Unwichtig.

Er vertraute weiter darauf, dass die plötzlich aufgetauchte Gangster-Bande seine Arbeit übernehmen würde. Und wenn nicht … würde er es eben sein, der Jimmy Spider mit Kugeln spickt.

***

Eine kleine Windhose wehte über die schmale Straße. Außer dem Rascheln, das sie abgab, war nichts zu hören. Aber ich verließ mich nicht darauf. Meine Gegner waren sicher Meister darin, sich lautlos und unsichtbar anzuschleichen.

Die Bank war im Prinzip nicht zu übersehen – spätestens die vier Lettern, die am Vordach des Gebäudes angebracht waren, machte jedem Fremdling unmissverständlich klar, dass dies hier sicher keine Sauna war.

Als ich meinen linken Fuß auf die Diele der zur Eingangstür führenden Holztreppe setzte, knarzte es unter mir, als läge eine Eselsdame in den Wehen.

Nur einen Moment später flogen mir schon die ersten Schüsse um die Ohren. Ich warf mich nach rechts und versteckte mich neben der Tür.

Aus der Bank schrie man mir etwas entgegen. »Verschwindet, ihr verdammtes Räuberpack. Noch mal lassen wir uns nicht ausrauben.«

Das fing ja gut an. Ich versuchte zu schlichten. »Ich bin kein Räuber. Nur ein harmloser Kunde.« Die Tatsache, dass ich aus der Zukunft kam, wollte ich erst einmal wohlweislich verschweigen.

Ich hörte einige Stimmen innerhalb des Gebäudes miteinander tuscheln. Schließlich erbarmte sich jemand, mir zu antworten. »Also gut, kommen Sie rein. Aber stecken Sie Ihre Waffen weg – sonst gibt’s Blei zum Mittagessen.«

»Danke, ich habe keinen Hunger.«

Ich steckte meine Waffen in die Hose und schloss meine Jacke darüber, bevor ich in das Gebäude trat. Ich sah drei Schalter, zwei davon waren mit bewaffneten Männern, einer mit einer Frau besetzt.

Beide Männer hielten ihre Gewehre im Anschlag.

»Keine Sorge – ich bin wirklich kein Räuber. Im Gegenteil, ich bin hier, um Ihnen zu helfen.«

Die Frau fing an zu kichern. »In der Verkleidung?«

Bevor ich mich über diesen Kommentar brüskieren konnte, spürte ich plötzlich den kalten Lauf eines Revolvers in meinem Nacken. Ein Flüstern erklang an meinem linken Ohr. »Beweg dich nur einen Zentimeter und du bist tot.«

Rechts neben meinem Kopf erschien aus dem Nichts der Lauf eines Gewehres.

»Eine Falle!«, schrie einer der Sextons, bevor neben mir ein wahrer Donnerhall mein Trommelfell erzittern ließ.

Einer der Sextons fiel schreiend zu Boden, der andere drückte sofort ab.

Links neben mir schlug eine Bleiladung ins Holz.

Von meinem Nacken verschwand der Lauf. Ich nutzte sofort die Chance, warf mich zu Boden und zog meine beiden Waffen. Währenddessen gab der Gewehrträger seinen zweiten Schuss ab.

Zwei Männer in langen Ledermänteln – das war das Einzige, was ich in der Kürze der Zeit registrieren konnte. Mit beiden Pistolen schoss ich.

Einer der beiden wurde an der Schulter getroffen, der zweite am rechten Bein. Doch der Revolverträger schoss zurück.

Etwas glühend Heißes sengte an meinem rechten Ohr entlang, bevor ich wieder abdrückte.

Zwei Kugeln trafen ihn direkt in den Kopf.

Inzwischen hatte der zweite Cowboy ein drittes Mal geschossen, wieder auf die Sextons. Danach warf er sein Gewehr weg und zog einen Revolver. Bevor er jedoch schießen konnte, hechtete er aus der offenen Tür und versteckte sich an der Hauswand.

Stöhnend stand ich auf. Mein Ohr brannte höllisch, und von den Sextons war nichts mehr zu hören. Wenn ich nicht schnell genug reagierte, konnte ich den Schweigenden auch bald Gesellschaft leisten.

Jetzt musste ich gnadenlos sein. Ich zielte auf die Stelle der Wand, hinter der ich den zweiten Banditen vermutete, und drückte einfach ab.

Nichts passierte. Kein Schrei, kein dumpfer Knall.

Vorsichtig spähte ich nach draußen. Außer dem Typen, dem ich in den Kopf geschossen hatte, war niemand zu sehen.

Mit der Ruhe war es aber schnell vorbei.

Eine gewaltige Explosion (zumindest vermutete ich das zunächst) ließ hinter meinem Rücken das Holz des Bankgebäudes bersten. Die Druckwelle schleuderte mich wie ein Spielball auf die andere Straßenseite.

So ungefähr musste sich ein Fußball vorkommen, wenn er mit voller Wucht an den Pfosten geschossen wird. Aber glücklicherweise war ich kein Fußball, und auch der Pfosten blieb mir erspart, dafür landete ich aber mitten im gegenüberliegenden Wohnhaus.

Zum Glück war niemand zu Hause, so konnte sich nämlich auch niemand über die Zerstörungen beschweren, die ich in meiner Einflugschneise hinterlassen hatte.

Ich versuchte, mich hinzusetzen. Da die Wirkung der Erbse noch nicht nachgelassen hatte, spürte ich im Prinzip keine Schmerzen. Wie das in ein paar Stunden aussehen würde, wollte ich mir lieber gar nicht ausmalen.

Langsam richtete ich mich auf und drehte mich wieder der Bank zu. Oder besser gesagt dem Ort, an dem eben noch die Bank gestanden hatte. Denn außer ein paar geschwärzten Trümmern und vereinzelten kleinen Bränden war an dem Ort nichts mehr zu sehen.

Ich öffnete ein wenig mein Hemd, da mir jetzt doch etwas mulmig wurde.

Offensichtlich arbeiteten meine Gegner nicht nur zu siebt und schwer bewaffnet, sondern auch mit Sprengstoff. Und es waren immer noch fünf Gangster übrig.

Bevor ich aus dem Haus trat, sammelte ich noch meine Waffen ein.

Die Sonne stand noch immer wie ein riesiger Glutball über der Stadt, die mittlerweile noch ausgestorbener schien als zuvor. Nicht mal ein Tier ließ sich blicken. Auch kein Falke.

Ich entschied mich, ein wenig durch Lightning Bay zu schlendern. Da die Bank zerstört, die Sextons wohl tot und Jeffrey Tambol ebenfalls aus dem Leben geschieden war, hatte ich keinerlei Fixpunkte mehr, an die ich mich halten konnte.

Ich schlenderte an den Ruinen vorbei. Dort konnte wirklich keiner überlebt haben.

Mein Weg führte mich an einer Hufschmiede vorbei, nur von den tierischen Kunden war weit und breit nichts zu sehen.

Plötzlich ereilte mich ein allzu bekanntes Gefühl. Kalter Stahl am Nacken.

»Keine Bewegung, du verfluchter Bastard.«

Den Gefallen tat ich ihm nicht. Ich ließ mich einfach fallen und trat sofort nach hinten gegen seine Beine.

Mein Gegner schrie auf und fiel. Ich sprang ihn sofort an, um ihn zu entwaffnen.

Doch ich hatte nicht mit seiner schnellen Reaktion gerechnet. Er legte an und feuerte auf mich.

Nur wenige Zentimeter neben meiner rechten Schulter rauschten die Geschosse vorbei.

Im nächsten Moment hatte ich seine Waffenhand herum. Etwas knackte, der Gangster verzog schmerzerfüllt das Gesicht und ließ seinen Revolver fallen.

Dann bekam ich einen satten Tritt in meinen Magen, der mich gut zwei Meter zurück schleuderte.

Durch die Aufputsch-Frucht verspürte ich jedoch keine Schmerzen und richtete mich sofort auf. Im selben Moment sprang auch der Gangster auf, zog ein langes Messer und schlug nach meinen Waffen.

Die Klinge traf zwar nicht meine Finger, aber der Schwung reichte aus, um mir die Pistolen aus den Händen zu prellen.

Ein breites Grinsen erschien zwischen langen Barthaaren, die das Gesicht meines Gegners überwucherten. »Jetzt wirst du bluten wie ein Schwein.«

Humpelnd kam er auf mich zu. Erst jetzt bemerkte ich die Schusswunde an seinem rechten Bein. Dieser Typ war also der zweite Cowboy, der die Sextons angegriffen hatte.

Ich ließ ihn kommen. Als er nahe genug herangekommen war und er sich zu sicher fühlte, nahm ich mit meinem rechten Bein Schwung und verpasste ihm einen wuchtigen Tritt zwischen die Beine.

Der Messerträger ächzte, verdrehte die Augen und wankte.

Ein Schlag gegen sein Kinn verschaffte ihm endgültig ein Reiseticket ins Land der Träume.

Ich konnte mich leider kaum über meinen Erfolg freuen, denn hinter mir erklang ein Räuspern.

Ich drehte mich herum. Eine Sekunde später dachte ich, dass ich das lieber nicht getan hätte, denn hinter meinem Rücken hatten sich zwei schwer bewaffnete Männer mit Ledermantel und Hut aufgebaut.

Wie abgesprochen schritten sie gleichzeitig auf mich zu.

Nach meinen Waffen zu suchen hatte keinen Sinn, denn jede Bewegung hätte sofort mein Ende bedeutet.

Ein Gangster blieb vor mir stehen, der zweite ging an mir vorbei.

Bevor ich fragen konnte, wohin er wollte, erhielt ich die Antwort auf eine besonders unangenehme Weise. Ein Schlag auf meinen Hinterkopf schickte mich in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

***

Der Mann aus der Zukunft, die für ihn die Gegenwart war und in der Vergangenheit seinen Auftrag erfüllen wollte, während seine Gegenwart schon wieder Richtung Zukunft glitt und somit ebenfalls Vergangenheit wurde, womit die gegenwärtige Vergangenheit bald schon wieder in die Gegenwart der Vergangenheit überging, dieser Mann wartete noch immer in einer sicheren Position.

Er sah, wie die Bank zerstört wurde, wie Spider gegen seine Gegner kämpfte und schließlich ihrer Übermacht unterlag.

Gut so. Sollte diese Bande doch seinen Job erledigen.

Aber wenn sie versagen sollten – wonach es zurzeit eher nicht aussah – würde er zur Stelle sein und Jimmy Spider töten …

***

Als ich erwachte, blickte ich direkt gegen den Schein der untergehenden Sonne.

Glücklicherweise hatte die Erbse noch immer nicht ihre Wirkung verloren, weshalb ich keinerlei Kopfschmerzen verspürte.

Dafür erschienen vor meinen Augen die Gesichter zweier stoisch dreinblickender Mitglieder der Mörderbande. Ein Mann und eine Frau.

Die schwarzhaarige Frau konnte man sogar als relative Schönheit bezeichnen, wäre da nicht der absolut kalte Ausdruck in ihrem Gesicht und der Revolver in ihrer linken Hand.

Der Mann half mir auf die Beine.

Ich blickte mich um. Anscheinend befand ich mich auf einer Holzplattform irgendwo mitten im Ort. Wahrscheinlich war das der Platz, auf dem der Galgen seine Gäste empfing.

Hinter mir erklang eine tiefe und grollende Stimme. »Du bist also derjenige, der sich angeschickt hat, meine Gefährten und mich im Alleingang zu besiegen. Ich gebe zu, du hast Mut, aber in Zeiten wie diesen ist Mut tödlich.« Das musste dieser Joseph sein. Er legte eine kurze Pause ein, um seine Worte wirken zu lassen. »Dreht ihn herum!«

Mein Helfer riss mich herum. Als ich sah, wer da mit mir gesprochen hatte, traute ich meinen Augen kaum.

Der Mann musste über zwei Meter groß sein. Gekleidet war er wie seine Kumpane in einen braunen Ledermantel, sein Kopf wurde von einem sehr breiten Cowboyhut bedeckt. Er schien sehr muskulös zu sein, denn seine Gestalt war alles andere als dünn.

Aber das Mysteriöseste an ihm war sein Gesicht. Von diesem war nämlich unter der Hutkrempe nichts zu sehen, nur Schwärze. Ausgenommen die Augen, die in einem hellen Gelb leuchteten. Kurze Zeit später verschwand die Farbe fast vollständig, nur zwei helle Kreise zeugten in der Schwärze davon, dass diese Gestalt auch Augen besaß.

Der Mann hob arrogant seinen Kopf. Für einen Moment war sein Gesicht wie ein Schattenriss zu sehen, aber ich konnte kaum etwas richtig erkennen. Nur die Augen – innerhalb der dünnen gelben Kreise waren die Augen schwarz wie die Nacht.

War das überhaupt noch ein Mensch? Ich dachte für einen Augenblick an den Falken, seinen Begleiter.

Wie auf ein gedankliches Stichwort hin landete das Tier auf seiner linken Schulter. Der Falke hatte tatsächlich dieselben Augen, nur die gelbe Umrandung fehlte.

»Nun, Mister, haben Sie mich eingehend studiert?«

Ich nickte vorsichtig.

»Dann werden Sie wahrscheinlich ahnen, mit wem Sie es hier zu tun haben. Ihr Schicksal ist besiegelt.« Er wies mit seiner linken Hand auf etwas. Mein Blick folgte den Fingern. Ich sah meine Desert Eagle und den Revolver auf dem Boden liegen. So nah und doch unerreichbar.

Als ich mich wieder Joseph zuwandte, sah ich eine Waffe, die aus meiner Zeit stammen musste, in seiner rechten Hand. Dies musste die Waffe des Kaufhaus-Detektivs sein. Er gab sie seiner Helferin.

Wo sich sein dritter Kumpan (es waren schließlich noch vier übrig) befand, sah ich nicht. Auch der Typ, dem ich ein paar Rühreier geschenkt hatte, war nicht zu sehen. Wahrscheinlich machte er noch immer Sonderurlaub im Land der Träume.

Der Gangster, der mich am Jackett gepackt hatte, gab mir einen Schlag auf die Schultern. Ich sackte in die Knie. Genau das hatte er wohl erreichen wollen.

Die schwarzhaarige Dame neben mir legte mit der Pistole aus der Zukunft auf meinem Kopf an.

Joseph sprach mich wieder an. »Namenloser Fremder, du hast dich an dem Tod zweier Mitglieder der gnadenlosen Sieben und der Verletzung eines weiteren Mitglieds schuldig gemacht. Die Strafe dafür ist der Tod. Er wird in den nächsten Sekunden vollstreckt. Hast du noch ein paar letzte Worte zu sagen?«

Ich hatte schon oft in scheinbar ausweglosen Situationen gesteckt, aber dass man mich mitten im Wilden Westen hinrichten wollte, war mir noch nie passiert. Wahrscheinlich würde es auch kein nächstes Mal geben können. Aber ohne ein Wort wollte ich mich nicht von dieser Welt verabschieden.

»Ich habe schon viele Leute gesehen, die einen ganz schönen Vogel haben. Aber jemand, der auch noch selbst wie ein Vogel guckt, ist mir noch nicht untergekommen. Kein Wunder, dass du komplett den Verstand verloren hast, bei so viel Gevögele.«

Die Worte hatten Joseph offenbar schwer getroffen. Er ballte seine Hände zu Fäusten und gab seiner Kumpanin den alles entscheidenden Befehl. »Schick ihn zur Hölle.«

Ich hörte den Schuss, noch einen weiteren, und im nächsten Moment etwa noch ein halbes Dutzend neuer Salven.

So schwer konnte es doch nicht sein, mich aus der Entfernung zu treffen.

»Wohl kein Zielwasser getrunken, wa…« Die Worte blieben mir im Halse stecken, als meine Henkerin blutüberströmt neben mir zusammenbrach.

Aus den Augenwinkeln sah ich eine Gruppe von Männern, die auf das Podest zu rannten. Ich erkannte Earl Gray, den Wirt, sowie die fünf Pokerspieler und den Familienvater. Alle mit Gewehren und Revolvern bewaffnet.

Vor mir zog Joseph einen riesigen Revolver (Dirty Harry wäre vor Neid erblasst) und wollte auf die Meute anlegen.

Ich nutzte die Gunst der Stunde und sprang zu meinen Waffen hinüber. Als ich sie in den Fingern hielt, richtete ich sie auf den Anführer der selbst ernannten gnadenlosen Sieben.

»Joseph!«

Der riesenhafte Cowboy gab einen Schuss ab, bevor der zu mir herumfuhr. Seine Augen zirkulierten wieder in einem grellen Gelb.

Ich feuerte mit beiden Waffen gleichzeitig. Wieder und wieder drückte ich ab.

Der Riese wurde mehrfach durchgeschüttelt, fiel aber nicht.

Ich stellte das Feuer ein, sah, dass Joseph rückwärts wankte, und richtete meine Aufmerksamkeit auf das restliche Geschehen.

Der zweite Hinrichtungs-Helfer lieferte sich ein wildes Feuergefecht mit den Dorfbewohnern. Einer der Poker-Cowboys lag bereits am Boden, ein Zweiter wurde gerade von einer Kugel getroffen und fiel.

Gleichzeitig schlugen mehrere Geschosse in den Körper des Banditen. Blut spritzte umher, während der Gangster langsam zu Boden sank.

Auf der anderen Straßenseite erschien auf einem Hausdach eine weitere Silhouette. Ein Mann mit einem Gewehr. Er schoss auf die mutigen Männer.

Earl Gray fiel schreiend zu Boden, während ich versuchte, auf den letzten Angreifer zu zielen.

Auch die anderen Männer entdeckten jetzt den Gangster.

Ich schoss, und auch alle anderen drückten ab.

Der letzte der gnadenlosen Sieben wurde regelrecht von Kugeln zersiebt, bevor er vom Dach des Hauses stürzte.

Neben mir erklang plötzlich das Wiehern eines Pferdes.

Ich sah einen schwarzen Gaul, wie er auf Joseph zulief.

Dem schienen die Kugeln wenig ausgemacht zu haben. Er schwang sich auf sein Pferd und gab ihm die Sporen.

Das Tier riss seine Vorderhufe weit in die Höhe. Währenddessen rief mir Joseph einen Abschiedsgruß zu. »Dieses Mal hast du gewonnen, aber wir werden uns wiedersehen. Der Geist der gnadenlosen Sieben lebt in mir weiter, und wenn die Zeit gekommen ist, wird die Rache mein sein.«

Sein Pferd stand mittlerweile wieder unruhig auf der Stelle. Allerdings nur solange, bis Joseph ihm erneut die Sporen gab und es in einem rasenden Tempo davon ritt. Der Falke flog im Eiltempo hinterher. Wenig später war der Gangster meinem Blickfeld entschwunden.

Bevor ich zu meinen Rettern ging, entwand ich noch meiner toten Möchtegern-Henkerin die Pistole des Kaufhaus-Detektives und steckte sie ein.

Zufrieden zog ich eine Siegerzigarre hervor und zündete sie mir genussvoll an.

***

Der Mann, der Jimmy Spider aus seiner Zeit in die Vergangenheit gefolgt war, hatte seine Pläne geändert.

Nachdem die gnadenlosen Sieben gescheitert waren, trat er durch das Zeitportal und landete wieder in dem Kaufhaus.

Dort bereitete er eine besondere Überraschung für Jimmy Spider vor. Eine tödliche …

***

Der Abschied von den Dorfbewohnern fiel herzlich und dennoch traurig aus. Bei der letzten Schießerei hatten zwei weitere Männer ihr Leben verloren. Earl Gray war lediglich an der Schulter getroffen worden und damit quasi mit einem blauen Auge davongekommen.

Ich bedankte mich für ihren Mut, der mir letztendlich das Leben gerettet hatte.

Sie versprachen mir, dass, falls Joseph noch einmal zurückkehren sollte, sie gewappnet waren.

Der einzige Überlebende der Bande – Joseph ausgenommen – , jener Gangster, den ich an einer äußerst empfindlichen Stelle getroffen und danach ausgeknockt hatte, wurde in eine Arrestzelle gesperrt und sollte dort bleiben, bis ein Marshal ihn abholen würde.

Nach einem kurzen Abschiedstrunk begab ich mich wieder zurück zu der Stelle, an der ich das Zeittor vermutete.

Ich atmete noch einmal tief durch und sprang dann dem unsichtbaren Tor entgegen.

Die Reise klappte tatsächlich, nur war die Ankunft alles andere als angenehm.

Ich steckte fest, in einer tiefen Dunkelheit und von allen Seiten eingeklemmt. Langsam ahnte ich, was passiert war. Jemand hatte die Kühlschranktür geschlossen.

Ich versuchte, das Gerät zum Wanken zu bringen. Immer wieder ruckelte ich herum, bis der Kühlschrank schließlich umfiel.

Meine Lage hatte sich dadurch allerdings nicht wirklich gebessert. Wenn mich nicht bald jemand befreite, würde mir über kurz oder lang die Luft ausgehen.

Endlich hörte ich Schritte, die auf den Kühlschrank zukamen. Jemand öffnete die Tür. Das Gesicht einer blonden Frau mittleren Alters erschien.

Die Dame verdrehte die Augen und verschwand wieder aus meinem Blickfeld.

Ich kroch aus dem Kühlschrank heraus und sah, dass die Frau ohnmächtig auf dem Boden lag.

Offenbar war sie von meinem Anblick einfach zu überwältigt gewesen …

Copyright © 2009 by Raphael Marques