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Sagen der mittleren Werra 102

Der Aap (Alb) in Möhra

Der Alb, der im Werragrund und dessen nächster Umgebung allgemein genannt wird, ist fast immer ein unheimliches Weibsbild, welches die Gabe besitzt, sich nachts zu denjenigen einzuschleichen, die es drücken und beängstigen will. Zu diesem Zweck benutzt es im Notfall sogar das Schlüsselloch. Sie nimmt die Gestalt einer Katze, eines Marders oder eines anderen haarigen Spuks an, springt auf das Bett, legt sich dem Schlafenden auf Brust oder Hals und drückt ihn so, dass er die Unholdin weder abzuwerfen noch um Hilfe zu schreien imstande ist. Hat sie sich genug an der Angst und dem Gewimmer des Geplagten ergötzt, verschwindet sie wieder auf demselben Weg.

In Möhra stehen besonders diejenigen Frauen in Verdacht, ein Alb zu sein, denen die Augenbrauen über der Nase zusammengewachsen sind.

Ein derart gezeichnetes Mädchen aus Möhra kam eines Abends mit einer Freundin aus der Spinnstube. An der Schmiede angekommen, stellte sie ihr Spinnrad vor das Haus, sagte zu ihrer Freundin: »Warte hier ein wenig und sieh nach meinem Rad, ich bin gleich wieder da, will nur erst einmal den großen Schmied ein wenig drücken!«

Sie kletterte wie eine Katze an den Pflöcken der Ecksäule empor und durch das Bodenloch ins Haus. Bald darauf hörte sie den Schmied gottesjämmerlich wimmern. Nach einer Weile kam der Plagegeist auf demselben Weg wieder zurück und griff nach dem Spinnrad mit den Worten: »So, nun hat der auch seinen Teil, warum kam er nicht in die Spinnstube!«

Ein alter Bauer aus Möhra erzählte noch: »Bei uns ist es mit einer Aapdröckersche doch nicht mehr so schlimm wie zu der Zeit, als meine Mutter selig noch nach den jungen Burschen guckte. Sie hat uns oft erzählt: ›Damals hat es noch etwas mit der Art zu bestellen gegeben, und der Böse hatte ihr noch mehr Macht eingeräumt als sonst.‹«

So war auch einmal eine hier in Möhra, die, wenn sie aufs Drücken ausging, sich jedes Mal an die Wand neben der Haustür lehnte. Dann wuschte (schlüpfte) ihre Seele aus dem Leib heraus und durch alle Schlüssellöcher bis in die Kammer, in der sie jemanden drücken wollte. War das Hexenwerk vorbei, so wuschte sie wieder schnell auf demselben Weg zurück in den Leib hinein und tat dann, als ob sie es nicht gewesen wäre.

Hätte ihr unterdessen jemand drei Kreuze auf den Leib draußen geschrieben, so hätte ihre Seele nicht wieder hinein gekonnt und es wäre alles mit ihr gewesen.«

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