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Nick Carter – Band 19 – Ein schauerlicher Fund – Kapitel 6

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein schauerlicher Fund
Ein Detektivroman
Kapitel 6

Ein entsetzlicher Anblick

Das Geräusch, das den Detektiv so betroffen gemacht hatte, wurde durch heftiges Anklopfen gegen die Außentür verursacht.

Jeremy wollte sich gerade erheben und nachschauen, wer draußen war, doch der Detektiv hielt ihn zurück.

»Wartet«, raunte er dem anderen zu. »Wenn das Klopfen von Einbrechern herrührt, wollen sie sich nur davon überzeugen, ob sich hier im Museum ein Wachmann befindet. Darum wollen wir uns ganz still verhalten und abwarten, ob sie einzudringen versuchen werden. Sind sie davon überzeugt, dass sich niemand hier drinnen aufhält, werden sie es tun.«

Doch obwohl sie eine beträchtliche Zeit lang warteten, wiederholte sich das Klopfen nicht und es war auch sonst kein Geräusch zu hören, das darauf hindeutete, dass sich jemand vor der Tür befand.

Es blieb lautlos still, bis schließlich drei Uhr morgens geworden war.

»Gott sei Dank, es ist endlich drei Uhr«, entgegnete Nick Carter kopfschüttelnd.

»Nun, Nick, Sie haben leicht reden, denn Sie haben keine zehntausend Dollar ans Bein gebunden. Ich möchte jetzt endlich die Katze sehen, die ich im Sack gekauft habe – das ist alles!«

»Na, schließlich möchte ich mir den Angorakater auch einmal aus der Nähe betrachten.«

»Na, dann macht endlich voran!«

»All right, ich bin bereit!«

»Soll ich die elektrischen Lichter andrehen?«

»Um keinen Preis!«

»Aber, Nick, wie wollt Ihr sehen?«

»Mit diesem kleinen Instrument hier«, versetzte Nick Carter lächelnd und nahm aus der Tasche eine kleine, von ihm selbst gefertigte elektrische Laterne, die er dem anderen zeigte.

»Schaut hinein«, scherzte er und drückte zugleich auf einen Knopf. Sofort schoss dem neugierig sich vorbeugenden Jeremy ein sonnenheller Strahl ins Gesicht.

Geblendet fuhr der Museumsbesitzer zurück und schrie so laut auf, dass man es wohl auf der Straße draußen hören konnte.

»Wirklich, Stone, Sie sind noch nervöser, als ich glaubte«, meinte der Detektiv lachend.

»Doch jetzt kommt nur, ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen.«

Mit seiner Taschenlaterne leuchtete der Detektiv voran. Als sie das Auto erreicht hatten, flüsterte er: »Nun, Jeremy, heißt es systematisch vorgehen!«

»Ganz gewiss«, meinte Stone beklommen.

»Ich stehe im Begriff, Euch etwas zu zeigen, das die Leute, die sich die Car im Güterbahnhof angesehen haben, entschieden übersehen haben.«

»Was ist das?«

»Nun, zum Beispiel seht Euch hier den Eisenguss an«, bemerkte Nick Carter, während er sein Licht auf die Eisenteile des Wagens richtete.

»Was soll es damit?«, erkundigte sich Jeremy. »Ich kann nichts Auffälliges entdecken.«

»Sie sind nicht in einer Fabrik hergestellt worden, das ist alles. Der Mann, der die Car erbaut hat, hat auch deren eiserne Bestandteile selbst angefertigt. Er wollte augenscheinlich mit keiner Fabrik in Verbindung treten – in der durchsichtigen Absicht, durch Rückfragen bei einer derartigen Fabrik seine eigene Persönlichkeit nicht feststellen zu lassen.«

»So fertigte er die Eisenteile selbst an!«, sagte Stone gedehnt.

»Ganz entschieden. Doch nun, Jeremy, ehe wir weitergehen, möchte ich Euch etwas fragen.«

»Fragt, was Ihr wollt, nur macht endlich weiter, denn ich liege wie auf glühenden Kohlen«, flüsterte Jeremy Stone.

»Gesetzt den Fall, Sie hätten diese Karre angefertigt und zugleich eine Tür herstellen wollen, durch welche Sie unbemerkt ein- und auszugehen vermögen, wo hätten Sie eine solche Tür am besten angebracht?«

»Hm, das nenne ich komisch gefragt. Was soll ich darauf antworten?«

»Wo würdet Ihr eine solche Tür angebracht haben?«, fuhr Nick Carter fort. »Auf dem Dach? Unten am Boden? An einer der beiden Längsseiten? Oder an einem der beiden schmalen Enden?«

»Jedenfalls an einer der beiden Schmalseiten«, brummte Stone nachdenklich.

»Ganz gewiss. Aber an welcher?«

»Was?«

»Ich fragte, an welcher Schmalseite.«

»Das ist für mich zu hoch. Das wäre doch ganz einerlei, oder nicht, Nick?«

»Bewahre«, widersprach der Detektiv lächelnd. »Das würde einen großen Unterschied machen. Nehmen wir an, die Car würde als Letzte in einem langen Frachtzug untergebracht und das Ende, an dem Ihr die Tür angebracht habt, befände sich unmittelbar vor dem Schlusswagen, in dem die Bremser und Frachtleute sitzen?«

»Dann dürfte es schwer sein, die Tür unbemerkt zu benutzen.«

»In dem bewussten Notfall wäre es Euch dann entschieden lieber, Ihr hättet die Tür am anderen Ende angebracht, oder nicht?«

»Aber selbstverständlich!«

»Nun, dann würdet Ihr also dafür sorgen, die Tür am vorderen Ende anzubringen. Da die Car nach Westen fuhr, würdet Ihr die Tür auch am westlichen Ende der Car anbringen.«

»Hört auf, Nick! Das ist mir zu hoch. West oder Süd, Nord oder Ost – die Car kann unterwegs ein halbes Dutzend Mal vorn oder hinten angekuppelt worden sein!«

»Nun, ich glaube, der Hersteller der Car hat sich mehr Mühe gegeben, der Sache auf den Grund zu kommen, als Sie.

Wahrscheinlich hat er die Fahrpläne genau studiert und wusste Bescheid über die Zusammenstellung der Güterzüge. Dabei wird er herausgefunden haben, dass seine Car beim Rangieren immer in derselben Richtung lief. Darum hat er am linken oder östlichen Ende einen kleinen Aufbau für einen Bremser errichtet. Ein Aufbau, der direkt vor dem Schlusswagen angebracht ist, würde dem Zugpersonal jedoch die Aussicht auf die Wagenreihe versperren. Darum war er sicher, dass seine Car immer in gleicher Richtung fahren würde, und er brachte die Tür am entgegengesetzten Ende an.

»Was ist los mit Euch, Jeremy? Wo wollt Ihr hingehen?«, unterbrach sich der Detektiv erstaunt.

Sein Freund hatte den Rockkragen hochgezogen, die Hände in die Taschen gesteckt und schien zum Privatbüro zurückkehren zu wollen.

»Ich will nur erst noch ein paar Stunden schlafen, Nick«, erklärte er aufgebracht. »Bis dahin seid Ihr vielleicht mit Euren lehrreichen Auseinandersetzungen fertig. Ruft mich dann, und wir können anfangen. Doch so ein Umstandskrämer wie Ihr, das ist zum Auswachsen. Das hält kein Pferd aus, geschweige denn Euer ergebener Jeremy Stone.«

»Ich war gerade dabei, Ihnen ein paar Tropfen von Ihrer eigenen Medizin zu verabreichen!«, entgegnete der Detektiv mit einem Lachen.

»Von meiner eigenen Medizin?«, fragte Jeremy erstaunt.

»Hol mich der Teufel, wenn ich davon auch nur ein einziges Wort verstehe!«

»Habt Ihr in der Frachthalle nicht auch den Leuten den Mund wässrig gemacht?«, fragte der Detektiv von Neuem. »Sie konnten noch so viel fragen, bitten und bestürmen, Sie blieben kalt wie ein Eiszapfen.«

»Nun, ich bin aber Geschäftsmann und schlage aus der Neugierde der Leute Kapital.«

»Wer weiß, ob ich es nicht auch tue«, scherzte der Detektiv. »Ich habe Euch meine Rechnung noch nicht gemacht!«

»Nick, tut mir den einzigen Gefallen und lasst mich nicht länger warten, sonst platze ich wie ein Luftballon«, bat Jeremy.

»Zum Donnerwetter, wollen wir uns die Car ansehen – ja oder nein?«

Statt einer Antwort nahm Nick zwei nahe stehende Stühle in die Hand, trug sie zum anderen Carende und winkte dem Ungeduldigen zu, ihm zu folgen.

Er setzte einen Stuhl auf die Diele, um darauf zu steigen. Dann wandte er sich wieder Stone zu.

»Die Car gehört doch Ihnen – oder nicht?«, fragte er.

»Selbstverständlich ist es meine Car. Ich habe sie doch teuer genug bezahlt.«

»Ehre, wem Ehre gebührt! Als ihr Besitzer sollt Ihr die Car zuerst betreten dürfen!«

»He, was ist los? Als Erster in die verd… Car hinein, wo ich nicht weiß, ob nicht eine Höllenmaschine explodiert, sobald ich den Wagen betrete«, stammelte der wackere Jeremy mit gesträubtem Haar. »Nicht für eine Million!«

»So ängstlich seid Ihr?«, erkundigte sich Nick lächelnd. »Freund Jeremy, Sie machen mir Schande.«

»Ängstlich? Ich bin nicht ängstlich!«, erwiderte Jeremy Stone erzürnt. »Aber so eine Car …”

»Nun, dann steigt auf den Stuhl, Mann Gottes!«

»Warum soll ich auf den Stuhl steigen?«, erkundigte sich Jeremy misstrauisch.

»Weil Sie dann die Tür bequem öffnen können.«

Jeremy trat einen großen Schritt zurück.

»Aber ich habe gar keine Lust, diese Tür zu öffnen … und … und … Ich weiß nicht einmal, wie man sie aufmacht!«

»Na gut, ich will es Ihnen schon zeigen, Jeremy.«

»Aber ich bin gar nicht neugierig! Ihr seid neugierig«, stotterte Stone mit kläglichem Gesicht. Sind Sie ein berühmter Detektiv, Nick, oder bin ich ein berühmter Detektiv? Muss ein berühmter Detektiv nicht die Nase in alles stecken? Also seid so gut und beschnüffelt zuerst das Auto, ich will gern als Zweiter an der Reihe sein!«

»Steigen Sie auf den Stuhl, Jeremy, und öffnet die Tür – oder ich gehe nach Hause«, meinte Nick gelassen.

Zitternd stieg Jeremy Stone auf den Stuhl. Dann aber stand er wie ein kleiner Schuljunge, der beim Deklamieren steckengeblieben ist.

»Pardon«, murmelte er dumpf, »was, wenn inwendig eine Höllenmaschine angebracht ist und das Ding losgeht? Dann wäre es um mich geschehen.«

»Ihr seid ein Gemütsmensch, Jeremy. Würde mir denn nicht das Gleiche passieren? Oder beabsichtigt Ihr etwa zu behaupten, mein Leben sei nicht so wertvoll wie das Eure?«

Mit seiner überlegenen Ruhe brachte er den Museumsbesitzer in einen Zustand stiller Raserei.

»Wo ist die verdammte Tür? Her damit, ich will sie öffnen!«, sprudelte er hervor.

»Sind Sie bereit, Jeremy?«

»Hol Euch der Teufel – macht vorwärts!«

»Hier, nehmt das Licht. Die Tür öffnet sich durch einen Federdruck am Boden der Karosse. Ich setze voraus, dass es so ist. Bis jetzt habe ich es natürlich noch nicht versucht. Wenn ich die Feder niederdrücke, öffnet sich die Tür. Dann leuchtet es in die Car. Blickt Euch um und sagt mir, was Ihr gesehen habt.«

»All right, jetzt bin ich zu jeder Schandtat fähig!«, stammelte Jeremy, der mit gesträubten Haaren dasaß. »Macht voran, oder ich platze wie ein überhitzter Dampfkessel!«

Nick hatte sich niedergebeugt und drückte nun auf eine am Außenboden des Waggons angebrachte Feder. Sofort begann sich an der Schmalwand ein Spalt zu öffnen, der sich rasch erweiterte, bis eine hoch und breit genug für einen Mann war.

Einen Augenblick lang stand Jeremy starr vor Staunen da, als könne er nicht glauben, was sich vor seinen Augen abspielte. Es bedurfte des wiederholten Zurufs des Detektivs, um ihn dazu zu bringen, sich so weit zu ermannen, dass er die Laterne durch den Spalt brachte und das Innere des Wagens beleuchtete.

Sekunden verstrichen, während Jeremy Stone wie zur Salzsäule erstarrt unbeweglich verharrte.

Dann stieß er einen entsetzlichen Schrei aus, schwankte auf dem Stuhl hin und her, ließ die Laterne fallen und fiel halb ohnmächtig in die Arme des Detektivs, der schnell herbeigesprungen war.

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