Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 5 – Die verzauberte Insel – 1. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 5
Die verzauberte Insel
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 1
Schiffbruch
Mit dem festen Vorsatz, gleich einzuschlafen und im Traum recht schnell zu dem scheinbaren Bewusstsein zu gelangen, in dem er sich wachend wähnte, war Richard zu Bett gegangen. Aber gerade deshalb blieb ihm der Schlaf fern, denn sein Kopf war zu sehr mit Plänen beschäftigt.
Ich wünsche mir eine Insel, die genau der von Robinson Crusoe entspricht, dachte er. Sie muss also in der südlichen Zone liegen, darf nicht von Menschen bewohnt sein, muss aber Kokosnüsse, Bananen und Kartoffeln hervorbringen. Auch jagdbare Tiere müssen auf ihr leben, allerdings keine Raubtiere und giftige Schlangen. Kurz, es sollen genau dieselben Verhältnisse auf ihr herrschen wie auf jener Insel, auf die Robinson sich rettete. Andere Vorschriften brauche ich der Phantasie nicht zu machen. Wenn ich die Kammertür öffne, will ich am Strand dieser Insel stehen, gerade aus dem Wasser kommen und meine Freunde Oskar und Paul vorfinden, mit denen ich eine Seereise gemacht und Schiffbruch erlitten habe. Im Traum ist ja alles möglich, wir brauchen also nicht nach Gründen der Möglichkeit zu suchen. Wir haben nichts bei uns als die Kleider, die wir am Leib tragen, nicht einmal ein Taschenmesser. Wir müssen wie Robinson von vorn anfangen und aus nichts etwas schaffen.
Dies tat Richard auch sogleich in seiner Einbildung, konnte darüber aber zu seiner Verzweiflung nicht einschlafen.
Oder befand er sich, ohne es zu wissen, bereits in jenem Traumzustand? Er mochte es nicht glauben. Er lag wach in seinem Bett im Schlafzimmer, er war noch nicht eingeschlafen – und doch! War es gestern Nacht nicht ebenso seltsam zugegangen? Er stand auf. Wahrhaftig, er konnte frei gehen. Er schritt auf die Tür zu, die zu dem Verschlag führte, und öffnete sie. Ehe er noch einen Gedanken fassen oder etwas sehen konnte, lag er plötzlich im Wasser, das über seinem Kopf zusammenschlug. Als er dann, von einem tödlichen Schrecken gepackt, wieder auftauchte, schwamm er mit hastigen Stößen in die Richtung, in der er das Land mehr ahnte als sah.
Eine mächtige Woge schleuderte ihn vorwärts und er spürte den Boden unter den Füßen. Bevor er aber stehen konnte, wurde er wieder zurückgerissen.
»Oskar! Oskar!«, schrie er in Todesangst dem am Strand rennenden Menschen zu, in dem er seinen Freund erkannte. Dieser ergriff ihn, als er erneut den Strand hinaufgeschleudert wurde, und entriss ihn den sich nachwälzenden Wellen.
Sie kletterten die Böschung hinauf, bis der weiße Seesand dem grünen Ufer wich. Hier aber sank Richard atemlos und salzüberströmt unter einem Baum nieder. Er fühlte sich unsäglich elend. Nun hätte ihm einmal jemand einreden sollen, dass all das nur ein Traum sei! Er konnte sich sogar noch ganz genau an die vorangegangene Katastrophe erinnern, wenn auch die Einzelheiten des Schiffsuntergangs nur sehr dunkel in seiner Erinnerung waren.
Plötzlich erscholl ein jubelnder Ruf, und Paul, der dritte Reisegefährte und Freund, drängte sich durch die Büsche. Er war, ebenso wie die beiden anderen, nur mit Hemd und Hose bekleidet und hatte nicht einmal Strümpfe an, denn der Schreckensruf, dass der Condor sänke, hatte sie in der Morgendämmerung aus dem Schlaf gerissen.
Nachdem sie sich von ihrer ersten Bestürzung erholt hatten, gingen sie zusammen am Ufer entlang. An dem weißen Strand brandete ein wildes Meer, aber es trieb keinen Menschen mehr an, weder einen toten noch einen lebenden. Auch kein Fass oder Wrackstück war zu sehen, und so weit das Auge reichte, war kein Segel und keine andere Küste zu erkennen.
Die drei Jungen mussten sich für die einzigen aus der Katastrophe Geretteten halten.
Unterdessen hatten sie auch Gelegenheit, die sie umgebende Vegetation und Tierwelt zu betrachten.
»Wir haben uns auf unserer Fahrt noch weit ab von der Westküste Australiens befunden«, meinte Oskar, der von den drei jugendlichen Schiffbrüchigen die besten geografischen Kenntnisse besaß. »Diese Pflanzen und Tiere gehören aber nicht dem australischen Kontinent an. Der Brotfruchtbaum kommt an der Westküste kaum noch vor und ist allenfalls auf den davorliegenden Inseln vertreten. Aus dem Vorhandensein von Affen und Paradiesvögeln müssen wir schließen, dass wir uns auf einer der zahllosen Inseln im Indischen Ozean befinden, die noch zur indischen Region gehören.«
Als sich ihnen zwischen den Bäumen eine freie Aussicht bot, erblickten sie in der Ferne einen hohen Berg. Dieser sollte ihr erstes Ziel sein. Sie brachen sich also Stöcke ab, um wenigstens eine Waffe zu haben, und schritten dann im Gänsemarsch darauf zu. Sie verloren den Berg zwar wieder aus den Augen, mussten ihn aber doch wiederfinden, denn sie merkten, dass der Boden vom Strand aus fortwährend anstieg. Schon daraus konnten sie schließen, dass sie sich auf einer Insel befanden. Die Insel war ein aus dem Meer ragender Berg, die hohe Erhebung eines unterseeischen Gebirges, das wahrscheinlich einst vulkanisch tätig gewesen war.
Um ihren Lebensunterhalt mussten sich die drei Freunde keine Sorgen machen. Tropische Früchte aller Art gediehen in Hülle und Fülle am Boden, an Sträuchern und auf Bäumen. Außerdem bildeten Kokospalmen am Strand ganze Wälder und der riesige Brotfruchtbaum nahm gegen das Inselinnere hin immer mehr zu, während dazwischen Bananen, Feigen und Orangen wuchsen. In den hohen Bäumen, in denen Schlingpflanzen prächtige Blüten trieben, lebten zahllose Affenherden. Die Tiere schienen die fremden Eindringlinge zu beurteilen, vielleicht waren die drei Freunde die ersten Menschen, die sie sahen. Plötzlich sprang eine kleine Antilope vor ihnen auf, lief einige Schritte davon, blieb dann stehen und blickte verwundert zu ihnen zurück. Auch die buntschillernden Vögel aller Größen ließen die Freunde dicht an sich herankommen. Aus dem sorglosen Verhalten all dieser zahmen Geschöpfe mussten sie also auf das Fehlen von Schlangen und Raubtieren schließen – freilich auch auf das Nichtvorhandensein von Menschen, was vielleicht ihr Glück war.
Als das Terrain steiler wurde und der eigentliche Berg begann, machten sie schließlich, kurz bevor der Wald endete, an einem kleinen Wasserfall Halt und stillten ihren Hunger mit der ersten Brotfrucht.
Es gab zweierlei Arten dieser Bäume. Sie stimmten zwar in Größe und Blätterform ziemlich überein, unterschieden sich aber durch gewisse Einzelheiten, besonders durch die verschiedene Größe der Früchte. Diese hingen an den sich biegenden Zweigen bis fast hinab auf den Boden. Die Frucht des einen Baumes war so groß wie ein Kinderkopf, sechskantig und enthielt unter der grünen, weichen Schale ein mehliges Fleisch, das den drei Robinsons jedoch überhaupt nicht schmeckte. Die riesige Frucht des anderen Baumes, die zwanzig bis dreißig Pfund wog, war mit hunderten von kleinen Kernen gefüllt, die ausgezeichnet schmeckten. Und doch war gerade die Frucht des ersteren Baumes, des sogenannten gemeinen Artocarpus, ein nicht zu verachtendes, wertvolles Geschenk der Natur, die das Brot gleich fertig wachsen lässt. Nur musste das Mehl erst gebacken werden, um ein köstliches Brot zu liefern. Es erinnerte im Geschmack an süße Kastanien, war noch nahrhafter als Getreidebrot und hielt sich außerdem zwei ganze Jahre im heißesten Klima. Die Frucht des indischen Artocarpus dient den Eingeborenen dagegen nur als gelegentliche Leckerei und zur Bereitung eines berauschenden Getränks.
Nach dieser Erfrischung setzten die Freunde ihren Weg fort. Als sie schließlich unter der brennenden Äquatorsonne den letzten Gipfel erklommen hatten, sahen sie sich von Wasser umgeben. Sie befanden sich auf einer Insel, die kaum eine Quadratmeile groß sein konnte. Ein anderes Eiland war nirgends zu erblicken.
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